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Leselupe.de > Horror und Psycho
Die Worte des Herrn
Eingestellt am 02. 02. 2003 12:39


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Mortimer
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Nicht selten findet man in den Geschichten antiker LandhĂ€user dunkle Kapitel ĂŒber ihre Vorbesitzer und deren finstere Machenschaften. Einige beherbergten tyrannische Aristokraten, die Ihre Vasallen zu Tode folterten und andere wurden Zeuge grausamer Familiendramen. Den Bauwerken selbst, war jedoch in den seltensten FĂ€llen etwas anzumerken. Ganz anders beim Anwesen des alten Dobromir Slawenka. Man hatte das GefĂŒhl, das GebĂ€ude hĂ€tte eine Seele, die unter der Last der Vergangenheit zu leiden hatte, wie die Verdammten im Fegefeuer. Das Haus schien sich mit seinem Knarren und Klappern regelrecht gegen seinen Bewohner aufzulehnen. Doch dieser schien von den nĂ€chtlichen GerĂ€uschkonzerten völlig unberĂŒhrt. Bis das Heulen begann.

Seitdem ihn sein Nachbar davon ĂŒberzeugte, wegen des Verschwindens seiner Frau die Polizei zu alarmieren, waren mittlerweile drei Tage verstrichen. Beinahe in jeder Nacht war das unheimliche Jammern durch irgendeinen Spalt im GebĂ€ude in seine Ohren gedrungen. Seine TrĂ€ume wurden von Mal zu Mal bizarrer.

Er kauerte in einem alten Fischerboot und trieb ziellos auf einem mit Schilf durchwucherten See umher. Seine Arme waren ihm mit einem Strick auf den RĂŒcken gefesselt. Er lehnte sich ein StĂŒck ĂŒber die Bordwand und blickte in das trĂŒbe Wasser. Unter der OberflĂ€che schwammen zwei Kinder und eine Frau in leuchtend weißen GewĂ€ndern. Ihre MĂŒnder und Augen waren weit aufgerissen. Da ertönte ein dumpfer Schrei. Sein Boot wurde von einer Druckwelle erfasst und in die Luft geschleudert. Der Schrei steigerte sich in ein Kreischen bis er mit einem Mal senkrecht im Bett saß. Das Telefon klingelte. Als er sich aufrichtete, spiegelte sich sein sehniger Körper in der Fensterscheibe. Er sah, dass ihm Schweißtropfen die Brust herunterliefen. „Wer ist da?" In letzter Zeit fiel es ihm immer schwerer, seinen Zorn zurĂŒckzuhalten. „Irmgard, hier. Was ist mit Waltraud? Habt ihr sie gefunden? Hast du endlich die Polizei alarmiert?" Slawenka stöhnte auf. „Hast du Mal auf die Uhr geschaut?" „Beantworte meine Fragen, Vater hat die ganze Nacht kein Auge zugetan. Er will wissen, was los ist!" Seine Muskeln spannten sich an. „Vater, Vater! Er traut dem dahergelaufenen Polacken wohl nicht zu seine Tochter wieder zu finden, was?" „Hör zu Dobromir, wir wollen jetzt keinen Streit anfangen. Sag uns endlich was los ist!" „Ich war heute dort und hab eine Anzeige aufgegeben. Sie schicken heut Abend noch mal Suchtrupps los und durchkĂ€mmen die WĂ€lder." Am anderen Ende der Leitung war ein Schluchzen zu hören. „Seitdem ihr in dieses Haus gezogen seit, hast du dich total verĂ€ndert. Du bist aggressiver geworden. Du meldest dich nicht mehr bei uns. Was ist denn geschehen, habt ihr euch gestritten?" Er spĂŒrte, wie die Wut in seinem Kopf explodierte. „Ach ja! Du und deine Sippe! FĂŒr euch ist doch alles schon ganz klar! Der Scheißpole hat sie im Streit umgelegt und dann im Garten verbuddelt. Verschwindet aus meinem Leben!" Er knallte den Hörer mit solcher Wucht auf die Gabel, dass ein Teil des PlastikgehĂ€uses absplitterte. Das war die Nacht, in der das Heulen am lautesten war.

Als er am nĂ€chsten Morgen schweißgebadet aufwachte, hatte er das GesprĂ€ch vom Vorabend vergessen. Sein Kopf fĂŒhlte sich an, als hĂ€tte er die ganze Nacht gesoffen. Er konnte sich nur noch an dieses schreckliche Heulen erinnern. Er glaubte diesen Laut schon einmal gehört zu haben, doch so sehr er sich anstrengte, es wollte ihm nicht einfallen. Nachdem FrĂŒhstĂŒck traf er seinen Nachbarn beim Morgenspaziergang. Wenn er ihn mit seinem knorrigen Wanderstock von weitem den steilen Feldweg erklimmen sah, hatte er den Eindruck, als kĂ€mpfe ein Gnom gegen Sturmböen an. Slawenka musste grinsen, als er den Hausverwalter winken sah. „Ach, hallooo Herr Slaawenka." Er zweifelte daran, dass es dem kauzigen Kerl jemals gelingen wĂŒrde, seinen Name richtig auszusprechen. „Hallo, Herr Habergeiss. Wie geht es Ihnen?" „Muss ja. Solange die Knochen noch machen." Slawenka schmunzelte. „Was soll ich denn sagen?" „Ja, ja! Ich weiß, Sie sind Ă€lter." Er hob den Zeigefinger. „Aber auch sportlicher als ich. Ich hab ĂŒbrigens mal in den alten Chroniken geblĂ€ttert, Sie haben Recht gehabt. Da ist wirklich mal was vorgefallen. Irgendwann kurz nach der Wende. Ich komme nachher mal auf ne Tasse Kaffee vorbei, wenn's Recht ist, dann erzĂ€hl ich's Ihnen." Slawenka nickte. „Jederzeit gerne." Er fragte sich, ob man es ihm ansehen konnte, wenn er log.

Er hatte gerade seinen Nachmittagstee aufgesetzt, als der dumpfe Gong der EingangstĂŒr ertönte. Hastig griff er nach der Flasche Rum, die auf dem Wohnzimmertisch stand und ließ sie hinterm Sofa verschwinden. Der Gartenzwerg sollte nicht auch noch mitbekommen, dass er seinen Tee gelegentlich mit dem SeefahrergetrĂ€nk veredelte. Er zog seine Hausschuhe an und öffnete die TĂŒr. Erstaunt blickte er in das fremde Gesicht eines Mannes mit wachsamen Blick. „Sind sie Herr Slawenka?" Der alte Mann nickte. Der ĂŒbergewichtige Besucher zerrte etwas aus der Innentasche seines Jacketts. Auf dem Foto des Dienstausweises wirkte der Mann schlanker. „Was wollen sie von mir, Herr Korte?" „Ich möchte ihnen ein paar Fragen stellen, darf ich reinkommen?" Slawenka trat einen Schritt zur Seite und deutete dem Polizisten an, ins Wohnzimmer zu gehen. Als sich beide gesetzt hatten, durchschnitt das Pfeifen des Teekessels die Stille des Raums. „Sie auch einen Tee?" Korte lĂ€chelte. „Nein, danke." Nachdem Slawenka kurz darauf mit einer dampfenden Tasse zurĂŒckkehrte, eröffnete der Polizist das GesprĂ€ch: „Ich muss ihnen leider mitteilen, dass wir bis jetzt noch keine Spur von ihrer Frau haben. Wir sind gerade dabei den Wald sĂŒdlich der Schnellstraße abzusuchen. Den Hunden mussten wir aber erstmal eine Pause gönnen, man kann sie nicht immer antreiben." Slawenka nahm einen Schluck Tee. „Ich habe ihre Aussage gelesen. Gibt es außer ihrem Vater und ihrer Schwester nicht noch jemanden, den sie besuchen könnte?" „Sie meinen, ob es da noch einen anderen Mann geben könnte?" Slawenkas Direktheit schien den Polizisten zu irritieren. „Das wĂ€re eine Möglichkeit.", gab er zurĂŒck. „Das kann sein, aber dann hĂ€tte sie der Kerl abholen mĂŒssen. Sie ist viel zu bequem ihre FĂŒĂŸe zu etwas anderem, als zum Auto fahren zu benutzen." Auf der Stirn des Polizisten formten sich kleine Falten. „FĂŒhren sie eine glĂŒckliche Ehe?" „Was geht sie das an?" Slawenka spĂŒrte wie sich seine Nackenmuskeln versteiften. „Herr Slawenka, wenn wir ihre Frau finden sollen, mĂŒssen sie uns schon helfen. Also, wie war ihre Ehe?" Der alte Mann ließ ein StĂŒck Zucker in die Tasse plumpsen. „Sie war eine Tyrannin. In der Firma hat sie mich blamiert bis auf die Knochen mit ihrem Getue, dabei hab ich den Laden allein hochgezogen. Sie hat nur am Anfang das Geld mitgebracht. Ihr alter Herr hatte sich mit geklauten Kunstwerken der Nazis ein Vermögen zusammengerafft. Zu Hause war sie noch schlimmer. Sie duldete keine Widerworte. Unsere Tochter hat es nicht mehr ausgehalten und hat sich mit 15 vom Dach ihrer Schule gestĂŒrzt. Wollen sie noch mehr hören?" Er spĂŒrte, dass er nicht mehr weit vom Schreien entfernt war. Sein ganzes Gesicht brannte wie Feuer. „Das tut mir leid mit ihrer Tochter." Die Anteilnahme wirkte echt. „Ich hab auch ein MĂ€dchen in dem Alter zuhause." Korte zog einen SchlĂŒsselanhĂ€nger aus seiner Hosentasche und reichte ihn Slawenka. Er betrachtete das ovale Amulett in dem sich ein Foto hinter einem kleinen Glasfenster befand. Der Anflug eines LĂ€chelns umspielte die Mundwinkel des alten Mannes. „Sie hat schöne Augen.". Er gab ihm den AnhĂ€nger zurĂŒck. „Okay, dann werde ich jetzt mal gehen. Ich rufe sie an, wenn es etwas Neues gibt." Der Polizist stand auf und griff nach seinem Jackett, das er ĂŒber den Stuhl gehĂ€ngt hatte. „Warten Sie." Korte blickte den alten Mann fragend an. „Sie haben doch eben ,so schön durch die Blume, nach einem Nebenbuhler gefragt." Slawenka rĂ€usperte sich. „Es gibt da wohl noch einen anderen." „Warum haben sie das nicht gleich gesagt?". „Weil es mir peinlich ist!“, fauchte Slawenka. „Woher wissen sie denn von dem Anderen?" Slawenka erhob sich aus seinem Sessel und schlurfte zu einem Wandregal. Er schob eine Vase zur Seite und zog einen Brief hervor. „Daher!" Der Polizist ĂŒberflog den Inhalt des auf teurem BĂŒttenpapier verfassten Schreibens. Bei einigen Stellen verzog er das Gesicht. „Und was meinen Sie? Deutlicher geht’s nicht, oder? So' n SĂŒĂŸholzgeraspel hĂ€tte ich noch nicht mal im Vollrausch zusammengekritzelt." Kortes Blick klebte am unteren Teil des Briefes. Seine Pupillen tanzten von einer Seite zur anderen. „Was haben denn die letzten Worte zu bedeuten? Nennet auch niemand auf Erden euren Vater; denn einer ist euer Vater, der himmlische?" „Seh ich aus wie ein Pfaffe? Woher soll ich das denn wissen?" „Kann ich den mitnehmen?" Slawenka nickte. „War ihre Frau religiös?" Die Augen des alten Mannes verengten sich zu Schlitzen. „Und wie. Sie hat zum Geld gebetet. Das war ihre verdammte Religion." „Wo haben sie den Brief gefunden?" „Das war nicht schwierig. Ich hatte meinen AutoschlĂŒssel verlegt und musste eilig in die Firma. Da bin ich an ihre Handtasche und wollt den ReserveschlĂŒssel herausholen und da lag dieser Fetzen drin." Korte stand jetzt beim Regal und betrachtete die Stelle hinter der Vase. „Warum haben sie den Brief versteckt? Da sie ihn aus der Handtasche genommen haben, wusste sie doch, dass sie ihn gelesen haben. Da wĂ€re es doch unnötig gewesen, ihn zu verbergen?" „Ich hab sie zur Rede gestellt. Sie hat es zugegeben, wollte mir aber nicht verraten, wer der Kerl war." Slawenka trank seinen Tee aus. „Dann fragte sie, wo der Brief sei. Da wurde ich hellhörig. Es stand schließlich kein Absender darunter. Nur dieser Bibelspruch. Das ließ fĂŒr mich nur eine Schlussfolgerung zu: Sie wollte nicht, dass ich den Kerl an seiner Handschrift erkenne. Also hab ich ihn erstmal versteckt. Ich hatte vor, die Schrift in der Firma mit denen der Mitarbeiter zu vergleichen." „KĂ€men denn so viele in Frage?" Slawenka schlug mit der Hand auf den Tisch. „Noch mehr. Auf jeder Betriebsfeier hat sie den Kerlen schöne Augen gemacht. In meiner Gegenwart." Der Polizist warf einen Blick in die Vase. „Mein Chef hat mal in der Abteilung zwei des LKA gearbeitet. Dort werden unter anderem Handschriften analysiert. Insbesondere um bei Erpresserschreiben RĂŒck-schlĂŒsse auf den Verfasser ziehen zu können. Wir lassen den Brief dort untersuchen. Vielleicht finden wir auch Finger-abdrĂŒcke, die nicht von ihnen oder ihrer Frau stammen." „Die von meiner Frau haben sie ja durch die KleidungsstĂŒcke bekommen, aber woher haben sie meine?". Der Polizist lĂ€chelte und zog seinen Dienstausweis aus dem Jackett. „Schon vergessen?"

Um kurz vor acht bohrte sich das schrille LĂ€uten des Telefons durch die wattigen Schichten seines Rauschzustandes. Sein Magen bedankte sich mit einem wĂ€ssrigen Knurren fĂŒr die halbe Flasche Rum. Ferngesteuert griff Slawenka nach dem Telefonhörer. „Habergeiss hier. Ich hab gesehen, dass sie Besuch hatten, da wollt ich nicht stören." „Ist okay." Im Hintergrund war ein Bellen zu hören. „Ich wollte mit Lukas noch spazieren gehen, dann könnte ich vorbeikommen." „Ne, mir geht’s heut nicht so gut. Können sie mir den Kram nicht so vorbeibringen?" Slawenkas Stimme klang gepresst. „Welchen Kram?" "Na, die Chronik von der sie gesprochen haben." Habergeiss zögerte. „Ja gut, kann ich machen. Ich komm dann um...". „Legen sie das Ding einfach vor die HaustĂŒr, ich hol’s dann rein.", unterbrach ihn Slawenka. Beim Versuch den Hörer wieder auf die Gabel zu balancieren rutschte er ihm aus der Hand. Fluchend schlug der alte Mann auf die Holzplatte des Beistelltisches. Plötzlich klirrte es. Slawenka starrte auf den Fußboden. Winzige Glasscherben schimmerten im matten Schein der Zimmerbeleuchtung. Instinktiv hob er die Tischplatte an und tastete mit der Hand darunter. Vorsichtig zog er ein Foto hervor, auf dem noch Glassplitter verstreut waren. Auf der gelblichen RĂŒckseite stand in schnörkeliger Schrift etwas geschrieben. Slawenka angelte seine Brille vom Wohnzimmertisch und begann zu lesen: Der Zorn des Herrn wird nicht nachlassen, bis er die Gedanken seines Herzens vollbracht und ausgefĂŒhrt hat. - Zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen. Dann drehte er das Bild um. Zwei Kinder klammerten sich an den Armen einer Person fest, die an einem Fischerboot lehnte. Im Hintergrund waren die verschwommen Silhouetten von TĂŒrmen zu erkennen, die bedrohlich in den Himmel rankten. Die Vegetation deutete auf einen Ort fernab von Deutschland. Slawenka spĂŒrte wie sich sein Magen verkrampfte. Es gab keinen Zweifel: Die Person auf dem Foto sah aus wie seine Frau.

Slawenka steckte sich eine Zigarette an. Die erste seit drei Jahren Ă€rztlich verordneter Abstinenz. Die Wirkung des Nikotins entfaltete ein wohliges SchwindelgefĂŒhl. Er lehnte sich zurĂŒck und starrte an die Deckenbeleuchtung. Morgen wĂŒrde er zu seinem Bruder nach Lublin fahren. Es war ihm egal, ob sie ihm gesagt hatten, dass er sich zur VerfĂŒgung halten solle. Sie wĂŒrden auch ohne ihn zurechtkommen. Er brauchte jetzt einfach Ablenkung. Doch vorher wĂŒrde er noch einen Blick in den dicken Ordner werfen, den ihm Habergeiss vor die HaustĂŒr gelegt hatte. Behutsam löste er den Knoten des StoffbĂ€ndchens, der um die Mappe gewickelt war. Er schlug das Deckblatt zur Seite und erstarrte. AllmĂ€hlich glaubte er seinen Verstand zu verlieren. Auf pergament-artigem Zeitungspapier stand in großen Lettern: Religiöser Fanatiker schlachtet eigene Familie ab. Es folgte ein reißerischer Artikel ĂŒber einen jungen Familienvater, der nach einem Streit seine Frau und seine beiden Söhne mit einer Spitzhacke erschlug. Anschließend vergrub er sie im nahegelegenen WaldstĂŒck. Auf den Bildern war das Landhaus zu erkennen und die jeweiligen Portraits der Opfer. Eines davon war die Frau vom Foto.

Es folgten noch mehrere Artikel dieser Sorte, doch weder der volle Name noch eine Aufnahme oder Hinweise auf den Verbleib des TĂ€ters waren in der Sammlung zu finden. Slawenka klappte die Mappe zu und vergrub seinen Kopf in den HĂ€nden. Es kam ihm alles so unwirklich vor. Zum ersten Mal seit Ende des Krieges hatte er Angst. Richtige Angst. Sie schien sich wie eine unĂŒberwindbare Woge vor ihm aufzurichten. Warum diese Ähnlichkeit seiner Frau mit der Getöteten? Warum ewig diese WutanfĂ€lle? Die AlptrĂ€ume? Nervös begann er mit den Fingern auf der Tischplatte zu trommeln. Er zog eine weitere Kippe aus der zerknitterten Schachtel in seiner Hosentasche und zĂŒndete sie an. Irgendetwas passte nicht ins Bild. Diese letzten Worte des Briefes. Er hatte diesen Satz schon einmal gesehen, doch sein Gehirn schien sich ihm zu verweigern. WĂŒtend zerdrĂŒckte er die angefangene Zigarette im Aschenbecher. Plötzlich riss ihn ein Laut aus den Gedanken. Das Heulen! Jetzt reichte es ihm. Er sprang auf, zwĂ€ngte sich in seinen Pullover an und warf den schwarzen Ledermantel ĂŒber. Wer oder was auch immer diese GerĂ€usche verursachte, er wĂŒrde es herausfinden. Er öffnete lautlos die HaustĂŒr und spĂ€hte in die Dunkelheit. Außer den schwach beleuchteten Fenstern des Nachbarhauses war nichts VerdĂ€chtiges auszumachen. Behutsam ließ er die TĂŒr ins Schloss fallen und trat auf Zehenspitzen einen Schritt nach vorne. Das Jaulen schien von der RĂŒckseite des Hauses zu kommen. Er spĂŒrte das Blut in seinen Ohren pochen. Wie ein Kommandosoldat schlich er um das GebĂ€ude herum. Da sah er die Gestalt am hinteren Ende des GrundstĂŒcks. Die Augen funkelten im fahlen Mondlicht.

Als er den abgemagerten Hund mit dem kantigen SchĂ€del vor dem kleinen ErdhĂŒgel kauern sah, traf ihn die Erkenntnis mit der Wucht eines Vorschlaghammers. AllmĂ€hlich fĂŒgten sich die losen Puzzleteile zu einem Ganzen zusammen. Slawenka holte eine Schaufel aus der Gartenlaube und begann an der Stelle zu graben, wo noch winselnd das Tier saß. Es dauerte nicht lange, da wurde seine dĂŒstere Vorahnung bestĂ€tigt. Unter dem ErdhĂŒgel war die Leiche einer Frau begraben. Wie eine Kletterpflanze breitete sich die Panik in seinem Körper aus. Jetzt begriff er, wie alles zusammenhing: Seine Frau hatte oft mit dem Hund gespielt, dabei hat er sie beobachtet und sie waren sich nĂ€her gekommen. Er bemerkte, dass sie seiner ersten Frau verblĂŒffend Ă€hnlich sah und er fĂŒhlte sich zu ihr hingezogen. Vom religiösen Wahn zerfressen begann er seine krankhafte Eifersucht auf sie zu ĂŒbertragen. Als es wie damals in einem Streit eskalierte hat er sie umgebracht und am sichersten Platz der Erde vergraben, auf dem GrundstĂŒck des Ehemannes. WĂ€re da nicht der trauernde Hund gewesen. Endlich fiel ihm auch ein, wo er die letzten Worte des Briefes gelesen hatte: In der KĂŒche von Habergeiss.

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Gerhard Kemme
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Die Worte des Herrn

@ Mortimer, hallo Leser!

Krimis lese ich gerne, und die Geschichte sollte auch in die NĂ€he eines solchen Genres eingeordnet werden. Manchmal kann nur sehr mĂŒhsam erschlossen werden, wer gesprochen hat. Unterschwellig kommen zahlreiche unangenehmere Botschaften rĂŒber: Ablenkende Schuldschiebungen auf slawische Nachbarn. Die vom Protagonisten benutzte Sprache ist ziemlich gemein-niedrig. Eventuell wĂŒrde ich die Story auch bei Horror einordnen. Wie per trojanischem Pferd kommen stĂ€ndig gröbere Vokabeln ins Leser-Gehirn geströmt. Die Titelzeile wirkt doppelsinnig und lĂ€ĂŸt als Intention eher den Wunsch nach autoritĂ€ren FĂŒhrergesellschaften ahnen.
MfG Gerhard Kemme

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Mortimer
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Vielen Dank Gerhard fĂŒr dein Kommentar. Mit dem unkommentierten DrĂŒcken der Bewertungstaste ist den wenigsten Verfassern geholfen. Dein Hinweis mit den Dialogen habe ich gespeichert. Das Weglassen der Sprachverben sollte dem Text eigentlich mehr AuthentizitĂ€t verleihen, aber wenn man erst ĂŒberlegen muss wer spricht, ist natĂŒrlich der Lesefluß unterbrochen.
Das mit der derben sprachlichen Ausdrucksweise des Protagonisten ist durchaus beabsichtigt. Es soll dadurch anfĂ€nglich der Verdacht erhĂ€rtet werden, er könne der TĂ€ter sein. Der Leser soll ihn sich rĂŒpelhaft vorstellen. Ob diesem Verhalten nur etwas Negatives abzugewinnen ist, bleibt jedem selbst ĂŒberlassen. Die Titelzeile allerdings bezieht sich ausschließlich auf den religiösen Wahn des Nachbarn. Politische Anspielungen sind von mir nicht gewollt. Der Schwiegervater sollte nur als engstirniger, ewig konservativer dargestellt werden.

Liebe GrĂŒĂŸe

Mortimer

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Zefira
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Lieber mortimer,

auch mir schien anfangs alles auf den Ehemann als TĂ€ter zu deuten. "RĂŒpelhaft" erschien er mir, das ist der richtige Ausdruck. Ich hatte keine Schwierigkeiten, zu erkennen, wer jeweils spricht, aber ein paar AbsĂ€tze mehr tĂ€ten dem Text gut, vor allem in den Dialogen.

Die Geschichte ist spannend und liest sich gut. Am Ende geht es mir allerdings zu schnell. Ich stelle es mit ganz schön eklig vor, so eine Leiche auszugraben und festzustellen, daß sie ermordet wurde. Hier wird, finde ich, der eigentliche Höhepunkt verschenkt.


(ich habe zwei AbsÀtze ausgelassen, zu denen ich keine Bemerkungen habe)

Nicht selten findet man in den Geschichten antiker LandhĂ€user dunkle Kapitel ĂŒber ihre Vorbesitzer und deren finstere Machenschaften. Einige beherbergten tyrannische Aristokraten, die Ihre Vasallen zu Tode folterten und andere wurden Zeuge grausamer Familiendramen. Den Bauwerken selbst, war jedoch in den seltensten FĂ€llen etwas anzumerken. Ganz anders beim Anwesen des alten Dobromir Slawenka. Man hatte das GefĂŒhl, das GebĂ€ude hĂ€tte eine Seele, die unter der Last der Vergangenheit zu leiden hatte, wie die Verdammten im Fegefeuer. Das Haus schien sich mit seinem Knarren und Klappern regelrecht gegen seinen Bewohner aufzulehnen. Doch dieser schien von den nĂ€chtlichen GerĂ€uschkonzerten völlig unberĂŒhrt. Bis das Heulen begann.

Seitdem ihn sein Nachbar davon ĂŒberzeugte, wegen des Verschwindens seiner Frau die Polizei zu alarmieren, waren mittlerweile drei Tage verstrichen. Beinahe in jeder Nacht war das unheimliche Jammern durch irgendeinen Spalt im GebĂ€ude in seine Ohren gedrungen. Seine TrĂ€ume wurden von Mal zu Mal bizarrer.

Er kauerte in einem alten Fischerboot und trieb ziellos auf einem mit Schilf durchwucherten See umher. Seine Arme waren ihm mit einem Strick auf den RĂŒcken gefesselt. Er lehnte sich ein StĂŒck ĂŒber die Bordwand und blickte in das trĂŒbe Wasser. Unter der OberflĂ€che schwammen zwei Kinder und eine Frau in leuchtend weißen GewĂ€ndern. Ihre MĂŒnder und Augen waren weit aufgerissen. Da ertönte ein dumpfer Schrei. Sein Boot wurde von einer Druckwelle erfasst und in die Luft geschleudert. Der Schrei steigerte zu einem Kreischen bis er mit einem Mal senkrecht im Bett saß. Das Telefon klingelte. Als er sich aufrichtete, spiegelte sich sein sehniger Körper in der Fensterscheibe. Er sah, dass ihm Schweißtropfen die Brust herunterliefen. (In der Fensterscheibe? Das kann ich mir kaum vorstellen...) „Wer ist da?" In letzter Zeit fiel es ihm immer schwerer, seinen Zorn zurĂŒckzuhalten. „Irmgard, hier. Was ist mit Waltraud? Habt ihr sie gefunden? Hast du endlich die Polizei alarmiert?" Slawenka stöhnte auf. „Hast du Mal auf die Uhr geschaut?" „Beantworte meine Fragen, Vater hat die ganze Nacht kein Auge zugetan. Er will wissen, was los ist!" Seine Muskeln spannten sich an. „Vater, Vater! Er traut dem dahergelaufenen Polacken wohl nicht zu seine Tochter wieder zu finden, was?" „Hör zu Dobromir, wir wollen jetzt keinen Streit anfangen. Sag uns endlich was los ist!" „Ich war heute dort und hab eine Anzeige aufgegeben. Sie schicken heut Abend noch mal Suchtrupps los und durchkĂ€mmen die WĂ€lder." Am anderen Ende der Leitung war ein Schluchzen zu hören. „Seitdem ihr in dieses Haus gezogen seid, hast du dich total verĂ€ndert. Du bist aggressiver geworden. Du meldest dich nicht mehr bei uns. Was ist denn geschehen, habt ihr euch gestritten?" Er spĂŒrte, wie die Wut in seinem Kopf explodierte. „Ach ja! Du und deine Sippe! FĂŒr euch ist doch alles schon ganz klar! Der Scheißpole hat sie im Streit umgelegt und dann im Garten verbuddelt. Verschwindet aus meinem Leben!" Er knallte den Hörer mit solcher Wucht auf die Gabel, dass ein Teil des PlastikgehĂ€uses absplitterte. Das war die Nacht, in der das Heulen am lautesten war.

(Bis hierhin gefÀllt es mir ausgezeichnet - sehr bildhaft), (
)

Er hatte gerade seinen Nachmittagstee aufgesetzt, als der dumpfe Gong der EingangstĂŒr ertönte. Hastig griff er nach der Flasche Rum, die auf dem Wohnzimmertisch stand und ließ sie hinterm Sofa verschwinden. Der Gartenzwerg sollte nicht auch noch mitbekommen, dass er seinen Tee gelegentlich mit dem SeefahrergetrĂ€nk veredelte. Er zog seine Hausschuhe an und öffnete die TĂŒr. Erstaunt blickte er in das fremde Gesicht eines Mannes mit wachsamen Blick. „Sind Sie Herr Slawenka?" Der alte Mann nickte. Der ĂŒbergewichtige Besucher zerrte etwas aus der Innentasche seines Jacketts. Auf dem Foto des Dienstausweises wirkte der Mann schlanker. „Was wollen Sie von mir, Herr Korte?" „Ich möchte Ihnen ein paar Fragen stellen, darf ich reinkommen?" Slawenka trat einen Schritt zur Seite und deutete dem Polizisten an, ins Wohnzimmer zu gehen. Als sich beide gesetzt hatten, durchschnitt das Pfeifen des Teekessels die Stille des Raums. „Sie auch einen Tee?" Korte lĂ€chelte. „Nein, danke." Nachdem Slawenka kurz darauf mit einer dampfenden Tasse zurĂŒckkehrte, eröffnete der Polizist das GesprĂ€ch: „Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass wir bis jetzt noch keine Spur von Ihrer Frau haben. Wir sind gerade dabei den Wald sĂŒdlich der Schnellstraße abzusuchen. Den Hunden mussten wir aber erstmal eine Pause gönnen, man kann sie nicht immer antreiben." Slawenka nahm einen Schluck Tee. „Ich habe Ihre Aussage gelesen. Gibt es außer ihrem Vater und ihrer Schwester nicht noch jemanden, den sie besuchen könnte?" „Sie meinen, ob es da noch einen anderen Mann geben könnte?" Slawenkas Direktheit schien den Polizisten zu irritieren. „Das wĂ€re eine Möglichkeit.", gab er zurĂŒck. „Das kann sein, aber dann hĂ€tte sie der Kerl abholen mĂŒssen. Sie ist viel zu bequem ihre FĂŒĂŸe zu etwas anderem, als zum Auto fahren zu benutzen." Auf der Stirn des Polizisten formten sich kleine Falten. „FĂŒhren Sie eine glĂŒckliche Ehe?" „Was geht Sie das an?" Slawenka spĂŒrte wie sich seine Nackenmuskeln versteiften. „Herr Slawenka, wenn wir Ihre Frau finden sollen, mĂŒssen Sie uns schon helfen. Also, wie war Ihre Ehe?" Der alte Mann ließ ein StĂŒck Zucker in die Tasse plumpsen. „Sie war eine Tyrannin. (Warum hier „war Ihre Ehe“ und „war eine Tyrannin“? ist die Frau schon abgeschrieben??) In der Firma hat sie mich blamiert bis auf die Knochen mit ihrem Getue, dabei hab ich den Laden allein hochgezogen. Sie hat nur am Anfang das Geld mitgebracht. Ihr alter Herr hatte sich mit geklauten Kunstwerken der Nazis ein Vermögen zusammengerafft. Zu Hause war sie noch schlimmer. Sie duldete keine Widerworte. Unsere Tochter hat es nicht mehr ausgehalten und hat sich mit 15 vom Dach ihrer Schule gestĂŒrzt. Wollen Sie noch mehr hören?" Er spĂŒrte, dass er nicht mehr weit vom Schreien entfernt war. Sein ganzes Gesicht brannte wie Feuer. „Das tut mir leid mit ihrer Tochter." Die Anteilnahme wirkte echt. „Ich hab auch ein MĂ€dchen in dem Alter zuhause." Korte zog einen SchlĂŒsselanhĂ€nger aus seiner Hosentasche und reichte ihn Slawenka. Er betrachtete das ovale Amulett in dem sich ein Foto hinter einem kleinen Glasfenster befand. Der Anflug eines LĂ€chelns umspielte die Mundwinkel des alten Mannes. „Sie hat schöne Augen.". Er gab ihm den AnhĂ€nger zurĂŒck. „Okay, dann werde ich jetzt mal gehen. Ich rufe Sie an, wenn es etwas Neues gibt." Der Polizist stand auf und griff nach seinem Jackett, das er ĂŒber den Stuhl gehĂ€ngt hatte. „Warten Sie." Korte blickte den alten Mann fragend an. „Sie haben doch eben ,so schön durch die Blume, nach einem Nebenbuhler gefragt." Slawenka rĂ€usperte sich. „Es gibt da wohl noch einen anderen." „Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?". „Weil es mir peinlich ist!“, fauchte Slawenka. „Woher wissen Sie denn von dem Anderen?" Slawenka erhob sich aus seinem Sessel und schlurfte zu einem Wandregal. Er schob eine Vase zur Seite und zog einen Brief hervor. „Daher!" Der Polizist ĂŒberflog den Inhalt des auf teurem BĂŒttenpapier verfassten Schreibens. Bei einigen Stellen verzog er das Gesicht. „Und was meinen Sie? Deutlicher geht’s nicht, oder? So' n SĂŒĂŸholzgeraspel hĂ€tte ich noch nicht mal im Vollrausch zusammengekritzelt." Kortes Blick klebte am unteren Teil des Briefes. Seine Pupillen tanzten von einer Seite zur anderen. „Was haben denn die letzten Worte zu bedeuten? Nennet auch niemand auf Erden euren Vater; denn einer ist euer Vater, der himmlische?" „Seh ich aus wie ein Pfaffe? Woher soll ich das denn wissen?" „Kann ich den mitnehmen?" Slawenka nickte. „War Ihre Frau religiös?" Die Augen des alten Mannes verengten sich zu Schlitzen. „Und wie. Sie hat zum Geld gebetet. Das war ihre verdammte Religion." „Wo haben Sie den Brief gefunden?" „Das war nicht schwierig. Ich hatte meinen AutoschlĂŒssel verlegt und musste eilig in die Firma. Da bin ich an ihre Handtasche und wollt den ReserveschlĂŒssel herausholen und da lag dieser Fetzen drin." Korte stand jetzt beim Regal und betrachtete die Stelle hinter der Vase. „Warum haben Sie den Brief versteckt? Da Sie ihn aus der Handtasche genommen haben, wusste sie doch, dass Sie ihn gelesen haben. Da wĂ€re es doch unnötig gewesen, ihn zu verbergen?" „Ich hab sie zur Rede gestellt. Sie hat es zugegeben, wollte mir aber nicht verraten, wer der Kerl war." Slawenka trank seinen Tee aus. „Dann fragte sie, wo der Brief sei. Da wurde ich hellhörig. Es stand schließlich kein Absender darunter. Nur dieser Bibelspruch. Das ließ fĂŒr mich nur eine Schlussfolgerung zu: Sie wollte nicht, dass ich den Kerl an seiner Handschrift erkenne. Also hab ich ihn erstmal versteckt. Ich hatte vor, die Schrift in der Firma mit denen der Mitarbeiter zu vergleichen." (Das ist fĂŒr mich nicht recht schlĂŒssig. Es ist doch ganz natĂŒrlich, da sie den Brief wiederhaben will; auch wenn sie nicht befĂŒrchten mĂŒĂŸte, daß er die Handschrift kennt.) „KĂ€men denn so viele in Frage?" Slawenka schlug mit der Hand auf den Tisch. „Noch mehr. Auf jeder Betriebsfeier hat sie den Kerlen schöne Augen gemacht. In meiner Gegenwart." Der Polizist warf einen Blick in die Vase. „Mein Chef hat mal in der Abteilung zwei des LKA gearbeitet. Dort werden unter anderem Handschriften analysiert. Insbesondere um bei Erpresserschreiben RĂŒck-schlĂŒsse auf den Verfasser ziehen zu können. Wir lassen den Brief dort untersuchen. Vielleicht finden wir auch Finger-abdrĂŒcke, die nicht von Ihnen oder Ihrer Frau stammen." „Die von meiner Frau haben Sie ja durch die KleidungsstĂŒcke bekommen, aber woher haben sie meine?". Der Polizist lĂ€chelte und zog seinen Dienstausweis aus dem Jackett. „Schon vergessen?"

Um kurz vor acht bohrte sich das schrille LĂ€uten des Telefons durch die wattigen Schichten seines Rauschzustandes. Sein Magen bedankte sich mit einem wĂ€ssrigen Knurren fĂŒr die halbe Flasche Rum. Wie ferngesteuert griff Slawenka nach dem Telefonhörer. „Habergeiss hier. Ich hab gesehen, dass Sie Besuch hatten, da wollt ich nicht stören." „Ist okay." Im Hintergrund war ein Bellen zu hören. „Ich wollte mit Lukas noch spazieren gehen, dann könnte ich vorbeikommen." „Ne, mir geht’s heut nicht so gut. Können Sie mir den Kram nicht so vorbeibringen?" Slawenkas Stimme klang gepresst. „Welchen Kram?" "Na, die Chronik von der Sie gesprochen haben." Habergeiss zögerte. „Ja gut, kann ich machen. Ich komm dann um...". „Legen Sie das Ding einfach vor die HaustĂŒr, ich hol’s dann rein.", unterbrach ihn Slawenka. Beim Versuch den Hörer wieder auf die Gabel zu balancieren rutschte er ihm aus der Hand. Fluchend schlug der alte Mann auf die Holzplatte des Beistelltisches. Plötzlich klirrte es. Slawenka starrte auf den Fußboden. Winzige Glasscherben schimmerten im matten Schein der Zimmerbeleuchtung. Instinktiv hob er die Tischplatte an und tastete mit der Hand darunter. (Das kapiere ich nicht. Was ist da zerbrochen, das Glas? Und wo ist das Foto? Bei einem normalen Tisch ist unter der Tischplatte Luft. Lag das Foto auf dem Boden?) Vorsichtig zog er ein Foto hervor, auf dem noch Glassplitter verstreut waren. Auf der gelblichen RĂŒckseite stand in schnörkeliger Schrift etwas geschrieben. Slawenka angelte seine Brille vom Wohnzimmertisch und begann zu lesen: Der Zorn des Herrn wird nicht nachlassen, bis er die Gedanken seines Herzens vollbracht und ausgefĂŒhrt hat. - Zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen. Dann drehte er das Bild um. Zwei Kinder klammerten sich an den Armen einer Person fest, die an einem Fischerboot lehnte. Im Hintergrund waren die verschwommen Silhouetten von TĂŒrmen zu erkennen, die bedrohlich in den Himmel ragten. Die Vegetation deutete auf einen Ort fernab von Deutschland. (Das hĂ€tte ich gern ein bißchen anschaulicher. Palmen, MammutbĂ€ume?) Slawenka spĂŒrte wie sich sein Magen verkrampfte. Es gab keinen Zweifel: Die Person auf dem Foto sah aus wie seine Frau.

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Es folgten noch mehrere Artikel dieser Sorte, doch weder der volle Name noch eine Aufnahme oder Hinweise auf den Verbleib des TĂ€ters waren in der Sammlung zu finden. Slawenka klappte die Mappe zu und vergrub seinen Kopf in den HĂ€nden. Es kam ihm alles so unwirklich vor. Zum ersten Mal seit Ende des Krieges hatte er Angst. Richtige Angst. Sie schien sich wie eine unĂŒberwindbare Woge vor ihm aufzurichten. Warum diese Ähnlichkeit seiner Frau mit der Getöteten? Warum ewig diese WutanfĂ€lle? Die AlptrĂ€ume? Nervös begann er mit den Fingern auf der Tischplatte zu trommeln. Er zog eine weitere Kippe aus der zerknitterten Schachtel in seiner Hosentasche und zĂŒndete sie an. Irgendetwas passte nicht ins Bild. Diese letzten Worte des Briefes. Er hatte diesen Satz schon einmal gesehen, doch sein Gehirn schien sich ihm zu verweigern. WĂŒtend zerdrĂŒckte er die angefangene Zigarette im Aschenbecher. Plötzlich riss ihn ein Laut aus den Gedanken. Das Heulen! Jetzt reichte es ihm. Er sprang auf, zwĂ€ngte sich in seinen Pullover an und warf den schwarzen Ledermantel ĂŒber. Wer oder was auch immer diese GerĂ€usche verursachte, er wĂŒrde es herausfinden. Er öffnete lautlos die HaustĂŒr und spĂ€hte in die Dunkelheit. Außer den schwach beleuchteten Fenstern des Nachbarhauses war nichts VerdĂ€chtiges auszumachen. Behutsam ließ er die TĂŒr ins Schloss fallen und trat auf Zehenspitzen einen Schritt nach vorne. Das Jaulen schien von der RĂŒckseite des Hauses zu kommen. Er spĂŒrte das Blut in seinen Ohren pochen. Wie ein Kommandosoldat (???) schlich er um das GebĂ€ude herum. Da sah er die Gestalt am hinteren Ende des GrundstĂŒcks. Die Augen funkelten im fahlen Mondlicht.

Als er den abgemagerten Hund mit dem kantigen SchĂ€del vor dem kleinen ErdhĂŒgel kauern sah, traf ihn die Erkenntnis mit der Wucht eines Vorschlaghammers. AllmĂ€hlich fĂŒgten sich die losen Puzzleteile zu einem Ganzen zusammen. Slawenka holte eine Schaufel aus der Gartenlaube und begann an der Stelle zu graben, wo noch winselnd das Tier saß. Es dauerte nicht lange, da wurde seine dĂŒstere Vorahnung bestĂ€tigt. Unter dem ErdhĂŒgel war die Leiche einer Frau begraben. Wie eine Kletterpflanze breitete sich die Panik in seinem Körper aus. Jetzt begriff er, wie alles zusammenhing: Seine Frau hatte oft mit dem Hund gespielt, dabei hatte er sie beobachtet und sie waren sich nĂ€her gekommen. Er bemerkte, dass sie seiner ersten Frau verblĂŒffend Ă€hnlich sah und er fĂŒhlte sich zu ihr hingezogen. Vom religiösen Wahn zerfressen begann er seine krankhafte Eifersucht auf sie zu ĂŒbertragen. Als es wie damals in einem Streit eskalierte hat er sie umgebracht und am sichersten Platz der Erde vergraben, auf dem GrundstĂŒck des Ehemannes. WĂ€re da nicht der trauernde Hund gewesen. Endlich fiel ihm auch ein, wo er die letzten Worte des Briefes gelesen hatte: In der KĂŒche von Habergeiss. O je, das kommt jetzt aber viel zu schnell. Wer ist die Frau, die er gefunden hat? Seine? Dann sollte auch dastehen „Seine Frau“. Sollte nicht auch dastehen, wie sie getötet wurde? War ihr SchĂ€del eingeschlagen? Und was ist mit dem Brief? Hat er Habergeiss den Brief schreiben sehen? Das sollte noch etwas genauer formuliert werden.

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Mortimer
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Registriert: Jan 2003

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Liebe Zefira,

ich bin dir sehr dankbar fĂŒr das ausfĂŒhrliche Lektorat. Du hast richtig erkannt, dass der Text von mir erheblich gestrafft wurde. Es liegt daran, dass ich fĂŒr die Geschichte eine Seitenzahlvorgabe erhielt. Anscheinend sind aber die falschen Stellen unters Messer gekommen. Besonders den Schluss hĂ€tte ich ausfĂŒhrlicher darstellen sollen: Leider hatte ich nur noch 2 Seiten "Zeit". Das nĂ€chste Mal werde ich mir einen genaueren Entwurf machen mĂŒssen.

Liebe GrĂŒĂŸe

Mortimer

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