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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
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Eingestellt am 17. 10. 2010 14:22


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AliasI
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Registriert: Apr 2005

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BITTE NICHT!

Es war genug, und außerdem war es nass. Was fĂŒr ein Schwachsinn, bei dem Sauwetter mit dem Fahrrad loszufahren! Ihre Freundin wĂŒrde bestimmt nicht mehr kommen.
Und jetzt saß sie hier auf einer Bank im Park, sah aus wie eine nasse Katze und fĂŒhlte sich wie eine tote Katze, Quatsch, wie sentimental und theatralisch! Nein, sie war lebendig, noch sehr lebendig. Im Gegensatz zu anderen Leuten, die vielleicht bald... Nein, nicht dran denken!
Es tröpfelte immer noch, dann schaute kurzfristig die Abendsonne durch die dicken grauen Wolken, und es fing wieder an zu regnen, diesmal wolkenbruchartig.
Sie schlenderte gelassen in Richtung Biergarten, wo es große Schirme ĂŒber verlassenen Tischen gab und setzte sich auf einen halbtrockenen Stuhl.
Warum nicht ich, grĂŒbelte sie stumpfsinnig vor sich hin. Warum nicht ich? Ich bin dem Leben nicht so verhaftet wie sie. Sie hat ein Kind, sie hat auch Enkel, die sie sehr liebt. Sie wird sie nicht aufwachsen sehen. Sie war immer so lebenshungrig, dass es mich manchmal angekotzt hat. Ich nannte es „lebensgierig“. Vielleicht war ich auch nur eifersĂŒchtig auf ihren Lebenshunger, aber das ist jetzt egal. Sie kann doch nicht einfach sterben, dafĂŒr ist sie zu stark. Oder nicht? Verdammt! Und diese ganze Scheiße, die man da mitmachen muss und die letztendlich doch vergebens ist, nein, du bist stark, du schaffst es, du musst es schaffen, Schwesterchen!
Als sie nach Hause fuhr, regnete es immer noch, und irgendwie schmeckte der Regen salzig.
____________________________________________


DIE KRANKHEIT

Bis jetzt merkt man noch nicht viel.
Und ich erzĂ€hle nicht allen Leuten davon, nur bestimmten. Warum? Weil ich dann immer weinen muss, und ich will nicht mehr weinen. Doch ich kann es nicht steuern, manchmal sind meine Augen nass, wenn ich aufwache. Die Haare sind natĂŒrlich weg, aber die PerĂŒcke, die ich mir beizeiten angeschafft habe, sieht gut aus. Viele Leute meinen, dass ich noch nie so gut ausgesehen habe. Das tröstet mich ein wenig - und Ă€rgert mich, dass ich nie die passende Frisur fĂŒr mich gefunden habe.
Mein Arzt hat gesagt: Drei Monate plus sehr viel lĂ€nger, falls die Chemo anschlagen sollte. Drei Monate sind sehr lang. Wenn ich daran denke, wie lang drei Monate als Kind fĂŒr mich waren. Es ist alles fast normal. Aber nur fast. Im Hintergrund lauert das Unsagbare, ich verdrĂ€nge es vorerst... Manchmal habe ich fĂŒrchterliche Schmerzen nach der Chemo, und manchmal fĂŒhle ich mich blendend.
Als meine ‚Mutter’ hier war, hat sie gar nichts gesagt. Und ich habe auch nichts gesagt. Manchmal frage ich, warum diese Leute mich adoptiert haben. Ich hatte bis jetzt immer gedacht: Sie mĂŒssen ja etwas Gutes an sich haben. Aber das stimmt nicht! Mein ‚Vater’ ist vollkommen gefĂŒhllos, er hatte es von meiner Tochter erfahren, und als ich ihm telefonisch zum Geburtstag gratulieren wollte, da meinte er tatsĂ€chlich: „Hast du denn auch Geld fĂŒr deine Beerdigung zurĂŒckgelegt? Nicht dass andere noch fĂŒr dich zahlen mĂŒssen!“
NatĂŒrlich war ich platt. Ich sagte ihm, dass das wohl meine geringste Sorge wĂ€re und dass, falls es wirklich nicht reichen sollte, meine Schwester fĂŒr mich einspringen wĂŒrde. Dann beendete ich das GesprĂ€ch. Trotzdem kam zwei Wochen spĂ€ter ‚Mutter’ angereist. Sie nahm mich nicht in den Arm, sie fragte nicht, wie es mir geht. Aber trotzdem erwartet sie, dass ich sie dauernd anrufe. Sie liest gerne Mutter-Kind-Kitsch-Romane, aber die einzige Mutter ist und war sie fĂŒr unseren jĂŒngeren Bruder. Vielleicht liegt es daran, dass er ein Junge ist und Iggy und ich ‚nur’ MĂ€dchen, auf die sie immer eifersĂŒchtig war.
Ansonsten fĂŒhre ich ein ganz normales Leben, verbringe viel Zeit mit Freunden, mit meiner Tochter und meinen Enkeln. Und meine sogenannte Mutter wird mich wohl erst bei meiner Beerdigung wiedersehen. Das ist wieder ein Grund zum Weinen. Es ist alles nicht fair!


PRÖBCHEN können LEBEN retten...

„Meine Behandlung kostet doch saumĂ€ĂŸig viel Geld“, sagte ich zu meiner Nichte, deren Mann (der Onkologe ist) mich behandelt und mir die Chemos verpasst. Es ist praktisch, wenn man einen Arzt in der Familie hat, und ich habe das GefĂŒhl, er behandelt mich sehr gut.
„Das kannst du wohl sagen“, meinte die Nichte. „Es kostet bestimmt ein paar tausend Euro...“
„Wirklich? Sag' mal, könnten da nicht ein paar Pröbchen dranhĂ€ngen? Wenn ich sonst in der Apotheke was kaufe, kriege ich immer Pröbchen. Cremes, Hustenbonbons oder so was...“
„Oh! Das tut mir jetzt leid, Daggi, aber wir haben die Pröbchen schon fĂŒr was anderes verwendet.“
„Ach nee! Und fĂŒr was?“
„FĂŒr einen Hund...“
„Wie, fĂŒr einen Hund!“
„Einen Cocker. Er ist ein halbes Jahr alt, und er hat Krebs. Und da dachten wir, man könnte ihm eine Chemo geben...“
„Ehrlich? Ich kann nicht mehr! Und hat es gewirkt?“
„Ja. Alles ist verkapselt, er ist gesund, das hoffen wir jedenfalls...“
„Das ist... schön.“ Komisch, irgendwie kommen mir die TrĂ€nen. „Hat er seine Haare noch?“
„Nein, er ist ziemlich nackig...“
„Er kriegt bestimmt Locken, wenn die Haare nachwachsen, und dann sieht er aus wie ein Pudel...“

Irgendwie fĂŒhle ich mich diesem nackten Pudel verbunden. Er ist auch krank...


ENDLOSE GESCHICHTE...

Das ist meine vierte harte Chemo, hart deswegen, weil weniger harte dazwischen lagen, zum Beispiel in Tablettenform, die haben zwar kaum Nebenwirkungen gezeigt aber auch nicht viel Wirkung.

Jedenfalls ist diese harte Chemo besonders schlimm. Wieder verliere ich meine Haare, ich könnte sie bĂŒschelweise herausziehen, aber natĂŒrlich tue ich es nicht. Ich hĂ€tschle den Rest meiner Haare. Eine neue PerĂŒcke habe ich zwar schon, aber ich zögere es hinaus, sie aufzusetzen.
Und ich fĂŒhle mich schlecht, ich habe Durchfall, es lĂ€uft so aus mir heraus, und alle meine SchleimhĂ€ute tun fĂŒrchterlich weh, ich wusste bis jetzt gar nicht, wo man ĂŒberall SchleimhĂ€ute hat. Es sind ziemlich viele, und vor allem die im Hals, die lassen mich nichts mehr schlucken, ich kann höchstens Suppe schlĂŒrfen, und die macht mich nicht satt.
Immerhin habe ich meinen Appetit nicht ganz verloren, blöderweise kann ich auch nicht mehr viel beißen, die ZĂ€hne mussten alle gezogen werden. Chemo... Das neue Gebiss tut weh, hat mir den ganzen Urlaub versaut, weil das Zahnfleisch eiterte. Ja, die Sache ist nicht sehr romantisch, und ja, ich fahre noch in Urlaub, wenn auch nur fĂŒr eine Woche, ich werde so lange fahren, wie ich es noch kann. Scheiß drauf!
Und weil ich so aufgedunsen bin vom Cortison und den anderen Medikamenten, denkt bestimmt mancher, ich hĂ€tte keine Falten, tatsĂ€chlich sehe ich fĂŒnfzehn Jahre jĂŒnger aus als ich bin – und vor allem ĂŒberaus gesund. Aber es sind nur die Medikamente. Auch Scheiß drauf!
Wenn ich mir vorstelle, wie lebenslustig ich frĂŒher war... Jetzt bin ich nur noch ein Schatten meiner selbst, mal trivial gesagt, wenngleich ich sogar in diesem desolaten Zustand immer noch mehr unternehme als viele kerngesunde Menschen. Ich glaube, meine Gedanken verwirren sich, ich kann nicht mehr zusammenhĂ€ngend denken, nur stĂŒckweise. Vorgezogene Demenz, manchmal weiß ich nicht, wer mich gestern besucht hat. Wegen der Medikamente?
Trotzdem spĂŒre ich, dass es einsamer um mich wird. Viele die ich fĂŒr meine Freunde hielt, kommen nicht mehr, nur ganz wenige trauen sich hierhin. Und sie erzĂ€hlen vom Urlaub... Gut, bis jetzt habe ich jede Gelegenheit genutzt, zum Beispiel am Ende einer Chemo, um in Urlaub zu fahren. Manchmal habe ich meinen Enkel mitgenommen, er ist so ein liebes Kerlchen, und er liebt mich, wird er mich wohl vermissen? Ich will nicht gehen, ich will ihn nicht verlassen, aber es muss wohl so sein. Jedenfalls fĂŒhle ich mich wohl im Urlaub, mein körperlicher Zustand ist besser als zu Hause. Woran liegt das? An der noch nicht vorhandenen Umweltverschmutzung, an der Lostgelöstheit, an meinem Enkel? Alles ist möglich, und warum blieb ich nicht einfach dort? Weil eine ungewisse Hoffnung mich nach Hause trieb, die Hoffnung auf Heilung, auf ein Wunder? Ha! Wie auch immer, das mit dem Urlaub ist jetzt erst einmal vorbei. Zu schlechter Allgemeinzustand. Werde ich ĂŒberhaupt noch mal in Urlaub fahren können? Ich weiß es nicht, hoffe es aber.


DER SCHMERZ

Die vierte Chemo hat nichts gebracht, meine Werte sind immer noch schlecht. Aber sie sind auch nicht schlechter geworden. Ziehe ich mich daran hoch? Nein. Ich glaube, ich habe keine Kraft mehr dazu, ich kann das alles nicht mehr ertragen. Das Aufwachen morgens, wenn mir wieder einfÀllt, dass ich bald sterben werde, die Hoffnungslosigkeit bei dieser Krankheit, da passieren keine Wunderheilungen, sie ist tödlich. Als mein Arzt mit der nÀchsten Chemo anfangen wollte und mit der Spritze an meinen Port ging (der Port musste gelegt werden, ich hatte keine einzige Vene mehr am Körper, die angezapft werden konnte), da rastete ich aus und fing hysterisch an zu weinen. Ich wollte das nicht, ich wollte nicht, dass er das Gift in mich hineinspritzte, er gab mir stattdessen ein starkes Beruhigungsmittel und schickte mich nach Hause.
Aber nĂ€chste Woche will er es wieder tun, und ich weiß nicht, wie ich drauf reagieren werde.
NatĂŒrlich habe ich mich in mein Schicksal ergeben und die nĂ€chste Chemo ertragen, die Werte sind konstant geblieben, die Nebenwirkungen minimal, aber nun kommen die Schmerzen.
Mein Hals wird immer dicker, er versucht mich zu erwĂŒrgen, ich habe Angst, ich laufe so zögerlich wie eine alte Frau, weil jeden Augenblick der Schmerz durchbrechen kann. Ich entschließe mich, eine Schmerztherapie zu machen, sie findet in einem SeitenflĂŒgel des Krankenhauses statt. Es ist schön dort, das Wetter ist superheiß, man kann draußen auf der Terrasse sitzen, die Schwestern sind gar nicht genervt, sondern sehr lieb. Sie geben mir Mittel, und ich muss mich dazu Ă€ußern, ob sie was nĂŒtzen.
Das GerÀt, an das ich angeschlossen bin, entpuppt sich als Kaliumspender. Und ich hatte schon gedacht, es wÀre die Pumpe, davor habe ich am meisten Angst, irgendwo zu liegen, an die Pumpe angeschlossen, die mir alle paar Minuten Morphium verabreicht. Das wÀre dann das Ende. Ich atme auf, noch ist es nicht so weit... Meine Freunde besuchen mich, wir sitzen in der Sonne, und meine Schmerzen lassen sich ertragen. Zwei Wochen spÀter bin ich wieder zu Hause.

Doch dann habe ich wieder Schmerzen. Zuerst in den Beinen, nach ein paar Schritten tun sie furchtbar weh. Und keiner weiß warum. Beim CT wurde nichts gefunden. Ich bekomme einen Rollstuhl, um wenigstens ein bisschen mobil zu sein. Und allmĂ€hlich lassen die Schmerzen in den Beinen nach. Es ist so wundervoll, wenn der Schmerz nachlĂ€sst, wundervoll wie ein neu geschenktes Leben. Aber nach wie vor habe ich Schmerzen am Hals und im Nacken.
Genau da wo es anfing, da endet es wohl auch. Wie fing es an? MĂŒhsam versuche ich mich zu erinnern. Blödes GedĂ€chtnis! Ich weiß aber noch genau, dass ich schon vor vier Jahren furchtbare Schmerzen am Hals hatte, kein Arzt wusste weshalb, man tippte auf Rheuma, auf Arthrose. Doch als ich dann Urlaub im SĂŒden machte, ging ich zu einem einheimischen Arzt, und der sagte mir: „Ihr Leiden sitzt in den inneren Organen.“
Und das stimmte, wie sich ein halbes Jahr spĂ€ter herausstellte. Ich hatte Lungenkrebs, den kleinzelligen, den nicht operablen, den tödlichen. Aber er war chemisch gut zu behandeln, zumindest in den ersten zwei Jahren. Doch nun ist das Übel gerade dort wieder, wo es angefangen hat. Am Hals, er tut furchtbar weh, er schnĂŒrt mich zu. Aber ich kann es ertragen. Ich glaube fast, ich kann alles ertragen.
Ich feiere mit meiner Nachbarin deren Geburtstag, es ist lustig, fast so wie frĂŒher, die Schmerzen habe ich im Griff, ich genieße den Abend.


NOCH MEHR SCHMERZ

Doch in der Nacht kommt der Schmerz wieder, diesmal von einer neuen Seite. Vom Magen her oder tiefer. Er ist so schlimm, dass ich mich auf den Boden werfe und HeulkrĂ€mpfe kriege, und dabei bin ich doch so stark, was Schmerzen ertragen angeht. Doch diese kann sogar ich nicht mehr ertragen. Mein Mann muss meine Tochter anrufen, sie kommt und tröstet mich, sie hat mir ein großes Kissen mitgebracht, damit ich meine Beine darauf legen kann. Es wird besser. Ich kann am Abend sogar mit Freunden auf dem Balkon feiern. Sagen wir mal so, frĂŒher konnte ich besser feiern...
Aber am nÀchsten Morgen ist es schlimmer als je zuvor. Ich schreie vor Schmerzen. Meine Tochter bringt mich ins Krankenhaus, dort legt man mich an einen Tropf, der permanent schmerzstillende Mittel in mich hineinlaufen lÀsst. Aber die Schmerzen bleiben, werden erst nach Stunden allmÀhlich schwÀcher. Diese Schmerzen gönne ich meinem Àrgsten Feind nicht, sage ich zu meiner Schwester. Du hast doch gar keine Feinde, meint sie.
Nein ich habe keine Feinde, außer dem einen, dem Krebs. Aber ich habe gelbe Augen, es kommt irgendwie von meiner BauchspeicheldrĂŒse, sie hat sich entzĂŒndet. Um mich herum redet man von Operation, aber auch davon, dass mein Körper zu geschwĂ€cht ist. Kann es sein, dass meine Organe ihrer TĂ€tigkeit einstellen? So schnell? Vor drei Wochen ging es mir noch relativ gut, ich habe Freunde besucht, ein fast normales Leben gefĂŒhrt, das Hospiz schien in weiter Ferne zu sein, und auch das Dahinvegetieren unter der Morphiumpumpe konnte ich mir kaum vorstellen. Ich habe das alles verdrĂ€ngt. Aber jetzt auf einmal ist es in greifbarer NĂ€he, und ich habe Angst.


ABSCHIED

Ich hÀnge an den GerÀten und schlafe viel. Wenn ich aufwache, erkenne ich kaum jemanden, bis auf meine Tochter. Ich kann den Kopf nicht drehen, liege da, vollkommen bewegungslos, bin gefangen in meinem kranken Körper. Ich kann noch nicht einmal weinen, dazu fehlt mir die Kraft.
In den Momenten, wo es mir etwas besser geht und ich klar im Kopf bin, versuche ich mich aufzurichten, das klappt natĂŒrlich nicht. Ich frage meine Tochter, sie ist immer da, ich liebe sie so sehr, sie ist so ein gutes MĂ€dchen, so eine gute Mutter, ich frage sie nicht nach meinen Enkeln, es ist besser, wenn die Kleinen mich nicht so sehen, aber ich frage meine Tochter, ob es nun so weit ist.
Sie zögert, dann nimmt sie meine Hand und drĂŒckt einen Kuss darauf. „Ja Mama, es ist soweit“, und ich sehe, dass sie mit den TrĂ€nen kĂ€mpft und versuche tröstend ihre Hand zu drĂŒcken. Ohne Erfolg wahrscheinlich.
„Wie willst du es haben, Mama? Willst du bei Bewusstsein sein?“
Oh nein, oh nein. Kraftlos versuche ich den Kopf zu schĂŒtteln, aber wahrscheinlich bewegen sich nur meine Augen.
„Du wirst nichts spĂŒren“, sagt sie.

Und ich glaube ihr. Kurz danach schlafe ich wieder ein, diesmal ist es kein tiefer Schlaf, diesmal ist er leicht, durchsetzt mit TrĂ€umen. Haben sie mir zuwenig Morphium gegeben? Wohl nicht, denn Schmerzen habe ich keine. Ich trĂ€ume von meiner Kindheit, trĂ€ume von meinem ersten Freund, trĂ€ume von der Geburt meines Kindes, trĂ€ume von der Liebe, ich habe viel geliebt, doch irgendwie immer Pech dabei gehabt, manche MĂ€nner haben mich verlassen, manche habe ich verlassen, an manchen bin ich kleben geblieben fĂŒr lange Zeit. Warum? Was erhoffte ich mir? Vielleicht wollte ich einfach nicht loslassen, genauso wie jetzt. Ich will nicht loslassen. Das Leben nicht loslassen, obwohl ich weiß, dass es nicht mehr geht. Ich bin eben stur, ich bin stark, nein falsch, ich war stark, jetzt kann ich nicht einmal mehr einen Finger krĂŒmmen. Ich weiß nicht, ob ich wach bin oder schlafe, ich schließe die Augen, oder schließen sie sich von selbst?
Jemand tritt zu mir. Wer bist du? Bist du es, auf den ich mein ganzes Leben gewartet habe? Der den ich bedingungslos lieben wĂŒrde und der mich auch bedingungslos liebt? Liebster, bist du endlich da? Was sagst du, ich kann dich nicht verstehen... Sprich lauter. Und dann auf einmal spricht er zu mir, Worte der Liebe, Worte des Trostes, Worte der Hoffnung...

wunderschön siehst du aus, meine Geliebte
du hast eine Ahnung, lÀchelst in deinem Schlaf
denn du weißt nun, dass ich gekommen bin
langsam ganz sachte ergreife ich Besitz von dir
bis du nur noch an MICH denken kannst

nur ICH kenne dich, nur ICH weiß alles von dir
warum hast du dich so lange gegen mich gewehrt
ich liebe dich, und du liebst mich, meine Schöne
wehre dich nicht, wir werden immer zusammen sein

sie sitzen an deinem Bett und trauern schon um dich
du wachst auf, und deine Augen zeigen dir Schemen
du kannst nichts sagen, bist stumm und auch taub
lass es sein und komm’ mit mir, ich habe die Macht

warum wehrst du dich noch gegen unsere Liebe
es kann nur besser werden - die Zeit endet hier
und eine neue beginnt, die Zeit der Liebe ohne Schmerzen
ich bin der Tod, ich bin dein Geliebter, vertrau' mir

Einer, der mich annimmt als das was ich war und bin, der mir immer zur Seite stehen wird, auch wenn die Zeit hier endet. Ich kann nicht anders, ich muss ihm vertrauen. Zaghaft lege ich meine Hand in die Hand meines Geliebten.
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IN ERINNERUNG

„Meinst du, dass noch mal Krieg kommen wird? Ich hab' so eine Angst davor!“ Das fragte sie mich, als sie neun war und ich vierzehn.

Ich lachte sie aus und sagte: „Nein, ich glaube nicht, dass es hier Krieg gibt, woanders vielleicht, aber hier nicht.“

Und ich hatte recht, es gab keinen Krieg hier. Doch nun weiß ich, wovor sie Angst hatte. Der Krieg hatte sie doch noch erreicht, und zwar in ihrem Körper. Sie hat gegen ihn gekĂ€mpft wie kaum jemand, sie hat tapfer Schlachten gegen ihn geschlagen, hat ihn oft zurĂŒckgedrĂ€ngt, aber letztendlich hat sie ihn doch verloren. Den Krieg gegen den Krebs.
Nach fast vierzehn Tagen im Krankenhaus starb sie in den frĂŒhen Stunden des Sonntags.

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Die Lust ist eine Kunst, aber die Kunst ist nicht immer eine Lust (von mir oder von irgendeinem anderen).

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