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Leselupe.de > Kurzprosa
Die Zeit heilt keine Wunden...
Eingestellt am 17. 07. 2001 08:31


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Wird mal Schriftsteller
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Die Zeit heilt keine Wunden. Sie vergibt auch keine SĂŒnden. Ich bin die SĂŒnde des vergangenen Jahrhunderts, bin eine hĂ€ĂŸliche Wunde auf dem Körper Europas. Ich bin ein Teil, ein StĂŒck, ein RĂ€dchen im Getriebe, wie ich es damals war; wie ich es immer war.
Verlieren wir nicht oft die Beherrschung ĂŒber uns selbst? Tun wir nicht in der grĂ¶ĂŸten Freude Dinge, die wir danach bereuen? Ist nicht die Tat im Rausch diejenige, die wir ungeschehen wĂŒnschen? Kennen wir nicht alle die Qualen, beim Gedanken daran, wie wenig einmal nötig gewesen wĂ€re, damit dies und jenes nicht geschehen wĂ€ren?
Ich erlebte Jahre im Rausch. Der Schmerz, den ich seither ertrage, ĂŒbersteigt meinen Verstand. Bisher ertrug ich ihn.

Die Kinder in der Nachbarschaft nennen mich „Opa Heinen“. Es sind gute Kinder. Die Ältesten werden wohl um die 16 sein; wie ich es damals war, als es begann.
„Wir arbeiten an einem Internet-Projekt, Opa Heinen.“ „Schön“, sagte ich. „Siehst du es dir an, wenn wir fertig sind?“ „NatĂŒrlich“, sagte ich.
Heute habe ich es mir angesehen. Die Aula war bis auf den letzten Platz gefĂŒllt. Auf der BĂŒhne standen ein Computer und eine Art Kamera, welche die Texte und Bilder vom Computer auf eine Leinwand strahlte.
Die Rektorin begrĂŒĂŸte die Anwesenden und erklĂ€rte das Projekt. Ich konnte vieles nicht verstehen.
Dann begann die VorfĂŒhrung. Nacheinander setzten sich die SchĂŒler an den Computer und manipulierten daran, so daß auf der Leinwand ein weiteres betiteltes Bild erschien, zu welchem das Kind auf der BĂŒhne jeweils einen kurzen Vortrag hielt.
Die jungen Menschen sprachen frei von jeder RĂŒhrung. Nannten Dinge beim Namen, die so furchtbar einfach klangen. Bild um Bild, Titel um Titel fĂŒhrten sie mir meinen Rausch vor. Ich fĂŒhlte, wie Blei durch meine Adern zu fließen begann. Hörte die Schreie wieder. Sah die leblosen Körper. Roch das brennende Fleisch. Schmeckte das Blut der genommenen Frauen. Ich fĂŒhlte meine Hand an der Zange, am KnĂŒppel.
Da, ich erkannte Wilhelm, Wilhem Meister aus Distelhofen. Ich erinnerte mich an das Foto. Auf dem nĂ€chsten Foto Peter „Gogo“ Affels. Dann das Bild von dem Jungen, den wir aus dem Stacheldraht lösen mussten.
Auf der BĂŒhne sass Antje. Das MĂ€dchen der Hausers aus der Wohnung unter mir. Ich wusste, welches Bild das nĂ€chste sein wĂŒrde. Ich kenne die Serie. Ich habe sie geschossen; bis auf ein Bild... Ich fotografierte das Lagerleben. Auch einige SchnappschĂŒsse von Kameraden waren dabei entstanden. An diesem wunderschönen Tag im August. Das Licht war ideal. Die Bilder mĂŒssen beschlagnahmt worden sein. Ich hatte sie noch verbrennen wollen, als sie anrĂŒckten, doch es blieb keine Zeit dafĂŒr.

Heute hat mich die Zeit eingeholt.

Erst geschah nichts. Dann drehten sich die ersten Kinder um. Danach die Hausers...

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flammarion
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es

tut mir leid, aber zu der geschichte brauch ich ne erklÀrung. erzÀhl mal die geschichte mit anderen worten von vorn, damit ich sie verstehe. lg
__________________
Old Icke

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Hallo flammarion

Es braucht dir nicht leid zu tun, dass du eine ErklĂ€rung wĂŒnschst.

Der ErzÀhler der Geschichte war "WÀrter" in einem KZ im 2. Weltkrieg. Er entging nach dem Krieg der Gerichtsbarkeit der Sieger. Er lebte also seit dem Ende des Krieges unentdeckt und "ungestraft" sein Leben.
Bei dem Schulprojekt handelt es sich um einen Vortrag ĂŒber die Verbrechen der Nazis in den Konzentrationslagern. Der ErzĂ€hler erkennt die vorgefĂŒhrten Fotos als Bilder, die er selbst gemacht hat. Die Anspielung darauf, dass er alle Fotos "bis auf eines..." selbst geschossen hat, zielt darauf, dass er auf dem einzigen Foto, auf dem er nicht hinter der Kamera stand, selbst vor der Linse war.
Die letzten drei kurzen SĂ€tze deuten an, dass er auf dem Bild von vielen der Anwesenden erkannt wird.

Ich habe die Geschichte absichtlich lose geschrieben. Ich stellte mir den Mann vor, wie er z.B. am Abend dieses Tages (vielleicht dem letzten Abend vor dem Sturm der EntrĂŒstung oder gar dem letzten Abend seines Lebens) alleine in seiner Wohnung sitzt und schreibt (z.B. einen Brief an einen alten Kameraden). Ich nahm an, dass ein Mensch in einer solchen Situation nicht sauber chronologisch schreibt, sondern eher wirr seine Gedanken auf's Papier wirft.

Wie es scheint, bin ich dabei etwas ĂŒber das Ziel hinaus geschossen.
Danke, dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast.

Gruss

Botschafter

PS: man vergebe mir meine Unwissenheit, aber wofĂŒr steht "lg"?

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flammarion
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auaaua,

daß es auf so etwas hiauslĂ€uft, hĂ€tte ich nie gedacht. da es am anfang etwas mit internet zu tun hatte, fĂŒrchtete ich, es geht in die kinderpornoszene und der alte mann hat sich da als tĂ€ter entpuppt. glaubst du wirklich, daß einer - egal, ob porno oder kz - sich, wenn auch am lebensende, der öffentlichkeit stellt, nachdem er so lange untergetaucht war? wer die greuel auch noch fotografiert hat, der war doch gewiß stark involviert? oder war ihm befohlen worden, die fotos zu machen? die geschichte hat auf alle fĂ€lle potenzial, sonst hĂ€tt ich nĂ€mlich gar nichts erst gesagt.
lg bedeutet "lieben Gruß". also ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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Botschafter
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Hallo flammarion

Die Sache ist eigentlich schon so gedacht, dass der "ehrenwerte Herr" in die Greueltaten "involviert" war. Dass er dies bereut und er sich seiner Verbrechen bewusst ist, versuchte ich im ersten Abschnitt zum Ausdruck zu bringen.
Dem Gedanken, dass er sich selbst "geoutet" hat und die Fotos selbst veröffentlichen wollte, versuchte ich eigentlich durch den Satz "Die Bilder mĂŒssen beschlagnahmt worden sein. Ich hatte sie noch verbrennen wollen, als sie anrĂŒckten, doch es blieb keine Zeit dafĂŒr" entgegenzuwirken.
Zudem hĂ€tte ich die ganze Situation bei einer bewussten "Demaskierung" eher dahingehend geschildert, dass der Mann die Veröffentlichung der Bilder trotz allem als erlösenden Moment empfunden hĂ€tte (Ende des Versteckens, Ende der LĂŒge etc.).

Die Parallelen zur Kinderpornoszene fallen mir erst jetzt auf. Du hast vollkommen Recht, die Doppelspurigkeiten sind absolut vorhanden.

Viele GrĂŒsse

Botschafter

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lara_star
Hobbydichter
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Hallo!
Also ich hatte den Text auch ohne ErklĂ€rung verstanden, (fĂŒr mich war in dem Moment klar, daß es was mit Krieg zu tun hat, als er sagt, so alt war ich damals und spĂ€ter wird er ja explizit, der Stacheldraht, das brennende Fleisch, das Lagerleben usw) das einzige was ich unlogisch fand: Die Kinder, die etwas dazu vortragen haben die Bilder ja schon gesehen, oder nicht? Sonst könnten sie sich ja nicht adĂ€quat darauf vorbereiten.
Und wenn Opa Heinen damals so jung war, wie kommt es, daß ihn dann alle so gut erkennen? Nach 50 und mehr Jahren?
Ansonsten finde ich die Geschichte echt super.

So long,
Lara
__________________
the trick is to keep breathing - Garbage

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