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Die ZimtZiege, Roman von Wilhelm Fink
Eingestellt am 23. 04. 2001 18:48


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Torquato
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Über Wilhelm Fink, Die ZimtZiege, Roman
Eine Reise ans Ende der Sicherheit
Von Ewart Reder

Gibt es einen Roman, in dem die drei Buchstaben NLP vorkommen, groß geschrieben - und dabei kein Geschichtsepos ĂŒber Bismarcks Lieblingspartei, die Nationalliberalen? Es gibt ihn: “Die ZimtZiege”, von Wilhelm Fink (Wiesenburg Verlag 1998, ISBN 3-932497-18-X, 24 DM) Und Psychotechniken, Psychothemen sind sein zumindest augenscheinlicher Hauptinhalt.

Das Angebot der dubios-numinosen Frauengesellschaft DELTA umfasst Kurse in allen behandlungsĂŒblichen Therapiearten. Der KnĂŒller im Programm ist eine “Reise ins Ich” genannte Konferenz auf einer Insel hundertfĂŒnfzig Kilometer vor der afrikanischen WestkĂŒste. Alle Teilnehmer sind persönlich eingeladen von DELTA, deren FĂŒhrung sich ĂŒber den Seelenzustand und die LebensverhĂ€ltnisse jedes einzelnen rĂ€tselhaft informiert zeigt. Wenn sich auch noch ein Fremder, der einem der Anreisenden unterwegs zufĂ€llig begegnet ist, am Zielort als Mitarbeiter der Tagung entpuppt, heißt ein literarisches Vorbild des Romans, so unvergleichlich der bleibt, mit Sicherheit “Wilhelm Meister”, dessen wildes HandlungsknĂ€uel am Ende die rĂ€tselhafte Turmgesellschaft aufwickelt.

Eine andere Vorlage nennt der Verfasser selbst. Seine jugendliche Heldin Nike vergleicht Fink mit Goethes Ottilie, den grausamen Opfertod der einen mit dem umfassenden Selbstverlust der anderen. Wer nun aber meint, es bei dem EinundsiebzigjĂ€hrigen aus Hamburg mit einem fadisierenden Abschreiber zu tun zu haben, der wird schon auf den ersten Seiten eines ganz Anderen belehrt. Ein “Wahlverwandtschaften”-Satz der mit Fink geistesverwandten Ulla Berkewicz mag veranschaulichen, wie die literarische Tradition auch bei ihm nachwirkt. In der ErzĂ€hlung “Hi, Wendy” stellt die Titelfigur, nachdem sie ihren Goethe gelesen hat, fest: “Die Geschichte war ja in der Welt und ereignete sich hier und da und immer wieder, und J.W. hatte vielleicht nur in die Luft gegriffen, in der wohl diese Geschichten unvergĂ€nglich hĂ€ngenbleiben.”

Der Griff in die Luft, nach dem, was darin an Geschichten liegt, mag als Bild auch fĂŒr die Machart des filigran komponierten DebĂŒtromans (!) dienen. Unterteilt in meist nur wenige Zeilen lange AbsĂ€tze, voneinander durch Dreieckzeichen optisch getrennt, bietet der schmale Band seine Kost dem Genießer, dem Wortschmecker vor allem an (der Wortwurzel nach: dem homo sapiens). Miniaturen komplexer, ganz unterschiedlicher Lebenssituationen reihen sich aneinander, bis die Figuren beginnen sich zu treffen und lose verbunden ihre “Reise ins Ich” antreten. In die Luft greift Fink auch insofern, als DĂŒfte, Duftstoffe eine wichtige Rolle spielen. Ihre stimulierende Wirkung, wie auch die von Drogen, benutzen etliche der Ich-Sucher, um aus den Spurrillen ihrer Nervenautobahnen ins ungebahnte GelĂ€nde auszuscheren.

AuffĂ€llig die RadikalitĂ€t, mit der manche hierbei zu Werke gehen – “ohne RĂŒcksicht darauf, ob es nun eine Befreiung sein wĂŒrde, ein Übergang oder ein Ende.” Vor anerkannten Grenzen der psychologischen Welt wird da nicht immer Halt gemacht. “Das, was jemand von sich selbst denkt, bestimmt sein Schicksal”, heißt es, noch ganz lehrbuchgetreu, aber zwei SĂ€tze weiter: “Aus dem Schatten heraustreten bedeutet, Licht zu erhalten, das andere uns nicht zubilligen.”

Radikal wirkt Finks Roman besonders, wo er Jugend beschreibt. Was fĂŒr eine Jugend freilich, das fragt man sich. ‚Die von heute‘ scheint es kaum zu sein. Andererseits ist Deutschland auch nicht nur “Crazy Faserland”. Finks fĂŒnfzehnjĂ€hrige Susanne, die fĂŒnfzehn Jahre genug findet, gibt es eben auch. “Sie wollte das Dasein kurz und heftig fĂŒhlen ... Sie wußte, daß schon tot ist, wer um seiner Sicherheit willen lebt.” Und auch die schlimmste Provokation, der Generalangriff auf die Psychohygiene der Heutigen ereignet sich hier und jetzt vonseiten eines jungen MĂ€dchens: “In Menschen fĂŒhlte Nike sich ein bis zur Selbstverleugnung.” Das kann, das darf ihr Therapeut nicht stehen lassen. “Sie kommen den Menschen zu weit entgegen, Frau Dornbusch.” Das muss, wenn auch die Insel es nicht kurieren kann, kollektiv ausgegrenzt werden.

“In der Gruppe hatte Nike sich sehr geöffnet. Sie war von einer Hilfsbereitschaft und Aufmerksamkeit fĂŒr andere, die vom Umfeld als total unbegreiflich, als unverstĂ€ndlich betrachtet wurde. Man hielt Nike fĂŒr verrĂŒckt.”

Zur Dynamik der Gruppe macht “Die ZimtZiege” außergewöhnlich lichte Anmerkungen. Das psychologische Axiom, dass eine Vielfalt an Entscheidungsmöglichkeiten deshalb so wichtig sei fĂŒr den Einzelnen, weil er mittels der dadurch gewonnenen FlexibilitĂ€t sein Leben kontrollieren könne, lĂ€sst ja einen bedrohlichen Umkehrschluss zu: Je homogener, je berechenbarer die Gruppe, in der sich der Einzelne bewegt, desto mehr vorhersagbar erfolgreiche Entscheidungsmöglichkeiten kennt er. Damit rechnet, damit regiert wiederum DELTA.

Aus solchen GrĂŒnden muss DELTA nicht mehr auf Freiwillige warten, sondern kann Klienten aus deren erfolgreich beobachteten LebensumstĂ€nden ‚abholen‘ (in der ganz unfreundlichen Bedeutung des Wortes).

Beim OUTING kommt es zum Aufstandsversuch: “Da zog Nike Dornbusch den Laserstab. Sie richtete ihn dem Dozenten direkt in die Augen. Ich denke, das genĂŒgt fĂŒr heute, sagte er. Nike drĂŒckte ab. Geblendet stĂŒrzte Dr. Klingelholz ĂŒber den Teewagen in das splitternde Glas.” Wie’s ausgeht, lese unbedingt jeder nach, der Spaß an hochkarĂ€tiger Literatur und selbstgefĂ€hrdendem Nachdenken hat.

Peter RĂŒhmkorf nennt Wilmhelm Fink, der bislang vor allem als Lyriker bekannt ist, einen “Wildwassertexter”. Aus dem mitreißenden Wortstrom dieses Romans wird niemand als die- oder derselbe zurĂŒckkehren, am wenigsten die Psychotherapeuten, von denen er, vordergrĂŒndig jedenfalls, handelt.

Die eiskalte Empfehlung also: Buch auf und durch!
Ein Tipp noch: Bei Kleinverlagen bestellt es sich am schnellsten direkt. Die Faxnummer des Wiesenburg Verlags lautet 089 244316203.

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(MultiMind, Zeitschrift fĂŒr Psychologie, NLP, Dez. 2000)

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