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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die alte Rettungsdecke
Eingestellt am 18. 10. 2001 22:20


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Löwengeist
???
Registriert: Sep 2001

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An einem warmen Herbsstag im Oktober streife ich durch eine Straße unseres Wohngebietes.
HÀuser reihen sich dicht an dicht, hier und da höre ich Kinderlachen und sehe einige
MĂ€dchen und Jungen auf den Gehwegen spielen.
Parkende Autos sĂ€umen die Straße und versperren mir die Sicht auf die sauberen GrĂŒnanlagen, die
hinter den HĂ€userreihen einen Platz zum gemĂŒtlichen Verweilen bieten.
Ich zwĂ€nge mich zwischen zwei Autos hindurch und laufe auf dem BĂŒrgersteig entlang. Die Wohngegend
ist in den Augen der SpießbĂŒrger nicht die Beste. Die Arbeitslosenrate ist hoch, der
Prozentsatz des AuslĂ€nderanteils liegt bei 80. Die HĂ€user wirken von außen schĂ€big und herunter-
gekommen, sie gehören einer grĂ¶ĂŸeren Wohnungsbaugesellschaft. Die Mieten sind nicht sehr hoch und
die RÀumlichkeiten nicht die schönsten.
Auf einem der unteren Balkone lehnt eine Frau auf dem GelÀnder. Sie nickt mir
grĂŒĂŸend zu und lĂ€chelt. Ihr faltiges, von den Jahren gekennzeichnetes Gesicht lassen mich die
Dame auf etwa Mitte siebzig schÀtzen.
Auf der GrĂŒnflĂ€che hinter dem Haus steht eine alte, dickstĂ€mmige Eiche. Ich blicke zu ihrer Krone
auf, einige BlÀtter hat sie bereits abgeworfen, die anderen, noch verbliebenen, schimmern
im Licht der Sonne goldgelb. Ich schaue noch einmal zu dem Platz, wo ich die alte Dame vermute,
doch sie ist nicht mehr dort. Unter ihrem Balkon erregt etwas goldglÀnzendes meine Aufmerksamkeit.
Ich schaue genauer hin und erkenne eine alte, zusammengeknĂŒllte Rettungsdecke, wie man sie in
jedem Erste-Hilfe Kasten der Autos findet.
Vor meinem inneren Auge dreht sich die Zeit um fast ein Jahr zurĂŒck.
Das Bild verschwimmt, mein Ohr nimmt hektisches Stimmengewirr wahr. Auf dem BĂŒrgersteig,
unter den entferntesten Zweigen der Eiche, liegt ein alter Mann.
Drei weitere MĂ€nner stehen, die HĂ€nde in den Jackentaschen vergraben, diskutierend daneben.
Ich laufe zu der kleinen Gruppe und frage, was geschehen ist.
Einer der drei Umstehenden erklÀrt mir mit polnischem Akzent, der alte Mann sei plötzlich
zusammengebrochen, er atme nicht mehr, ein Rettungswagen sei bereits unterwegs.
Ich knie mich neben den am Bodenen liegenden, suche seinen Puls, schaue nach seiner Atmung:
Nichts ! Ich bitte den Polen, mich bei der Reanimation zu unterstĂŒtzen, er erklĂ€rt sich bereit,
die Beatmung durchzufĂŒhren.
Ich beginne die Herzmassage, alle zwei Minuten kontrolliere ich den Puls, ohne Erfolg.
Ich bete, die SanitÀter und der Notarzt mögen bald kommen . Mittlerweile sind viele
Menschen auf die Straße gekommen, ein ganzer Pulk umringt uns.
Eine Frauenstimme ruft : "Weitermachen, nicht aufgeben, ihr schafft das."
Ich möchte der Frau gerne Glauben schenken, aber ein Blick in das Gesicht des Sterbenden
jagd mir einen Schauer ĂŒber den RĂŒcken.
Sein rechter Mundwinkel hÀngt leicht herunter, das rechte Auge ist nur halb geschlossen und
seine Lippen sind blau verfĂ€rbt. Alle Anzeichen sprechen fĂŒr einen Schlaganfall, der ziemlich
schlimm sein muß.
In der Ferne höre ich die Sirenen der Rettungsfahrzeuge, Erleichterung
ĂŒberkommt mich. Nach ein paar Sekunden, die mir dennoch wie eine Ewigkeit vorkommen,
kann ich sie endlich auch sehen. Der Krankenwagen hÀlt mit quietschenden Reifen direkt neben uns,
ein Notarzt und zwei SanitÀter kommen zu uns gelaufen.
Der Arzt erfragt, was geschehen ist, die SanitĂ€ter bedanken sich bei uns fĂŒr das schnelle
Eingreifen, dann geht jeder der drei seiner erlernten TĂ€tigkeit nach.
Ich bleibe neben dem Kopf des alten Mannes knien und streichle ĂŒber seine Wange.
Der Notarzt legt eine Nadel in den linken Arm des Mannes, wÀhrend ein SanitÀter verschiedene
FlĂŒssigkeiten in einer Spritze aufzieht. Sein Kollege fĂŒhrt die Herzmassage durch und fragt
mich, ob ich die Beatmung mit der Maske ĂŒbernehmen kann.
So arbeiten wir stillschweigend eine Weile weiter, bis der Arzt dem Mann das Hemd zerreißt,
ein EKG-GerĂ€t anschließt und den Defibrilator auf 400 Mhz einstellt.
Irgendjemand bringt eine silber-goldene Rettungsdecke aus einem Verbandskasten, die der Pole
um die Beine und HĂŒfte des Mannes schlingt.
Nach einem kurzen Hinweis des Arztes schickt er dem Sterbenden einen Stromstoß durch den Körper.
Der Mann bĂ€umt sich kurz auf und liegt dann wieder still. Er bekommt jetzt die FlĂŒssigkeit
eingespritzt. Der gleichmĂ€ĂŸig hohe Ton des EKG's zeigt den weiterhin fehlenden Herzschlag des
Opfers an.
Nocheinmal setzt der Arzt das ElektroschockgerÀt ein, dann endlich ist ein Herzschlag zu hören.
Ein entspanntes LĂ€cheln macht sich auf den Gesichtern aller Beteiligten breit.
Die beiden SanitÀter bringen die Trage aus dem Krankenwagen, ich lege beruhigt die Beatmungs-
maske beiseite. Erneut streichle ich die Wange des Mannes, der nun wieder etwas besser aussieht.
Ich wĂŒnsche ihm im Stillen viel GlĂŒck und alles Gute, dabei nehme ich mir fest vor, ihn im
Krankenhaus zu besuchen.
Die Helfer legen seinen schmÀchtigen Körper auf die Trage, schnallen ihn fest und transportieren
ihn zum Wagen. Die Rettungsdecke lassen sie liegen. Ein Windstoß treibt sie auf die Wiese,
wo die mÀchtige Eiche steht.
Der Pole hilft mit, die benutzten GerÀte zusammenzurÀumen und die leeren Verpackungen
einzusammeln.
Einer der beiden SanitĂ€ter schließt die TĂŒren des Krankenwagens und steigt auf den Fahrersitz.
Ganz gemÀchlich, ohne Hast, wendet er den schweren Wagen und fÀhrt in Richtung Hospital
davon.
Der Menschenpulk löst sich auf, alle gehen in ihre HĂ€user zurĂŒck und auch ich mache mich
auf meinen Weg.
Das Bild vor meinem Auge verschwimmt erneut. Ich sehe einen Mann der Stadt mit einer Greifzange
unter den Balkon langen. Er stopft etwas goldenes, zerknĂŒlltes in einen SammelbehĂ€lter,
schaut mich kurz an, grĂŒĂŸt nickend, dann streifen seine wachsamen Augen weiter.
Ein Stich fÀhrt durch mein Herz.
Im Krankenhaus sagte man mir vor fast einem Jahr, der alte Mann sei auf dem Weg dorthin
verstorben.
Ich lĂ€chle wehmĂŒtig, vergessen, denke ich.





__________________
Der Glaube in uns, geboren aus Hoffnung, weist einen Weg, der Zuversicht heißt.

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flammarion
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hm,

eine nicht alltĂ€gliche geschichte. gut erzĂ€hlt. aber aus einem verbandskasten kannst du nur selten etwas fĂŒr die erste hilfe herausnehmen. gewöhnlich sind da nur briefe und andere papiere drin. greif zum verbandkasten, der hat das gewĂŒnschte. ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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