Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂĽssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5471
Themen:   93004
Momentan online:
295 Gäste und 11 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Anonymus
Die begrenzte Zahl der Texte
Eingestellt am 10. 06. 2009 12:29


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Die begrenzte Zahl der Texte

Ich glaube nicht viel, ich weiß auch recht wenig, und was ich meine zu wissen, sehe ich mit Skepsis, kann es sich doch in der nächsten Minute als überholt und falsch und Irrtum zu erkennen geben. Vermuten möchte ich gleich gar nichts, jedenfalls nicht lauthals.

Ich bemühe mich vielmehr, folgende Zeilen erzbischöflicher Lyrik nicht zu vergessen: „Orientis partibus adventavit asinus, pulcher et fortissimus...“ („Aus einem Teil des Ostens kam der Esel, schön und stark...“; Petrus von Corbeil, Erzbischof von Lens.)

Trotz aller Zweifel, Skepsis und Bescheidenheiten – ahne ich manches. Zum Beispiel die Möglichkeit: die Zahl lesbarer Texte sei festgelegt. So wie – möglicherweise – die Zahl der Tage, die Zahl unserer Herzschläge, die Zahl der Momente, in denen wir wirklich lächeln oder lieben...

Warum? Nun, sie entspricht unter Umständen exakt – der Zahl benötigter Texte.

Sicher, die Zahl der Texte, die Menschen produzieren könn(t)en, ist fast unbegrenzt. Man stelle sich vor: Jeder Mensch auf dem Globus wäre bar aller großen oder groß scheinenden Sorgen ums tägliche Stück Brot und den Liter halbwegs genießbaren Trinkwassers, um bezahlbare Verhütungsmittel oder Anti-Aidsmedikamente, um Porsche, Steueroase und Aktienkurse, und hätte den ganzen Tag Zeit für die Verfertigung von lyrischen, prosaischen, philosophischen, psychologischen und sonstigen Dankes-, Einsichts-, Bekenntnis-, Unterhaltungs-, Analyse- oder Beschwerdetexten. Und er würde dies obendrein noch mit der Fähigkeit praktizieren, je Minute zweihundertvierzig Mal die Tasten seiner Schreibmaschine oder seines Computers anzuschlagen oder eine ausgebildete Sekretärin – finanziell – mitzutragen: So stoßen wir unweigerlich an die Grenzen der Vorstellbarkeit von Textmengen.

Aber: würden all jene Texte, die sich im hypothetischen Fall einer lebenslänglich frei von äußeren Zwängen schreibenden schreibzwanghaften Menschheit anhäuften, von ebenjenen Menschen auch gelesen werden?

Die Antwort erübrigt sich. Je mehr Texte, je mehr Bücher, umso geringer die Durchschnittsauflage, die Eindringtiefe, die Wirkung, gleiche Qualität – um das Denkmodell nicht zu sehr zu verkomplizieren – vorausgesetzt. (Wie mit Texten und Büchern, verhält es sich mit jeglichen Informationen: nur eine bestimmte Informationsmenge – und bestimmte Informationen – können wir aufnehmen und verarbeiten. Wir filtern und wir begrenzen. Wir wählen nach unseren Erwartungen, Erfahrungen, Sichtweisen, Vorlieben, Bedürfnissen, Vermögen... Der Rest ist nicht nur überflüssig, sondern Informationsmüll.)

Wer kennt nicht die büchervollen und menschenleeren Bibliotheken? Wer ahnte nicht hin und wieder etwas von den Wegen, die große Stapel nicht absetzbarer Memoiren und Arztromane vom Wühltisch des Supermarktes aus zwangsläufig gehen?

Umgekehrt: wer hat noch nie die Menschen am Zeitungsstand gesehen, deren Augen gierig die neuesten Kreationen der Boulevard-Presse aufsaugen?

Hat ein Autor die Berechtigung seiner Texte nachgewiesen, wenn diese in hohen Auflagen gedruckt werden, ja selbst, wenn sie ihren Weg über die Ladentische und unter die Weihnachtsbäume, auf die Geburtstagstische der Konsumenten oder in die Bibliotheken finden?

Nicht gewiss. Denn ein Text ist doch dann erst beim Leser „angekommen“, wenn der Leser wirklich liest, wenn er eins wird mit dem Buch, von mir aus auch: mit dem Journal, der bebilderten Gazette, mit was auch immer; wenn er eine Bestätigung für seine Erfahrungen, Ansichten, Hoffnungen, Vorlieben usw. in Text (oder Bild) findet. Dann sagt er vielleicht: Gutes Buch! Oder er schweigt, weil er sich schämt – wer sagt schon gern: gute Bildzeitung, heute –, denkt aber gleiches.

Alles andere schiebt er auf die „Vergessenseite“. Auch das beste Buch. Kurze Zeit später scheint es nie existiert zu haben. Qualität ist kein Absolutum...

Leser sind hinsichtlich ihrer geistigen Beschaffenheit Universalienbündel. Sie bestehen aus den immer gleichen Grundmustern: Das sind die Bedürfnisse nach Trost, nach Illusion, nach Verheißung, nach Erlösung, nach dem Vergessen; das ist der lebenslange Kampf gegen die Depression, gegen das Wissen oder Erahnen deterministischer Weltprinzipien, gegen die Einsicht in die Unabänderlichkeit und Unerkennbarkeit der Prozesse...; sie liegen in schwer deutbaren, da schnell wechselnden „Aggregatzuständen“ vor, man könnte sie als „Affektenplasma“ bezeichnen...

Grundmuster dieser diffusen Seinszustände bestimmen die Bedürfnisse, die „nomen“ der Leser: jeder Leser sucht sich die „Namen“, die ihm die passendsten scheinen für seine vermeintlich einmalige, individuelle Persönlichkeit, Meinung, Erwartung; auch bevorzugt er jene, die er mit seinem Horizont, seinen Erfahrungen, seinen Fähigkeiten am besten versteht: er vergisst, dass er stets sein „Bündel“ trägt und eine Prägung hat, die seine literarischen Bedürfnisse steuert...

Ein Beispiel: Hätte Brecht ein paar Zigarren und Studentinnen weniger genossen, die Genossen hätten ihn bestimmt ein paar Jahre länger und von ihm ein paar Stücke mehr gehabt. Von welcher Qualität und Wirkung die – nicht zustande gekommenen – Texte gewesen wären, ist spekulativ. Hätten weitere Werke seine Bedeutung vergrößert? Zitat M.R.R.: „Was von Brecht bleiben wird, sind ungefähr sechzig bis achtzig Gedichte“.

Diese paar Brecht-Gedichte werden weiterleben. Der Rest existiert, irgendwie. Man wird ihn so gut wie nicht mehr wahrnehmen. Auch wenn er weiter in Bibliotheken steht oder in Gesamtausgaben Drucklegung erfährt: Er führt – zunehmend – eine „Nichtexistenz“. In einigen Jahrzehnten könnten die belehrenden und ideologiebefrachteten Stücke aus dem Bewusstsein öffentlicher Erinnerung verschwunden sein. Kein Bedarf, kein Dasein...

Also: Die Zahl und der Umfang von Texten, die produzierbar sind, ist faktisch unbegrenzt. Die Zahl der Texte, die überleben und weiter leben werden, keinesfalls. Die Zahl wird begrenzt durch die Zahl der „nomen“, die wir als kongruent zu unseren paar „Universalien“ zu sehen und zu verstehen in der Lage sind. Sie enthalten die Antworten und Erklärungen, die uns entsprechen, siehe mein Hinweis auf –

die Leser mit den gierigen Augen am Zeitungsstand.


Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂĽck zu:  Anonymus Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!