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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die beschämenden Gedanken des Semjon Petrovitsch Kovbassa
Eingestellt am 21. 09. 2008 21:58


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LudmillaKulikova
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Semjon Petrovitsch Kovbassa, ordentlicher Professor der japanischen Literatur, liebte Geräusche. Ihn ergriffen die Rhythmen der Poesie, ihre Melodie. Abends, hinter den fest verschlossenen Türen seines Arbeitszimmers, rezitierte er Gedichte, laut und voller Hingabe, wobei er mit feinem Ohr jede Vibration wahrnahm. Diese leidenschaftliche Begeisterung hatte er schon in der Kindheit entwickelt, mit den Jahren wurde sie jedoch subtiler: er labte sich nicht mehr nur am Rhythmus der Gedichte, sondern auch am Klang der fremden Sprache. Er träumte davon, mehrere Sprachen zu beherrschen, um ohne zu ermüden die wundervollen Lautkombinationen genießen zu können. Als er herangewachsen war, trat er sein Studium an, entschied sich für die chinesische Philologie.

Semjon Petrovitsch war glücklich verheiratet. Sein halbwüchsiger Sohn festigte die Ehe und unterstrich die Sinnhaftigkeit des Familienlebens. Seine Ehefrau, Tatjana Ivanovna, hatte den Namen Kovbassa vor der Heirat kategorisch abgelehnt und ihren Mädchennamen, Dynja (2), behalten. Es war Semjon Petrovitsch in höchstem Maße unangenehm, dass seine Frau von seinem Namen Abstand nahm. Er selbst hatte sich derartig daran gewöhnt, dass er ihn als eine ungewöhnliche Lautkombination wahrnahm: Kov-bassa. Eben so stellte er sich auch vor:
„Semjon Petrovitsch Kov-bassa.“ (1)

Die Sprachgenie-Studenten gaben ihm bald den Spitznamen „Koi-bass“, was in der Übersetzung aus dem Kasachischen so viel wie „gekochter Schafskopf“ bedeutete. Schon in der Schule hatte man ihn gehänselt: „Wurst-scheibe“ Der kleine Semjon war rund und speckig gewesen.

Als der Sohn geboren wurde, waren die jungen Eltern verzweifelt, konnten sich lange nicht entscheiden, unter welchem Nachnamen ihr Neugeborenes registriert werden sollte. Sie durchforsteten die Ahnentafeln, doch ein Name war lächerlicher als der andere. Man einigte sich auf den, nach Einschätzungen des Familienoberhaupts, klangvollsten Namen. Nur durch diffizile Bestechungen konnte in der Geburtsurkunde folgender Eintrag vorgenommen werden: Nikolaj Semjonovitsch Kikirika. Diesen ruhmreichen Namen verdankte er einem Onkel Tatjana Ivanovnas, mütterlicherseits.

So lebten Dynja und Kovbassa mit Sohn Kikirika beisammen.

Die Eheleute führten ein biederes Leben. Ein Intimleben war ihnen fremd. Jeder hatte dafür seine eigenen hundert Gründe. Sie ehrten einander, jedem Familienmitglied stand Autonomie zu. Tatjana Ivanovna war für den gedeckten Tisch, die saubere Wäsche und die Noten des Sohnes zuständig, Semjon Petrowitsch sah sich für die bildende und aufklärerische Arbeit am Spross verantwortlich und nahm, so es die Zeit und Kraft zuließen, einige der Männerarbeiten im Haushalt wahr. Die restliche Zeit bereitete er sich auf seine Vorlesungen vor, verlas sie dem studentischen Auditorium und tauchte von Zeit zu Zeit in die Welt der ihm so lieben Laute ein:

Ke lu qing shan wai
Xing zhou l; shui qian
Hu ping liang an kuo
Feng zheng yi fan xuan
Hai ri sheng can ye
Jiang chun ru jiu nian
Xiang shu he chu da
Gui yan luo yang bian*

Es schien, dass nichts die Beständigkeit des Lebens dieses eigenwilligen Bündnisses stören könnte. Doch es war einmal…

Es war einmal, da wechselten in der Nachbarswohnung die Anwohner. Anstatt der jungen Familie mit zwei Kindern mietete sich eine junge Frau mit Flügel ein. Der Flügel schien lauter als die Kinder. Von nun an zog sich Semjon Petrowitsch, der das Haus stets als letzter verließ, von klassischer Musik begleitet den Mantel und die Schuhe über. Er verschloss die Eingangstür, stieg die Treppe hinab und hinter ihm erklang die betörende Melodie einer langsamen Nachtmusik oder einer Mondscheinsonate.

Semjon Petrowitsch kehrte als erster heim und wieder klang aus der Nachbarwohnung Musik. Schon bald bemerkte er an sich eine Art Spaltung. Sein Körper befand sich in der eigenen Wohnung, etwas anderes aber, noch Unentwickeltem, befand sich dort, wo die melodischen Klänge herrührten. Er wurde nachdenklich und schweigsam. Nicht länger regte sich in ihm der Wunsch, ein wenig chinesischer Lyrik zu genießen. Er verstand sich selbst nicht mehr, weswegen er sehr betrübt war.
Einmal, als er von der Vorlesung nach Hause kam, traf Semjon Petrowitsch seine neue Nachbarin im Treppenhaus. Sie war gerade aus der Tür getreten und befand sich auf dem Weg zum Briefkasten. Semjon Petrowitsch erschauderte, nachdem der das Mädchen angesehen hatte, so unerwartet traf ihn die Begegnung, stutze und seufzte zu sich: „Wie wunderschön ist sie!“ Das Mädchen lächelte freundlich und grüßte ihn sehr höflich: „Seien sie gegrüßt, Semjon Petrowitsch.“

Diese Begegnung brach die ohnehin schon umgestimmten Gefühle den Professor Kovbassas gänzlich. Ob nun die Musik den Zusammenbruch vorbereitet hatte, oder die blendende Schönheit des Mädchens das seinen getan hatte, Semjon Petrovitsch begann, in sich ungeahnte Strömungen zu fühlen. Sie trugen einen wellenförmigen Charakter und breiteten sich ausschließlich im unteren Bereich des Körpers aus. Der obere Teil schwebte noch in den Höhen, der untere begann sich mit enormer Geschwindigkeit zu verflachen. Morgens erwachte Semjon Petrowitsch mit einem Gefühl des Unbehagens, lief beschämt ins Bad und versuchte, den starren, eigenmächtigen Körperteil zu erweichen. Wir sind nicht zuständig für das, was hinter der verschlossenen Badezimmertüre geschah, doch nach einer halben Stunde kam er heraus, nicht ganz bei sich, außerstande die Augen zu heben, machte sich Frühstück und eilte zur Arbeit. Die Musik aber verstummte nicht.

Semjon Petrovitsch ekelte sich selbst an. Nicht genug damit, dass er sich mit seinem Körper herum zu quälen begann, auch sein Intellekt schrumpfte. In seinen Vorlesungen gab es Aussetzer, beim Erzählen verlor er den Faden, unkonzentriert führte er seine Benotungen, gar die Prüfungen durch, konnte der Essenz der Antworten nicht folgen. Um keine Blamage zu erleben, verteilte er allen Studenten flächendeckend „sehr gut“. Die Dozentenkollegen schüttelten hinter seinem Rücken die Köpfe. Der Professor jedoch bekam überhaupt nichts mit. Er litt unter dem Überschwall ihm fremder Gefühle und Fantasien. Groteske Gestalten bedrängten ungefragt seinen niedergeschlagenen Kopf.

Er versuchte wieder, sich in der liebreizenden hieroglyphischen Poesie zu vergraben, las mit sich bewegenden Lippen, blieb bei jedem Wort hängen, doch anstatt seiner geliebten Laute, vernahmen die Ohren nur obszöne Worte und sein inneres Auge stellte einen großformatigen Bildschirm zur Verfügung auf dem er entkleidete Nymphen sah. Semjon Petrovitsch schüttelte den Kopf, in der Hoffnung, die Visionen zu vertreiben, doch davon konnte keine Rede sein! Sie beherrschten ihn, verzauberten und erregten ihn so sehr, dass er erneut Hals über Kopf ins Badezimmer lief, sich einschloss, nach einer geraumen Zeit schuldbewusst durch den Spalt der halb geöffneten Tür spähte und dann in sein Arbeitszimmer verschwand.

Das erstaunliche war, dass weder Tatjana Ivanovna noch ihr Sohn Kolja Veränderungen am Familienoberhaupt festgestellt hatten. Semjon Petrovitsch tat furchtbar beschäftigt, zeigte sich kaum außerhalb des Arbeitszimmers, sodass die Hausbewohner nicht wagten, ihn zu stören. Semjon Petrowitsch begehrte. Genauer gesagt, ihn hat die Lust überwältigt. In irgendeinem Winkel seines Bewusstseins schämte er sich unendlich, doch er konnte das verteufelte Fleisch nicht bekämpfen. Es war eine unangenehme Epoche im Leben des Professors Kovbassa. Nie zuvor war er so tief gesunken.

An einem dieser quälenden Tage traf der Schimmer eines hellen Gedankens auf den dumpfen Schädel des Leidenden. Ohne Zeit verstreichen zu lassen schritt er zur Tat, in der Sorge, diesen treffenden Gedanken zu verscheuchen. Er durchsuchte das Telefonbuch, fand die ersehnte Nummer und drückte die Tasten.

„Hallo, Nikolai Lvovitsch?...Guten Tag! Hier ist ihr Nachbar, Semjon Petrovitsch…Ja, gut, gut geht’s. Und ihnen? ... Hmja… Nikolaj Lvovitsch, mein Lieber, ich rufe sie wegen einer Sache an. Bei ihnen wohnt ein Mädchen, ihre Mieterin…also, ich wollte sagen…Wissen sie, es ist rettungslos! Sie bringt her, wen sie will! Tag und Nacht! Einfach ein Skandal! Es ist beschämend, wissen sie, vor meiner Frau und dem Kind… Ja, ja, genau!... Und nachts sowieso! Man kann überhaupt nicht schlafen. Man hört einfach alles! Ja, ja, eben, genau… Musik? Nein, die Musik stört nicht… Also bitte, leiten sie Maßnahmen ein?.. Aha, aha! Ja, ich habe verstanden. Also, ihnen Alles Gute! Kommen Sie doch einfach mal vorbei.“



(1) Honigmelone, Anm. d. Übers
(2) „Kol-basa“ - Wurst, Wortspiel


* Ein Gedicht des chinesischen Dichters Van Van.




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Rumpelsstilzchen
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Registriert: Sep 2003

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Sauber.
Einzig der Bildschirm im Kopf des Professors riss mich einen Moment heraus; das moderne technische Gerät wollte so gar nicht in das Zeitbild passen, dass Sprache und Bürgerbild mir suggerierten. Was an meiner speziellen Wahrnehmung liegen mag...

Im Übrigen ist das Geschichtchen ein gekonntes Beispiel für einen Ungeschriebenekurzgeschichtenregelbruch: lange und ausschweifende Einleitung, in der Zusammenhänge breit betreten werden, die für den eigentlichen Plot absolut unbedeutend sind. Funktioniert trotzdem. Nein, falsch, GENAU da durch.

Weil diese Namensgeschichte einen eigenen anekdotischen Wert hat. Eine Geschichte in der Geschichte: das Matrjoschka-Prinzip auf erzählerisch so zu sagen.

Und weil das kleine Püppchen dem großen die Farbe gibt. So bunt, dass der Leser ganz ohne sture Wegbeschreibung in die biedere Bürgerlichkeit der Professorenfamilie findet.

So elegant der Regel ein Bein zu stellen, das nenne ich meisterlich!

Nahm das Püppchen mit nach Haus' (aus Holz, da geht die Luft nicht raus)

__________________
Ich glaube
an das Gesetz
der kritischen Masse

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LudmillaKulikova
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Rumpelsstilzchen, bin Morgen früh aufgestanden, habe Ihre Rezension gelesen, jetzt mit sehr zufriedenem Gefühl in das Alltag steige und denke dabei: es lohnt sich, die Geschichten zu schreiben! :-))
Vielen Dank für Ihre poetische Rezension!
Liebe Grüße,
Ludmilla.

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