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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die blaue Boje
Eingestellt am 29. 01. 2006 14:24


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HFleiss
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Die blaue Boje
Die FĂ€hre ĂŒber den Wannsee schaukelte unter den Tritten der Einsteigenden. Vorsichtig, nie konnte die Greisin wissen, ob sie nicht daneben treten wĂŒrde, betrat sie das Brett zwischen Steg und FĂ€hre. Der junge stiernackige Mann im blauen Overall, der am Einstieg die Passagiere mit zusammengekniffenen Augen beobachtete, bequemte sich, ihr mit komischer Grandezza die Hand zu reichen.

„Danke, junger Mann“, sagte sie höflich und ernsthaft, ohne ihn anzublicken. Mit unsicheren Schritten durchquerte sie die bis auf den letzten Platz besetzte DampferfĂ€hre, vorbei an einer Gruppe wie Spatzen zwitschernder Touristinnen, offensichtlich EnglĂ€nderinnen, dösenden Ă€lteren Herren und auf ihre FahrrĂ€der gestĂŒtzten jungen Leuten. Unwillig sah sie sich um: Kein Sitzplatz mehr frei, sie war zu spĂ€t gekommen. Schweratmend kĂ€mpfte sie sich bis zum offenen Bug vor, ließ sich auf der einzigen freien, der hintersten Bank nieder und musterte verĂ€rgert die vor ihr sitzende Kindergartengruppe, die bis zur Bugspitze allen Platz einnahm. Ein Junge, sah sie mit schnellem und strengem Blick, ganz offensichtlich kein deutscher mit seinem dunklen Haar, saß abseits von den anderen allein mit ihr auf der Bank, eng an die Reling gedrĂŒckt.

Die FĂ€hre nach Kladow schob sich langsam vom Steg weg, der Motor begann zu stampfen. Dösend unter der Junisonne lag der Wannsee, in dunklem TĂŒrkisgrĂŒn, das in der Ferne beinahe schwarz wirkte, Baumstreifen sĂ€umten das Ufer, weiß schimmerten EinfamilienhĂ€user und Villen durch das Laub. Die FĂ€hre war vollbesetzt, jugendliche Stimmen drangen vom Oberdeck, jemand kreischte, ein Lachen flog ĂŒber den See. VergnĂŒgt wiesen die Kinder mit Fingern auf alles, was sich bewegte: ein Segelboot, ein Ausflugsdampfer, eine schaukelnde Boje, ein Flugzeug hochoben, Möwen ĂŒber dem Wasser. Die Kinder hielten sich die Ohren zu und duckten sich. „Huh, die Möwen fressen uns, sie fressen uns!“ Die KindergĂ€rtnerin saß breit und unbeweglich auf dem Platz vor der alten Frau und wies die LĂ€rmenden, wie es sich doch wohl gehört hĂ€tte, nicht zurecht. Unwillig starrte die Greisin ĂŒber die Köpfe hinweg auf das ferne Ufer.

Sie kĂŒrzte sich gern mit der FĂ€hre den Weg ab, immer wenn sie in die Stadt wollte, die Fahrt mit dem Bus um den ganzen Wannsee herum war ihr zu langwierig. Doch heute war ihr die Freude genommen, denn schon frĂŒh am Morgen, halb ausgeschlafen, war sie aufgebrochen, von Kladow quer ĂŒber den See, zur Schwiegertochter in der Stadt, und vergeblich hatte sie den Sohn an sein Versprechen erinnert, ihr die Enkelin jeden Monat fĂŒr ein paar Stunden in den Garten mitzugeben. Aber Sohn und Schwiegertochter, das Kind war nicht gefragt worden, hatten abgewehrt: Nicht heute, Schularbeiten. In den Ferien! Ach, nichts als Ärger, der Tag war verdorben.

Die Luft roch nach Tang, der Wind hatte auf einmal aufgefrischt, das gierige Gekreisch der Möwen, die um die FĂ€hre herumjagten, klang unangenehm in den Ohren, der Blick ĂŒber den See hin zum Ufer war allzu gewohnt.

Sie kramte einen Seidenschal aus der Tasche, steckte ihn tief in den Halsausschnitt, wie schnell konnte sie sich hier auf dem Dampfer, bei diesem Wind, etwas holen.

Das Kind, das neben ihr auf der Bank saß, noch immer eng an die Reling gedrĂŒckt, ein Junge mit ausdrucksvollen dunklen Augen, hatte sie aufmerksam beobachtet: wie sie den Schal hervorholte, wie sie ihn sich umband und dabei erschauerte, nur ganz leicht, aber das Kind hatte es bemerkt.

Von dem Blick des Jungen verunsichert, fragte sie: „Willst du das Tuch? Ist dir auch kalt?“ Sie musste sich zu ihm hinĂŒberbeugen, das Stampfen des Bootsmotors und der Fahrtwind zerrissen die Worte, der Junge verstand sie wohl nicht.

„Ist dir kalt?“, fragte sie noch einmal. Das Kind sah sie mit großen Augen an, senkte den Kopf und sagte etwas, was sie nicht verstand.

„Sprich lauter“, sagte sie, „zuviel LĂ€rm, ich verstehe dich nicht.“

AbschĂ€tzig und misstrauisch musterte der Junge sie. „Wie heißt du?“, fragte er unvermittelt.

Die alte Frau lĂ€chelte, noch immer kannten die Kinder nur das Du fĂŒr Erwachsene. „Ich bin Anna“, sagte sie, „und du, wer bist du?“

„Arkan, ich bin Arkan“, sagte er und verzog das Gesicht zu einem schwachen LĂ€cheln.

Steif richtete sie sich auf, ĂŒbergangslos, und presste sich mit dem ganzen Leib an die RĂŒckwand.

„Du bist TĂŒrke“, sagte sie frostig.

Arkan nickte, das LÀcheln war verflogen. Er rutschte noch nÀher an die Reling heran.

„Und wie alt bist du?“, fragte sie und sah auf den See hinaus, keine Antwort erwartend. Es war dumm von ihr, dass sie weiter mit ihm sprach, sie mĂŒsste dem GesprĂ€ch ein Ende machen. Nicht, dass der Junge mit den schönen Augen ihr unsympathisch war. Aber TĂŒrke, nein, mit TĂŒrken wollte sie nichts zu tun haben, egal, ob mit Erwachsenen oder Kindern. Was wollten all die vielen TĂŒrken in Berlin? In den vergangenen Jahrzehnten waren allzu viele von ihnen mit ihren von Kopf bis Fuß verhĂŒllten Frauen nach Berlin gekommen; sogar bis hierher, auf die FĂ€hre ĂŒber den Wannsee, weitab von Kreuzberg und Wedding, waren sie also gelangt. AbschĂ€tzig sah sie den Jungen an: Auch er wĂŒrde einmal einer dieser Machos werden, die ihre Frauen verprĂŒgelten und sie zwangen, sich zu verhĂŒllen, dass sie wandelnden LitfasssĂ€ulen glichen. Und dazu noch dieses tĂŒrkische Kauderwelsch, warum lernten sie nicht Deutsch, das Menschen wie sie auch verstehen konnten?

„Zwei, zwei Jahre“, sagte der Junge stotternd und so leise, dass sie ihn kaum verstand und die Hand ans Ohr legen musste, „ich bin zwei Jahre.“

„Nein!“ Sie lachte auf. „Das glaube ich nicht, du bist doch Ă€lter, mindestens fĂŒnf Jahre bist du alt. Du schwindelst ja!“
Das GesprĂ€ch begann sie zu amĂŒsieren.

„Was ist schwindelst?“

„Schwindeln ist“, sagte sie, und sie zupfte den Schal zurecht, als mĂŒsse sie sich auf eine lange ErklĂ€rung vorbereiten, „Schwindeln ist, wenn man sagt, man ist zwei, aber in Wirklichkeit ist man schon fĂŒnf. So wie du. Du schwindelst.“

„Ich weiß nicht, was ist fĂŒnf. Sag es.“

Viel Platz war zwischen ihnen, beide saßen an den Enden der Bank, sie noch immer starr und aufrecht, an die RĂŒckwand gepresst, als bewahrte sie nur so ihre AutoritĂ€t, er klammerte sich an die Reling, als könne sie ihn beschĂŒtzen.

„Komm, Kind, ich erklĂ€r es dir“, sagte die Frau. Der Junge ließ die Reling los. Zögernd erhob er sich, eingeschĂŒchtert von dem befehlenden Ton, und blieb abwartend vor ihr stehen, gespannt und gewĂ€rtig, sofort zurĂŒckzuspringen.

„Gib mir deine Hand“, forderte sie ihn auf. Halb widerwillig, halb gespannt auf das Kommende, ließ er es geschehen, dass sie die gebrĂ€unte Kinderhand nahm und den Daumen herabbog.

„Eins, das ist eins“, sagte sie. „Und jetzt“, sie bog den Zeigefinger herab, „jetzt kommt zwei, der Mittelfinger drei, der Ringfinger vier, und fĂŒnf, fĂŒnf, Junge, das ist der kleine Finger. Du hast fĂŒnf Finger an der Hand. Und du bist fĂŒnf Jahre alt, nicht wahr?“

„Ich nicht schwindelst“, sagte Arkan. Er entriss ihr seine Hand, stĂŒrzte an seinen Platz zurĂŒck und barg den Kopf an der Reling. Misstrauisch sah er sie aus dem Augenwinkel an.

Eine Boje kam in Sicht, blassgrĂŒn schaukelte sie im Wasser.

„Das ist blau“, sagte Arkan, „was ist das?“

„Das“, sie sah hinĂŒber zur Boje, „ach, das ist eine Boje fĂŒr die FĂ€hre. Damit der KapitĂ€n weiß, wo er fahren darf. Aber sie ist nicht blau. Sie ist grĂŒn.“

„Nein!“ Empört sah Arkan ihr ins Gesicht. „Blau!“

Nun musste sie doch lĂ€cheln. „Meinst du?“, fragte sie und beugte sich Arkan entgegen. „Die Boje ist blau?“

„Ja, blau! Blau!“ Arkan war auf die Bank geklettert und beugte sich weit ĂŒber die Reling. „Blau!“, rief er den Möwen zu, „blau, blau!“

Ehe sie sich ihr Tun erklĂ€ren konnte, hatte sie seine Beine umklammert und ihn zurĂŒckgerissen, in ihre Arme, die sich um den Jungenkörper krampften, als wolle sie ihn nie mehr loslassen.

„Aber Junge!“ Sie keuchte, der Schreck ließ sie zittern. Niemand, auch nicht die vor ihr sitzende KindergĂ€rtnerin, schien etwas bemerkt zu haben.

Das Ufer kam immer nÀher. Ein Paddler rief den Kindern etwas zu, hob sein Paddel und tat, als wolle er sie vollspritzen. Alles juchzte und schrie, nur Arkan starrte beschÀmt auf das Wasser.

„Sie ist grĂŒn, Arkan, die Boje ist grĂŒn“, sagte die alte Frau in das Geschrei hinein und mehr zu sich selbst, und ihr Blick verlor alle Strenge, „glaub es mir.“ Sie war gekrĂ€nkt. Noch immer zitterte ihre Stimme.

Einen Augenblick lang musterte Arkan sie nachdenklich und verharrte an seinem Platz. BedĂ€chtig rĂŒckte er dann von der Reling ab und schob sich nĂ€her an die alte Frau heran. Dann hob er den Kopf und griff schĂŒchtern nach ihrer Hand.

Warum, mein Gott, wurde ihr plötzlich so warm? So warm, als sĂ€ĂŸe die Enkelin neben ihr? Sie spĂŒrte, dass ihre Augen feucht wurden. „Was fĂŒr ein schrecklicher Wind heute auf dem Wannsee“, sagte sie und nestelte mit einer Hand ihr Taschentuch hervor.

„GrĂŒn“, sagte Arkan, „grĂŒn.“ Er spitzte den Mund, als wolle er das Ü ausprobieren. „Das“, er wies mit dem Finger auf die Boje, die jetzt schon weit hinter ihnen im Wasser schaukelte und kaum noch zu erkennen war, „das ist grĂŒn.“ Er strahlte, er war von der Bank heruntergeglitten. „Nicht blau“, sagte er, „grĂŒn.“ Er schmiegte sich an die Greisin und drĂŒckte ihre Hand. „Anna“, sagte er.

Die FĂ€hre stampfte unversehens, begann zu wenden und legte am Steg an.

„Schon Kladow“, sagte die alte Frau, und sie war ein bisschen enttĂ€uscht, „wir sind da, Kind.“

Arkan riss sich los, lÀchelte sie wie entschuldigend an und verschwand blitzschnell im GedrÀnge der Aussteigenden. Einen Moment lang glaubte sie seinen schwarzen Haarschopf noch inmitten der Kindergruppe auf dem Steg ausmachen zu können.

Sie lĂ€chelte nachsichtig und ging nach vorn zum Bug, sie mochte das Geschubse und Geschiebe beim Aussteigen nicht. Blinzelnd sah sie hinaus auf den Wannsee, der wie ein riesiger TĂŒrkis in der Sonne schimmerte. Die Möwen umflogen noch immer die FĂ€hre. Sie blinzelte, als sie ihnen nachblickte. Alles wie sonst auch. Trotzdem, etwas war anders als auf allen bisherigen Fahrten ĂŒber den See. Plötzlich begriff sie: Anna. Der Junge hatte Anna gesagt.



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herb
???
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Hallo HFleiss,

deine Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Sie ist einfach anstÀndig erzÀhlt und kommt ohne Effekthascherei aus.

lieben Gruß

herb
__________________
hier Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. KĂ€stner

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 0
Kommentare: 791
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Hallo HFleiss,

ein wirklich schönes StĂŒckchen Literatur.
Vielleicht ein ganz kleines (!!!) bißchen weniger AtmosphĂ€re...
...aber das ist nur mein persönlicher Geschmack.
Bitte mehr davon :-).

Viele GrĂŒĂŸe

Rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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flammarion
Foren-Redakteur
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Registriert: Jan 2001

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einfach

zum heulen schön.
lg
__________________
Old Icke

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ENachtigall
Foren-Redakteur
???

Registriert: Nov 2005

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Hallo HFleiss,

eine wirklich liebevoll geschriebene Alltagsgeschichte, aber eben nicht alltÀglich.

Mir gefĂ€llt vor allem am Schluss, dass die Dame so gerĂŒhrt ist, mit ihrem Vornamen angesprochen worden zu sein. Das passiert tatsĂ€chlich in manchen Lebenssituationen nur noch selten, wenn man zurĂŒckgezogen lebt, Freunde oder Lebenspartner fehlen, oder ein anderer Name (Oma, Mama, Frau Sowieso) den eigentlichen ersetzt hat. Dann wird so ein Wiederhören zu einer ganz besonderen Begegnung.

quote:
Plötzlich begriff sie: Anna. Der Junge hatte Anna gesagt
Das hast Du sehr gut in Szene gesetzt.

Ein nachtrÀgliches "Willkommen hier"
und herzliche GrĂŒĂŸe

Elke


__________________
Wer Spuren sucht, wird Wege finden.

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Inu
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2002

Werke: 120
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Hallo Hannah

Eine anrĂŒhrende und w a h r e Geschichte bei der meines Erachtens alles stimmt. Und sie ist sehr gut erzĂ€hlt.
Nur ... woher weiß der Junge, dass sie Anna heißt.
Hab ich da was ĂŒbersehen?

Liebe GrĂŒĂŸe
Inu

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