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Leselupe.de > Humor und Satire
Die deutsche Wirtschaft & ich
Eingestellt am 13. 03. 2004 15:44


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jimKaktus
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Die deutsche Wirtschaft & ich

Oft betrachte ich so im Alltag andere Typen und finde, dass sie richtig gut gekleidet sind, und zermartere mir das Hirn, wo sie ihre Klamotten her haben. Warum ist es eigentlich so, dass andere immer gut aussehn und du selbst siehst immer Schei├če aus? Gehe ich zu selten ┬źshoppen┬╗? W├Ąre m├Âglich.

(Der Kanzler hat gesagt, dass ich Vertrauen haben soll in die deutsche Wirtschaft. Das kann ich leider nicht, solange die Deutsche Bank mir nicht vertraut. Ich h├Ątte gern ein neues Sofa, dann m├╝sste ich nicht auf dem Boden pennen oder mir wahlweise auf der Couch den R├╝cken verbiegen. M├╝ssen die gut gekleideten Typen auch auf dem Boden schlafen? Kanzler m├╝sste man sein.

Ich muss mich wohl zu den Angstsparern rechnen lassen. Angstsparer sein ist ganz ok. Ich spare mir zum Beispiel die Angst, die ich kriege, wenn ich in ein Gesch├Ąft gehe und die Preise sehe f├╝r Ware, die mir nicht gef├Ąllt. Was muss ein Laden f├╝r Kosten haben, um so viel f├╝r so wenig zu verlangen?)

Zum vielleicht letzten Winterschlussverkauf hab ich mich dann doch mal wieder getraut. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Eines Abends bin ich also bei Dunkelheit und str├Âmendem Regen zum Einkaufscenter hin. Ich hasse Einkaufscenter. Erstens wegen dem warmen Gebl├Ąse an der Eingangst├╝r, zweitens wegen der klimatisierten Luft, drittens wegen den Kopfschmerz verursachenden Parf├╝merien und viertens wegen diesem hellen Licht, das auch die Superm├Ąrkte und sogar die Sendungen des Shoppingkanals schattenlos ausleuchtet. F├╝nftens wegen dem ganzen Glas und Chrom, sechstens, weil es nur Rolltreppen, keine normalen Treppen gibt und die Rolltreppen voller Leute sind, siebtens, weil ├╝berhaupt zu viele Leute da sind, achtens wegen der krank machenden Musik, neuntens wegen der Werbung und den Achtung-Achtung-Durchsagen und der ganzen Playmobil-Bahnhofsatmosph├Ąre und zehntens, weil alles das zusammen kommt. Darum hasse ich, um es noch mal zu sagen, Einkaufscenter.

Ich habe daraus gelernt und organisiere meinen Einkauf gew├Âhnlich wie einen Bank├╝berfall. Erst streiche ich eine Weile um das Center herum, schaue durch die Scheiben, studiere die Namen der Gesch├Ąfte, mache mir Notizen und male mir von der gro├čen Metalltafel die Grundrisse der relevanten Etagen ab. Dann zeichne ich den Weg zu den einzelnen Gesch├Ąften ein, wo ich zuschlagen will. Ich hole noch einmal tief Luft und st├╝rze mich ins Gewimmel. Diesmal stehen Jeans- und Modegesch├Ąfte auf meiner Liste.

In der Dreht├╝r f├Ânt mir das Gebl├Ąse den Hosenboden. Ich betrete das Einkaufscenter. Es erklingt die typische Weichsp├╝lermusik. Kein Mensch zu sehen. Bin ich tot? Es ist unheimlich, ein bisschen wie in diesen Geisterst├Ądten im Western. Fehlt nur, dass ein Rollbusch vorbeikullert. Meine Hand schnellt an die Hosennaht. Ich bin unbewaffnet. Trotzdem gehe ich ziemlich breitbeinig in das erste Jeansgesch├Ąft.

┬źHi Molly┬╗, sage ich zu der Dunkelhaarigen. Ich habe das in einem Film gesehen. Sie sagt nichts. Sie hat den Film wohl nicht gesehen. Und wahrscheinlich ist sie irritiert, weil ich mit ihrem Ausschnitt geredet habe. Aber der ist genau auf Augenh├Âhe. Ich schaue mich um nach Reduziert-Schildchen oder dergleichen. Ich schaue Molly an und verziehe den Mund und kaue auf meinem nicht vorhandenen Kaugummi. Molly sagt nichts. Ich gehe wieder raus. Ich kann nach so einem Auftritt nicht fragen, wo die reduzierten Sachen sind. Billy the Kid fragt nicht nach reduzierten Sachen.

Im n├Ąchsten Gesch├Ąft bedient eine ├Ąltere Frau und das ist gut. Zwar werde ich nun automatisch in die Sohnrolle gedr├Ąngt, aber hier kann ich mich nicht blamieren. Bei einer ersten Runde hat nichts meinen Jagdinstinkt angeknipst. Ein paar T-Shirts k├Ânnten mir gefallen. Aber sie m├╝ssten mir schon richtig gefallen. Wahrscheinlich haben sie andern Leuten auch nicht gefallen und sind deswegen noch hier. Der Winterschlussverkauf hat Montag begonnen. Heute ist Donnerstag.

Dann gibts da noch eine halbwegs brauchbare Hose. Wieder einmal habe ich mit nur einem Griff ins Regal das teuerste Teil im ganzen Laden gefunden. Die Jagd geht weiter.

┬źHaben Sie unsere reduzierte Ware gesehen?┬╗, ruft mir die Frau nach.

Bestimmt habe ich sie gesehen. Ganz kurz. Die Frau tut mir pl├Âtzlich leid. Ich sehe sie Dutzenden von Leuten nachrufen: ┬źHaben Sie unsere reduzierte Ware gesehen??┬╗ Und Dutzende von Leuten gehen einfach weiter. Wie ich. Man muss knallhart sein. Die Zeiten sind knallhart.

N├Ąchste Station ist ein Laden, wo zur Abwechslung ein Mann hinterm Tresen steht - beziehungsweise, als ich reinkomme, losgeht, um zum siebzehnten Mal an diesem Tage die Jeanshosen zu sortieren. Ich freue mich ├╝ber den Mann. Das ist was anderes als die ├Ąltere Frau, die mich angel├Ąchelt hat wie ihren Sohnemann, und was anderes als die typischen jungen Jeansladenverk├Ąuferinnen, die dich ansehen und sofort wissen, dass du eine Null bist, und darum auch keine Lust haben, dich zu bedienen.

Ich nenne ihm meine Gr├Â├če. Er runzelt die Stirn. Das Leben ist knallhart f├╝r jemanden mit drei├čig-zweiunddrei├čig. Zwei Minuten sp├Ąter stecke ich in einer Hose, die vorher in meiner Hand gar nicht schlecht ausgesehen hat. Ich betrachte mich im Spiegel und denke: wenn ich eine Frau w├Ąre, w├╝rde ich mir gefallen. Es fehlt nicht viel und die Hose w├Ąre hauteng. H├Ąlt der mich f├╝r schwul? Und was soll diese Schnalle ├╝ber meinem Hintern? Es sieht aus wie ein Schleifchen, ein Schleifchen wie es kleine M├Ądchen im Haar tragen bevor ihnen ihr Daddy einen Igelschnitt verpasst.

Ich m├Âchte den Mann fragen, ob es nicht noch solche Hosen gibt, wie er selbst anhat. Er tr├Ągt eine hellgraue Hose mit Taschen an den Seiten. Doch er kommt mir zuvor: mit einer neuen Hose und hei├čt mich, sie anzuziehen. Erst als ich sie anhabe, wird mir die Katastrophe in ihrem vollen Umfang bewusst. Die Hose hat auf jedem Oberschenkel eine Tasche mit Druckknopf und sieht davon abgesehen, leger, griffiger Stoff, interessante Farbe, nicht zu eng, nicht zu weit, eigentlich wunderbar aus. Ich frage, ob es die Hose auch ohne die Taschen gibt. Er sch├╝ttelt langsam den Kopf. Nimm die Hose oder verschwinde. Ich verschwinde. Das Leben ist knallhart. Aber mit Betreten des Einkaufscenters habe ich in den Zirkus eingewilligt. Davon gehen sie aus.

Am Ende habe ich irgend so eine neumodische Hose gekauft, die halb aus einer Bluejeans und halb aus einer Cordhose mit beige-blauem Tarnfarbenmuster zusammengestrickt wurde. Ich sehe damit aus wie eine Atomkuh. Es ist wirklich nicht leicht, der deutschen Wirtschaft zu vertrauen. Aber die andern Clowns sehen oft noch viel verstrahlter aus. Es gibt die Proleten. Die haben wohl am meisten Vertrauen in die deutsche Wirtschaft (deutsche Br├Ąunungscenter eingeschlossen) und vertrauen auch den Modeexperimenten der um neue Trends ringenden Bekleidungsfirmen. Dann gibt es diese Oasis-Typen, die meinen, aus dem Rahmen zu fallen (und sehn aus wie aus dem H&M-Poster gest├╝rzt); und es gibt jene Individuen, die den Kleidungskauf v├Âllig aufgegeben haben. Ich geh├Âre zu den Unbelehrbaren. Dazu muss man knallhart sein und knallbescheuert. Ich werde weiterk├Ąmpfen, werde weiter nach Kleidung f├╝r mich suchen. Und wenn ich mir damit selbst nicht diene, so diene ich doch wenigstens der deutschen Wirtschaft.



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flammarion
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hm,

k├Ânnte n wenig k├╝rzer sein. aber gefallen hat es!!!
lg
__________________
Old Icke

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jimKaktus
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Re: hm,

quote:
Urspr├╝nglich ver├Âffentlicht von flammarion
k├Ânnte n wenig k├╝rzer sein.

stimmt. manchmal hab ich lust, mich ├╝ber ein thema so richtig breit u gen├╝sslich auszulassen. (ob ich mir das erlauben kann? ich hoffe es. die geschichte ist nat├╝rlich eigentlich total nichtssagend u auf preiswerte pointen orientiert.)

gru├č,
jim


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gox
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Hallo jimKaktus,

sch├Âne Geschichte!
Ich schlie├če mich flammarion an, deutlich gek├╝rzt und sprachlich etwas gestrafft k├Ânnte sie deutlich witziger sein. Der Angstsparer hat mir gut gefallen ;-)

Viele Gr├╝sse vom gox
__________________
Das Unm├Âgliche ist immer denkbar und das Denkbare ist immer m├Âglich

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Bonnie Darko
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Hi Jim,

ja, ich schlie├če mich an: Du hast viele witzige Ideen in deinem Text, aber insgesamt wirkt er noch ein bi├čchen unfertig. Nichtsdestotrotz habe ich mich gut unterhalten gef├╝hlt.

Lieblingsstellen:
Playmobil-Bahnhofsatmosph├Ąre
"f├Ânt mir das Gebl├Ąse den Hosenboden"
die Molly-Episode
die Verk├Ąuferin, die ihm hinterher ruft
"Das Leben ist knallhart f├╝r jemanden mit drei├čig-zweiunddrei├čig."

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jimKaktus
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Dec 2003

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Hi Leute!

Vielen Dank f├╝r Eure R├╝ckmeldungen! den Text straffen w├Ąr vorteilhaft, das stimmt. Ich werde ihn daraufhin noch mal anschauen.

@Bonnie: So ein Feedback der Lieblingsstellen ist wirklich sehr informativ. Man kriegt es sonst erst beim Lesen vor Publikum mit, welche Stelle vielleicht wirkt.

LG,
jim

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