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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die dritte Chance
Eingestellt am 24. 05. 2001 12:47


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hades
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Die dritte Chance

Du hattest drei WĂŒnsche frei“
Ich schaute leicht ĂŒberrascht von meinem Buch auf. An meinem Tisch hatte sich eine junge Frau direkt mir gegenĂŒbergesetzt und blickte mich mit funkelnden, etwas belustigt wirkenden, dunklen Augen an.
Ihr Kopf war an den Seiten und hinten kurzgeschoren und hatte oben auf kleine struppige schwarze Locken. Sie trug eine rote seidige Bluse und darĂŒber eine schwarze leinenartige Jacke, deren Ärmel sie zur HĂ€lfte hochgekrempelt hatte. Die Hose war von der gleichen Art wie ihre Jacke; den Schnitt konnte ich aus dieser Position nicht beurteilen. Die oberen drei Knöpfe ihrer Bluse trug sie offen, ein lĂ€ssig gewickeltes hellblaues Seidentuch mit StrichmĂ€nnchenmotiven rundete ihre Kleidung geschmackvoll ab. Als einzigen Schmuck bemerkte ich einen silbernen Ring an ihrem Ringfinder der linken Hand und eine silberne Armbanduhr am rechten Handgelenk. Ihr Gesicht hatte einen sauberen Teint und die Augenbrauen waren zu dĂŒnnen Strichen gearbeitet. Über ihrer Schulter hin ein unauffĂ€lliger schwarzer Lederbeutel, der nun auf dem Tisch auflag, als sie ihre Ellbogen auf den Tisch stĂŒtzte und ihr feines Kinn in beide HandflĂ€chen legte. Obwohl ihre Augen belustigt funkelten, machte ihr Mund einen durchaus ernsten Eindruck.
Ich war in Gedanken noch halb bei meinem Buch, als ich sie musterte und irgendwie erinnerte sie mich an diese Frau in der Geschichte.
„Michaela“, unterbrach sie meine wohl etwas schwerfĂ€llige Reaktion und wie in Trance nannte ich ihr meinen Namen.
„Du hattest drei WĂŒnsche frei“, wiederholte sie, „zwei davon hast du bereits vertan, und ist dir nur noch der letzte offen; du bekommst heute Nacht die dritte und letzte Chance und ich bin die Fee, die dir diesen alles entscheidenden Wunsch erfĂŒllen kann. Ich legte das Buch nun vollends zur Seite, blickte in ihre tiefen dunklen Augen und sagte:
„Du bist es also. Ich habe lange auf dich gewartet; nur heute habe ich noch nicht mir dir gerechnet.“
Michaela lĂ€chelte nun, und blitzweiße ZĂ€hne funkelten mir entgegen. Sie ergriff meine beiden HĂ€nde und drĂŒckte sie.
„Ich habe uns noch einen Rotwein bestellt; danach gehen wir zu mir.“ Der Kellner brachte den Wein und wir bezahlten gleich.
„Wie hast du mich gefunden?“, fragte ich, als er gegangen war.
„Ich brauchte dich nicht zu suchen, nur warten. Ich wusste, dass du eines Tages kommst.“ Wieder drĂŒckte sie meine HĂ€nde, und diese Zuwendung tat mir gut.
„Es wird sehr schwer fĂŒr dich werden“, sagte sie, „erfĂŒllt sich doch heute Nacht Dein Schicksal. Wenn du mir die richtigen Fragen stellst, kann ich dir helfen. Du hast mich heute immerhin erkannt, und das ist ein großer Vorteil gegenĂŒber den letzten Malen, als du mich nicht wahrgenommen hast. Deine letzte Chance ist also auch eine sehr gute. Habe daher Selbstvertrauen und den Mut, dich zu erkennen.“

Ich blickte Michaela in die Augen und ihre Hand fuhr durch mein Haar. Wir tranken unseren Wein und verließen das Lokal. Auf der Straße umschlang sie meine HĂŒften und drĂŒckte sich fest an mich. Ohne Worte zu wechseln schlenderten wir die dunkle Straße hinunter, bogen in eine Wohnstraße und stoppten vor dem gusseisernen Tor eines ausgedehnten freistehenden Bungalows.
„Hier sind wir“, sagte sie und zog einen SchlĂŒsselbund aus ihrer Ledertasche. Michaela öffnete das Tor und nahm mich bei der Hand. Sie zog mich zur HaustĂŒr, öffnete sie, und wir betraten eine großzĂŒgige Halle. Das Licht erleuchtete selbsttĂ€tig. Sie fĂŒhrte mich durch die TĂŒr direkt gegenĂŒber dem Eingang. Als wir den Raum betraten, leuchtete auch hier das Licht selbsttĂ€tig auf. Wir befanden uns in einer aufwendig ausgestatteten Lounge. Auf der rechten Seite gab es eine Bar. Michaela forderte mich auf, es mir bequem zu machen und wies auf eine große gepolsterte Sitzgruppe in der Mitte des Raumes hin. Ich ließ mich in eine schwere weiche Couch fallen und Michaela verschwand hinter der Bar. Mit den ersten KlĂ€ngen einer Meditationsmusik dĂ€mpfte das Licht im Raum erheblich ab. Michaela kam mit zwei gefĂŒllten RotweinglĂ€sern in den HĂ€nden um die Bar herum und setzte mir eines auf das Kristalltischchen neben meiner Couch. Sie behielt ihres in der rechten Hand und sagte:
„Entschuldige mich einen Moment, ich muss noch einiges vorbereiten.“ Mit schwingenden HĂŒften verließ sie den Raum durch eine TĂŒr, hinter der ich ein Badezimmer vermutete. Ich nahm das Weinglas, lehnte mich nach hinten und ließ die Meditation auf mich einrieseln; ich fĂŒhlte mich sehr wohlig. Ich konnte von meinem Platz direkt auf einen offenen Kamin blicken, in dem gerade in diesem Augenblick wie von Geisterhand gezĂŒndet ein loderndes Feuer auffachte. Beinahe gleichzeitig entzĂŒndeten sich ebenfalls selbsttĂ€tig sieben Fackeln, die um die Sitzinsel verteilt angeordnet waren und die ich erst in diesem Moment wahrnahm. Das elektrische Licht schaltete sich vollends ab und ich war mir nicht sicher, ob ich mich in einem Vorraum zur Hölle oder im Paradies befand.
Die beruhigende Musik ließ mich eher letzteres vermuten. Nun erschien auch Michaela wieder durch die TĂŒr des Badezimmers und ihr Outfit ließ mein Herz eine Zehnerpotenz schneller schlagen. Sie trug ein dĂŒnnes, leichtes NegligĂ©, so dass ich ihren schön gebauten Körper praktisch unverhĂŒllt wahrnehmen konnte. Sie schwebte zu mir herĂŒber und ließ sich mit einem tiefen Seufzer in meinen Schoß fallen. Sie kuschelte sich dicht an mich, nahm meinen Kopf zwischen ihre HĂ€nde und kĂŒsste mich leidenschaftlich, so dass mir fast die Sinne schwanden. Ihr Geruch betörte mich. Mit geschickten Fingern entkleidete sie mich und begann meinen Körper von oben bis unten zu kĂŒssen. Ich war eine willenlose Masse. Wir fielen in einen tiefen und wilden Liebesrausch, aus dem wir uns nach etwa drei Stunden erschöpft in die weichen Polster fallen ließen. Die Musik hatte lĂ€ngst eine neue Variante der Meditation erklommen. Mit geschlossenen Augen hörte ich zu und trĂ€umte.

Ich schreckte hoch. Die Fackeln waren erloschen und auch der Kamin loderte nicht mehr. Weißes grelles Licht erfĂŒllte den Raum und die Musik spielte aus der Phantastischen Sinfonie den Gang zum Schafott. Sehr schwarz gekleidete riesige MĂ€nnergestalten standen in Spalier mit Richtbeilen bewaffnet vor meiner Couch. Sie trugen schwarze Masken. Sie eskortierten Michaela, die sich völlig verĂ€ndert hatte. Sie tragen einen langen schwarzen Umhang. Ihre Augen blickten mich kalt an und von ihrem Mund war jede Spur von GĂŒte verschwunden.
„Richtet ihn auf“, befahl sie den MĂ€nnern. Zwei von ihnen zerrten mich hoch und zwangen mich in ihre Mitte, so dass ich Michaela direkt in die Augen blicken musste.
„Du hast wieder versagt und Deine letzte Chance vertan“, hob sie an. „Ich war zweimal bei dir, und du hattest mich nicht erkannt. Dir wurden zwei WĂŒnsche erfĂŒllt, die dir aber nichts einbrachten. Aber es war bestimmt, dass du einen dritten Wunsch frei hattest. Damit hĂ€ttest du Dein Leben verĂ€ndern können. Du hattest die Chance, dich mit deinem Ich auszusöhnen. Um dir das zu ermöglichen, bin ich heute Abend an dich herangetreten und habe dir die Hand gereicht. Du warst auf einem guten Weg der Selbsterkenntnis; aber dann hast du dich mir mit der bloßen, gierigen fleischlichen Lust hingegeben und damit Dein Leben verwirkt. Dein letzter Wunsch war die geile Lust, und dieser ist dir nun erfĂŒllt worden. Dein letzter Wunsch war auch Deine letzte Chance; nun bleibt dir nichts mehr.“
„Aber du hast mich doch verfĂŒhrt“, schrie ich. „Ich habe es auch sehr genossen“, sagte sie, „aber um mich geht es hier nicht.“
„Ich weiß nun, was ich tun muss“, rief ich, „ich brauche noch eine allerletzte Chance. Ich weiß es erst jetzt, noch eine einzige Chance.“
„Die hast du vertan“, sagte Michaela und grinste mir kalt ins Gesicht.
„Bitte, gib mir noch eine Chance“, flehte ich sie an.
UngerĂŒhrt spuckte sie vor mir aus.
„Richtet ihn“, befahl sie den MĂ€nnern. die Beiden, die mich festhielten, zerrten mich zum Kamin. Zwei andere gingen vor und, die beiden letzten folgten uns. Vor dem Kamin lag ein großer Baumstumpf, hinter dem sich Michaela bereits postiert hatte. Die beiden MĂ€nner drĂŒckten meinen Kopf auf den Hackklotz und banden mir eine Schelle um die Stirn. Sie nagelten die Enden dieser Schelle an den Holzstumpf, so dass ich gegen die Decke des Raumes starren musste; meinen Kopf aber nicht mehr bewegen konnte. Die Phantastische spielte bereits den Tanz der Hexen auf meinem Grab. Mit verzerrtem Gesicht beugte sich Michaela ĂŒber mich und drĂŒckte mir einen kalten Kuss auf den Mund.
„Lebe wohl, mein Liebling. Ich habe dich immer geliebt. Doch du hast nicht erkannt, was wichtig fĂŒr mich war. Jetzt bekommst du Deine gerechte Strafe.“
Ich verstand das alles nicht mehr und schrie mit aller Kraft, die mir noch zur VerfĂŒgung stand: „Ich brauche eine allerletzte Chance, bitte.“
TrĂ€nen schossen in großen Strömen aus meinen Augen, in meine Nase, in meinen Mund; ich drohte an ihnen zu ersticken.
„Eine Chance“, röchelte ich, und das erlösende Beil des Henkers befreite mich von meinem Leiden.

© November 1999

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