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Leselupe.de > Erzählungen
Die eisige Nacht vor Heiligabend
Eingestellt am 06. 12. 2014 16:47


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Ciconia
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Die Hafenkulisse mit ihren unzähligen Lichtern versteckt sich heute hinter Nebelschleiern. Nur schemenhaft sind einzelne Schiffe und Kräne zu erkennen. Während ich den Koffer von der Ablage hieve, läuft hinter mir im Abteil ein Radio mit den 17-Uhr-Nachrichten: „ … zu seinem heutigen 60. Geburtstag lud Bundeskanzler Helmut Schmidt ...“, übertönt von der Durchsage „In wenigen Minuten erreichen wir Hamburg-Hauptbahnhof“. Nach mehr als sieben Stunden liegt die erste, größte Etappe dieses Tages hinter mir.

Der Personenzug in die Kreisstadt füllt sich schnell. Einzelne Berufstätige, die an diesem langen Samstag arbeiten mussten, aufgedrehte Familien mit rotwangigen Kindern und großen Einkaufstüten, angeheiterte junge Männer, die lautstark diskutieren, welcher Glühwein der beste gewesen sei. Morgen ist Heiligabend. Weihnachtliche Stimmung will bei mir nicht aufkommen, dazu bin ich viel zu angespannt.
Bald ruckelt der Zug durch die Dunkelheit. Ich döse vor mich hin. Selbst nach sieben Jahren komme ich immer noch mit gemischten Gefühlen zu Besuch ins Elternhaus. Einerseits kann ich mich über die Feiertage von der Mutter verwöhnen lassen, andererseits weiß ich nie, welche Katastrophen es diesmal geben wird. Der Mutter bedeutet es sehr viel, dass ihre Tochter zu Weihnachten „nach Hause“ kommt, auch wenn ich mein Zuhause längst woanders sehe. Mein Bruder hat sich inzwischen komplett vom Elternhaus losgesagt und kommt seit einer Prügelattacke des Vaters nicht mal mehr zu Weihnachten. Er war stets der Konsequentere, mir wurde eingeredet, die „Vernünftigere“ sein zu müssen. Hätte ich besser nicht kommen sollen? Ich wäre über die Feiertage allein gewesen. Die meisten Freundinnen feiern bei den Eltern. Auch Torsten, mein Freund seit vier Monaten, ist Anfang der Woche zu seiner Mutter nach Norddeutschland gefahren.

Am Bahnhof wird mich niemand abholen. Die Eltern haben ihren altersschwachen Mercedes Diesel kürzlich verkauft, nachdem man dem Vater endgültig den Führerschein abgenommen hatte. Zu oft war er betrunken am Steuer erwischt worden. Die Mutter erzählt am Telefon sicher nicht immer die ganze Wahrheit, doch ich habe gelernt, aus dem wenigen Gesagten auch das Ungesagte heraus zu hören.
Erst bei der Ankunft bemerke ich, dass der Zug fast eine Viertelstunde zu spät ist. Der letzte Bus in mein Heimatdorf hat nicht auf die Bahnfahrgäste gewartet, ich werde mir ein Taxi nehmen müssen. Das geht zwar schneller, aber die zwanzig Mark schmerzen.
Die Mutter öffnet die Haustür, kaum dass das Auto in die Einfahrt gebogen ist. Wahrscheinlich hat sie schon längere Zeit im Dunkeln am Fenster gesessen, wie früher, wenn ich mal später heimkam.
„Da bist du ja endlich!“ Ihre übliche Begrüßung, egal, wie früh ich komme. Ich spüre sofort, dass sie etwas gequält lächelt. Müde sieht sie aus, ihr Gesicht fahl und die Wangen noch eingefallener als beim letzten Besuch. Um den rechten Unterarm und die Hand trägt sie einen dicken Verband.
„Wo treibt er sich denn wieder rum?“, frage ich mit einem Seufzer.
Die Mutter zuckt die Schultern.
„Eigentlich wollte er heute Nachmittag nur kurz bei Wolters vorbeischauen.“
„Kurz“ und „Wolters“ passen nicht zusammen, das wissen wir beide. Er meidet die einzig verbliebene Gastwirtschaft im Ort, womöglich hat er dort sowieso Lokalverbot. Gründe dafür gibt es bestimmt genug. Im Getränke-Hausverkauf von Wolters dagegen kostet das Bier nur die Hälfte, außerdem gibt es bei der Großfamilie Wolters immer jemanden zum Klönen. Da kann man schon mal ein paar Stunden hocken bleiben und das von der Mutter zugeteilte Taschengeld gemütlich versaufen.
„Du hast sicher Hunger“, wechselt die Mutter das Thema, „ich hab Kartoffelsalat gemacht. Auf ihn brauchen wir nicht zu warten, wer weiß, wann der kommt!“ Sie schnauft verächtlich.

Ich bringe den Koffer in mein altes Zimmer, das mir von Mal zu Mal winziger und stickiger erscheint. Es ist all die Jahre unverändert geblieben. Die Mutter hat immer gehofft, dass ich irgendwann zurückkommen würde, wenigstens nach Hamburg. Doch das stand für mich völlig außer Frage. Die Gefahr, dass der Alte eines Tages vor der Tür stehen könnte, schien mir zu groß. Mehrere Hundert Kilometer Abstand bedeuten mehr Sicherheit. Als ich damals zum Studium nach Süddeutschland zog, hätte ich sie gern mitgenommen, aber sie wollte partout nicht. Ohne sie würde er vor die Hunde gehen, befürchtete sie. So gehen sie jetzt gemeinsam vor die Hunde, in einer Ehe, die sie, wie sie oft betonen, nur wegen mir eingegangen sind. Wenn ich wenigstens der vom Vater erwartete „Hartmut“ geworden wäre, hätte er vielleicht etwas mit mir anfangen können, hat die Mutter mal angedeutet. Als dann mein Bruder geboren wurde, war es schon zu spät – der Alte hatte die Lust an einem Sohn verloren und längst mit dem Trinken angefangen. Manchmal, aber wirklich nur manchmal, halte ich ihm zugute, dass seine miserable Kindheit und vor allem der Krieg wesentlich mehr in ihm zerstört haben, als er jemals zugeben würde.

Beim Essen in der groĂźen WohnkĂĽche frage ich die Mutter, warum sie einen Verband trage. Sie habe sich mit heiĂźem Wasser verbrĂĽht, behauptet sie, doch es klingt nicht sehr glaubwĂĽrdig.
In diesem Jahr war sie erstmals nicht bei mir zu Besuch, angeblich ging es ihr gesundheitlich nicht so gut. Im Sommer davor muss es in ihrer Abwesenheit zu Hause einen größeren Zwischenfall gegeben haben. Eine alte Freundin, deren Eltern in der Nachbarschaft wohnen, erzählte mir, dass der Alte eines Morgens von der Polizei zu Hause abgeliefert und „wie ein nasser Sack“ ins Haus geschleift wurde. So etwas entgeht den Nachbarn nicht und spricht sich schnell herum. Die Mutter hat diese Geschichte mir gegenüber nie erwähnt.

An der HaustĂĽr rumpelt es bedrohlich. Ich sitze augenblicklich kerzengerade.
„Mama!“, will ich die Mutter beruhigen und ihre Hand greifen, doch sie ist schon aufgesprungen.
„Wo bist du so lange gewesen? Du weißt doch, dass Gesa heute da ist!“, höre ich sie im Flur keifen.
Falsch, ganz falsch, denke ich. Warum lernt sie nie, in Ruhe mit dem Alten umzugehen? Oder ist es mittlerweile sowieso egal, wie sie ihm begegnet?
Durch die geöffnete Tür beobachte ich, wie der Alte leicht taumelnd seine Jacke auszieht. Die Mutter nimmt sie ihm ab und schiebt ihn in die Küche. Ich zögere. Soll ich ihm entgegengehen? Seine glasigen Augen, dieser stiere Blick, die Alkoholfahne, die sich sofort in der Küche verbreitet … Ich habe plötzlich das Gefühl, dass der letzte Bissen Kartoffelsalat den Weg in den Magen nicht finden kann und irgendwo im Hals stecken geblieben ist. Hastig trinke ich einen Schluck Wasser und stehe auf, mechanisch, eigentlich gegen meinen Willen.
„Na, mein Deern, schön, dass du da bist!“
Ich glaube mich verhört zu haben. Er fasst die Hand, die ich ihm halbherzig entgegenstrecke, und starrt mich lange an. Ich versuche, dem Blick standzuhalten, weiß aber sehr genau, was er in meinen Augen sehen wird, auch wenn er noch so betrunken ist: die pure Verachtung. Ich kann sie nicht verbergen, konnte es nie. In seinem Gesicht beginnt es zu arbeiten. Nervös mahlen seine Kiefer, die Augen flackern, während er meine Hand fast schmerzhaft umklammert hält. Offensichtlich fühlt er sich wieder mal unsicher, wie er mir begegnen soll. Er mustert mich, als müsse er sich noch einmal vergewissern, wen er vor sich hat. Dann, völlig unvermittelt, bricht es aus ihm heraus:
„Du Hure! Was willst du hier? Raus, raus, hau ab!“
Er löst seine Hand. Bevor er sie erheben kann, habe ich mich geduckt und blitzschnell zwei Schritte in Richtung Tür gemacht. Die Erfahrung vieler Jahre zahlt sich aus. Er kommt mir nach, schafft es, mir mit beiden Fäusten auf den Rücken zu schlagen.
„Ich will dich hier nicht mehr sehen, du Hure!“, brüllt er.
Dann entkomme ich ihm, laufe über den Flur zur Haustür und knalle sie hinter mir zu. Mein Herz rast, die Schläfen pochen. Er folgt nicht, wahrscheinlich versucht die Mutter ihn festzuhalten. Wie erstarrt stehe ich auf dem Absatz vor der Tür, spüre keinen Schmerz, kann keinen klaren Gedanken fassen. Zu unvermittelt hat es mich erwischt. Die feuchte Kälte kriecht augenblicklich durch die Kleidung. Ruhig, Gesa, ruhig, beschwichtige ich mich selbst, wie früher, wenn er mal wieder zugeschlagen hatte.
Von drinnen höre ich lautes Gezänke. Ich zittere vor Kälte und Aufregung, will augenblicklich nichts als weg. Mit verschränkten Armen trippele ich auf und ab, verliere jedes Zeitgefühl.

Endlich bringt die Mutter meinen Mantel.
„Komm, wir gehen ein paar Schritte“, sagt sie, und ihre Stimme klingt sehr brüchig.
Schweigend folgen wir im Nieselregen der verlassenen DorfstraĂźe.
„Wieso nennt er mich Hure?“ frage ich die Mutter dann.
Sie zögert lange, zu lange, und bevor sie antwortet, weiß ich, dass sie nicht die ganze Wahrheit sagen wird.
„Vielleicht weil du damals mit Jürgen in einem Bett geschlafen hast …?“
Im vorletzten Sommer verbrachten mein damaliger Freund und ich auf der Durchreise eine Nacht im Elternhaus. Wir schliefen zusammen in meinem Zimmer, und ich hatte den Eindruck, dass es fĂĽr die Eltern kein Problem damit gab. Sollte sich der Alte im Nachhinein in etwas hineingesteigert haben? Ich kann es nicht glauben.
Später kommt mir ein ganz anderer Verdacht: Hat er etwa herausgefunden, dass die Mutter sich im Anschluss an die Besuche bei mir meistens ein paar Tage mit einem alten Freund trifft? Ich habe sie gern unterstützt und ihr diese Auszeiten gegönnt. Hat er ihr Gesicht in meinem gesehen? Als schwächstes Glied in der Familienkette bezog ich oft als Erste Prügel, bis manchmal meine Mutter dazwischen ging und ihren Teil abbekam.

„Hast du Geld dabei?“, frage ich sie. „Lass uns zur Telefonzelle gehen, ich rufe Torsten an.“
Die Eltern haben immer noch kein eigenes Telefon. „Brauchen wir nicht“, hat der Alte entschieden. Wer sollte ihn schon anrufen?
Die Mutter kramt in ihrer Jackentasche, meistens steckt etwas Wechselgeld vom Einkauf darin.
„Was willst du denn von ihm? Nun erzähl doch nicht gleich wieder überall herum, was hier los ist.“
Das war von jeher das Wichtigste: Nichts erzählen. Die Leute brauchen es nicht zu wissen. Die Leute reden nur. Die haben alle selbst genügend Dreck am Stecken. Und doch weiß das ganze Dorf Bescheid.

Es klingelt mehrmals, bis Torstens Mutter abhebt. Mein Name scheint ihr nichts zu sagen, ich frage nach Torsten. Im Hintergrund läuft ein Fernseher. Dann Torstens dröge Stimme: „Na, was ist passiert?“
Ich versuche sachlich zu bleiben, will nicht, dass er mich als Heulsuse ansieht. Trotzdem überschlägt sich meine Stimme schon nach drei Sätzen.
„Und – was willst du machen?“, unterbricht Torsten irgendwann meinen Redeschwall.
„Ich weiß nicht. Bleiben kann ich nicht, und jetzt in der Nacht kann ich auch nicht mehr zurückfahren.“
Er scheint einen Moment zu überlegen, dann sagt er, was ich insgeheim erhofft, aber nie zu fragen gewagt hätte:
„Komm doch zu uns. Es gibt einen Zug, der fährt ungefähr um Viertel vor elf von Altona. Den müsstest du schaffen. Ich hol dich hier vom Bahnhof ab.“
Erst einmal muss ich nach Hamburg-Altona kommen.

Die Straße wird allmählich rutschig durch den gefrierenden Regen. Im Haus brennt das Licht, als wir zurückkehren, doch der Alte ist wieder verschwunden. Auf dem Küchentisch liegt das geplünderte Haushaltsportemonnaie. Die Mutter sackt völlig apathisch auf den nächsten Stuhl und sagt erst einmal nichts.
Der abgewetzte Fahrplan auf der Flurkommode ist vom Vorjahr. Da habe sich in diesem Jahr nichts geändert, sagt die Mutter. Ein Bus in die Kreisstadt fährt um diese Zeit nicht mehr, stelle ich fest, aber einen letzten Zug von dort nach Hamburg würde es geben.
Taxis aus der Stadt kämen nicht leer zu uns ins Dorf, sagt sie trotzig, jedenfalls nicht abends und schon gar nicht am Samstagabend vor Weihnachten, da hätten sie in der Stadt genug zu tun. Im Telefonbuch finde ich den Eintrag des Taxiunternehmens aus dem Nachbardorf. Im Regen will ich den Weg zur Telefonzelle nicht noch einmal gehen. Auch wenn sie nur widerwillig folgt, klingeln wir bei der Nachbarin und bitten darum, telefonieren zu dürfen. Sie wirft meiner Mutter einen vielsagenden Blick zu. Vermutlich hat sie schon manchen Sturm von nebenan miterlebt.

„Taxi Klages“, antwortet eine mürrische Frauenstimme. Ich erkläre, dass ich unbedingt den letzten Zug erreichen müsse.
„Mein Mann ist gerade unterwegs, es kann dauern.“
Der Koffer steht ungeöffnet im Kinderzimmer. Es gibt nichts weiter zu tun. Ich setze mich zur Mutter an den Küchentisch, wo die Reste des Abendessens auf den Tellern antrocknen. Wir schweigen, sie schnieft leise vor sich, ich hoffe inständig, dass der Vater nicht vorzeitig zurückkommt.
Als der alte Klages endlich vor der TĂĽr steht, sagt er gleich:
„Es ist glatt draußen, ich kann nicht schnell fahren.“
Der Abschied fällt knapp aus. Aus irgendeinem Versteck im Küchenschrank zaubert die Mutter einen Hundertmarkschein hervor.
„Wollte ich dir sowieso zu Weihnachten geben.“
Klages schweigt die ganze Fahrt über und konzentriert sich auf die spiegelglatte Fahrbahn. Zum Glück sind die Straßen leer. Wir erreichen den Bahnhof wider Erwarten gerade rechtzeitig, aber ein Zug wird nicht kommen. „Verspätung mindestens 30 Minuten“, zeigt die Anzeigetafel am fast menschenleeren Bahnsteig. Eine Durchsage bestätigt wenige Minuten später, dass es eventuell wegen vereister Oberleitungen zu Zugausfällen kommen könne.

Ein flippig gekleidetes junges Pärchen tippelt genau wie ich ungeduldig auf dem Bahnsteig auf und ab. Das Mädchen fragt, wohin ich denn wolle.
„Ich muss heute unbedingt noch nach Hamburg.“
„Sollen wir Sie mitnehmen? Wir wollten unser Auto eigentlich hier am Bahnhof lassen, aber wenn’s nicht anders geht …“
Sie möchten unbedingt in eine Diskothek am Stadtrand von Hamburg, und wir einigen uns, dass sie mich an einer S-Bahn-Station absetzen, für die sie keinen großen Umweg fahren müssen.
Das Auto macht einen ziemlich ramponierten Eindruck, das Tempo des jungen, augenscheinlich ungeübten Fahrers wäre mir unter normalen Umständen bei diesen Straßenverhältnissen viel zu hoch. Doch was ist an diesem Abend schon normal? Unterwegs unterhalte ich die beiden mit einer gut ausgeschmückten Geschichte. „Zu Hause rausgeflogen? An Weihnachten?“ Aus großen grell umschminkten Kulleraugen schaut mich das Mädchen entsetzt an. An der S-Bahn-Station drücke ich dem jungen Mann zehn Mark Benzingeld in die Hand, bedanke mich herzlich und wünsche ihnen viel Spaß. Wieder eine Station weiter.

Die S-Bahn läuft gerade ein. Fünf Minuten vor Abfahrt des Eilzuges erreiche ich den Bahnhof Altona. Ein einziger Fahrkartenschalter ist geöffnet, davor eine lange Schlange. Keine Zeit, um anzustehen, ich werde im Zug nachlösen müssen.
Die Durchsage „Die Abfahrt des Zuges verzögert sich um zirka zwanzig Minuten“ ertönt, als ich gerade meinen Koffer in den Waggon zerre. Nur wenige Fahrgäste sind jetzt noch unterwegs, und so finde ich schnell ein leeres Abteil für mich allein.
Die Lautsprecherdurchsagen zu Verspätungen und Zugausfällen nehmen kein Ende. Erst nach mehr als einer halben Stunde setzt sich der Zug langsam in Bewegung. Ich versuche, mein Gedankenkarussell endlich ein wenig anzuhalten. Es will mir nicht gelingen. Was mute ich einer mir völlig fremden Frau zu, die nicht einmal meinen Namen kennt? Welch ein Einstand bei einer eventuellen Schwiegermutter in spe! Ich habe nicht einmal ein Mitbringsel dabei. Muss mir das alles peinlich sein? Aber vor allem und immer wieder: Warum ist der Alte derart ausgerastet? Wie geht es heute Abend bei meinen Eltern weiter? Wie geht es dort überhaupt weiter?
Seit Stunden ist mir zum Heulen zumute, doch in der Öffentlichkeit kann ich nicht weinen, nicht einmal in einem leeren Zugabteil. Vielleicht können auch Tränen einfrieren, denke ich.

„Die Fahrkarte bitte!“
Ein Schaffner schreckt mich auf, und ich beeile mich zu erklären, dass ich nachlösen müsse, weil die Zeit beim Umsteigen zu kurz war. Der dickliche ältere Mann schaut mich halb belustigt, halb besorgt an.
„Wo wollen Sie denn so spät noch alleine hin?“, fragt er schmunzelnd und schiebt seine schiefsitzende Mütze ein Stückchen zurück. Er scheint Lust auf ein Schwätzchen zu haben, ganz im Gegensatz zu mir. Ich nenne mein Ziel und stecke die Fahrkarte wortlos in die Handtasche.
„Dann alles Gute, und fröhliche Weihnachten“!
Nachdem er gegangen ist, werfe ich einen Blick in meinen Taschenspiegel. Jetzt wundert mich sein Gesichtsausdruck nicht mehr: Die Frisur vom Regen und dem Gehetze total zerzaust, die Wangen hektisch gerötet, die Augen so traurig und leer, dass ich fast vor mir selbst erschrecke.

Die Uhr am Bahnsteig zeigt elf Minuten nach Mitternacht, als ich aussteige. Der Regen hat aufgehört, es scheint etwas wärmer geworden zu sein. Über dem backsteinernen Bahnhofsgebäude mit dem altmodischen Schriftzug wabert Dunst. Aus dem Dunkel löst sich eine Gestalt. Torsten macht einen durchgefrorenen Eindruck, als er mich in die Arme nimmt und fest an sich drückt.
„Hast du die ganze Zeit hier gewartet?“
„Na klar“, grinst er und nimmt mir den Koffer ab.

Sein Elternhaus liegt nicht weit vom Bahnhof. Im Hausflur empfängt mich eine rundliche kleine Frau mit fast weißen Haaren. Ich finde sie sofort sympathisch.
„Ich bin Elfriede, du kannst mich ruhig duzen.“
Ich weiß nicht recht, was ich sagen soll, stammele, dass es mir leid täte, einfach so hereinzuplatzen, dass es viele Verspätungen gegeben habe und und und …
Bei einem heißen Holundersaft, den Elfriede extra für mich zubereitet hat, erzähle ich kurz von den Abenteuern dieses Abends. Zum ersten Mal seit Stunden kann ich wieder lächeln, als sich Elfriede, die unüberhörbar aus Ostpreußen stammt, ins Bett verabschiedet: „Ich hab dir Handtücher hingelegt, alles andere weeß ich nicht.“ Ich bin angekommen.

Ein vorsichtiges Klopfen an der Tür weckt mich am nächsten Morgen.
„Torsten, seid ihr schon wach? Gesa, deine Mutter ist am Telefon.“
Ich muss mich erst einmal orientieren. Schlaftrunken tapse ich ĂĽber den Flur zum Telefon.
„Mama, was machst du denn so früh unterwegs?“
Sie atmet aufgeregt. „Ich wollt doch nur wissen, ob du heil angekommen bist! Ich hab die ganze Nacht kaum geschlafen.“
„Ich auch nicht“, möchte ich sagen. Stattdessen schildere ich meine nächtliche Odyssee, als sei es ein lustiges Abenteuer gewesen.
„Mach dir keine Sorgen, ich bin hier gut aufgehoben. Torstens Mutter ist sehr nett.“
Die Mutter schweigt und ich erkenne, dass der letzte Satz vielleicht nicht gut fĂĽr sie war.
„Wann ist er denn nach Hause gekommen?“, will ich noch wissen.
„Ich hab nicht auf die Uhr gesehen, es war wohl schon spät.“
Natürlich wird sie so lange wach gelegen haben, ich kann mir die nächtliche Situation sehr gut ausmalen. Was soll ich ihr Tröstliches sagen?
„Vielleicht hat er sich ja erst mal ausgetobt und es wird ein ruhiger Abend. Nimm’s nicht so schwer!“

Und dann, nachdem ich den Hörer aufgelegt habe, sind die Tränen plötzlich nicht mehr zu stoppen. Ich schluchze wie ein kleines Kind und würde am liebsten ganz laut schreien. Elfriede kommt wortlos aus der Küche und kramt in ihrer Schürzentasche nach einem Taschentuch.
„Kommt erst mal frühstücken“, sagt sie leise und legt behutsam ihren Arm um meine Schulter, „der Kaffee ist gleich fertig.“


Version vom 06. 12. 2014 16:47
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aligaga
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Ich lese diese „Erzählung“ als den Versuch, es @Arno Abendschön gleich zu tun und ebenfalls eine Winterreise zu machen.

Wie bei @Arno ist auch hier ein lyrisches Ich mit der Deutschen Bahn AG unterwegs zu ungeliebten Eltern, um einen pflichtgemäßen Weihnachtsbesuch abzustatten. Beide Elternpaare sind „am Ende“, und beide Male bleibt’s insgesamt recht frostig.

Damit ist aber schon alles gesagt, was die Texte gemeinsam haben.

Während in @Arnos wunderbarer, zurecht preisgekrönten Erzählung der Leser selber erkennen darf, wie weit entfernt das Elternhaus vom Protagonisten ist, wie hoch die Eisbarriere ist, die sich zwischen den Generationen türmt und wie hoffnungslos jeder Versuch wäre, mit einer kleinen Kerze dort Wärme hinzubringen, lässt @Ciconia uns keine Chance, selbst etwas zu erkunden.

Wie mit dem Holzhammer bläut sie uns jedes Klischee ein, das man bei der plakativen Schilderung prekärer Familienverhältnisse aus dem gängigen Zettelkasten herausziehen kann. Die normierten Gefühle, die in der Protagonistin ob der schlimmen, schlimmen Gegenwart und der ebenso schlimmen, schlimmen Vergangenheit tränenreich walten, werden so sehr in den Vordergrund gerückt, dass man am Ende gar nicht weiß, welche Klischees jetzt die sind, die einem die Geschichte am meisten verleiden - die plumpe Darstellung der versauten Ehe der Eltern oder das triefende Selbstmitleid des lyrischen Ichs.

Fast unerträglich auch die „Pointe“: Das arme Hascherl wird von zwei Elfen unter die Fittiche genommen und mit wohltemperiertem, politisch korrektem Öko-Beerensaft regaliert, derweil es die Konfrontation mit ihrer vormaligen Kinderstube als „Abenteuer“ memorieren darf.

Sorry, @Ciconia, aber das ist (noch) nix. Bei Betroffenheitsprosa, die so bemüht daherkommt wie diese da, kriegt man (auch wenn man kein Weihnachtsmuffel ist) ebengerade keine Mitgefühle, sondern wünscht sich insgeheim, in dem Saft, den das Mädel am Ende verabfolgt bekommt, wäre etwas Durchfall Erzeugendes beigemengt: eine waschechte Katharsis am Ende!

GruĂź

aligaga


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@aligaga:

Auch Dir einen besinnlichen 2. Advent!

Ciconia

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@aligaga

Zum Vergleich mit Arno Abendschön habe ich gestern schon an anderer Stelle etwas gesagt, eine weitere Diskussion erübrigt sich.

Deine Sicht der Dinge und die recht eigenwilligen Interpretationsversuche, die auf flüchtiges Lesen und mangelnde Kenntnis „prekärer Familienverhältnisse“ deuten, seien Dir unbenommen, nur solltest Du Dich damit nicht allzu weit vom Text entfernen.

Worin erkennst Du prekäre Verhältnisse? Gesoffen und geprügelt wurde und wird auch in den besten Familien, kaputte Ehen gab und gibt es hier wie dort. Ich habe die Geschichte bewusst in einer Zeit angesiedelt, in der man mit Sicherheit noch nicht von prekären Verhältnissen sprach. Ein Handy gab es noch nicht, und ich kenne Haushalte aus dieser Zeit, die noch nicht über einen Festnetzanschluss verfügten (sonst hätte die Geschichte nicht funktioniert). Die von Dir ins Spiel gebrachte „Deutsche Bahn AG“ fuhr damals übrigens noch als Deutsche Bundesbahn.

Auch ein „triefendes Selbstmitleid“ des LyrIch kann ich nicht erkennen. Ich sehe Gesa als resilient gewordene junge Frau, die den Abend ohne großes Lamentieren hinter sich bringt und erst am nächsten Morgen wirklich Gefühle zeigen kann.

Spätestens beim „wohltemperierten, politisch korrekten Öko-Beerensaft“ gleitest Du dann endgültig ins Schwadronieren ab. Von political correctness sprach damals kein Mensch, Du wirst Dich vielleicht erinnern, dass man Ende der Siebzigerjahre andere politische Sorgen hatte. Hätte ein heißer Tee die Geschichte verbessert? Wohl kaum.

quote:
etwas Durchfall Erzeugendes
Hier verlässt Du den Bereich der Nettiquette und man erkennt, dass Dir Haudrauf-Formulierungen allemal wichtiger sind als ein fairer Kommentar, den ich durchaus zu schätzen wüsste. Vielleicht solltest Du Deine Formulierungswut lieber mal in eigene, überzeugende Texte stecken als ständig mit dem Holzhammer andere zu zerschlagen.

Ciconia

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