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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die entscheidende Kraft der Wörter (Fabel)
Eingestellt am 21. 12. 2013 10:46


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Elenore May
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Registriert: Nov 2013

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Die entscheidende Kraft der Wörter



Nico begrüßt die um das Felsenpodest gruppierten Versammlungsteilnehmer und erteilt anschließend dem neben ihm stehenden Leander das Wort -

Leander wirkt nervös und unruhig; er beginnt ohne Vorrede: „Also ihr wisst ja alle, warum wir uns hier versammelt haben. Und es ist auch beileibe nicht das erste Mal, und das Thema ist auch wieder das Gleiche -“, Sorgenfalten bilden sich auf seiner Stirn „trotzdem; ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie wir das schaffen wollen! Das geht nicht, dafür sind wir zahlenmäßig nicht geeignet -“, er schüttelt bedauernd den Kopf, sieht über die Köpfe unter ihm hinweg, und spricht mit resignierter Stimme weiter „dazu können wir auch keine Waffen vorweisen, haben keine Erfahrung – und was uns da sonst noch so alles fehlt, darüber möchte ich erst gar nicht nachdenken müssen. Wenn uns da nicht -“,
Nico fällt ihm barsch ins Wort „wenn du so an die Sache dran gehst, dann ist es tatsächlich hoffnungslos; dann hätten wir uns hier nicht schon wieder treffen müssen. Wir können dann endgültig aufgeben und es einfach weiter geschehen lassen – so wie wir das schon seit viel zu langer Zeit tun! In der wir nur darauf zu warten scheinen, dass vielleicht doch noch ein Wunder geschieht – aber Wunder geschehen nur, wenn man aktiv wird, sich zur Tat aufrafft - das könntest du eigentlich bereits wissen, mein lieber Leander!“ Sein Ton ist beim ersten Teil seiner Rede scharf, beim Rest wird er süffisant und er versucht Leander zu fixieren.
Der duckt unter dem Blick weg, zieht den Hals nach unten, sieht zu Boden, antwortet nichts. Nico dreht sich ab und sieht stumm in die Runde vor ihm und denkt sich ‚schon wieder so ein fruchtloses Treffen – warum tu ich mir das eigentlich an und geh' nicht einfach? Sie wollen es scheinbar nicht anders! Nur sinn- und hirnloses Gelaber ohne Konsequenzen!‘
Doch er bleibt weiter stehen, wirkt unschlüssig; da kommt Bewegung in die Menge, die ersten Stimmen sind zu hören, es rumort im Raum. ‚Vielleicht reagieren sie ja heute ausnahmsweise anders ...‘, denkt er mit etwas mehr Hoffnung 'also gut - gehen kann ich ja immer noch; erst mal sehen und hören, ob sich heute mal was tut!‘

Leander hat sich nach der Zurechtweisung von Nico wieder etwas beruhigt. Er strafft sich, setzt eben zu einer Antwort an, da entsteht noch mehr Unruhe unter den Zuhörern. Und nur Sekunden später ruft es aus dem Dunklen, irgendwo aus der Menge der etwa hundert Anwesenden heraus „Nico hat recht! Wenn wir das weiter dulden, sind wir nur noch ihre Vasallen! Sehen einfach nur zu, während sie schon beginnen unsere Freunde nach und nach zu töten!“
Weitere Stimmen kommen dazu:
„Ja! Und das ist dann erst der Anfang!“
„Wir aber nichts anderes tun als immer nur palavern, palavern!“
„Ja! Immer nur reden, ohne wirklich etwas zu tun!“
„Wir trauen uns einfach zu wenig zu!“
„Und gleichzeitig bringen sie immer mehr von uns um! Alle, die sie erwischen!“
„Da nützt auch unterwürfiges Ducken nicht mehr! Sie werden uns jagen, bis sie uns komplett vernichtet haben!“
„Uns massakrieren, wie es ja schon geschehen ist!“
Schon bricht es von vielen Seiten herein „genau! Bis nichts mehr da ist, was sich wehrt, wehren kann!“

Immer mehr zornige Zwischenrufe sind zu hören. Doch viele von ihnen sind noch unschlüssig, sie fürchten sich; und es sind noch zu viele, die trotz der so oft schon geschehenen Pein den Einsatz von Gewalt nicht billigen wollen, sie aus Furcht um das eigene Leben ablehnen. Nico weiß um sie und weiß zugleich auch, dass er sie unbedingt erreichen und überzeugen muss, wenn er seine Ziele durchsetzen will, um sie in die Freiheit zu führen.
Darum versucht er sie zu beschwichtigen, zu beruhigen. Er braucht ihre überlegte Zustimmung, nicht ihre hirnlose Wut; sie führt in der Regel, wie er schon leidvoll erfahren musste, zu keinen sinnvollen Ergebnissen.
„Okay, ist gut meine Freunde! Beruhigt euch wieder! Ich seh' schon -“, er wirft einen Seitenblick auf Leander, der wie abwesend auf die Köpfe unter ihm starrt „im Großen und Ganzen sind wir uns einig. Und die Zweifler werden wir auch überzeugen können. Doch es gilt überlegt und mit kühlem Kopf die Sache anzugehen. Und vor allem gilt der Satz - wer sich nicht wehrt, der hat schon verloren!“
Wieder bekommt er Zustimmung, doch es sind trotzdem noch zu wenige; er wartet deshalb etwas ab. Als es ruhiger wird, spricht er sehr gelassen und entspannt weiter „meine Freunde! Wir müssen damit aufhören zu glauben, dass der Satz - es ist, wie es ist - ewige Gültigkeit hat. Wir haben eine Verpflichtung anderen gegenüber und müssen sie endlich erfüllen – nichts und niemand darf uns mehr davon abhalten! Wir dürfen nicht mehr länger nur zusehen und warten, warten, warten!“
Leander sieht Nico von der Seite an; er sieht die Körperspannung, sieht die Entschlossenheit in seinem Gesicht und hört die Entschiedenheit in seiner Stimme; er sagt sich ‚er ist ein Stratege. Und wenn uns einer aus dieser Sache endlich herausführen kann, dann ist er es. Doch was er soeben sagte war noch verfrüht; es gibt noch zu viele Zweifler. Trotzdem stimmt es natürlich – wenn wir weiter zuschauen, haben wir verloren. Sie werden uns einfach ausradieren - uns erschlagen, vergiften - und was ihnen da sonst noch alles dazu einfällt ...‘

Leander gehört ebenfalls zu den Zweiflern, aber er ist sich dessen nur zu sehr bewusst. Er weiß von sich, dass er noch nie aufbegehrt und sich noch nie gewehrt hat; dass er nur immer wegduckte und sich hinter Ausflüchten versteckte, es geschehen ließ und erduldete – aber jetzt steht er an der Seite dieses Unbeugsamen. ‚Was für ein Glück‘ denkt er ‚er lehrt mich mutig zu sein. Dabei ist es schon fast egal, wie es ausgehen wird. Allein das Gefühl, teilzuhaben und endlich die Kraft der Veränderung zu spüren, war es dann schon wert.‘
Doch die Diskussion wird immer noch heftig geführt und die Unschlüssigen gewinnen wieder die Oberhand. Sie sind noch längst nicht überzeugt und bringen Gegenargumente vor.
„Wir werden das nicht überleben!“
„Wir sind keine Kämpfer, haben es nie gelernt – wie soll das denn gehen?“
„Ja, genau so ist es, Leander recht, wir sind viel zu schwach!“
„Mit Leichtigkeit können sie uns vernichten! Sie haben Waffen, wir nicht!“
„Und die, die sie nicht erwischen, um sie zu töten, werden sie verfolgen – bis ans Ende der Welt, wenn es sein muss!“
„Dann behaupten sie einfach, wir verbreiten Seuchen – und wir müssen deshalb ALLE ausgerottet werden – mit 'Stumpf und Stiel', wie eine Redensart von ihnen sagt!“
Wieder entsteht Tumult. Nicos Aufruf wird zerpflückt, seine Worte werden als zu kämpferisch empfunden - die Angst vor Vernichtung ist wieder da.

Leander spürt deutlich die schwindende Bereitschaft der Masse, spürt die Wankelmütigkeit in ihr. Und in Nicos Gesicht sieht er eine versteckte Wut, die die Mutlosigkeit nicht versteht, die sich mit der Furcht des Einzelnen nicht abfinden kann und auch nicht will.
‚Ich muss ihm jetzt beistehen, muss endlich auch stark sein und ihn unterstützen – sonst sind wir allesamt verloren -‘, sagt Leander sich.
Erst hat er noch große Mühe sich Gehör zu verschaffen. Doch endlich gelingt es ihm, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen „hört mir einen Moment zu! Lasst es kurz mal gut sein - beruhigt euch, alles wird geklärt. Bitte Ruhe jetzt – lasst mich doch was sagen ... “
Es wird still und er spricht weiter „wir brauchen einen Plan. Und wir müssen uns überlegen, wer auf unserer Seite stehen könnte. Denn alleine ist es trotzdem nur schwer zu schaffen, wenn wir keine Mitstreiter mobilisieren können - glaube zumindest ich.“
Dabei rückt er etwas von Nico ab und sagt sich ‚wenn schon, dann brauchen wir sie alle – und das geht nur, wenn wir sie anstacheln, ihren Mut und ihre Kraft fordern. Wir müssen auch den Letzten von ihnen, der noch zögert, überzeugen. Sie müssen alle, alle mitmachen, sonst geht es tatsächlich nicht – und deshalb brauchen wir jetzt die Konfrontation - wir müssen spielen!‘ Es ist schon sehr dämmrig, fast dunkel, und deshalb kann die Menge vor ihnen nicht sehen, dass er mit einem seiner Beine Nico anstößt.
Nico steht nur abwartend, beobachtend da. Er spürt den Schlag sehr wohl, reagiert aber mit keinem Blick, keiner Geste darauf, aber er versteht die Botschaft; er überlegt ‚aha, er setzt alles auf eine Karte - er will sie kirre machen – er marschiert jetzt endlich mit mir – gut, dann gehen wir’s an!“

Er atmet kräftig aus und sagt gelassen „da bin ich anderer Meinung. Wir müssen an die denken, die sich noch weniger zur Wehr setzen können als wir. Die schon kraftlos, ausgeliefert, und halb tot sind. Wir sind noch stark, wir können noch kämpfen und das müssen wir nutzen!“
Er wartet etwas ab und sieht über die Köpfe hinweg. Als sie gespannt zu ihm aufsehen, setzt er mit Druck in der Stimme nach „wenn nicht jetzt, wann dann?“ Wieder wartet er, und jetzt dröhnt es aus ihm heraus „wann dann – frage ich euch alle! Was muss noch alles geschehen, bis wir endlich handeln? Bis wir endlich begreifen, dass es kein Zurück mehr gibt und wir alle vernichtet werden, wenn wir nicht unverzüglich handeln! Sofort und heute noch!“
Gespannt wartet er auf die Wirkung – und es beginnt wieder zu brodeln, Bewegung kommt in die Menge, die Diskussion flammt neu auf. Alle reden aufgeregt durcheinander. Diejenigen, die von Anfang an für einen Angriff waren, fühlen sich von seinen Worten bestärkt und reden laut, heftig und intensiv auf die noch verbliebenen Zweifler ein.

Das Licht schwindet immer mehr, es ist dunkel in der Höhle, nur noch Umrisse sind zu erkennen. Doch Probleme mit der Dunkelheit kennen sie nicht. Auch sind ihre Sinne geschärft, hellwach und aufmerksam stehen sie Seite an Seite.
Ihnen allen wird klar - es geht um die Frage, ob sie weiterhin der Vernichtung zusehen, oder ob sie kämpfen wollen. Ob sie dieses bisschen an noch vorhandenem Selbstwertgefühl bewahren, oder ob sie sich in die endgültige Selbstaufgabe begeben wollen.
Und Nico spricht es mit der ganzen Bitterkeit, die sich in ihm angesammelt hat, aus „niemand von uns wird es überleben, wenn wir uns nicht wehren! Auch unsere Kinder nicht. Diese Situation kennt nur einen Ausweg – und das ist der Kampf!“
Die ersten Schlachtrufe sind zu hören „ja! Lasst uns endlich kämpfen!“
„Für unsere Freiheit!“
„Für die, die sie eingesperrt haben und quälen!“
„Und für die vielen, die sie schon umgebracht haben!“
„Ja! Für uns alle! Nur der Kampf kann endlich helfen und die Sache beenden!“

Von ganz weit hinten ist eine zaghafte Stimme zu hören „Moment, dazu habe ich auch noch was zu sagen – bitte, hört mich an, hört mir zu -“. Es ist die zierliche Ilona, die sich da zu Wort meldet.
Aber ihre Stimme ist zu leise, sie kann sich kaum Gehör verschaffen. Sie drängelt nach vorne zu Nico und Leander, zieht sich mühsam auf das Felsenpodest hoch und stellt sich zwischen sie.
Allen Mut rafft sie zusammen, als sie mit zarter Stimme meint „aber es ging doch ganz gut, über die Zeit hinweg. Habe lange bei ihnen gelebt; sie haben mir zu essen gegeben -“,
„aber doch nur wenn du gemacht hast, was sie wollten!“, schreit es aus der Menge.
„Ja, stimmt natürlich. Aber -“,
„kein aber!“, ruft jemand aus „wir alle kennen das! Und kennen auch die Tritte, die Schläge! Wissen, wie es ist, bei Nacht und Nebel vor die Tür gestoßen zu werden! Und noch nicht mal Wasser zu bekommen! Und Bitten nur mit weiteren Tritten, mit Schlägen belohnt werden!“
„Ja, das stimmt!“
„Genau so ist es!“
Von allen Seiten tönt jetzt der Protest. Sie sind aufgebracht ‚endlich, endlich!‘, denkt sich Leander 'sie sind jetzt alle zornig, sie sind wütend und fast bereit, es braucht nicht mehr sehr viel!'.

Nico ruft aus „hört auf! hört auf. Jeder weiß das. Und die, die es noch nicht wissen, noch unter ihnen sind, werden’s auch bald erleben dürfen.“
Er dreht sich etwas ab, und fügt bedauernd nachdenklich an „er hätte diesen Jungen nicht angreifen dürfen; das war das Zünglein an der Waage, er hat einfach überreagiert ....“
Leander schaltet sich ein „aber er hat ihn gequält, ihn geschlagen; immer, und immer wieder. Dann hat er seine Freunde geholt und sie wollten ihn anzünden, sie fanden das auch noch lustig. Er konnte nicht anders handeln – jeder von uns hätte sich gewehrt, hätte sich wehren müssen, wenn noch ein Funke von Selbstwertgefühl in ihm steckt!“

Ilona meint nachdenklich „ja, ja – natürlich, das stimmt ja. Aber jetzt wollen sie uns dafür alle umbringen. Wie Sippenhaft ist das – wir sind ihnen lästig, sind nichts mehr wert, wir sind für sie einfach nur noch Müll, Parasiten. Doch sie sind nicht alle so. Ich weiß es von einer meiner Töchter: sie wird geliebt, darf ganz eng bei ihnen sein -.“
Nico sieht sie an, wie sie da so klein und ausgezehrt neben ihm steht. Er weiß, dass sie ihr Leben in einem Holzverschlag zubringen musste; und als sie krank wurde, hat man sie einfach auf die Straße geworfen.
‚Ein Wunder, dass sie überhaupt noch lebt! Schon wegen Geschöpfen wie sie eines ist, müssen wir diese Sache unbedingt durchziehen – das darf es einfach nicht mehr geben!‘, denkt er.

Er verschafft sich erneut Gehör, strahlt wieder Gelassenheit aus „... gut, die Sache steht jetzt. Zu lange haben wir schon zugesehen und immer wieder debattiert. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft schon. Konnten uns nicht entschließen, waren zu feige. Doch damit ist ab sofort Schluss. Trotzdem, und da geb‘ ich Leander recht -“, er dreht sich zu Leander „wir brauchen jetzt dringend eine Strategie – wo liegen unsere Vorteile unsere Stärken? Kommt, denkt nach! Lasst mich hören! Macht Vorschläge, wie’s gehen soll!“ Herausfordernd blickt er dabei in die Menge - und schon kommen die ersten Vorschläge:
„Wir müssen sie überraschen, damit rechnen sie nicht – sie kennen uns nur als gefügig und willig!“
„Aber wie stellst du dir das denn vor?“, fragt Leander nach.
„Ganz einfach“, antwortet der Angesprochene. „Einen Angriff können wir nur bei Nacht starten! Da sehen sie nichts, sie sind ja fast blind bei Nacht. Und außerdem liegen sie warm und weich in ihren Betten. Bis sie soweit sind, um nach ihren Waffen greifen zu können, ist die Sache längst erledigt!“
„Aber bisher haben sie sich immer schnell formiert – und in der Nacht benutzen sie Lampen und Feuer“, kommt es als Gegenargument.
„Ja, stimmt. Doch das nützt ihnen nur wenig, die Dunkelheit ist stärker – und wir sind schnell, viel schneller als sie – und, wir können mit den Schatten verschmelzen.“
„Aber sie haben Fahrzeuge und werden uns verfolgen.“
„Stimmt auch. Doch sie können sie nicht überall benutzen – wenn wir in der Dunkelheit verschwinden, sind sie verloren – sie haben über die Zeit vergessen, wie man draußen lebt und überlebt – wir wissen das immer noch, auch wenn wir mittlerweile ziemlich verweichlicht sind. Unser Erbe ist trotzdem noch sehr stark. Auch wenn wir es fast verdrängt und uns von ihnen abhängig gemacht haben ...“
Eine lähmende Stille tritt ein. Jeder hängt seinen Erinnerungen nach, bis Leander ausruft „also weiter! Wir haben keine Zeit mehr! Schon morgen wollen sie die nächste Vergiftungsaktion starten – vorher müssen wir uns unbedingt formiert haben!“
Ilona meint nachdenklich „noch mal - sie sind nicht alle schlecht. Es gibt welche, die stehen auf unserer Seite ...“
Leander antwortet ihr „aber das sind nur sehr wenige. Und die können sich nicht durchsetzen. Der Pöbel ist stärker, er schreit nach Vergeltung.“
„Mein Gott! Warum tun sie uns das nur an? Wir waren doch immer an ihrer Seite!“, meint Ilona fast schon flehentlich.
Doch der größte Teil der Menge ist bereits zum Kampf entschlossen. Nur noch wenige zweifeln und schrecken vor dem Einsatz von Gewalt zurück – die anderen reagieren fast schon zornig auf Ilonas Worte:
„Vergiss es endlich!“
„Ja genau! Denn sie sind nur Schlächter!“
„Haben uns ausgenutzt, gequält, und das nicht erst seit gestern!“
„Sie behandeln uns wie Dreck!“
„Und nur einige von ihnen haben ein Gefühl für die Schwachen!“
Doch einer aus der Runde lässt die Stimmung wieder kippen, als er verhalten meint „auch wenn es woanders besser um uns stehen soll, wie ich mal gehört habe. Sie uns dort lieben, wir ihre Freunde sein dürfen – so hat man es mir wenigstens erzählt!“
„Ja, mir auch!“
„Ich kannte sogar einen, der wie ein gleichrangiger Partner behandelt wurde ...“

Nico triftet die Diskussion zu sehr ab. Er glaubt die Gefahr der Verwässerung zu ahnen, und er meint auch eine Umkehrtendenz zu spüren ‚wie so oft schon ...‘ denkt er dabei für sich.
Er schaltet sich wieder ein und ruft bestimmend aus „kommt Freunde, weiter! Das kann ja alles sein – es nützt uns nur momentan nichts, es sind nur Einzelfälle, den meisten geht es schlecht bei ihnen. Und es stimmt, was Leander sagt: Wir müssen zu einem Ergebnis kommen, die Zeit läuft uns davon – wir brauchen schnelle Lösungen!“ Er stockt kurz, dann ruft er mit starker, überzeugter Stimme aus „sind wir fähig, das alleine durchzuziehen? Was meint ihr?“
„Ja!“
„Natürlich!“
„Ja, das können wir!“, dröhnt es von allen Seiten.
Doch Leander lenkt nochmals ein „trotzdem - machbar, aber schwierig. Lasst uns hier keine Fehler machen - das würde nichts und niemanden nützen, nur unsere Feinde stärken ...“
Wieder wird es still, als er fortfährt „wir könnten versuchen mit unseren ehemaligen Verwandten Kontakt aufzunehmen – die wurden auch von ihnen vertrieben und fast ausgerottet, bis sie sich in die Berge zurückgezogen haben - und nur noch auftauchen, wenn sie sicher sein können, dass sie keinem von ihnen begegnen.“
Nico wiegelt ab „das würde zu weit führen und es dauert vor allem viel zu lange. Bis dahin sind unsere Freunde tot. Auch haben die großen Respekt vor ihnen und ihren Gewehren – die werden sich nicht mehr so einfach mit ihnen anlegen. Ich weiß das, sie haben sogar vor mir Angst ...“

Leander wirft ihm einen nachdenklichen Blick zu „das liegt in der Natur der Sache – du hast dich gegen sie gestellt. Hast dich mit unseren Feinden verbündet und deren ergebenen Diener gespielt -“,
Nico unterbricht ihn entrüstet „aber das haben doch schon meine Vorfahren so gemacht!“
Leanders Vorwurf hat ihn getroffen. Er meint sich rechtfertigen zu müssen, und brüllt deshalb heraus „wie die meisten unserer Vorfahren! Das kannte ich doch nicht anders! Vererbte Ansichten, oder miserable Gewohnheiten – wie immer du das nennen magst. Wie bei vielen von uns. Erst nachdem sie mich einfach rausgeschmissen haben, ich für sie zu alt und nur noch ein Unkostenverursacher war, ist mir klar geworden, was da eigentlich läuft!“
„Ja, du hast dich zu sicher in ihrer Nähe gefühlt – einige von uns kennen das. Ich kenn' es nicht, kenn' nur die Straße -“, bemerkt Leander leise, verhalten.
„Ja, mir geht es ebenso!“
„Mir auch!“
„Und auch ich kenne nur die Straße -“, tönt es jetzt von allen Seiten - und schon wieder beherrscht diese unangenehme Stille den Raum.
Nico, vom ständigen hin und her der Meinungen genervt, meint entschlossen „hört auf mit diesem wehmütigen Gesäusel! Vielen von uns geht es schlecht. Und deshalb sind wir auch hier zusammengekommen, wir werden das ab heute endgültig -“, er hebt die Stimme an „ich sage ausdrücklich, endgültig!, ändern. Also, damit ihr wieder etwas mehr Mut bekommt, werde ich hier mal unsere Stärken aufzählen ...“

Ihre Aufmerksamkeit ist wieder da, stellt er fest, und er beginnt mit seiner Aufzählung „da wäre unsere Schnelligkeit und unsere Fähigkeit, fast ‚unsichtbar‘ zu werden. Dann: Augen, die auch im Dunklen sehen können, unsere ausgezeichnete Nase, unser feines Gehör, unser Mut und unsere Ausdauer. Dazu: Kälte und auch Hitze können wir vertragen, wir sind genügsam, kennen falsche Spiele nicht und vertrauen absolut, wenn wir spüren, dass wir gewollt sind -“. Sein Publikum hört gespannt zu. Die Wolke der Solidarität, die sie jetzt alle einhüllt, ist fast greifbar zu spüren.

Leander fällt ihm ins Wort und fährt an seiner Stelle, jetzt vom Enthusiasmus gepackt, mit der Aufzählung fort „und nicht zu vergessen – ihre Gesichter sind für uns wie aufgeschlagene Bücher, wir können darin lesen. Wir verstehen ihre Sprache, sie dagegen unsere nicht. Wir können auch ohne Waffen kämpfen und haben dazu noch einen entscheidenden Vorteil: wir können wirklich solidarisch sein, auch wenn sie uns das über die Zeit hinweg austreiben wollten. Und - wir kennen jeden noch so geheimen Winkel ihres Landes, wie sie es nennen, obwohl dieses Land eigentlich allen gehört, also auch uns.“
Er legt eine Pause ein, genießt die Zustimmung, die von allen Seiten zu hören ist, und mit Verve redet er weiter „unser Instinkt sagt uns, was Gut und was Böse ist. Wir sind im Gegensatz zu ihnen nicht käuflich und kennen diese Gier nach Dingen nicht, die SIE allerdings sehr wohl und so maßlos beherrscht.“

Von vielen Stimmen wird er unterbrochen, die die Liste jetzt fortzusetzen beginnen, bis Nico ausruft „dann lasst uns endlich unsere Brüder und Schwestern befreien! Wir sind stark genug, wir schaffen das auch alleine! Wir brauchen nichts und niemanden dazu! Unsere Einigkeit gibt uns die Kraft zur endgültigen Veränderung!“

Tumultartig stimmen ihm alle zu. Sie fühlen sich jetzt voller Mut und Tatendrang. Da meldet sich Ilona noch mal „doch was machen wir mit den Schwachen, den Alten, und den Kindern?“
„Aber das ist doch kein Problem“, antwortet Nico. „Die bleiben hier und warten auf unsere Rückkehr. Denn das ist unsere Stärke: wir stehen für einander ein. Wie wir früher für SIE eingestanden haben, sie bewacht, beschützt und geliebt haben, bis zur Selbstaufgabe, wenn es sein musste. Doch das ist ab sofort Geschichte: wir werden unsere Entscheidung in die Welt hinaustragen, denn wir sind sehr, sehr viele – wenn auch über die ganze Erde verteilt ...“
Er holt Luft und wirkt bereits etwas erschöpft, als er anfügt „jetzt lasst uns endlich zu diesem Gefängnis gehen, wo sie schon morgen unsere Freunde töten wollen – unsere Einigkeit wird zum Erfolg führen, daran glaube ich felsenfest!“
Von allen Seiten brandet Zustimmung auf. ‚Die Einigkeit ist da, sie ist endlich erreicht! Sie stehen endlich fest zusammen!‘, stellt Nico aufatmend fest. Doch er fügt trotzdem noch eindringlich an „seid sehr, sehr, vorsichtig. Niemand darf uns sehen, niemand darf verletzt werden, auch SIE nicht – sie würden uns sonst mit ihrem Hass bis ans Ende aller Tage verfolgen – also los jetzt!“

Gleichzeitig mit Leander springt er vom Podest und bietet Ilona seinen Rücken an, damit sie ebenfalls nach unten springen kann.
Dann bittet er sie bei den Kindern und Alten zu bleiben „das ist besser so“, meint er. „Nichts darf uns schwächen – das ist im Sinne von uns allen – das siehst du doch auch so?“, fragt er vorsichtig nach, und Ilona stimmt zu „ja. Wenn es nicht anders zu lösen ist, ja. Wir wären nur im Weg, wären nur hinderlich – ja, ich bleib' hier und passe auf.“
Sie läuft schon zu der kleinen Gruppe, die sich aus Alten und Kindern gebildet hat, und ruft Leander und Nico noch hinterher „viel Glück!“, während die beiden sich bereits abdrehen und sich der Menge anschließen, die zum Ausgang drängt.

Nico setzt sich an die Spitze und bleibt vor dem Ausgang stehen, blockiert ihn. Dann ruft er über die Köpfe hinweg „von hier aus werden wir endlich ein neues Leben beginnen, ganz ohne sie. Wir werden uns in die Wälder schlagen, unsere Botschaft weitergeben, wie es früher Brauch war. Wir werden uns mit unseren ehemaligen Verwandten verbünden, und mit ihnen eine neue Gemeinschaft aufbauen – weit weg von ihrer sogenannten Zivilisation! Niemand, und am allerwenigsten SIE, kann uns mehr daran hindern! Auf in den Kampf, Brüder und Schwestern!“

Eine Welle der Begeisterung ist zu spüren, eine Woge voll Mut und Kampfbereitschaft überzieht sie, als sie hinausströmen, um geräuschlos in der Nacht zu verschwinden – und sie von der Dunkelheit als schnell huschende Schatten aufgesaugt werden - die Straßenhunde in einer weit entfernt liegenden Stadt. In der sie keinen Stellenwert besitzen, wo sie auf offener Straße erschlagen, vergiftet, oder eingefangen und getötet werden, um das auf sie ausgesetzte Kopfgeld zu kassieren. Doch nun zieht diese kleine Gruppe aus, um die letzten ihrer noch verbliebenen Brüder und Schwestern vor dem sicheren Tod zu retten ...

Diese ‚Nacht- und Nebelaktion‘ wurde ein voller Erfolg. Durch Einsatz ihrer Zähne, ihrer Krallen und dank ihrer Muskeln konnten sie alle Gefangenen befreien. Blut floss trotzdem reichlich, denn ihre Körper wurden in arge Mitleidenschaft gezogen. Aber getragen vom Erfolg spürten sie keine Schmerzen - und ihre Einigkeit, ihre Solidarität untereinander wurde noch stärker.

Mit der ersten Morgenblässe flüchteten sie weit in das Hinterland; sie befreiten auf ihrem Weg noch viele, die ihr Leben mehr schlecht als recht zubrachten. Sie lernten ihre Fähigkeiten wieder einzusetzen und verbanden sich Wochen später, nach zähen Verhandlungen, mit ihren ehemaligen Verwandten,den Wölfen. ...


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Elenore May

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