Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92193
Momentan online:
126 Gäste und 5 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Humor und Satire
Die falsche Anrede
Eingestellt am 13. 03. 2007 19:17


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Raniero
Textablader
One-Hit-Wonder-Autor

Registriert: Oct 2005

Werke: 161
Kommentare: 159
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Raniero eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Die falsche Anrede

Reginald Naps befand sich in seinem Wagen auf der Autobahn in Richtung Norden der Republik, zu einem Kurbad an der See, in welchem seine bessere HĂ€lfte seit zwei Wochen eine sogenannte gesundheitliche Heilbehandlung, auch Kur genannt, durchfĂŒhrte.
Neben ihm auf dem Beifahrersitz saß seine halbwĂŒchsige Tochter; gemeinsam wollten sie der Mutter resp. Ehefrau einen Besuch abstatten, zur Halbzeit dieser Kur, auf dass diese die restliche Zeit trotz Heimweh noch einigermaßen ĂŒber die Runden brĂ€chte. Darauf hatten sie sich verstĂ€ndigt, Reginald und sein Weib, und Vater und Tochter freuten sich auf das Wiedersehen.
Die gut fĂŒnfhundert Kilometer lange Strecke fĂŒhrte bis auf die An- und Abfahrt ausschließlich ĂŒber ein gut ausgebautes Autobahnnetz, und Reginald hatte sich zuvor die optimale Fahrroute mithilfe seines Heimcomputers berechnen lassen. DarĂŒber hinaus hatte er bei Antritt der Reise sofort das Autoradio eingeschaltet, um sich ĂŒber eventuelle Verkehrsdurchsagen der entsprechenden Rundfunksender auf dem Laufenden zu halten.
Mit diesen Sendern war das jedoch so eine Sache; da diese nun nicht immerwĂ€hrend und am laufenden Band, sondern nur bei Bedarf die neuesten Nachrichten ĂŒber die ZustĂ€nde auf dem Straßennetz durchgaben, blieb entsprechend viel Zeit und Raum fĂŒr andere, in der Mehrzahl musikalische BeitrĂ€ge.
Hierbei aber zeigte sich das eigentliche Problem fĂŒr beide, fĂŒr den Vater wie auch fĂŒr die Tochter.
Da sie rein vom Alter her verschiedenen Generationen angehörten, hatten sie in Bezug auf diese musikalischen Intermezzi doch recht unterschiedliche Ansichten, und dieses fĂŒhrte bald zu einem mehr oder weniger amĂŒsanten Kampf, der sich am Autoradio austobte. Hatte die Tochter ‚ihren Sender‘ eingeschaltet, der mit einem entsprechend progressivem Programm aufwartete, verdrehte der Vater die Augen und konnte diesen ‚blöden Sprechgesang‘, wie er diese Musik nannte, schon nach wenigen Takten nicht mehr aushalten.
Ebenso erging es der Tochter; schaltete der Vater ‚seinen Sender‘ ein und lauschte verzĂŒckt den KlĂ€ngen aus einer Epoche, als Musik noch richtige Musik war, wie er seiner Tochter zu verstehen gab‚ langweilte diese sich zu Tode und schaltete das GerĂ€t blitzschnell um, wenn ihr Erzeuger beide HĂ€nde am Steuer brauchte und dieses nicht verhindern konnte.
Auf diese Weise ging es stĂ€ndig hin und her, wie bei einem erzwungenen Wunschkonzert; ein Unterhaltungsredakteur, der ein Programm fĂŒr eine gemischte Gesellschaft suchte, hĂ€tte seine helle Freude an dieser abwechselungsreichen Musik gehabt.
Das Einzige, worĂŒber sich Vater und Tochter bei dieser Art Kleinkrieg einigen konnten, waren die Verkehrsnachrichten, die sie beide als notwendig erachteten; zum GlĂŒck wurden diese nicht auch noch musikalisch untermalt oder gar gesungen.

Es sollte aber noch schlimmer kommen.
Nachdem sie sich darĂŒber verstĂ€ndigt hatten, diese Nachrichten, von welcher Sendeanstalt auch immer diese ausgestrahlt wĂŒrden, nicht zu unterbrechen, erfolgte nach einer Weile erneut eine Verkehrsdurchsage, diesmal vom Sender der Tochter, in welcher neben der Schilderung der aktuellen Situation noch der abschließenden Hinweis gegeben wurde:
„Also, Leute, um dem Stau auf der A3 auszuweichen, folgt bitte den mit U 3.1 gekennzeichneten Hinweisschildern.“
Reginald war außer sich.
„Hast du das gehört? Der hat mich geduzt! Der hat mich einfach geduzt, ohne mich zu kennen. Unerhört!“
Die Tochter versuchte, ihrem Vater verstĂ€ndlich zu machen, dass die Verkehrsnachrichten von diesem Sender stets in einer derartigen Art und Weise durchgegeben wĂŒrden, weil es eben ein Programm fĂŒr junge Leute sei, doch der Vater schenkte ihr kein Gehör.
Bebend vor Zorn schaltete er seinen Sender ein, um sich in einer der Höflichkeit gebotenen Form, wie er sich ausdrĂŒckte, ĂŒber die ZustĂ€nde auf den Autobahnen des Landes informieren zu lassen.
„Aber der hat dich noch nicht persönlich gemeint, Papa“, fĂŒgte die Tochter noch an, doch Reginald hörte ihr wiederum nicht zu, dafĂŒr aber strahlte er nun ĂŒbers ganze Gesicht, als er aus dem Äther von seinem Sender das Folgende zu hören bekam:
„Folgen Sie bitte den mit U 3.2 gekennzeichneten Hinweisschildern!“
„Siehst du, mein Kind“, gab sich Reginald generös, „das ist doch ganz etwas anderes. So und nicht anders geht man unter zivilisierten Menschen miteinander um. Daran sollte sich dein Krawallsender ein Beispiel nehmen“.
Schon betÀtigte er den Winker, um die Autobahn zu verlassen und dieser zivilisierten Aufforderung Folge zu leisten.
Die Tochter war einmal mehr erstaunt ĂŒber ihren Vater; so kannte sie ihn gar nicht, dass er, ohne zu Fluchen, einem Verkehrhinweis gefolgt wĂ€re.
„Komisch, dass du auf eine Durchsage aus meinem Krawallsender so abweisend reagierst, Papa, Verkehrsfunk ist doch Verkehrsfunk.“
„Solange mich dein Sender duzt, folge ich dem in hundert Jahren nicht, und wenn ich tausend Kilometer Umweg fahren mĂŒsste.“

Schmollend zog sich die Tochter zurĂŒck und setze sich den Kopfhörer ihres Walkmans, den sie vorsorglich mitgenommen hatte, auf, um sich ungestört ohne die stĂ€ndigen Unterbrechungen ihres Vater der Musik hinzugeben; er steuerte das Auto, dachte sie, sollte er doch glĂŒcklich werden, mit seinen höflichen Verkehrs-durchsagen, ihr war es vollkommen egal, und wenn die ihn mit MajestĂ€t oder Eminenz angeredet hĂ€tten, einen Stau konnten die auch nicht verhindern oder schneller beseitigen.
In diesem Punkt lag sie bei ihrer EinschĂ€tzung gar nicht so falsch; auch ein noch so seriöser Sender war nicht in der Lage, freie Fahrt herbeizuzaubern, auf den Straßen des Landes, doch zum GlĂŒck kam es wĂ€hrend der weiteren Fahrt zu keinem Stau mehr, dafĂŒr aber zu einer faustdicken Überraschung.

Da Reginald zu sehr auf die Art und Weise der Durchsage statt auf deren Inhalt geachtet hatte, war ihm entgangen, dass sich die formvollendete letzte Ansage nicht auf den Autobahnabschnitt, den er gerade befuhr, bezogen, sondern auf die Gegenrichtung.
Auf diese Weise fuhr er, nachdem er den falschen Umleitungsschildern bis auf die Autobahn gefolgt war, die gleiche Strecke zurĂŒck, die er gekommen war.
Seine Tochter, die sich gÀnzlich in ihre Musik vertieft und die Augen geschlossen hatte, merkte von all dem nichts, und auch ihm selbst fiel weiter nichts auf, da er von dem letzten ihm ganz persönlich gewidmeten Verkehrshinweis noch ganz aus dem HÀuschen war und daher kaum auf die Strecke achtete.
Erst ungefĂ€hr fĂŒnf Kilometer vor der Ausfahrt ihrer Heimatstadt bemerkten Vater und auch die Tochter, welche ihren Walkman abgelegt hatte, weil sie ein plötzliches menschliches BedĂŒrfnis verspĂŒrte, dass sie fast zu Hause waren.
Die Tochter fiel vor Lachen fast aus dem Wagen.
„Das hast du nun davon, dass du deinem Sender gefolgt bist!“

Reginald hÀtte am liebsten im ersten Moment vor lauter Wut das gesamte Autoradio aus seiner Verankerung gerissen und aus dem Fenster geworfen, bei laufender Fahrt, doch dann besann er sich eines Besseren und gewann der Situation noch eine positive Seite ab:
„Dann kannst du wenigstens zu hause auf’s Klo gehen und ich auch, und danach rufen wir Mama an.
Übrigens, heute abend gibt’s einen Superfilm im Fernsehen!“

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Humor und Satire Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!