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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die falsche Entscheidung
Eingestellt am 27. 10. 2014 09:36


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PaulIrini
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Hätte ich gewusst, dass meine Entscheidung solche Folgen mit sich bringt, ich hätte sie nicht noch einmal getroffen. War es mein Fehler? Es war das damalige Wesen der Gesellschaft, ein Wahn, dem sich alle anschlossen.

Heute bin ich 75 Jahre alt und Witwe. Gelegentlich sehe ich auch meine pubertierende Tochter, sie ist jetzt 16 Jahre alt. Unterhalten kann ich mich nicht mit ihr, ihr Sprachvermögen ist nicht das Beste. Deshalb benutzt sie ihre elektronische Unterstützung, ich weiß nicht, wie das alles heißt. Sie möchte auch nicht mit mir reden, sie ist ja immer mit so vielen Leuten verkabelt, da braucht es mich nicht.

Sie wird niemals erfolgreich sein. Sie hatte keine richtige Familie, ihr Vater starb schon früh und ich könnte bereits ihre Großmutter sein. Aber vielleicht ist das die Generation? Es ist eine kleine Generation, es gibt viel zu viele Alte, und kaum jemand ist in einer intakten Familie geboren.

Meine Entscheidung traf ich mit 26 Jahren, also 2025. Man empfahl mir, zu Gunsten meiner Karriere die Eizellen einfrieren zu lassen. Ich sträubte mich anfangs dagegen. Ich fand, ich hätte doch wohl noch einen letzten Rest an Privatsphäre, aber dem war nicht so. Niemand hatte es mir damals aufgezwungen, es gab nur eine Empfehlung meines Chefs, der sagte: „Fräulein, Sie werden Karriere machen. Sie sind die Beste, die wir haben. Sorgen Sie dafür, dass es so bleibt!“

Ich wollte diese Empfehlung ignorieren, rechtlich konnte nichts passieren, auch wenn ich schwanger werden würde – ich war gut abgesichert.

Das Schlüsselerlebnis, das ich hatte, war ein ganz Anderes. Ich hörte zufällig, wie in der Kantine über mich geredet wurde. Ich stand in einer Schlange, außerhalb der Sichtweite des Tisches meiner Kolleginnen, als eine sagte: „Sie ist so gut, sie könnte soviel erreichen. Aber wenn sie sich nicht Ihre Eizellen einfrieren lässt, dann ist sie selbst schuld. Sie sollte es so machen, wie ich es gemacht habe. Ich werde nie Probleme haben. Und wenn ich dann mit der Karriere fertig bin, kann ich immer noch Kinder kriegen!“

Also war meine Entscheidung doch noch getroffen, letztlich wohl aus der Angst, zu versagen.

Ein Wort noch zu meiner Kollegin: Durch einen tragischen Fehler bei der Firma, die ihre Eizellen lagerte, waren sie unbrauchbar: Sie würde nie wieder Kinder kriegen können.
-
Tatsächlich hatte ich Karriere gemacht. Ich möchte nicht so narzisstisch sein, diese in allen Einzelheiten aufzuführen, nur kurz: Irgendwann leitete ich meine eigene Firma, wir hatten uns auf IT-Lösungen spezialisiert. Damals gingen die meisten Menschen in diese Richtung, man musste sich also behaupten können. Ich konnte mich behaupten.

Als die große Krise kam, gingen viele Firmen einfach unter: Wir standen, standen aufrecht.
Und dann kam die Zeit, wo wir Marktführer waren. Mit fünfundfünfzig hatte ich ausgesorgt, ich wollte mich nun zurück lehnen können.

Mein Mann war ein äußerst verständnisvoller Mensch. Er wollte, trotz meines Berufsleben immer Kinder haben. Manchmal, beim Abendbrot sagte er: „Schatz, ich könnte mich doch um unser Kind kümmern. Das machen viele heute so!“. Aber ich wollte es nicht und er akzeptierte meine Meinung. Er akzeptierte sie auch, als ich mich mit achtundfünfzig entschloss, nun doch ein Kind kriegen zu wollen. Doch seine Tochter würde er nie richtig mitkriegen: Als sie zwei Jahre alt war, starb er an einem Herzinfarkt.

Was er auch nicht mit erleben sollte, war ihre Sprachstörung. Heute ist bekannt, dass fast alle Kinder, die auf diesem Wege zur Welt kamen, irgendwelche geistigen Einschränkungen haben. Warum dies so ist, ist noch unklar.

Ich wäre so gerne eine Mutter in einer gesunden Familien gewesen. Kinder waren für mich nie „Karrierekiller“, diese Meinung wurde mir aufgezwungen. Ich weiß, dass ich falsche Prioritäten gesetzt habe, Karriere ist nicht alles. Das weiß ich aber erst heute, und nun ist es zu spät.

Was bleibt mir heute? Vielleicht die Religion, vielleicht ein Gott, den ich vorher immer ignoriert habe...

Version vom 27. 10. 2014 09:36

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DocSchneider
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Aktuelles Thema mutig angegangen. Den letzten Satz würde ich streichen, das Ganze ist ja kein Gebet. Aus der Geschichte könntest Du noch mehr rausholen: Die widersprüchlichen Gefühle der Mutter beim Gedanken an die Arbeit, Aussagen der Tochter einflechten, wie sie über ihre Zeugung denkt, andere Kinder zu Wort kommen lassen, die auch auf diese Weise zur Welt kamen, das Thema noch ein bisschen weiterspinnen: Inzwischen lassen auch Männer ihren Samen einfrieren und sich danach sterilisieren. Somit sind Sex und Fortpflanzung komplett voneinander getrennt. Was hat das für Auswirkungen auf menschliche Beziehungen ...usw.

Trotzdem gern gelesen,

LG,

Doc
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Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermüdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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cellllo
Guest
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Tatsächlich ist nicht herausgearbeitet,
dass es sich um einen Text handelt, der einen Zeitpunkt
in fernerer Zukunft beschreibt. Vielleicht könnte
das durch die nähere Beschreibung der "pubertierenden"
Tochter deutlich werden : mit 16 ist deren Pubertät
da schon längst vorbei, sie wohnt selbständig, hat schon 3 SchönheitsOP hinter sich und wünscht ich weiß nicht was für ein futuristisches Fahrzeug, weil sich alle ihre Altersgenossen so fortbewegen und die Mutter kann mit der Tochter überhaupt nicht kommunizieren, da sie die entsprechend irren allerneusten hightecGerätschaften weder besitzt noch bedienen kann....
Der letzte Satz soll bitte stehen bleiben !!! Es setzt dem unüberbrückbaren Graben zwischen Mutter und Tochter den i-Punkt auf.... Persönlich finde ich es übrigens unerträglich intolerant, dass Religiöses buchstäblich verpönt ist und selbst winzige Spuren davon wegkommentiert werden, ich werde in Zukunft die entsprechenden Barrikaden beziehen !!!
cellllo

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DocSchneider
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Der Autor/die Autorin greift das aktuelle Thema des Social freezing auf und lässt ihre Geschichte in fernerer Zukunft spielen. Das finde ich durchaus vertretbar. Das geschilderte Szenario ist gar nicht so abwegig, denn wenn Firmen bereits jetzt jungen Frauen 20 000 Dollar zahlen, wenn sie den Kinderwunsch mit Hilfe eingefrorener Eizellen zugunsten der Karriere vertagen, so kann das eine Situation sein, die irgendwann auch bei uns Einzug hält. Automatisch verschieben sich die Geburten dann sehr nach hinten, und bis 45 Jahren ist es laut Reproduktionsmedizinern kein Problem, dass ein Frau eine Schwangerschaft austrägt. (Dieses Alter ist inzwischen auch bei natürlich entstandenen kein Problem mehr - das Alter bei Müttern steigt kontinuierlich).

Der Text setzt da ein, wenn sich eine solche späte Mutter Gedanken über die Entscheidung macht, die ihr von außen aufgezwungen wurde. Natürlich kann man aus dem Text noch mehr rausholen, das erwähnte ich ja bereits, aber die Grundgedanken sind nachzuvollziehen. Und irgendwann werden wir dahinkommen, denn der Mensch kann sich dem Sog des technischen Fortschritts und der Möglichkeit, ein bisschen Gott zu spielen, nicht entziehen.

Ich habe überhaupt nichts gegen Religiöses in der LL, im Gegenteil, aber hier wirkt der letzte Satz einfach wie so eben noch eingefallen.

Über ein Statement des Autors/der Autorin freut sich sicher nicht nur

Doc
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PaulIrini
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Zunächst einmal: Vielen Dank für die vielen Antworten!

Meine Rückmeldung hat sich durch die Pflege des Gartens etwas verzögert. Jedenfalls: Tatsächlich geht es um den aktuellen Trend des "Sozial Freezing" und tatsächlich soll das Ganze in der Zukunft spielen.

Der erste Satz ist in meinen Augen nicht widersprüchlich. Auf der einen Seite gibt die Erzählerin zu, dass es ihre Entscheidung war, auf der anderen Seite schiebt sie die Schuld auf den "Wahn" der Gesellschaft.

Was die Sprachstörungen angeht, so ist das natürlich keine wissenschaftliche Tatsache. Eher soll es auf mögliche Risiken hinweisen. Wir haben kaum empirische Daten zu dem ganzen Thema und wir können die Folgen nicht abschätzen. Die Contergan-Schäden sind noch zu präsent, als dass wir aus ihnen nicht lernen sollten!

Was den letzten Satz betrifft, so scheint dies der kritische Punkt zu sein. Es ist keineswegs so, dass er mir eben noch eingefallen ist. Eigentlich, ich betone eigentlich, da es mir aus Unerfahrenheit natürlich nicht gelungen ist, ich bitte um Nachsicht, war meine Idee die Folgende: Der religiöse Hintergrund an der ganzen Diskussion wird völlig vernachlässigt, dabei ist das Thema letztendlich auch so zu betrachten. Es soll natürlich nicht die Aufgabe meiner Geschichte sein, einen solch angehauchten Blick auf das Ganze zu werfen, das tut sie auch nicht, wie mehrfach festgestellt wurde. Möglicherweise kann die Erzählerin, gerade in dem Moment, als sie schreibt, sich wieder auf die Religion beziehen, was sie ihr Leben lang nicht gemacht hat. Das war die eigentliche Idee des letzten Satzes, aber wie gesagt, offensichtlich nicht ganz so geworden...

Vielen Dank und liebe Grüße,
PaulIrini

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