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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die fremde Dame
Eingestellt am 02. 09. 2002 00:19


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Bilbo
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2000

Werke: 9
Kommentare: 8
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Die fremde Dame


Der Mann, der im dritten Stock wohnte, hieß Herr Schmitz. G. Schmitz, so stand es auf dem Klingelschild. Er hatte nicht viel Kontakt zu den anderen Bewohner des Hauses FĂŒrstenstraße Nr. 31.
„Guten Tag“, grĂŒĂŸte ihn Frau Handoch, als sie ihm mit ihren EinkaufstĂŒten im Treppenhaus begegnete.
Herr Schmitz, in einen grauen Mantel gehĂŒllt und mit Hut, das Gesicht schon leicht faltig, erwiderte den Gruß lakonisch. Dann ging er weiter nach unten. Frau Handoch stieg die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf und packte ihre EinkĂ€ufe aus.
Vor dem Haus setzte Herr Schmitz sich auf eine der BĂ€nke, die in der FußgĂ€ngerzone standen. Ein StĂŒck weiter die Straße hinauf schien eine neue Partei eines der HĂ€user zu beziehen; ein Möbelwagen stand davor. Herr Schmitz bemerkte hinter einer Fensterscheibe im ersten Stock jenes Hauses eine Frau, die zu ihm hinĂŒbersah. Scheu senkte er den Kopf. Nach ein paar Sekunden schielte er vorsichtig zu dem Fenster hinĂŒber. Die Frau sah ihn immer noch an. Kurz erwiderte er ihren Blick, dann fĂŒhlte er sich unwohl, stand auf und ging nach oben in seine Wohnung.
Am nĂ€chsten Nachmittag sah Herr Schmitz vorsichtshalber aus dem Fenster, bevor er, wie es seine Gewohnheit war, zu der Sitzbank in der FußgĂ€ngerzone ging. Die Frau schrĂ€g gegenĂŒber hatte wieder ihre Position direkt hinter der Scheibe eingenommen und blickte erwartungsvoll zu der Bank hinĂŒber. Die wartete doch nicht etwa auf ihn? Nein, unmöglich.
Halb hinter seiner Gardine verborgen, musterte Herr Schmitz die fremde Dame. Dem Gesicht nach zu urteilen, war sie jung, so um die 30, schlank, brĂŒnett. Der Rest ihres Körpers war von hier aus nicht zu erkennen.
An diesem Tag zog Herr Schmitz es vor, in seiner Wohnung zu bleiben, wo er vor den Blicken der Frau sicher war. Am nĂ€chsten aber zog er sich seinen besten Anzug an, kĂ€mmte sich noch einmal grĂŒndlich und verließ dann das Haus. Die Frau stand am Fenster, natĂŒrlich. Er setzte sich mutig auf die Bank in der FußgĂ€ngerzone und sah zu ihr hinauf. Er lĂ€chelte sie an und hatte das GefĂŒhl, dass die Frau zurĂŒcklĂ€chelte. Rasch trat er mit klopfendem Herzen den RĂŒckzug in seine sichere Wohnung im dritten Stock an.
Von da an sah Herr Schmitz die Fremde jeden Tag. Und jeden Tag erschien sie ihm weniger fremd. Immer wartete er voller Vorfreude auf den Nachmittag und ĂŒberlegte bereits vor dem FrĂŒhstĂŒck, was er am besten anziehen könnte, um möglichst vorteilhaft auszusehen. Er begann sich grĂŒndlicher zu rasieren, achtete stĂ€rker auf seine Frisur und legte sich einen neuen, modischen Anzug zu. Wenn er Frau Handoch im Treppenhaus begegnete, lĂ€chelte er ihr nun freundlich zu und fragte sie auch ab und zu nach ihrer Familie, oder ob er ihr helfen solle, die Einkaufstaschen hoch zu tragen.
Die Frau aus dem Haus gegenĂŒber schien oft ebenfalls schon Stunden vorher auf Herrn Schmitz’ Ankunft auf der Bank zu warten. Jedenfalls sah sie stĂ€ndig dorthin. Aber er wagte nicht, entgegen seiner bisherigen Gewohnheit frĂŒher zu kommen. Außerdem ist Vorfreude schließlich die schönste Freude. Abends dagegen sah er fast nie Licht hinter dem Fenster brennen. Nur ein- oder zweimal blieb die Frau bis spĂ€t in die Nacht wach und stand an ihrem gewohnten Platz.
Und dann, an einem klaren Wintertag, war sie plötzlich verschwunden. Herr Schmitz wartete eine Dreiviertelstunde lang vergeblich auf der Bank auf sie. Sie ließ sich an diesem Tag nicht blicken, und auch am nĂ€chsten nicht. Als sie nach drei Tagen immer noch verschwunden blieb, begann Herr Schmitz sich ernsthafte Sorgen zu machen. Er eilte zum Telefon und rief die Polizei.
Vom Fenster aus konnte er beobachten, wie zwei Polizisten das Haus schrĂ€g gegenĂŒber betraten und nach einigen Minuten an dem Fenster erschienen, wo er sonst die Frau, die er insgeheim lĂ€ngst als Freundin betrachtete, hatte sehen können. Bald darauf standen die Polizisten vor ihm selbst.
„Keine Sorge, es ist alles in Ordnung“, versuchte ihn der eine der beiden zu beruhigen. „Es handelt sich offenbar um ein MissverstĂ€ndnis. Die Wohnung und die Person, die sie darin gesehen haben, gehören zu der Boutique im Erdgeschoss.“ Er zeigte auf den Laden, in dem damals, an dem Tag, an dem Herr Schmitz die Frau zum ersten Mal gesehen hatte, die neue Mietpartei eingezogen war.
„Der Raum hinter dem Fenster dort diente der Boutique als Abstellkammer fĂŒr alte Schaufensterpuppen und solchen Kram. Und jetzt wurde dort eben mal richtig ausgemistet. Die alten, nutzlosen Puppen sind zum SperrmĂŒll gekommen und...“
Was der Polizist dann sagte, hörte Herr Schmitz nicht mehr. Ohne ein weiteres Wort lief er an den beiden MĂ€nnern und der völlig verdutzen Frau Handuch, die dahinter stand, vorbei, um sich auf die Bank in der FußgĂ€ngerzone zu setzen.

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Arno1808
Guest
Registriert: Not Yet

Die fremde Dame

Hallo Bilbo,

*schmunzel*

neben der wirklich schönen Pointe bringst du in deiner Geschichte so ganz nebenbei noch ein paar Verhaltensmuster rĂŒber, die deinen Herrn Schmitz wunderbar menschlich erscheinen lassen.
Den ErzÀhlstil finde ich sehr gut.

Schöne Geschichte!

Gruß

Arno

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
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hm,

da staun ick aba, daß er so schnell wieder auf der bank sitzt. ich an seiner stelle hĂ€tte einen horror davor. ansonsten sehr schöne geschichte. ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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Bilbo
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2000

Werke: 9
Kommentare: 8
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Hallo,

vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt, ein paar SĂ€tze zu meiner Geschichte zu schreiben. Ich freue mich, dass sie euch einigermaßen gefallen hat.
Die Geschichte geisterte schon so lange in meinem Kopf herum, und blockierte neue kreative Gedanken, dass ich sie einfach mal "rausschreiben" musste, selbst wenn sie nichts außergewöhnliches ist.

Also, bis bald

Bilbo

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