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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die fremde Frau
Eingestellt am 05. 09. 2008 10:32


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lumieresolaire
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2008

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Die fremde Frau

Jeden Morgen um sechs Uhr verlasse ich das Haus. Wenn ich die TĂŒr hinter mir schließe, ist es noch dunkel draußen. Da ich der Letzte bin, muss ich zusperren.
Die Straße liegt verlassen und einsam vor mir. Wir haben ein altes Haus in einem kleinen Dorf. Bis zur Bushaltestelle muss ich nur ein paar Meter laufen. Wenn ich um die Kurve bin, sehe ich sie. Sie lĂ€uft ein paar Meter vor mir.
Ihr blondes Haar scheint zu leuchten im Dunkeln. Es ist sehr hell und kraus, und manchmal trĂ€gt sie es offen. Meist jedoch hat sie die Haare hochgesteckt. Ihre Schuhe sind viel zu hoch, und sie klappert laut auf den einsamen Fußwegen. Ihre Sachen sind auffĂ€llig und aus einer anderen Zeit, als man die Hosen noch ĂŒber dem Nabel zuknöpfte. Ihre Tasche besteht aus rotem Leder, und sie trĂ€gt sie nicht, sondern sie hĂ€lt sich daran fest.
Jeden Morgen geht sie vor mir her. Bis zur Haltestelle an der Hauptstraße. Dann steigt sie in den Bus und setzt sich ganz vorn in die erste Reihe. Ohne sie anzusehen, setze ich mich in die letzte Reihe. An ihren Schritten kann ich erkennen, wie es ihr geht. Sie hat den Gang einer Frau, die Haltung bewahren will, aber schon lĂ€ngst den Boden verloren hat. Meist ist sie betrunken. Dann geht sie schneller und aufrechter. Ich sehe es trotzdem.
Noch nie hat sie sich nach mir umgesehen, obwohl sie weiß, dass ich hinter ihr bin. Und ich halte den immer gleichen Abstand zu ihr.
Plötzlich strauchelt sie, und ich erschrecke. Sie versucht, sich zu fangen, doch es gelingt ihr nicht. Hilflos fÀllt sie, die HÀnde noch nach vorn gestreckt, doch ihr Kopf trifft den Bordstein.
Ich laufe zu ihr und versuche, ihr aufzuhelfen. Starker Parfum-Duft soll den Geruch von Alkohol ĂŒberlagern, doch die Mischung aus beidem widert mich an. Panisch krallen sich ihre langen roten NĂ€gel in meine Jacke, doch sie bekommt keinen Halt. Ich sehe eine Platzwunde an ihrer Stirn und wundere mich, wie schwer ein so dĂŒnner Mensch werden kann. Dann fasse ich mir ein Herz und packe richtig zu.
Im nĂ€chsten Moment steht sie wieder auf beiden FĂŒĂŸen. Sie wischt sich den Dreck von der Hose, ohne das Blut zu bemerken, das ihr von der Stirn ĂŒber die Wange lĂ€uft und ihren Pullover verschmutzt.
„Ich muss zur Arbeit!“ sagt sie und schiebt mich beiseite.
Ich halte sie fest. Verwundert sieht sie mich an.
„Heute nicht, Mutter!“ sage ich mit fester Stimme. „Heute nicht!“

__________________
lumieresolaire

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