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Leselupe.de > Humor und Satire
Die grüne Insel
Eingestellt am 21. 02. 2003 16:14


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PaddyOHemy
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Feb 2003

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Die Grüne Insel

„Es gibt dieses Irland nicht.
Wer aber hinfährt und es findet,
Hat keine Ersatzansprüche an den Autor.“


Im Westen umtost von den mächtigen Wellen des Atlantiks, im Osten gestreichelt von der irischen See, der man ein etwas gemäßigteres Temperament nachsagt, liegt Irland, eine Insel am äußersten, westlichen Zipfel von Europa, die dem Laien gemeinhin als Grüne Insel bekannt ist. Die Bewohner dieses Eilands pflegen ihre Heimat jedoch die Insel der Heiligen und Weisen zu nennen. Nicht etwa, weil sie sich auf ihre Rolle im frühen Christentum oder auf die Vielzahl ihrer Dichter etwas einbilden, sondern weil sie der Benutzung des Wortes Grün überdrüssig sind. Warum?
Der durchschnittliche Ire sieht, wenn er nicht nach Amerika auswandert oder sein Glück auf dem Kontinent sucht, sein Leben lang zu einem erschreckend hohen Prozentsatz die Farbe Grün. Das erste, was ein neugeborener irischer Säugling erblickt, wenn er vorsichtig seine jungen Augen aufschlägt, ist nicht etwa das Licht der Sonne, die sich in diesem Land anscheinend nur blicken lässt, wenn sie unbedingt muß, sondern das aufdringliche Grün der Hügel und Täler, das jeden neuen Irlandbürger sofort anspringt und nie wieder loslässt.
Für den Arzt oder die Hebamme erübrigt sich zumindest der sonst in jedem Land zum Usus gehörende Klaps auf den Po, denn ein irisches Baby schreit und schnappt nach Luft, sobald es sich der furchtbaren Erkenntnis bewusst wird, dass die Welt um es herum grün ist.
Der irische Arbeitnehmer wird, wenn er nicht sowieso gezwungen ist, als Bauer oder Schäfer seinen Lebensunterhalt mit den verhassten, saftig grünen Wiesen zu verdienen, auf seinem Weg zur Arbeit und auf dem Heimweg stundenlang der deprimierenden grünen Strahlung ausgesetzt, vor der er sich nur in einem dunklen, gut isolierten irischen Pub schützen kann, was dazu führt, dass täglich tausende irischer Männer zu spät zur Arbeit kommen und erst spät in der Nacht zu ihren nicht wirklich verständnisvollen Ehefrauen heimkehren.
Nicht einmal beim Reisen durch das eigene Land sind die Iren in der Lage, das Grün ihrer Ahnen, das auch das Grün ihrer Kinder und Enkel sein wird, hinter sich zu lassen.
Der Norden ist genauso grün wie der Süden und auch der Osten steht dem Westen in Sachen Grün um nichts nach. Von Donegal bis Cork und von Sligo bis Rosslare ist jeder Quadratzentimeter irischen Bodens mehr oder weniger grün. Furchtbar, nicht wahr?
Sind Sie in Irland eigentlich schon mal mit dem Zug gefahren?
Mit der Geschwindigkeit eines Ochsenkarrens tuckert die irische Eisenbahn durch das recht eintönige, irische Landesinnere. Der Blick durch das Fenster entlockt Touristen häufig regelrechte Begeisterungsschreie. Grüne Weiden, grüne Büsche, grüne Hügelchen und grüne Gärten vor schnuckeligen, reetgedeckten Bauernhäusern. Ab und zu sorgt ein schwarzes Torffeld, ein dunkelbraunes Moor oder ein gelb leuchtender Ginsterstrauch für Abwechslung aber die dominierende Farbe ist und bleibt Grün.
Ich kann durchaus verstehen, dass der zentraleuropäische Urlauber von diesem Schauspiel in Grün fasziniert und ergriffen ist, besonders, wenn er aus dem Ruhrgebiet oder aus Ostdeutschland kommt, aber man darf sich im Beisein von irischen Reisenden nie und nimmer dazu hinreissen lassen, seinem Entzücken Ausdruck zu verleihen oder gar lauthals zu jubeln.
Man sollte sich immer vor Augen halten, dass diese Menschen sich ihre Heimat und deren Farbe nicht aussuchen konnten und seit Jahrtausenden (!) dazu verdammt sind, in einer grünen Einöde zu leben. Machen Sie den Einheimischen also eine Freude und starren Sie genauso griesgrämig und verbittert aus dem fahrenden Zug. Sie können den Effekt noch verstärken, indem Sie, begleitet von einem missmutigen Knurren, von Zeit zu Zeit auf das fucking green fluchen und sich angewidert vom Fenster abwenden.
Nicht selten reagieren mitreisende Iren auf diese solidarisierende Geste mit einem freundlichen Lächeln. Sie können sich jetzt beruhigt zurücklehnen. Sie sind nun einer von ihnen und brauchen praktisch nur darauf zu warten, dass man Sie zu Tee und Sandwiches einlädt.

Ein weiteres Thema, das sie in Gegenwart von Iren besser nicht ansprechen sollten, ist der außerordentliche Mangel von Bäumen in ihrer Lanschaft, der seine Wurzeln (?) in der frühen, steinzeitlichen Geschichte Irlands hat.
Die Ureinwohner nämlich, die von Forstwirtschaft wohl noch nie etwas gehört hatten, konnten mit dem einst hohen Baumbestand nicht sehr viel anfangen und zogen es bedauerlicher weise vor, die riesigen Wälder zugunsten von Weideland zu fällen, nicht wissend, dass sie ihre Nachfahren damit in eine tiefe Depression stürzen und so zu einem der schlimmsten irischen Komplexe beitragen würde: Waldarmut.
Im Zug von Galway nach Dublin wurde ich einmal Zeuge, wie ein Bauer von der felsigen Westküste Irlands auf halber Strecke einen verknöcherten, alten Baum inmitten der tristen, grünen Felder erspähte und sofort die Notbremse zog, um zu ihm hinaus zu laufen.
Als er völlig aufgelöst wieder einstieg und die übrigen Fahrgäste ihm verständnisvoll auf die Schulter klopften, begriff ich, dass er noch nie im Leben einen Baum gesehen hatte. „Schäme dich deiner Tränen nicht, Junge“, sagte ein alter Mann und nahm den Bauern tröstend in die Arme. „So ist das eben beim ersten Mal.“
Es ist nicht nur diese tiefe Sehnsucht nach Bäumen, die jeden Iren seit der Steinzeit quält, die weitaus schlimmere Variante ist eine latente Eifersucht auf waldreichere europäische Staaten wie Deutschland (bei dem wenigstens das Waldsterben ein schwacher Trost ist) und einen fast krankhaften Hass auf Schweden und Kanada, die buchstäblich in Bäumen zu versinken scheinen und sogar die Frechheit haben, Holz in andere Länder zu exportieren.

Seien Sie also auf der Hut, wenn Sie Ihren Urlaub in Irland verbringen möchten.
Schon mancher ahnungslose Urlauber hat sich auf der sonst so gastfreundlichen und herzlichen Insel eine schmerzhafte Beule eingefangen, weil er gesagt hat:
„Es ist so wunderbar grün hier, aber wo sind bloß die Bäume?“






__________________
Patric Hemgesberg

www.patric-hemgesberg.de

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flammarion
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prust,

kicher, lach! köstlich, deine grüne insel! mein erster lacher heute morgen. mach mal so weiter! punkte gibt und ganz lieb grüßt
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