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Die gute Fee
Eingestellt am 01. 02. 2006 05:07


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Die gute Fee

Heute segeln wir ĂŒber die stĂŒrmische See bis zu der Insel. Die Nebel senken sich auf Avalon, und wir tauchen ein in das englische Mittelalter. Mordred nennt Camelot ein Hurenhaus. Immerhin ist das GemĂ€uer Camelot der Hof des Artus - des Großkönigs aller Briten. Der junge, aber bereits kampferprobte Heißsporn Mordred spricht mit seiner Unbedachtheit das DreiecksverhĂ€ltnis Artus - Königin Jennifer - Ritter Lancelot an. Mordred hat gehört, der edle Lancelot steigt mitunter des Nachts zur Königin ins Bett. Denn Lancelots bester Freund Artus möchte testen, ob die Königin einen Thronfolger empfangen kann - wenn nicht von ihm selber, dann eben notgedrungen von Hausfreund Lancelot. Auf Camelot geht es drunter und drĂŒber. Hat sogar Artus etwas mit Lancelot? Die Inspektion der betreffenden Textpassagen und somit die Antwort auf die fatale Frage muß den einschlĂ€gigen Forschungen des wachsamen Lesers ĂŒberlassen bleiben. Das Pikante an der o.g. SchmĂ€hrede ist, der so weit das Maul aufreißt, ist selber die Frucht einer Blutschande. Die Hauptfigur vorliegenden Romans, die Fee Morgaine, hat das FrĂŒchtchen Mordred von Artus empfangen. Der Vater erfĂ€hrt aber erst viel zu spĂ€t von seinem Sohn.

Blutschande hin, Blutschande her. Die Kelten auf der britischen Insel sehen das anders. Mordred ist ein Kind der Mondgöttin Ceridwen. Diese Naturgöttin ist - nach dem Glauben der Kelten - ĂŒberall, in jedem lebenden Wesen, egal ob Mensch, Tier oder Pflanze. In facto liegt seinerzeit die junge Priesterin und Jungfrau Morgaine mit dem RĂŒcken auf der fruchtbaren englischen Erde und erwartet im Licht des FrĂŒhlingsmondes ihren Hirschkönig. Das ist der mit Geweih maskierte KönigsanwĂ€rter Artus, der seine Manneskraft u.a. dadurch beweist, daß er Morgaine ein Kind macht. Diese hochpolitische Intrige hat Viviane, in Avalon die Herrin vom See, eingefĂ€delt. Königliches Blut soll sich mit königlichem Blut mischen. Macht soll in Familie bleiben - die NormalitĂ€t unter Kelten. Apropos Herrin vom See. Avalon ist eine Insel in einem nordenglischen See, der – wie eingangs heraufbeschworen – fĂŒr zu sehr irdisch orientierte Menschlein meistenteils nebelverhangen ist. Camelot hingegen liegt in SĂŒdengland. Jedenfalls, die Herrin vom See - also von Avalon - ist immer die amtierende Stellvertreterin der o.g. Naturgottheit in Britannien.
Morgaine hat zu Beginn des Romans, der durchgĂ€ngig auf Königsebene ablĂ€uft, eine große Karriere vor sich. Nachdem Viviane zu Pfingsten bei Hofe vor aller Augen mit der Streitaxt erschlagen wird, steigt Morgaine zur Herrin vom See auf. Bei Hofe, also auf Camelot, hat Königin Jennifer das Sagen. Die mĂ€chtige Lady ist eine „jĂ€mmerliche Frömmlerin“, eine „fanatische, kopflose Christin“, die nichts von den „barbarischen Ritualen der Druiden“ - sprich keltischen Priester - hĂ€lt. Und schon kommt das Christentum ins Spiel, verkörpert durch Patricius, der die Druiden von Camelot vertreibt. Die Königin ist ihm auf der ganzen Linie hörig und krempelt Artus glaubensmĂ€ĂŸig um. Der Großkönig hĂ€ngt nicht mehr der niedergehenden Naturreligion an, sondern zieht als moderner Herrscher unterm Kreuz der Christenheit in den Kampf gegen alle möglichen Bösewichter. Das sind anfangs die rauflustigen Sachsen. Die werden mit der Zeit VerbĂŒndete. Schließlich fallen die NordmĂ€nner in Britannien ein. Zum GlĂŒck ist Artus auf dem Schlachtfeld fast unverwundbar - vor allem durch die magische Scheide, in der sein Schwert Excalibur steckt. Diese beiden Insignien der Macht hat er von Avalon verliehen bekommen. Artus' Konversion zum aufstrebenden Christentum ist - unter uns gesagt - Verrat an der Naturreligion.
Der Druide Kevin, ein weiterer VerrĂ€ter, spielt auch noch eine nicht unbedeutende Rolle. Morgaine liebte jenen mißgestalteten begnadeten Musikus körperlich. Worin besteht sein Verrat? Kevin nimmt die heiligen Dinge, als da sind Speer, Kelch und Schale, aus dem Versteck und gibt sie der Welt, sprich den Christen auf Camelot. Die entweihen die Insignien auf ihrer Ostermesse. Die Strafe dafĂŒr - dem VerrĂ€ter soll bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen und in eine gespaltene Eiche geklemmt werden. Gemach! Unsere Nerven werden geschont. So weit kommt es nicht. Kevin darf schnell sterben.
MĂ€rchenhaft geht die Story aus. Artus und Mordred, also Vater und Sohn, bringen sich gegenseitig um. Der Sohn wollte die Macht mit Gewalt, kriegt sie aber nicht. Das ist die Tragik. Die Autorin hat das Buch so geschrieben, daß der Leser ĂŒber weite Strecken hofft, Mordred wird einmal der neue Großkönig.

Der Roman kann gelesen werden als gewaltige Auseinandersetzung zwischen Kelten und Christen. Unter dem Gesichtspunkt betrachtet liegt der Leser wĂ€hrend der LektĂŒre - seelenĂ€rztlich formuliert - auf der Couch der Autorin. Im Ergebnis der Session kommt es vor, daß der hypnotisierte Leser Partei fĂŒr die alten Kelten nimmt, denn das Christentum wird nur im letzten Romandrittel schlaglichtartig lobgepriesen.
Warum löst die Gralssuche am Romanende beim Leser leise Verwunderung aus? Als die Krieger um Artus fast alle Todfeinde niedergerungen haben, gehen sie auf Gralssuche und verlieren angesichts des Grals teilweise den Verstand. Der Gral ist ein heiliger Kelch, der unvorbereitet keinesfalls berĂŒhrt werden darf. Wer aus ihm dennoch trinkt, kann das aus dem Kelch gleißende Licht nicht ertragen und stirbt unweigerlich.
Über vielhundert Seiten wird das Seelenleben der königlichen Helden ausgebreitet. Was hinter den Stirnen der Personen vorgeht, nimmt breiten Raum ein. Das Geschehen auf den Schlachtfeldern hingegen wird mit kaum einem Satz ausgemalt. Das stört ĂŒberhaupt nicht, solange der Leser gespannt weiterliest. Wenn dann allerdings mehr als eine Romanfigur denken, kann das den Leser gelegentlich verwirren.
Der ganze Romanschluß ist unbefriedigend. Woran mag das liegen? Vielleicht erwartet der Leser zuviel von der Gralssuche. Vielleicht ist Freundchen Leser zu sehr auf Friede, Freude, Eierkuchen aus. Lassen wir das. Das Schreiben eines leser-akzeptablen Schlusses ist selbst fĂŒr den allerbesten Autor die reinste Zangengeburt, wenn nicht glatterdings ausgeschlossen.

Dickleibige BĂŒcher entmutigen gewöhnlich. Anders hier. Dieser psychologische Roman ist bei allem Umfang lesenswert. Wir bleiben dran. Das will bei dem Volumen etwas heißen. „Die Autorin konnte schreiben“, plappern wir und fragen, was wir eigentlich soeben leichthin behauptet haben. Sorgt das omniprĂ€sente Feenreich Avalon fĂŒr permanente Lesespannung ĂŒber 1100 Seiten? Nein, das kann es nicht sein. LĂ€ĂŸt uns die Frage nach dem Schicksal der Fee Morgaine, unserer Protagonistin, begierig weiter schmökern? Dieser im Roman allgegenwĂ€rtigen Frau wurde von dem ĂŒbrigen Personal des Romans meistenteils ĂŒbel mitgespielt, und wir warteten immerzu auf die nĂ€chste Garstig- oder Ungeheuerlichkeit. Nein, nein – das mit Morgaine geht tiefer, und wir befinden uns vielleicht gerade auf einer heißen Spur. Wir denken daran, daß sie als Jungfrau ausgerechnet vom Bruder geschwĂ€ngert wurde, daß der Bruder von dem gemeinsamen Kind lange Zeit nichts wußte, daß Morgaine das eigene Kleinkind weggab – auch um ihrer großen Karriere auf Avalon willen. Avalon und Morgaine zusammengenommen sind ein drittes starkes Lesemotiv fĂŒr diesen großen Roman. Morgaine nĂ€herte sich Avalon, stieg zur Herrin vom See auf, machte kehrt und streifte durch England. Zum Romanschluß aber findet Morgaine wieder hin nach Avalon. Leider geht die Wiederkehr nicht so gut aus. Schade. Dann ist viertens noch diese Beziehung Morgaines zu Kevin. Sexuell gefĂ€rbt sind starke Beziehungen Morgaines fast immer. Aber sie sind mehr als nur das. Richtig, diese Beziehungen mĂŒĂŸten jetzt gleich alle heller durchleuchtet werden. Das ist dummerweise ein weites Feld. Halten wir zum Schluß nur eine Erkenntnis fest. Uns fesselte der lange Romantext, weil Morgaine ein Mensch sein wollte.
HĂ€tten wir bei der guten Fee Morgaine drei WĂŒnsche frei, wĂ€ren wir um die anstehenden Antworten kein bißchen verlegen.
- Es mĂŒĂŸte einen Plauz geben und wieder FrĂŒhmittelalter sein.
- Wir mĂŒĂŸten nach diesem Donnerschlag so durchs Land abenteuern können wie Kevin und Morgaine.
- Wir mĂŒĂŸten noch so ein schönes Buch zum Lesen bekommen.

WĂŒnschen hilft nicht. Wir mĂŒssen runter vom MĂ€rchenschloß, raus aus dem Wunderland, rauf aufs Traumschiff und ĂŒber die stĂŒrmische See zurĂŒck auf den Kontinent. Zuhause wartet ein voluminöses Werk – die „Geschichte der deutschen Literatur“ - auf dem BĂŒcherbrett. Darin kommt im Kapitel „Hochhöfische Epik“ Chrestien von Troyes (* 1140, † 1190) vor. Dieser verdienstvolle Franzose, werden wir belehrt, schuf auf dem Festland aus der keltisch-britannischen die französisch-höfische Artuswelt. Im heimatlichen Deutschland machte jene Welt etwas spĂ€ter dann unser guter alter Schwabe Hartmann von Aue (* um 1165, † nach 1210) hoffĂ€hig. Allerdings war die kontinentale MĂ€rchenwelt wohl mehr patriarchalischer Natur. Die Frau wurde in dieser Kulisse in unseren Landen höchstens angeminnt. Also machen wir der Autorin des Romans „Die Nebel von Avalon“ ganz zum Schluß gern noch ein weiteres Kompliment. Was fĂŒr ein Matriarchat fĂŒhrt uns die gute Fee Morgaine vor Augen!

Die U.S.-amerikanische Schriftstellerin Marion Zimmer Bradley wurde am 3. Juni 1930 in Albany, New York, geboren und starb am 25. September 1999 in Berkeley, Kalifornien.

Marion Zimmer Bradley: Die Nebel von Avalon
Roman (1982, dt. 1983)
ISBN 3898971074


Hedwig Storch 2/2006

__________________
Hedwig

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