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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Die kalte Zeit
Eingestellt am 03. 11. 2015 23:38


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Vessel
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Am Morgen war ein junges MĂ€dchen aus dem fĂŒnften Stock des Nachbarhauses in den Tod gestĂŒrzt. Julia und ich standen lange am Fenster und sahen zu, wie die Menschen versuchten zu helfen. Ich lud sie ein, mit mir am Abend auszugehen. Es gĂ€be hier ein gutes Fischrestaurant, sagte sie.
Ich arbeitete seit einigen Wochen in Tromsö. Gekommen war ich mit dem Zug aus Oslo. Die Landschaft erschien mir dabei nicht viel anders als daheim in der Schweiz und ich langweilte mich. Eigentlich hatte ich von Oslo einen Flug buchen wollen, doch meine Freunde hatten auf mich eingeredet; Norwegen sei zu schön, um drĂŒber zu fliegen. Ich werde ein ganzes Jahr dort sein, hatte ich gesagt und fuhr dann doch Zug. In Tromsö fĂŒhrte man mich durch die BĂŒros und wies mir meinen Platz zu. Morgens kam ich frĂŒh und blieb bis spĂ€t abends. Ich fand keinen Anschluss an meine Kollegen. Nachts war oft Musik aus einer Bar in der NĂ€he zu hören, aber ich war zu mĂŒde um noch etwas zu unternehmen. Oder ich hatte Arbeit mit nach hause genommen und saß am Schreibtisch bis ich einschlief.
Julia war Schwedin. Sie war klein und hatte kurzes, dunkles Haar. Wir waren ĂŒber das MĂ€dchen ins GesprĂ€ch gekommen. Ich sagte, vielleicht sei es Mord gewesen und sie hatte gelacht. Schuld sei das strenge Schulsystem, sagte sie, und die stĂ€ndige Dunkelheit.

Das Restaurant lag an einer stark befahrenen Hauptstraße. Als ich aus dem Bus stieg, wartete Julia schon.
„Ich hoffe, es gefĂ€llt dir“, sagte sie.
Der Raum war modern eingerichtet, Fotografien von Tiefseefischen mit bunten Farbfiltern hingen an den WĂ€nden. Viele Tische waren besetzt, wir fanden Platz in einer Ecke. Die StĂŒhle waren unbequem. Julia bestellte etwas, von dem ich vorher nicht gehört hatte. Ich nahm das Tagesgericht.
„Ich kenne mich mit Fisch nicht aus“, sagte ich.
Julia lachte: „Über Fisch wirst du viel lernen, wenn du hier lebst.“
Ich sah durch die Scheiben des Restaurants, es hatte angefangen zu schneien.
„Die Winter sind lang“, sagte Julia als sie meinen Blick bemerkte. „Manchmal verschwindet jemand auf dem Land. Man sucht, aber findet nichts. Der ist in den Schnee gegangen, heißt es dann.“
„Was meinst du?“ fragte ich.
„Man gewöhnt sich nicht daran.“
Das Leben sei seltsam hier, sagte ich und Julia sagte, es sei ĂŒberall gleich. „Bloß die Menschen sind andere.“
„Ich habe die Stelle angenommen, ohne dass ich mir etwas unter Norwegen vorstellen konnte.“
„Ich habe fast mein ganzes Leben hier verbracht“, sagte sie.
„Wieso bist du hergekommen?“ fragte ich, „und warum bist du geblieben?“
„Wegen meines Vaters, ich war noch klein. Und dann ... vielleicht konnte ich mich nur nicht entscheiden, wohin sonst.“

Ein Kellner brachte unseren Fisch. Julia aß mit der Eleganz der Gewohnheit. Mit wenigen Schnitten zerlegte sie den Körper des Tieres. Dann schnitt sie kleine Bröckchen heraus, die sie langsam kaute. Sie wirkte konzentriert und ich dachte, sie ist schön.
Der Schneefall wurde stĂ€rker. Als wir das Restaurant verließen, waren die Straßen bedeckt. Julia nahm den Bus in die Innenstadt. Sie umarmte mich kurz und sagte, danke, fĂŒr den schönen Abend.
Mein Bus kam nicht und nach einer Weile hatte sich eine Gruppe Wartender versammelt. Irgendwann hieß es, die Busse fĂŒhren nicht mehr und ich bestellte ein Taxi. Der Fahrer war SĂŒdlĂ€nder, er sprach mit starkem Akzent. Er erzĂ€hlte, seine Frau erwarte ein Kind. Ich gratulierte, und er sagte, er gehe weg von hier, wenn er das Geld beisammen habe. Das sei kein Ort fĂŒr Kinder, fĂŒr Niemanden. Ein Niemandsland.
In meiner Wohnung begann ich, Unterlagen fĂŒr die Arbeit zu sichten und machte Notizen auf einigen Seiten, doch ich war unkonzentriert und legte die Sachen bald beiseite. Die Heizung war an, der Raum wurde nicht warm. Ich ging zum Fenster, es war beschlagen und ich wischte mit dem HandrĂŒcken eine kleine FlĂ€che frei. In nur wenigen Fenstern des Wohnblocks gegenĂŒber war noch Licht. Der Schnee flackerte orange von den Lichtern der RĂ€umfahrzeuge.

Es war Sonntag. Ich saß am Schreibtisch und versuchte mich auf die Tabellen auf dem Bildschirm des Laptops zu konzentrieren. Ich dachte an das MĂ€dchen, in der Tageszeitung wurde sie mit wenigen SĂ€tzen erwĂ€hnt: Sie hatte einen Abschiedsbrief geschrieben, die Eltern trauern. Ein Bild von ihr war abgedruckt, sie lĂ€chelte.
Ich klappte den Laptop zu und schaltete den alten Fernseher ein. Ich musste die Antenne drehen und empfing einen schwedischen Sender, ich stellte lautlos. Ein Spielfilm, oder eine Serie. Menschen standen in dunklen Kleidern an einem Grab, ein Mann hielt eine Rede, eine Frau weinte in Nahaufnahme, Szenenwechsel. Jugendliche in der Schule, einer meldete sich, sagte etwas, die anderen lachten. Über das Bild flimmerte Fernsehschnee, ich drehte an der Antenne und das Bild wurde wieder klar.
Wie unnatĂŒrlich die Sendung ohne Ton wirkte, verwunderte mich. Die Bewegungen der Schauspieler erschienen mir ĂŒbertrieben, ihre Gesichter wie Grimassen. Die Jugendlichen rannten auf den Schulhof, es gab Streit, einer zog ein Messer, stach zu. Wieder Friedhof, die Frau warf eine Blume auf das Grab. Ich dachte an Julia.
Ich begann meine Akten zu sortieren und zerriss die Unbrauchbaren. Ich wollte auch die anderen zerreißen, alle, aber ich zögerte und legte sie zurĂŒck.

Ich sah Julia fĂŒr Tage nicht und rief sie an. Sie sagte, sie wolle mich sehen. Ihre Wohnung lag im Stadtzentrum.
Das Treppenhaus war dunkel und feucht. Julia bat mich mit einer ungeschickten Bewegung herein, sie sagte, sie mache schnell Tee, ich solle mich schon aufs Sofa setzen. Im Flur standen Kartons.
„Ziehst du um?“, fragte ich.
„Nein“, sagte sie. „Ich habe noch nicht alles ausgepackt.“
Die Wohnung war karg eingerichtet und die wenigen Regale leer. Julia kam mit dem Tee aus der KĂŒche. Sie lĂ€chelte flĂŒchtig als sich unsere Blicke kreuzten.
„Es ist nicht sehr bequem hier, ich weiß“, sagte sie. „Entschuldige, dass ich mich nicht gemeldet habe. Ich habe mich krank schreiben lassen.“
„Ist es wieder besser?“
„Es geht.“ Sie ging zum Fenster und schob die VorhĂ€nge beiseite. „Man sieht durch das Schneetreiben wie in eine Höhle, oder einen Tunnel.“
Ich erinnerte mich an einen Ausflug, den ich vor Jahren gemacht hatte. Eine Tropfsteinhöhle hatte ich besucht, ich erzĂ€hlte Julia davon. Man hatte uns Grubenlampen gegeben, aber ĂŒberall waren Neonröhren in der Höhle und die Grubenlampen spendeten kaum Licht, sie waren nur fĂŒr uns Touristen. Um das richtige GefĂŒhl zu erzeugen. Julia nickte, sie sah weiterhin aus dem Fenster. Ich trank den Tee, er war bereits kalt.
„Ist das nicht seltsam?“, sagte sie. „Warum bist du hier, in Norwegen, was willst du?“
Ich zuckte die Schultern. „Was soll ich schon wollen“, sagte ich. „Ich will nichts.“
Julia lachte. „Manchmal denke ich, dass da etwas ist, auf das ich warte. Irgendwas, das passiert.“
Dann sagte sie: „Ich gehe duschen. FĂŒhl dich bitte wie daheim.“
Ich wartete kurz, dann stand ich auf und ging durch die Wohnung. Es war als sei nie jemand eingezogen. An der Decke hing die GlĂŒhbirne an einem Kabel. Ich fand einen Stapel CDs und sah die Alben durch. Die wenigsten kannte ich. Ich fand ein Album von Bryan Adams und dachte darĂŒber nach, es einzulegen. Dann legte ich es zurĂŒck.
Ich ging auf den Flur, Julia stand da. Sie hatte ein Handtuch umgewickelt, ihre Haare fielen in feuchten StrĂ€hnen ĂŒber die Stirn. Sie sah zu Boden. Ich ging auf sie zu. Sie streifte das Handtuch ab und als ich sie kĂŒsste, erwiderte sie den Kuss.
Wir liebten uns im Flur an der Wand. Ihre Haut war heiß vom duschen und sie atmete schwer und ungleichmĂ€ĂŸig. Ich hatte mein Hemd nicht ausgezogen.
„Das ist unbequem“, sagte sie irgendwann und wir gingen aufs Sofa im Wohnzimmer.
SpĂ€ter saßen wir uns gegenĂŒber. Julia trug schwarze UnterwĂ€sche. Mir war sogar in meinen Straßenkleidern kalt, doch sie schien nicht zu frieren. Ich wusste nicht, was sagen. Von ihren Haaren tropfte Wasser, mir fielen die Ringe unter ihren Augen auf.
Ich ging schweigend und kam mir blöd dabei vor. Julia begleitete mich zur TĂŒr.

Am Tag darauf war eine Nachricht von ihr auf meinem Anrufbeantworter. Sie sagte, sie sei weg. Wohin wisse sie nicht, noch nicht. Sie habe ihr Handy weggeworfen. Ihr sei klar geworden, dass sie so nicht leben könne, das hier nichts passiere. Es sei nicht meine Schuld.
Der Moderator der Morgensendung im Radio berichtete vom kommenden Jahrhundertwinter, Schneechaos auf den Straßen, schlimmer als gewöhnlich, fĂŒr Wochen. Ein Arbeitskollege sprach mich an, er fragte, ob ich etwas ĂŒber Julia wisse, ob ich mit ihr zusammen sei, man rede so, und ich sagte, nein, sie ist weg. Er fragte, ob ich am Abend mit wolle, er und ein paar Jungs aus der Abteilung gingen in eine Bar. Ich sagte, ich hĂ€tte noch viel zu tun, ein anderes mal vielleicht.

Version vom 03. 11. 2015 23:38

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Wipfel
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hi vessel,

ich mag den Text. Du schaffst es, mich da so nach und nach hineinzuziehen. Gut gemacht.

quote:
Am Morgen war ein junges MĂ€dchen aus dem fĂŒnften Stock des Nachbarhauses in den Tod gestĂŒrzt. Julia und ich standen lange am Fenster und sahen zu, wie die Menschen versuchten zu helfen.
Hier bin ich zunĂ€chst hĂ€ngengeblieben: die Menschen haben versucht zu helfen, damit das junge MĂ€dchen sich in den Tod stĂŒrzt? Das wĂ€re eine ErklĂ€rung, warum das so lange gedauert hat. Oder wollte man helfen, den Blutfleck wegzuschrubben? Einer Toten ist sicher nicht zu helfen...

GrĂŒĂŸe von wipfel

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SilberneDelfine
???
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Ich bin an dem Text sofort hĂ€ngengeblieben, weil mir der Name der Stadt Tromsö etwas sagt. Soviel ich weiß, wird es dort im Winter ein halbes Jahr lang ĂŒberhaupt nicht richtig hell (also auch am Tag nicht). Das allein ist schon ein guter AufhĂ€nger fĂŒr eine Geschichte, fĂŒr eine eher melancholische oder auch dĂŒstere Stimmung.

Die ErzÀhlung ist leise und wenig actionreich, das ist aber genau der Stil, den ich mag.

Vielen Dank!

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aligaga
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Das ist, findet @ali, die wohlgelungene Beschreibung eines GefĂŒhls. Wir kennen es alle; es pflegt sich immer dann einzustellen, wenn wir auf uns selbst zurĂŒckgeworfen sind und keine Perspektive mehr finden, alte Bindungen verloren haben und uns zu schwach fĂŒhlen, neue einzugehen. Alles, was wir noch können, ist, mechanisch Arbeit zu verrichten, aber auch da stockt's, wenn niemand wirklich etwas verlangt und man sich selbst schon halb aufgegeben hat. Man hat sogar aufgehört, darauf zu warten, dass "etwas" kommt. Auch ein Fick hat nur noch den Stellenwert eines TagemenĂŒs in einem Fischrestaurant. Schön, wie du "Julia" essen lĂ€sst, @Vessel. Soviel routinierte Sorgfalt, aber man weiß nicht, wozu noch!

Du beschreibst nĂŒchtern die Vorstufe einer Depression oder schon die Depression selbst, und der Leser kann dieses GefĂŒhl der Leere nachempfinden - er hat ebenso wenig "Aussichten" wie der Protagonist, dessen Bekannte oder das MĂ€dchen, das sich vom Dach gestĂŒrzt hat.

TTip: Mach aus dem "jungen MĂ€dchen" nur ein MĂ€dchen und lass die Menschen unten "versuchen, noch etwas zu tun".

Sonst findet ali nichts zu meckern. Wirklich wohl gelungen!

Ach ja - die "Fotografien von Tiefseefischen mit bunten Farbfiltern" noch. WÀre "rosa und gelb [oder sonstwie] (ein)gefÀrbte Fotografien von Tiefseefischen" nicht nicht weniger clumsy?

Gruß

aligaga

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aligaga
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quote:
Besonders der erste Satz scheint ein Stein des Anstoßes zu sein, ich werde mir etwas ĂŒberlegen.
"Kleines MĂ€dchen" ist ein klassischer, scheinbar nicht auszumerzender Pleonasmus; "Fotografien von Tiefseefischen mit bunten Farbfiltern" heißt wörtlich, dass Fische bunte Farbfilter im Marianengraben dabeihatten - im Maul? Um den Hals? Gemeint sind wohl kĂŒnstlich erzeugt Fremdfarben.

@Ali rÀt, solche sprachlichen Stolperer, die nicht sinnstiftend sind, schlicht zu beseitigen. Sowas bessert die Note, falls man Wert auf eine solche legen sollte.

Gruß

aligaga

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