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Leselupe.de > Kindergeschichten
Die kleine Wolke Annabell Teil1
Eingestellt am 01. 03. 2002 17:12


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Michel
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2001

Werke: 6
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Die kleine Wolke Annabell


von

Michael Graf

Über dem gewaltigen Ozean, der Europa und Afrika von Nord- und Südamerika trennt, versammelten sich die Wolkenfamilien.Denn hier über den unendlichen Wassern formten sich neue Wolken und traten ins Leben. Alle Wolkenstämme waren herbeigekommen, um ihren Nachwuchs in Empfang zu nehmen. Stolzgeschwellt schwebten die Gewitterwolken heran. Die Stratuswolken, die lang anhaltenden Regen bringen, schleppten sich schwerfällig näher. Sogar die tief fliegenden Nebelschwaden glitten erwartungsvoll über die Wellen.
Hier, überm Atlantik, traf sich auch die große Familie der Schönwetterwolken, um der Geburt einer ganz neuen Wolke beizuwohnen.
Bedächtig mischte sich der Opa der Regenwolken unter die Schönwetterwolkenfamilie und fragte die kleine Amelie: „Na, du bist bestimmt schon ganz schön zappelig, was? Was meinst du, bekommst du ein Brüderchen oder ein Schwesterchen?“
Amelie entgegnete ihm genervt: „Das fragen mich alle, schon seit Tagen. Mir ist es eigentlich egal. Hauptsache, ich kann mit der neuen Wolke spielen.“
„Sehr vernünftig!“, antwortete Opa Regenwolke, während er Papa Schönwetterwolke aufmunternd in die Seite stieß.
„Donner, Blitz und Wolkenbruch, hast du mich jetzt erschreckt!“, rief dieser fahrig.
„Na, na. Ihr seid ja heute die reinsten Nervenbündel. Das ist doch nicht eure erste Geburt, oder? Na, ich sehe schon, mit dir kann man heute kein vernünftiges Gespräch führen. Guten Tag noch!“ Mit dieser Bemerkung schwebte Opa Regenwolke wieder zwischen die Wolken seiner Familie.
„Es geht los!“, schrie eine Wolke von ganz weit hinten. Aufgeregtes Raunen bebte durch alle Wolkenfamilien. Immer dichter drängten sie sich zusammen. Vor lauter Aufregung entwich aus den Reihen der Regenwolken ein Blitz. „O Gott, wie peinlich“, flüsterte Mama Regenwolke ihrer Familie zu.
Jetzt – die Geburt neuer Wolken begann! Die Sonne streichelte die wogenden Wellen des großen Atlantiks mit ihren warmen Strahlen und ließ auf diese Weise das Wasser verdampfen. Der Wasserdampf stieg sehr schnell nach oben, vermischte sich mit den kalten Luftschichten und kühlte wieder ab zu ganz kleinen Tropfen. Millionen dieser Tröpfchen vereinigten sich am Himmel zu unterschiedlichen Sorten von Wolken, die sogleich von den dazugehörigen wartenden Eltern in Empfang genommen wurden. Durch das Zusammenspiel von Sonne und Wasser war es der Natur erneut gelungen, vielen kleinen Wolken das Leben zu schenken.

Eine kleine Schönwetterwolke starrte mit ihren großen Kulleraugen suchend in die weite Wolkenmenge, die vor ihr schwebte. Alle anderen Wolkenkinder waren schon schützend von ihren Familien in die Mitte genommen worden und schwebten freudestrahlend davon.
Sollte sie denn ganz allein zurückbleiben? Ihre Augen wurden traurig, da erblickte sie gar nicht weit von sich weg solche, die ihr ähnlich waren. Sie kamen langsam auf sie zu. „Hallo, Kleine!“, begrüßte Amelie als Erste ihre neue Schwester. Ihre Eltern und Verwandten schwebten hinzu. „Wir sind deine neue Familie“, sagte Papa, während er sich schützend neben die kleine Wolke gleiten ließ. „Du bist jetzt eine Schönwetterwolke“, fügte Mama hinzu.
Amelie meinte voller Stolz: „Sie soll Annabell heißen. Ja, das passt zu ihr.“ Mama sagte zu der kleinen Wolke: „Also, ab heute bist du unsere kleine Annabell!“ Ja, das gefiel der winzigen Wolke recht gut. Die andere, schon etwas größere und die erwachsenen Wolken lächelten so lieb und schienen sie gern zu haben, und Annabell lächelte zurück.

Während sie alle gemeinsam nach Hause schwebten, geschah es: Annabell konnte sich nicht mehr in der Luft halten und sackte plötzlich nach unten. Sie fiel tiefer und tiefer, unaufhaltsam dem Meer entgegen. Weit riss sie die Augen auf und schaute Hilfe suchend nach oben.
Entsetzt hielt die ganze Familie den Atem an.
Papa reagierte sofort und stürzte mit aller Kraft und Schnelligkeit Annabell hinterher. Kurz vor ihrem Aufprall gelang es ihm, unter sie zu fliegen und sie aufzufangen. Wie in ein Kissen plumpste Annabell in Papas federweichen Rücken.
Während sie gemeinsam wieder zu den anderen in den Himmel flogen, sagte Papa leise zu ihr: „Du bist noch so klein und schwach. Wir werden dich immer beschützen und dir den rechten Weg weisen. Das verspreche ich dir, meine kleine Wolke!“

Fünf Jahre vergingen wie im Flug. Annabell wurde immer größer. Jetzt konnte sie schon den einen oder anderen Sonnenstrahl fangen, auch wenn er ihr bald wieder entglitt. Amelie zeigte ihr, wie sie das Licht bündeln musste, damit ihr Kleid ganz weiß wurde, und der Vater erklärte ihr genau, wie nah sie dem wärmenden Tagesgestirn kommen durfte.
Wie jeden Abend saßen Papa und Annabell zusammen und nahmen noch einmal die wichtigsten Lektionen durch, die eine Wolke beherrschen muss. „Annabell, ich hoffe, du hast die letzten Tage gut aufgepasst und kannst meine Fragen beantworten“, sagte Papa.
Zuversichtlich entfuhr es ihr: „Ja, Papa, es kann losgehen, ich habe ja schließlich schon so viel gelernt.“
„Also dann“, begann Papa Wolke, „erkläre mir, wie der Schnee entsteht.“
Annabell wusste die Antwort: „Wenn es sehr kalt ist, gefrieren die Wassertröpfchen in den Wolken und fallen als Schneekristalle zur Erde.“
„Stimmt!“, freute sich Papa. „Weiter geht’s. Berichte mir über die Winde.“
Annabell überlegte kurz, dann antwortete sie ihm: „Ein Sturm bringt neben starkem Wind oft auch Gewitter mit sich. Ein Orkan ist ein heftiger Sturm mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 118 Stundenkilometern.“ Sie hielt kurz inne und dachte nach. Dann sprach sie weiter: „Ein Wirbelsturm ist ein sehr heftiger Wind, der sich ganz schnell im Kreis dreht.“ Kurze Stille.
„Und wie schnell kann er werden?“, fragte Papa nach.
Annabell zuckte mit den Schultern. Plötzlich fiel es ihr wieder ein. „ Er kann eine Geschwindigkeit von 250 Stundenkilometern erreichen“, antwortete sie. „In den Tropen wird er Hurrikan und in Nordamerika Tornado genannt“, triumphierte sie. Stolz wartete sie, was Vater wohl dazu sagen würde.
„Super, du bist ja klasse!“, lobte Papa und knuddelte seine kleine Wolke.
Insgeheim hatte Annabell gehofft, dass ihr Vater so reagieren würde. Denn sie wollte ihn davon überzeugen, dass sie nun endlich wie alle anderen Familienmitglieder beim Wettermachen mithelfen konnte.
Während Papa Annabell noch im Arm hielt, zog er seine Augenbrauen hoch und blickte ernst auf sie herunter. Annabell kannte diesen besorgten Ausdruck ihres Vaters nur zu gut und wusste, dass er ihr gleich etwas sehr Wichtiges erklären würde.
„Ich freue mich riesig, dass du schon so gut über die Naturereignisse Bescheid weißt, Annabell. Aber es gibt noch etwas, was du wissen musst“, sagte er.
„Und was ist das?“, wollte Annabell wissen und blickte mit großen Augen wissbegierig zu ihrem Papa auf.
Papa Wolke wusste nicht so recht, wie er es Annabell erklären sollte, und atmete schwer durch. Doch Annabell musste auch die dunklen Seiten des Wolkenhimmels kennen lernen. „Weißt du“, sagte Papa, immer noch nach den passenden Worten suchend, „weißt du, Annabell, die Wolkenart, von der du zuletzt gesprochen hast, vor der muss ich dich dringend warnen. Bisher hast du nur liebe und nette Wolken kennen gelernt. Aber es gibt nicht nur gute Wolken.“ Seine Stimme klang noch etwas besorgter als vorher. „Es schweben auch bedrohliche Wolken am Himmel umher und sie verbreiten oftmals Angst.“
„Die Tornados?“, fragte Annabell und ihre Augen wurden immer größer.
„Ganz recht“, sagte Papa. „Und ganz besonders vorsehen muss man sich vor diesem Torno und seinen sechs Brüdern.“
„Torno – wer ist denn das?“, wollte sie wissen.
„Torno ist der Anführer der Wirbelstürme. Überall, wo die ungemütlichen Gesellen auftauchen, hinterlassen sie nur Verwüstung. Wenn du ihnen irgendwann einmal begegnen solltest, flieg ihnen sofort aus dem Wege! Versprich mir das, Annabell“, forderte Papa Wolke seine kleine Wolke auf.
„Ich verspreche es dir“, sagte Annabell und sie drückten einander noch fester als vorher.
Wieder einmal ging ein Tag zu Ende und die Sonne verabschiedete sich am Horizont. Beim Einschlafen dachte die kleine Annabell an den finsteren Torno und seine gefährlichen Brüder. Sie konnte sich diese Gesellen nicht so recht vorstellen, aber bestimmt hatten sie rot glühende Augen und spitzige Eiszapfen im Bart und über der Nase senkrechte Falten wie Papa vorhin. Sie fror ein bisschen an den Zehen und mummelte sich ganz fest ein.

Für den nächsten Tag hatte Papa Schönwetterwolke einen Welterkundungsausflug mit Annabell geplant. Darauf freute sie sich schon seit Tagen und jetzt war es endlich so weit: Sie sollte die Welt und die anderen Wolken mit eigenen Augen kennen lernen. Bisher kannte Annabell nur ihren Heimathimmel über dem Bodensee und jetzt …
Quirlig flatterte Annabell um ihre Schwester Amelie herum. Sie konnte es kaum erwarten, mit ihrem Papa loszuziehen. Amelie fand es sehr amüsant, wie ihre kleine Schwester immer kribbeliger umherflitzte. Es war noch gar nicht so lange her, dass Amelie diejenige gewesen war, die es nicht erwarten konnte, mit ihrem Vater auf Welterkundung zu gehen, und jetzt war Annabell an der Reihe.
Endlich kam Papa Wolke, um Annabell abzuholen.
„Da bist du ja“, rief Annabell mit leuchtenden Augen. „Ich dachte schon, du hast mich vergessen.“
„Vergessen? Wie kann ich vergessen, dass ich meiner kleinen Wolke heute zum erstenmal die Welt zeigen will“, sagte Papa Wolke. „Wenn du so weit bist, können wir aufbrechen.“
Annabell schwebte dicht neben ihn und gemeinsam flogen sie los. Sie blickte noch einmal zu Amelie zurück, die ihr munter zuwinkte. Annabell, übermütig wie ein Sommerlüftchen, winkte zurück und zusammen mit ihrem Papa zog sie in die aufgehende Morgensonne.

Annabell flog neben ihrem Papa her und wich ihm keinen Zentimeter von der Seite. Viele Fragen kreisten in ihrem Kopf. ‚Ob wir wohl Menschen begegnen werden oder über hohe Berge fliegen?‘, dachte Annabell. Stolz blickte sie ihren Papa an und fragte ihn: „Wohin fliegen wir zuerst, Papa?“
„Zu allererst möchte ich dir Frankreich zeigen …“
„Und danach?“, unterbrach ihn Annabell.
„Danach will ich mit dir über England fliegen. Da leben besonders viele Nebelschwaden. Vor denen musst du dich vorsehen. Die sind mit Vorsicht zu genießen.“
„Warum?“, wollte Annabell wissen.
„Na ja, vielleicht stimmt das nicht in jedem Fall, aber …“ Papa Wolke hielt kurz inne. „Aber meistens versuchen sie uns zum Narren zu halten. Überall lauern sie und versperren uns die Sicht oder erschrecken uns dermaßen, dass sogar mancher Schönwetterwolke vor lauter Schreck schon mal ein Blitz entwichen ist.“
„Richtige Scherzkekse“, stellte Annabell fest.
Sie waren schon eine Weile geflogen und hatten unterwegs hin und wieder einige Schönwetter- und Regenwolken gesehen, die ihnen freundlich zuwinkten, da stießen sie auf zwei dick aufgeplusterte Wolken, die einander Nase an Nase gegenüberschwebten.
„Wer sind denn die?“, fragte Annabell.
„Das sind zwei Wolkenpolizisten. Sie achten darauf, dass keine fremden Wolken in ein Land einfliegen ohne Durchfluggenehmigung“, sagte Papa.
„Durchfluggenehmigung?“, staunte Annabell. „Wozu braucht man denn die?“
„Weißt du“, versuchte Papa zu erklären, „hin und wieder versuchen Wolken ohne Erlaubnis in andere Länder zu fliegen und bringen dort das ganze Wetter durcheinander. Die Menschen auf der Erde werden reineweg ramdösig, wenn das Wetter verrückt spielt. Manchmal kann das schlimme Folgen für sie haben. Manche bekommen keine Luft mehr und japsen oder sie schlafen den lieben langen Tag, anstatt ihre Arbeit zu machen. Einige werden plötzlich furchtbar wütend, und keiner weiß, warum, noch nicht mal sie selber. Deshalb gibt es die Wolkenpolizisten. Sie achten darauf, dass nur Wolken mit einer Durchfluggenehmigung einfliegen. So kommt es zu keinem Durcheinander am Himmel. Und vor allem sind wir sicher vor Torno und seinen Brüdern. Die haben hier nämlich nichts zu suchen.“
„Durchfluggenehmigung“, sagten die beiden Wolkenpolizisten, die merkwürdige blau-grün gestreifte Mützen trugen.
Papa Wolke zog etwas aus seinem Wolkenkörper, das aussah wie eine Nebelscheibe. Auf ihr hafteten zwei kleine Sterne, die prachtvoll in goldgelben Farben glitzerten und funkelten. Annabell brachte vor lauter Staunen ihren Mund nicht mehr zu. Papa Wolke reichte einem der beiden Wolkenpolizisten die Nebelscheibe. Dieser zog einen der Sterne ab und steckte ihn unter seine Mütze. Jetzt erst durften sie weiterfliegen. „Danke“, sagten die beiden aufgeplusterten Wolken mit ihren lustigen Mützen und winkten sie durch.
„Danke“, sagte auch Papa Wolke.

„Siehst du, Annabell, jetzt sind wir über Frankreich.“
Annabell wusste nicht, wo sie zuerst hinschauen sollte: In weiter Entfernung erblickte sie weiße Berggipfel und vor allem waren hier sehr viele Regenwolken unterwegs. Nun konnte sie ihre viele Fragen nicht mehr zurückhalten und fragte ihrem Papa Löcher in seinen Wolkenbauch: „Was sind das für Berge mit den weißen Gipfeln? Warum gibt es hier so viele Regenwolken?“ Papa Wolke beruhigte Annabell, die aufgeregt umherwirbelte, und beantwortete jede ihrer Fragen.
„Die weißen Berge, die du hier siehst, sind die Alpen. Hier gibt es etliche Gebirge“, sagte Papa. Vorsichtig flogen sie etwas tiefer, sodass Annabell die Berge in ihrer vollen Pracht bewundern konnte. Über den Alpen und den Pyrenäen fröstelte es sie und sie wärmte sich an Papas Seite.
Die Wolken, denen sie jetzt begegneten, grüßten in einer eigenartigen Sprache, die Annabell noch nie zuvor gehört hatte. „Bon jour“, sagten sie freundlich.
„Was heißt das?“, wollte sie wissen.
„Das heißt auf Französisch GUTEN TAG“, sagte Papa.
Während Annabell ihrem Papa lauschte, wäre sie fast gegen eine Turmspitze gestoßen, die vor ihr aufragte.
„Was ist denn das?“, fragte sie und umflog neugierig die Spitze des Turmes.
„Das ist der Eiffelturm“, antwortete Papa Wolke. „Wir sind wohl ein wenig zu tief geflogen“, murmelte er und musterte den Turm. „Er ist so hoch, dass er bis zu uns in den Himmel hinaufragt“, fügte er hinzu. „Besser, unsereins ist vorsichtig und fliegt nicht tiefer, als er soll. Sonst kratzen einem die Türme noch Risse ins Wolkenchemisette.“
Annabell raffte ihr Röckchen zusammen und bestaunte den Eiffelturm aus gebührender Entfernung. Da hörte sie plötzlich jemanden herzerweichend weinen.
Sie blickte zum Ausguck des Turmes, von wo aus viele Menschen den wunderbaren Rundblick über Paris genossen. Ein wenig abseits von den Übrigen stand ein kleiner Junge mit schwarzen Haaren, rieb sich mit der einen Hand seine tränennassen Augen und streckte die andere Hand weit in den Himmel.
Annabell hatte noch nie zuvor einen Menschen aus nächster Nähe gesehen. Sie konnte sich nicht erklären, warum der kleine Junge so bitterlich weinte, bis sie bemerkte, dass irgendetwas an ihrem Bauch kitzelte.
Als sie an sich hinunterschaute, entdeckte sie einen roten Luftballon, der an einer Schnur befestigt war. Immer wieder stieß er an den Bauch von Annabell und wollte nach oben steigen.
Bevor noch ihr Papa den roten Luftballon entdeckt hatte, holte Annabell tief Luft und pustete so fest, wie sie nur konnte, auf den Ballon und dieser trudelte zurück in die Arme des kleinen Jungen, der immer noch tränentropfend in den Himmel schaute. Er wusste nicht, wie ihm geschah, doch dann lachte er laut auf und umklammerte seinen roten Luftballon fest mit beiden Armen, dass er ihm nicht wieder abhanden kommen konnte.
Annabell klatschte vor Freude in die Hände.
Papa Wolke hatte zwar nicht alles gesehen, aber genug, um eine bewölkte Miene zu ziehen. „Wolkiges und Menschliches verträgt sich nicht“, sagte er missbilligend. „Halt dich lieber fern von diesen Wesen und übe dich im Wettermachen, dazu bist du da.“
Annabell wusste gar nicht so recht, was sie denn falsch gemacht hatte. Aber aus irgendeinem Grund mochte sie nicht danach fragen. Papa hatte ja gesagt, sie solle sich aufs Wettermachen konzentrieren.
Wieder kamen sie an zwei plustrigen Wolkenpolizisten vorbei. Die zogen als Durchfluggenehmigung den zweiten Stern von der Nebelscheibe und sie konnten weiterreisen.

Über England kam aus heiterem Himmel eine kleine, schrumpelige Regenwolke aufgeregt auf sie zugeflogen und fuchtelte wild mit den Armen. Sie sprach in einer Sprache mit ihrem Papa, die Annabell nicht kannte. Papa Wolke, der sämtliche Sprachen sprechen konnte, die es nur gab, hörte ihr aufmerksam zu.
Annabell wartete höflich, bis beide Wolken ausgesprochen hatten. Dann fragte sie ihren Papa neugierig, was der Regenschrumpel denn von ihm wolle.
„Es gibt ein wenig Ärger mit Schönwetterwolken. Und da ich eine Schönwetterwolke bin, dachte er, dass ich ihnen helfen könnte. Du bleibst so lange hier, bis ich wieder da bin, Annabell“, sagte Papa.
„Aber ich kann doch mitkommen. Ich verstehe schon viel vom Wettermachen und von anderen Wolken“, widersprach Annabell.
„Nein, es könnte viel zu gefährlich für dich werden.“
„Aber …“
„Kein Aber, du bist einfach noch zu klein“, entgegnete Papa Wolke entschieden. „Du bleibst hier.“ Und er folgte der verschrumpelten Regenwolke.
Annabell blieb beleidigt und enttäuscht zurück und brachte nur ein leises „Mir traut keiner etwas zu“ über die Lippen, das niemand hörte.

Plötzlich vernahm sie Glockenläuten, dessen Klang bis hinauf in den Himmel hallte. Neugierig, wie Annabell nun einmal war, schwebte sie den Klängen entgegen. Noch bevor ihr Papa wiederkam, würde sie wieder zurück sein, ganz bestimmt.
Als sie sich durch eine Schlechtwetterfront durchquetschte, worin die Wolken Hand in Hand, dicht zusammengedrängt, in Richtung Frankreich zogen, sah sie, woher die Töne kamen.
‚Das ist sicher Big Ben, der Turm mit den vier Uhren.‘ Sie staunte. Davon hatte Papa erzählt.
Annabell wusste nicht genau, wie eine Uhr aussieht. Umso neugieriger flog sie an die Scheiben heran, die auf allen vier Seiten des Turmes die Zeit anzeigten. Annabell kannte nur die Zeit der scheinenden Sonne, des Mondes und der glänzenden Sterne.
Langsam verdunkelte sich der Himmel. Die Schlechtwetterfront, die immer noch über Annabell hinwegzog, schluckte die letzten schwachen Sonnenstrahlen und der angebrochene Abend fiel schneller ins Land.
Plötzlich vernahm sie Stimmen, die unter ihr zu flüstern begannen. Ganz deutlich hörte sie eine leise und liebliche Stimme ihren Namen sagen: „Annabell, Annabell!“
Annabell folgte ohne Bedenken der Stimme, die dicht über dem Boden zu schweben schien. Doch den konnte sie durch die Dunkelheit kaum noch erkennen. Unter ihr reihten sich Nebelschwaden dicht an dicht und versperrten ihr zusätzlich die Sicht. Annabell lauschte angestrengt in den Nebel hinein. Da, schon wieder! Ganz deutlich hörte sie, wie jemand ihren Namen flüsterte. „Annabell, Annabell!“
Vor lauter Neugier schwebte sie ganz nah an das schleierige Gewölk heran, ohne an die mahnenden Worte ihres Vaters zu denken, der sie vor diesen Nebelschwaden gewarnt hatte. „Sie treiben nur Unfug mit einem“, hatte er gesagt.
Plötzlich streckten sich wie aus heiterem Himmel Hände nach ihr aus, mit langen Fingern, die wie kleine zischelnde Schlangen aussahen, und wollten sie kitzeln. Annabell erschrak ganz schrecklich, schwebte wie ein festgebundener Luftballon, der nicht in den Himmel entschwinden kann, auf der Stelle und stieß einen kurzen angsterfüllten Schrei aus.
Noch bevor die langen Finger sie erreichen konnten, zog Papa Wolke sie hinauf in die sichere Entfernung des Abendhimmels.

„Gott sei Dank bist du schon wieder zurück, Papa“, sagte Annabell mit zitternder Stimme.
„Jetzt hast du die Nebelschwaden am eigenen Körper erlebt“, sagte Papa Wolke.
Annabell blickte mit einem mulmigen Gefühl zurück. Alles war ruhig hinter ihnen. Keine langen, schlängelnden Nebelschwaden-Finger waren mehr zu sehen. Ganz fest knuffelte sie ihren kleinen Wolkenkörper in Papa Wolke hinein. Der zog sie noch fester an sich und flog mit ihr der erwachenden Nacht entgegen, nach Hause.

Kaum waren sie wieder daheim, kam aufgeregt Wallace, ein Mitglied der Regenwolkenfamilie, angeflogen.
„Es brennt, es brennt!“, schrie er. „Wir haben schon alles versucht, aber wir schaffen es nicht allein. Der ganze Wald steht in Flammen und unsere Tropfen haben wir schon fast alle hineingeschüttet. Helft uns!“
Papa trommelte die ganze Familie zusammen und alle kamen so schnell sie nur konnten herbei. Amelie sollte auf Annabell aufpassen, während die anderen den Regenwolken zu Hilfe eilten.
Bevor die Großen loszogen, bettelte Annabell: „Aber Papa, warum soll ich schon wieder zu Hause bleiben und darf nicht mithelfen? Du hast doch gemerkt, dass ich eine kluge und gewissenhafte Wolke geworden bin.“
Papa atmete tief durch. „Annabell, du bist eine begabte kleine Wolke, aber eben noch zu klein für diese Aufgabe. Du schaffst das wirklich noch nicht.“
„Bitte, kommt jetzt“, drängte die Regenwolke, „sonst ist es zu spät!“
„Aber Papa …“, seufzte Annabell mit Tränen in den Augen.
„Keine Widerrede, du bleibst mit Amelie da. Das ist mein letztes Wort!“, entgegnete ihr Vater zornig. Er drehte sich um und eilte mit den anderen davon.
Enttäuscht ließ Annabell den Kopf hängen und schluchzte vor sich hin. Amelie stand neben ihr, nahm sie tröstend bei der Hand und schaute den anderen nach.

Es war später Abend geworden. Amelie schlief schon. Annabell aber flog ruhelos hin und her und grübelte.
Auf einmal packte es Annabell. Sie schwebte zu ihrer Schwester und flüsterte ihr ins Ohr: „Amelie, Amelie, ich habe einen Entschluss gefasst.“
„Welchen Entschluss?“, fragte Amelie und gähnte herzhaft.
„Ich habe beschlossen, fort zu fliegen, um bei anderen Wolken mein Können zu beweisen. Hörst du, Amelie? Ich verlasse dich jetzt.“
Schlaftrunken antwortete Amelie: „Ist recht, kleine Schwester, ich sage Mama und Papa Bescheid. Tschüss!“
Annabell merkte, dass Amelie in ihrer Müdigkeit sie gar nicht richtig verstanden hatte. Aber das kümmerte sie nicht.
Sie gab ihrer großen Schwester einen Abschiedskuss und schwebte in die große weite Wolkenwelt davon. Sie wollte es ihnen zeigen! Nun würde sie ihrer Familie und vor allem ihrem Papa beweisen, dass sie groß und stark geworden war.

__________________
Michel

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