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Leselupe.de > Kindergeschichten
Die kleine Wolke Annabell Teil2
Eingestellt am 04. 03. 2002 09:45


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Michel
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2001

Werke: 6
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SpĂ€t in der Nacht kamen die Schönwetterwolken erschöpft nach Hause zurĂŒck. „Amelie, Annabell!“, riefen die Eltern. „Wir sind wieder da!“
Amelie schreckte aus ihrem Schlaf und sah Mama und Papa vor sich stehen.
„Wo ist denn Annabell?“, fragte Mama, wĂ€hrend ihr Blick die Umgebung absuchte.
Da fielen Amelie plötzlich wieder die Worte ihrer Schwester ein. Es war also doch kein Traum gewesen!
„Sag doch was! Wo ist Annabell?“
„Ich glaube, sie ist weggeflogen“, antwortete Amelie mit gesenktem Kopf.
„Weggeflogen? Aber wohin?“, wollte Papa wissen. Er riss die Augen so weit auf, dass er wie ein Wolkengespenst aussah, und wurde genauso bleich. „Du solltest doch auf sie aufpassen.“
„Ja, ich weiß“, flĂŒsterte Amelie niedergeschlagen. Zu ihrer Verteidigung sagte sie: „Ich bin eingeschlafen. Ich hĂ€tte auch nicht gedacht, dass Annabell wirklich davonfliegt.“
„Aber wo ist sie hingeflogen?“
„Ich kann mich nur daran erinnern, dass sie sagte, sie will weg, um euch zu beweisen, dass sie schon eine große Wolke geworden ist.“
„O nein“, jammerten die Eltern. „Wir mĂŒssen sie sofort suchen. Kommt alle mit!“
Gesagt, getan. Sogleich zogen bis auf die kleine Amelie sĂ€mtliche Familienmitglieder los, um in allen Himmelsrichtungen nach Annabell Ausschau zu halten. „Wenn ihr bloß nichts passiert!“, sagte Papa und blickte sorgenvoll zum weiten Horizont.

Einsam und allein ĂŒberquerte Annabell den Atlantischen Ozean. Nach vielen Stunden war endlich Land zu sehen. Es war Florida, der SĂŒdosten Amerikas.
Die kleine Wolke wusste von ihrem Vater, dass hier sehr oft WirbelstĂŒrme wĂŒten. Es dauerte auch nicht lange, da flog schon eine Horde dieser unbequemen Gesellen auf Annabell zu.
„He, schaut mal, Kumpels! Was ist denn das fĂŒr eine kleine mickrige Wolke?“, höhnte Torno, der AnfĂŒhrer der WirbelstĂŒrme.
Annabell zitterte am ganzen Wolkenkörper.
Die Wirbelsturmwolken umkreisten Annabell und musterten sie herablassend von oben bis unten. „Was machst du hier in unserem Revier? Hast du ĂŒberhaupt eine Durchfluggenehmigung?“, fragte Torno drohend.
„Außerdem bist du keine von uns!“, fauchten seine Freunde.
Annabell nahm ihren ganzen Mut zusammen und erwiderte: „Das weiß ich alles selbst. Eigentlich wollte ich von euch lernen, wie man einen Sturm macht.“
Ein lang anhaltendes GelĂ€chter durchdrang den weiten Himmel. „Du willst eine Wirbelsturmwolke werden?“, prustete Torno. „Du fliegst ja schon von der Stelle, wenn ich dich nur anhauche.“ Er pustete Annabell an und tatsĂ€chlich konnte sie seinem Atem nicht standhalten und wurde weggeschleudert.
Wieder ertönte das schadenfrohe GelÀchter des ganzen Wirbelsturmwolken-Geschwaders.
„Kommt, Freunde“, befahl Torno, „wir ziehen weiter und richten Unheil an. Die kleine mickrige Wolke soll selber zusehen, wo sie bleibt.“
Grölend zogen die StĂŒrme weiter. Jeder, der an Annabell vorbeizog, pustete sie zum Abschied an, sodass sie kilometerweit fortgeschleudert wurde.

TrĂ€nen des Zorns und der EnttĂ€uschung kullerten der kleinen Wolke ĂŒber die Wangen und sie schwebte weiter auf ihrem Weg um die Welt. Trotz allem war sie stolz auf sich, hatte sie doch den furchtbar gefĂ€hrlichen Wirbelsturmwolken gegenĂŒbergestanden und sich sogar noch getraut, mit ihnen zu sprechen!
Über Kanada gelangte sie nach Grönland. Das liegt ganz weit im Norden. Das Land ist vereist und die KĂ€lte nahezu unertrĂ€glich.
Annabell begann langsam aber sicher zu frieren. In so einer Gegend war sie noch nie in ihrem Leben gewesen! Weit und breit waren keine anderen Wolken zu sehen, und als die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwand, wurde es noch kÀlter.
Annabell bibberte und schwebte kraftlos zusammengekauert auf der Stelle, als plötzlich eine große Schneewolkenfamilie an ihr vorbeizog. Die Schneewolken erblickten Annabell und nahmen sie schĂŒtzend in ihre wĂ€rmende Mitte. Die kleine Wolke kuschelte sich an sie und schlief sofort ein.

Als Annabell am nĂ€chsten Morgen ihre Augen aufschlug, war die ganze Schneewolkenfamilie um sie versammelt und alle schauten sie neugierig an. Eine Wolke fragte: „Sag mal, wer bist du denn und was machst du hier?“ „Hast du dich verflogen oder hast du deine Familie bei einem Unwetter aus den Augen verloren?“, wollte eine andere wissen. „Bist du nicht eine Schönwetterwolke?“.
Die Fragen stĂŒrmten auf Annabell ein und sie gab sich MĂŒhe, sie alle zu beantworten. „Nichts von alledem ist mir passiert“, erklĂ€rte sie den Schneewolken. Wenn ihr es genau wissen wollt: Ich bin von zu Hause weggeflogen.“
„Aber Kindchen, warum denn?“
Annabell gab zur Antwort: „Um die Welt zu entdecken und endlich eine Chance zu bekommen, mein Können zu beweisen. Daheim hat mir ja keiner was zugetraut. Kann ich bei euch bleiben und lernen, wie man Schnee macht?“
Eine Ă€ltere Schneewolke dachte angestrengt nach und sagte dann mit ernster Miene: „Hör mal, meine Kleine. Du bist wirklich noch ein bisschen jung und außerdem bist du unser raues Klima nicht gewöhnt. GlĂŒcklicherweise haben wir dich gefunden, sonst wĂ€rst du wahrscheinlich erfroren. Ich denke, es wĂ€re das Beste, wenn wir dich zur russischen Grenze bringen. Dort ist es nicht ganz so kalt und du hast es nicht mehr gar so weit zu deinen Eltern. Wir meinen es gut mit dir!“
Noch ehe Annabell etwas entgegnen konnte, wurde sie von ihren neuen Freunden an die russische Grenze gebracht. Die Schneewolken verabschiedeten sich und flogen nach Grönland zurĂŒck.
Da schwebte sie nun, die kleine Annabell, allein ĂŒber einem fremden Land und den TrĂ€nen nahe. Wieder wurde sie nicht ernst genommen, wieder fand sie keine Möglichkeit, ihr Können unter Beweis zu stellen.
‚Was mache ich bloß falsch?‘, fragte sich Annabell immer wieder. ‚Ich bin doch nicht dumm. Aber keiner gibt mir eine Chance. Keiner versteht mich!‘
Tapfer flog sie weiter.

WĂ€hrenddessen flog die Schönwetterwolkenfamilie auf der Suche nach ihrer kleinen Wolke ĂŒber Florida hinweg. Auch ihnen blieb es nicht erspart, den Wirbelsturmwolken und deren AnfĂŒhrer Torno zu begegnen.
„Da soll doch gleich der Blitz dreinschlagen, jetzt dringt diese ganze Schönwettersippe in unser Gebiet ein! Was verschafft uns die Ehre?“
„Wir suchen unsere Tochter Annabell. Habt ihr sie gesehen?“
„Ach die“, entgegnete Torno, „die haben wir gesehen. Sie flog – oder besser gesagt, sie wurde Richtung Kanada geflogen.“
„Was soll das bedeuten?“, polterte Papa empört los.
„Was soll das bedeuten?“, Ă€ffte Torno ihn frech nach. „Ihr kennt uns doch. Wir sind schließlich nicht eure besten Freunde. Und so behandeln wir euch auch. Bei eurer Tochter sah das so aus 
“
Die WirbelstĂŒrme pusteten mit aller Kraft auf Annabells Familie ein, doch die wusste sich wetterkundig in Sicherheit zu bringen. In der Hoffnung, dort ihr Kind zu finden, bewegte sich die Schönwetterwolkenfamilie Richtung Kanada.
„Hoffentlich geht es unserer Annabell gut“, stöhnte Papa.

Inzwischen konnte Annabell schon Sibirien unter sich sehen. Wieder durchdrang sie eisige KĂ€lte.
Gedankenverloren schwebte sie vor sich hin. Fast wĂ€re sie mit zwei niedlichen Wolkenkindern zusammengestoßen, die lustige MĂŒtzen mit Ohrenklappen trugen und so tief in ihr GesprĂ€ch vertieft waren, dass sie Annabell zunĂ€chst gar nicht bemerkten, als sie fast lautlos heranschwebte.
Neugierig betrachteten die drei einander. Die fremden Wolken sagten etwas zur kleinen Wolke, aber Annabell verstand deren Sprache nicht. Es hörte sich ein bisschen wie Gewittergrollen an.
‚Jetzt wĂ€re es toll, wenn Papa da wĂ€re. Der spricht jede Sprache‘, dachte Annabell. ‚Aber nein, das schaffe ich auch allein‘, munterte sie sich auf.
„Hallo, ich heiße Annabell“, sagte sie schĂŒchtern.
Die anderen antworteten in ihrer Sprache, die jetzt weich und gurrend klang, und umarmten sie freundlich.
Damit hatte Annabell nicht gerechnet. Das sollte wohl „Wir freuen uns, dich zu sehen“ heißen. Gut gelaunt berichtete sie den beiden von ihren bisherigen Erlebnissen und ihre neuen Freunde machten ihr durch Achselzucken klar, dass sie kein Wort verstanden. Annabell dachte bei sich: ‚Endlich treffe ich jemanden, der mich nicht gleich verjagen möchte. Aber die hier verstehen mich nicht. Was soll‘s , verstĂ€ndigen wir uns eben mit HĂ€nden und FĂŒĂŸen.‘
Plötzlich ertönte eine Stimme, die auf Russisch rief: „Alinka, Sergej, kommt jetzt heim, Abendessen ist fertig!“
Die beiden nahmen Annabell bei den HĂ€nden und zogen sie schnell zu sich nach Hause. Dort wurde sie den Eltern vorgestellt und herzlich aufgenommen. Die Mama trug ein bunt gemustertes Kopftuch und den Vater zierte ein dichter schwarzer Oberlippenbart. Beide begrĂŒĂŸten Annabell mit einem freundlichen LĂ€cheln und sie lĂ€chelte verlegen zurĂŒck. Zum Abendessen lud man sie ein und die Nacht durfte sie auch dort verbringen.
Wenn sie auch die Sprache der Familie nicht verstand, so freute sie sich doch, bei ihnen zu sein. Denn zum ersten Mal wurde sie nicht fortgejagt und nicht ausgelacht, sondern ernst genommen.
Trotzdem verließ Annabell die russische Wolkenfamilie am nĂ€chsten Morgen, um gestĂ€rkt und ausgeruht weiter in die Welt zu fliegen. Sie umarmten sich zum Abschied und Annabells Reise ging weiter.
Sie ĂŒberflog China, Indien und den Indischen Ozean. Doch in keinem Land bekam sie die Gelegenheit, ihre FĂ€higkeiten unter Beweis zu stellen oder etwas dazuzulernen. Alle Wolken, die sie traf, sagten nur: „Du bist noch zu klein, flieg nach Hause zu deinen Eltern.“
EnttĂ€uscht gab Annabell ihr Vorhaben auf und trat schweren Herzens die Heimreise an. Auf dem langen Weg zum Heimathimmel ĂŒberflog sie auch Afrika.

WĂ€hrenddessen suchte ein Teil der Schönwetterwolkenfamilie in Kanada, Grönland und Russland nach Annabell, die andere Gruppe versuchte in Australien und Neuseeland ihr GlĂŒck.
Amelie, Annabells große Schwester, hielt es nicht mehr allein zu Hause aus. Große Sorgen und ein schlechtes Gewissen quĂ€lten sie. Sie traute sich kaum, darĂŒber nachzudenken, was Annabell alles passieren konnte, nur weil sie ihr nicht richtig zugehört hatte.
Amelie horchte ganz tief nach innen, was das Herz ihr wohl sagen wollte, und dann machte sie sich auf den Weg nach Afrika.

Annabell schwebte gerade ĂŒber Somalia hinweg in Richtung Äthiopien, da fiel ihr wieder ein, was ihr Papa ĂŒber diese LĂ€nder erzĂ€hlt hatte: In dieser Gegend herrschte große Hungersnot. Die Erde und alle Pflanzen vertrockneten, weil es schon lange nicht mehr richtig geregnet hatte. So etwas nannte man eine „DĂŒrre“. Hier traute sich so gut wie keine Wolke her, weil die Sonne so heiß wie nirgends sonst zur Erde brannte.
„Eine Wolke wĂŒrde hier zu viel Kraft verbrauchen, wenn sie versuchen wollte, das ganze Land ausreichend mit Wasser zu versorgen“, hatte Papa einmal zu ihr gesagt. Damals war Annabell der Gedanke gekommen, dass es aber doch möglich sein mĂŒsste, dieses Land zu retten, wenn alle Wolkenarten sich zusammenschließen wĂŒrden. Aber Papa hatte nur erwidert, das wĂ€re niemals möglich.
Annabell flog etwas tiefer, um das Elend aus der NĂ€he zu betrachten.
Die kleine Wolke sah eine Herde Antilopen, die auf der verzweifelten Suche nach Wasser erschöpft in der sengenden Hitze dahintrottete. Einige Tiere hatten nicht mehr die Kraft, weiterzusuchen, und verendeten qualvoll. Sie sah Eltern, die ihre kraftlosen Kinder in den Armen hielten und trösteten. Deutlich konnte Annabell die vor Hunger aufgeblÀhten BÀuche der Kinder sehen.
Sie empfand Mitleid mit all diesen Lebewesen und wollte dem ganzen Leiden ein Ende bereiten. ‚Mir bleibt nichts anderes ĂŒbrig als mit all meiner Kraft zu regnen. Sie alle brauchen meine Hilfe. Jetzt habe ich endlich die Chance, allen zu beweisen, wozu so eine kleine Wolke fĂ€hig ist‘, dachte Annabell bei sich.
Sie ĂŒberflog eine Stelle, an der einmal sehr ĂŒppig Getreide gewachsen war. In der NĂ€he hielten sich viele Tiere und Menschen auf. Sprießen und wachsen und gedeihen sollte es wieder und keiner sollte mehr dĂŒrsten und darben mĂŒssen!
Die kleine Wolke begann sich aufzupusten und presste mit aller Kraft Regentropfen aus sich heraus. Es dauerte eine geraume Weile, dann geschah es endlich: Annabell fing zu regnen an!
Die Regentropfen, die sie verlor, fielen viel versprechend zur Erde. Die Menschen trauten ihren Augen kaum. Auch die Tiere starrten unglĂ€ubig in den Himmel. Sie sahen das alles rettende Nass zur Erde fallen. FĂŒr einen kurzen Moment kehrte in alle Lebewesen die Hoffnung zurĂŒck.
Doch was so viel versprechend begonnen hatte, unterlag bald der unbarmherzigen Kraft der Sonne.
Die kĂŒhlen Regentropfen wurden sofort von der rissigen, ausgetrockneten Erde aufgesaugt oder verdampften in der WĂ€rme, schon bevor sie zu Boden fielen. Die unerbittliche Hitze machte alle Hoffnungen zunichte.
Voller Selbstvertrauen dachte Annabell bei sich: ‚Nein. Ich lasse mich nicht mehr verjagen. Jetzt nicht mehr!‘ Mit aller Kraft stemmte sie sich gegen die immer heißer werdenden Sonnenstrahlen und regnete so stark sie irgend konnte.
Doch es war vergebens. Annabell wurde immer schwĂ€cher und kleiner. Durch das Regnen verlor sie an GrĂ¶ĂŸe und Kraft. Sie kĂ€mpfte und kĂ€mpfte, bis ihr kleiner Wolkenkörper in der heißen Sonne verdampfte.
Es wurde still am Himmel und das letzte Nass verschwand in der Erde. An der Stelle, wo die kleine Wolke gerade noch versucht hatte zu regnen, rundete sich ein wunderschöner Regenbogen in allen nur erdenklichen Farben – ein letzter Gruß der tapferen Annabell.

In diesem Augenblick flog Amelie ĂŒber Äthiopien hinweg. Weit in der Ferne sah sie den kleinen bunten Regenbogen. So schnell sie konnte, flatterte sie darauf zu.
Unmittelbar ĂŒber ihr wölbte sich nun der Regenbogen. Sanft erklang die Stimme von Annabell aus den schillernden Farben: „Amelie, ich habe versucht, die durstenden Menschen und Tiere zu retten, aber allein hatte ich dazu nicht genug Kraft. Doch erzĂ€hle allen, dass ich bis zum Schluss den Mut behielt – leider habe ich verloren.“
Amelie fing zu weinen an und schrie aus sich heraus: „Nein, meine kleine Annabell! Nein, das lasse ich nicht zu! Wir mĂŒssen dich retten!“ Sie formte ihre WolkenhĂ€nde zu einem Trichter und schrie aus LeibeskrĂ€ften „Hilfe, Hilfe!“, sooft sie nur konnte.
Alle Wolken in allen LÀndern der Erde hörten diese Hilferufe und machten sich so schnell sie nur konnten auf den Weg nach Afrika. Und immer wieder hallten Amelies verzweifelte Hilferufe um die Welt.

„Das ist doch Amelie!“, rief Papa Schönwetterwolke. „Ich höre es ganz deutlich. Das kommt aus Afrika!“ In grĂ¶ĂŸter Eile flog die ganze Familie dem Hilferuf entgegen.
Auch die Familie in Russland, bei der Annabell Unterschlupf gefunden hatte, kam herbei. Aus Japan, China, Australien, Neuseeland 
 von ĂŒberall her kamen sie. Ja, sogar die WirbelstĂŒrme aus dem SĂŒden Amerikas machten sich auf den Weg und fanden da und dort allerlei kaputt zu machen; das hielt sie auf. Alle ĂŒbrigen WolkennationalitĂ€ten fanden sich innerhalb kĂŒrzester Zeit ĂŒber Afrika ein.
Ein fantastisches Bild bot sich den Menschen und Tieren in Äthiopien, als sich so viele Wolken ĂŒber ihnen auftĂŒrmten. Dunkel wurde es, denn die Wolken verdeckten mit gemeinsamer Kraft die sonst so starken, heißen Sonnenstrahlen.
„Amelie“, rief Papa außer Atem, „was ist los?“
„Oh, Papa“, seufzte Amelie unter TrĂ€nen, „Annabell wollte den Lebewesen da unten helfen und regnete. Sie schaffte es aber allein nicht gegen die Sonnenstrahlen und verdampfte. Jetzt ist sie ein Regenbogen geworden.“ Sie zeigte ĂŒber sich.
Alle Wolken, die gekommen waren, sahen bestĂŒrzt nach oben.
Papa wusste sofort, was zu tun war. Ernst blickte er in die Runde. Dann begann er laut und deutlich zu sprechen: „Liebe Wolkenfamilien, ich bin ĂŒberwĂ€ltigt, dass ihr alle so schnell den Hilferufen unserer Amelie gefolgt seid. Annabell hat nur ein Chance: Wir mĂŒssen alle gemeinsam regnen. Nur wenn wir zusammenhalten, können wir sie retten. Es wĂ€re das erste Mal, dass sich alle Wolken aus der ganzen Welt hier ĂŒber diesem Land in Afrika versammeln, um gemeinsam Hand in Hand zu regnen. Ich bitte euch um eure Hilfe fĂŒr Annabell!“
Ohne lange zu ĂŒberlegen oder darĂŒber zu debattieren, weshalb sich einige der Wolkenfamilien gar nicht leiden konnten, schoben sie sich zusammen. Sie hielten einander bei ihren WolkenhĂ€nden und begannen zu regnen.
Massen von Regentropfen prasselten auf den knochentrockenen Boden und benetzten ihn mit einer Wasserschicht. Nicht nur die Pflanzen, auch die Tiere und Menschen freuten sich. Die Leute sangen und tanzten vor lauter GlĂŒck und Erleichterung. Nun konnte es wieder wachsen und gedeihen.
Nach einiger Zeit bildete sich ein See unter den Wolken und sie hörten zu regnen auf. Es wurde wieder ganz still am Himmel. Ein paar Wolken schoben sich zur Seite, um nur die Sonnenstrahlen durchzulassen, die den See berĂŒhrten.
Das Wasser begann zu verdampfen und stieg nach oben. In der kalten Luft kĂŒhlte der warme Wasserdunst ab und verwandelte sich in winzige Tröpfchen, die den Regenbogen durchdrangen. Und um den Regenbogen herum entstand eine neue Wolke, die ihn schließlich ganz umschloss. Alle Wolkenfamilien beobachteten fasziniert diese „Wolkengeburt“.
Die frische Wolke öffnete ihre Augen, atmete tief durch und sprach: „Ich bin wieder da!“

Annabell, die selig strahlte, sah grĂ¶ĂŸer und erwachsener aus. Alle umringten sie neugierig. Mama, Papa und Amelie herzten und kĂŒssten sie.
Da plötzlich verfinsterte sich der Himmel erneut. Ein heftiger Sturm kam auf. Und dann war er da – Torno! Sein gellendes Lachen hallte ĂŒber den weiten Himmel.
„Ha, ha! Seht mal her, BrĂŒder! Das ganze Theater wegen so einer mickrigen kleinen Wolke“, sagte Torno und seine BrĂŒder lachten auf Kommando los.
Torno fuchtelte mit der Hand und das Lachen verstummte. Langsam wehte er zu Annabell herĂŒber. Doch anstatt sich hinter ihrem Vater zu verstecken, schwebte sie regungslos auf der Stelle.
„Sag mal, hab ich dich nicht erst vor kurzem umgehustet, Kleine?“, fragte Torno und musterte Annabell.
„Kann schon sein“, entgegnete Annabell und sah Torno aus glĂ€nzenden Augen unverwandt an. „Was willst du denn hier?“
„Ja, was wollen wir hier eigentlich?“, fragten seine BrĂŒder und kratzten sich ihre fahrig zerzausten Schöpfe.
„Hier hat doch vorhin jemand um Hilfe gerufen“, sagte Torno, „und nun sind wir da, um zu helfen. Los geht’s, BrĂŒder!“
Aus heiterem Himmel, ganz ohne Vorwarnung, wirbelte Torno mit seinen BrĂŒdern los, um alles zu vernichten, was vor ihnen lag.
„Wir mĂŒssen sie wegpusten!“, rief Annabell. „Gemeinsam schaffen wir es bestimmt!“
Annabell, ihr Papa und alle anderen Wolken hielten einander bei den HĂ€nden. Sie tĂŒrmten sich zu einer riesigen Wand aus Wolken und stemmten sich gegen den peitschenden Wirbelsturm. Immer enger und dichter zogen sie einen Kreis um Torno und seine Gesellen. Tief holten sie Luft und bliesen so stark sie nur konnten auf Torno und seine BrĂŒder ein. Die stiegen mit ohrenbetĂ€ubendem Brummen aus der Mitte des Wolkenkreises. Blitz folgte auf Blitz und Donner auf Donner, als sich die aufgebrachten Wolkenmassen schnaubend aneinander rieben.
‚Das ist es!‘, dachte Annabell, als sie die Blitze am Himmel zucken sah. ‚Wir wettern, und ich wettere mit!‘
Sie rieb sich an einer Schlechtwetterwolke, bis dieser ein Blitz entwich und das Hinterteil von Torno versengte. Mit einem grausigen Schrei wirbelte er mit seinen BrĂŒdern in den weiten Himmel und zischte davon.

Als sich die Wolken wieder beruhigt hatten, klatschten sie begeistert in ihre HĂ€nde. „Endlich sind wir diesen ĂŒblen Torno los“, jubelten sie.
Annabell schaute nach unten und blickte in die vielen ratlosen Gesichter der Menschen und Tiere, die vergeblich das Ereignis am Himmel zu verstehen versuchten. Und dann blickte sie beschwörend und mit großer Willenskraft in die Gesichter der vielen Wolken, die vor ihr schwebten.
„Mein grĂ¶ĂŸter Wunsch ist es“, sagte Annabell, „dass wir dem Land Afrika gemeinsam Regen schenken, damit alles in diesem Land wieder blĂŒhen und leben kann.“
Und die Wolken aus der ganzen Welt regneten gemeinsam ĂŒber Afrika und gaben diesem Land neue Hoffnung auf Wasser und Getreide fĂŒr alle.
Annabell hatte es geschafft, weil sie ihren Mut und ihr Vertrauen in ihre FĂ€higkeiten nie verlor.

Also, ihr kleinen Wolken da draußen, habt Mut und Selbstvertrauen! Auch ihr könnt viel bewegen.

ENDE



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Michel

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Sonne
Hobbydichter
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Hallo Michel!
Wow! Ich finde Deine Geschichte wirklich toll! Ich habe sie meiner kleinen Nichte vorgelesen, und nun will sie nichts anderes mehr hören! Manchmal hÀtte ich ein bisschen anders formuliert, aber jeder hat seinen eigenen Stil! Wirklich mein Kompliment!
Alles Liebe,
Sonne
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Auch wenn die Welt unheimlich kalt und hart ist, ein LĂ€cheln wĂ€rmt sie wieder auf...Der kĂŒrzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein LĂ€cheln!

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flammarion
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hallo,

endlich bin ich dazu gekommen, deine geschichte zu lesen. etwas langatmig, aber der inhalt macht alles wett. kommt in meine sammlung. ganz lieb grĂŒĂŸt
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Old Icke

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