Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5551
Themen:   95231
Momentan online:
248 Gäste und 11 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die letzte Chowanok
Eingestellt am 18. 01. 2017 13:44


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Captain Pegleg
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2017

Werke: 2
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Captain Pegleg eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Wenn ich die Augen schließe, ist wieder alles wie früher. Ich sehe meinen Vater, wie er neben mir im hohen Gras liegt, den Speer in der Hand, die Augen wachsam in die Ferne gerichtet. Ahiga, 'Er, der kämpft', wurde er genannt. Ich höre die Hufe der Bisons über die Ebenen stampfen, ich höre die Trommeln meines Stamms, welche durch Wald und Wiese schallen. Ich rieche das Gras unter mir, spüre, wie die Halme meine Waden kitzeln. Ich sehe den Pfeilschaft, der die Sehne meines Bogens verlässt und in hohem Bogen durch die Luft fliegt. Damals hieß ich noch Lenmana, 'Das Mädchen, das Flöte spielt'.
Wir lebten im Einklang mit der Natur. Wir nahmen nur, was wir brauchten, und niemals mehr als das. Es war eine Zeit des Friedens.
Doch dann änderte sich alles.


„Koko“, flüstert die Stimme eines kleinen Mädchens neben mir.
„Ich bin wach“, antworte ich ebenso leise, und öffne meine Augen. Die Bisons und die Trommeln verblassen. Stattdessen sitze ich wieder auf dem H-Querbalken des Hollywood-Schriftzugs in Los Angeles.
„Du sahst aus, als hättest du geschlafen.“ Ich wende den Kopf und sehe Jane neben mir sitzen. Sie blickt mich aus ihren großen, blauen Augen an. Sie wirkt aufgeregt. Ich kann es ihr nicht verdenken. In der Nacht ist alles anders, und gerade für Kinder sind Nächte im Freien wie ein Abenteuer, gefährlich und doch verführerisch. Viele Menschen haben Angst vor der Finsternis.
Wie recht sie damit haben.
„Nein. Ich habe nur nachgedacht“, erwidere ich und streiche ihr sanft über den Kopf. Jane ist acht Jahre alt. Sie folgt mir überall hin.
„Über was?“, fragt sie, neugierig wie immer.
„Über Bisons.“
„Du bist seltsam“, befindet sie schließlich. Mir verschlägt es für einige Momente die Sprache. Kindermund tut Wahrheit kund, nehme ich an.
„Ja, das bin ich wohl“, sage ich nachdenklich. Der Mond hängt wie eine Scheibe aus Milch über Beverly Hills. Bei Nacht sieht die Stadt atemberaubend aus. Rechts schimmert das dunkle Wasser des Hollywood Reservoirs im Mondschein, links funkelt das Lichtermeer von Los Angeles. Ein paar Glühwürmchen schwirren an mir vorbei. Ich lebe gern hier, denn auch bei Nacht ist Beverly Hills mit seinen Grünflächen und Palmen einzigartig auf der Welt.
„Wunderschön.“ Jane spricht mir aus der Seele. Eine Weile lang sitzen wir einfach bloß nebeneinander und bestaunen das Bild, das sich uns bietet.

Zuerst waren die Männer friedlich. Ich verstand ihre Sprache nicht, sie klang rau und fremd. Unser Schamane war der einzige, der sich halbwegs mit ihnen verständigen konnte. Sie wollten Fleisch, und wir erlaubten ihnen, ein paar Bisons zu jagen. Danach gingen sie wieder. Ich hoffte, sie würden nicht wiederkehren. Unser Land war zwar reich an Wald und Wild, es gab mehr als genug von allem, aber ich hatte ein ungutes Gefühl bei diesen merkwürdig aussehenden Männern.
Natürlich kehrten sie doch wieder und wollten noch mehr Fleisch und sogar Häute. Außerdem brachten sie seltsame Waffen mit. Mein Vater sagte ihnen, dass sie das Gleichgewicht der Natur nicht stören sollen. Er sagte, dass sie die Geister verärgern würden und dass sie nicht zu viel jagen dürften.
Sie hörten nicht auf ihn. Sie jagten und jagten immer weiter, und sie fingen an, Bäume abzuholzen. Viele Bäume.
Kurz darauf kamen die Stürme.


„Sie kommt“, sagt Jane. Ich schaue mich um und sehe, wie eine junge Frau in einem weißen Kleid unser H erklettert. Es ist kurz vor Mitternacht. Meine dunkle Stunde bricht gleich an, die Zeit, in der meine Kraft am größten ist. Es ist leicht, in den Kopf der Frau einzudringen und ihre Gedanken zu lesen. Ich sehe große Trauer, Enttäuschung, Verzweiflung.
Hastig rücke ich ein Stück von ihr weg. Der schwarze Nebel, der mich stets umgibt, kehrt die Finsternis im Herzen eines Menschen nach außen, und im Moment möchte ich das bei der Frau gern vermeiden. Ich schließe die Augen und forsche weiter in ihrem Kopf. Ihr Name ist Maggie. Die junge Frau kommt aus Oregon. Sie will Schauspielerin werden, doch Hollywood ist kein Paradies, sondern ein wahrer Überlebenskampf. Dies ist das vierte Mal, dass sie hier hinaufklettert. Auch das letzte Vorsprechen war ein Schlag ins Wasser. Ihr Herz weint. Diesmal macht sie Ernst.
In völliger Stille sehe ich zu, wie sie sich am linken Längsbalken festhält, während sie nach unten schaut. Der Sturz würde nicht lange dauern. 40 Meter sind nicht viel. Es wäre ein schneller Tod.
Ich höre, wie sie leise schluchzt.
„Wirst du sie retten?“, will Jane wissen.
„Ja“, antworte ich schlicht. Ich weiß, wie weh so ein Sturz tut, und wie es sich anfühlt, wenn jeder Knochen im Leib zerbricht. Es ist meine Aufgabe, ihr das zu ersparen.
„Maggie White“, sage ich dann laut. Maggie erschrickt, sie hat mich vorher nicht gesehen. Ich erhebe mich und breite die Arme ein Stück weit aus, wie um zu signalisieren, dass ich unbewaffnet bin. Menschen werden seltsamerweise von dieser Geste beruhigt.
„W-was?“, fragt sie völlig verwirrt. Sie hatte erwartet, sich in ihrem Selbstmitleid zu ertränken und dann zu springen, wenn die Verzweiflung am größten ist. Meine Anwesenheit hat sie aus dem Konzept gebracht. Ich muss sie noch ein bisschen hinhalten, vorher kann ich mein Ass nicht ausspielen. Ihr rotes Haar ist völlig durcheinander.
„Tu das nicht.“ Ich gebe meiner Stimme einen ruhigen Klang, so als würde ich zu einem verängstigten Kaninchen sprechen. Für einen Augenblick sehe ich mich selbst durch ihre Augen, ein zierliches Indianermädchen in Lederrock und Mokassins, das schwach vom Licht der Stadt beleuchtet wird.
„Das geht dich n-nichts an! Lass mich in Ruhe.“
„Du bist viel mehr wert als du glaubst. Bleib bei mir.“
„Ich bin gar nichts mehr wert“, sagt sie mit einem traurigen Lächeln, bevor sie springt. Ich zucke zusammen.
00:00.
Ich werde von dunkler Kraft erfüllt, wie jede Nacht zur Geisterstunde. Mein nächster Gedanke löst ein heißes Ziehen in meinem Körper aus und verwandelt ihn in einen Schatten. Ich fühle mich so leicht wie Luft, springe ab und rase dem Mädchen hinterher. In einem Atemzug habe ich sie eingeholt. Sie schreit laut, hört aber schlagartig auf, als ich sie berühre und ebenfalls in einen Schatten verwandele. Die Kraft der Geister bindet Maggie an mich, unser Fall wird zu einem Steigflug, wir lassen den Boden unter uns zurück. Gemeinsam schweben wir zwischen zwei Ozeanen, gemalt aus Licht und Finsternis. Ich dringe in Maggies Verstand ein und sehe, wie sie alles in sich aufsaugt; Die Schönheit der Sterne und des Monds über uns, die funkelnde Stadt unter uns, den rauschenden Wind.

Um die Stürme zu besänftigen, sah unser Schamane nur einen Ausweg. In einer Nacht, so finster wie keine vor ihr, vollzog er ein antikes Ritual. Als Tochter des Häuptlings meldete ich mich freiwillig, um zum Gefäß der Geister zu werden. Ich starb und wurde neu geboren. Von nun an verlieh mir der Manitu in jeder Nacht unendliche Kraft. Doch diese Macht hatte ihren Preis: Ich würde nie in den ewigen Jagdgründen meine Ruhe finden.
In den nachfolgenden Jahrhunderten musste ich zusehen, wie die fremden Männer sich überall ausbreiteten. Die Bisons verschwanden, die Wälder wurden gerodet. Mein Stamm, die stolzen Chowanok, verschwand gemeinsam mit unserer Kultur und unserer Sprache. Ich kämpfte für eine Ewigkeit, und doch verlor ich den Kampf.
Irgendwann war ich allein.


Ich halte in der Luft an, lasse uns dann wie eine Feder zu Boden sinken. Wir landen genau dort, wo wir losgeflogen sind. Ein gedachter Befehl gibt uns unsere Körper wieder. Maggie bricht in die Knie und verliert wie schon so viele vor ihr das Bewusstsein. Ich trete zurück, damit der Nebel sie nicht berührt.
„Wird sie okay sein?“, will Jane wissen. Ich setze mich mit überkreuzten Beinen auf den Erdboden. Jane sitzt mir gegenüber. Ein leichter Wind kommt auf und fährt in die Wipfel der Palmen. Das Rascheln der riesigen Blätter beruhigt mich immer.
„Sie muss. Ich kann sie vor den weltlichen Gefahren schützen, aber ihre inneren Dämonen muss sie von sich aus besiegen.“
„Maggie braucht Hilfe“, sagt das kleine Mädchen traurig. Ich folge ihrem Blick und schaue auf Maggie herab. Im Schlaf sieht sie friedlich aus, und sobald sie erwacht, muss ich dafür sorgen, dass es auch so bleibt.
„Ich weiß“, sage ich, und stütze die Ellbogen auf meine Knie.
„Du bist stark, Koko.“
„Nicht stark genug.“ Meine Stimme versiegt fast, so leise spreche ich. Die Erinnerung an Janes Tod ist noch zu frisch. Meine Verantwortung. Mein Versagen.
Meine Schuld.
„Du wusstest, dass dieser Moment irgendwann kommt“, sagt Jane beinahe genauso leise. Mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen. In ein paar Tagen wäre sie volljährig geworden.
Stattdessen ist sie nun schon seit mehr als zehn Jahren tot.
„Es tut mir so leid, Jane. Ich konnte dich nicht retten.“
„Aber du kannst Maggie retten. Hilf den Lebenden, Koko. Trauere nicht mehr um mich.“ Ihre Worte sind kaum mehr als ein Hauch.
„Du wirst immer in meinem Herzen sein“, flüstere ich mit erstickter Stimme.
„Und du in meinem. Bleib stark.“

Ich ertrank, verhungerte, verdurstete, doch nichts konnte mich erlösen. Ironischerweise fühlte ich, wie jedes Jahrhundert, das ich in der Finsternis verbrachte, meine Liebe zum Leben nährte. Meine Existenz wurde von einem Widerspruch geprägt: Nach so vielen Kämpfen, nach so viel Tod und Leid, welches ich erlebte, verspürte ich den Wunsch, das Licht zu bringen. Die Kraft des Manitu sollte nun Leben retten, anstatt sie zu nehmen.

Ich wende mich Jane zu, deren Gestalt schon verblasst, und streichele ihr über ihre blonden Haare.
Sie schenkt mir ein letztes Lächeln.
Mit feuchten Augen hole ich die kleine, aus Knochen geschnitzte Flöte aus meiner Rocktasche. Janes Abschied besteht aus ruhigen Flötentönen, welche durch die nächtliche Luft schweben und sich irgendwo in der Ferne verlieren. Sie erzählen von Sehnsucht, von längst vergangenen Jagden, und von Liebe.
Màdjàshin, Jane.“

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


DocSchneider
Foren-Redakteur
Häufig gelesener Autor

Registriert: Jan 2011

Werke: 137
Kommentare: 2459
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um DocSchneider eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Captain Pegleg, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den häufig gestellten Fragen ans Herz legen. Hier klicken


Sehr melancholisches Thema, aber anrührend geschrieben!

Viele Grüße von DocSchneider

Redakteur in diesem Forum

Bearbeiten/Löschen    


Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung