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Leselupe.de > Kurzprosa
Die letzte Erinnerung
Eingestellt am 13. 06. 2005 18:43


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Annabeth
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Registriert: Oct 2004

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Die letzte Erinnerung

Sie blickt auf den schmucklosen Ring hinab, den sie gar nicht mehr spĂŒrt. Er ist gerade groß genug, um den einen Gedanken festzuhalten, einen sehr feinen, vagen Gedanken, um ihren Finger gewickelt wie Haut.
Heute wird sie ihn treffen. Mit ihm sprechen.
Sie hat ihn schon ein paar Mal gesehen, auf dem Gang, auf der Trage. Er war nie wach.
Der Wind frischt auf. Ihr rotes Haar bauscht sich, Herbstlaub, Abendsonne. Kaum jemand ist unterwegs.
Sie schließt die Augen und befĂŒhlt noch einmal den Ring. Den Gedanken: heute. Heute wird man ihr eine Erinnerung zurĂŒckgeben. Eine einzige nur, der Rest war nicht mehr zu retten, nur ihn und sie gibt es noch. Das Haus ist eine Ruine. Sie weiß nichts mehr von dem Sturz.
Feli seufzt leise und sieht zum Himmel. Er ist bewölkt: angehaucht von Graublau und Rosa, er kommt ihr vor wie ein zerbrechliches Gebilde, doch sie weiß, dass die Nacht ihn wieder unendlich machen wird. Unsterblich. Sterne im Getriebe des Nachtwinds.
Sie hat die vergangenen NĂ€chte oft hier am Fenster verbracht. Hat sich von der Stille einspinnen lassen, auf Schritte gehorcht, auf den Wind gewartet und auf den Morgen. Sie hat sich dabei gefĂŒhlt wie der einzige Mensch auf Erden, der je einer Nacht standhielt und zusah, wie der Morgen geduldig wartet, wie er seinen Atemzug tut und die DĂ€mmerung durchdringt –
Sie schließt das Fenster.
Lautlos, sie ist barfuß, geht sie durch das kleine Zimmer. Ihr Kopf schmerzt. Sie spĂŒrt einen leichten Schwindel: sie sollte sich hinlegen.
Als löse sich die Welt auf, wenn sie sich zu heftig bewegt, sinkt sie vorsichtig auf ihr Bett und bleibt unbeweglich sitzen. Ihre schmalen FĂŒĂŸe schweben ein paar Zentimeter ĂŒber dem Boden. Sie trĂ€gt einen karierten Rock, rote StrĂŒmpfe, einen Pullover. Ihr Haar ist gewaschen, es duftet, es lockt sich unterhalb der SchulterblĂ€tter – Sie ist dĂŒnn geworden.
Oder ist sie es schon immer gewesen?
Blick auf den Ring. Sie spĂŒrt ihn noch immer nicht. Langsam bewegt sie ihn mit dem Daumen. In ihrer Brust: ganz deutlich jetzt, Herzschlag, vielleicht ein wenig schneller als sonst, was wĂŒrden die Ärzte sagen? Sie darf sich nicht aufregen.
In ihrem Zimmer gibt es keine Uhr, doch sie hat sich fĂŒr heute eine ausgeliehen. Sie zeigt: 15:00. Der Beginn einer neuen Stunde, auch fĂŒr Feli, neuerdings fĂ€ngt ihr Leben jede Stunde noch einmal an, sie fĂŒhlt sich verloren. Als könnte sie jeden Moment zerfallen, sie ist ja nichts mehr, sie hat nur ihren Namen.
Und den Ring.
Den Gedanken: heute. Eine letzte Erinnerung.
Das Warten hat sie ausgelaugt, aber sie legt sich nicht hin, es dauert jetzt nicht mehr lang, sie mĂŒssten sogar jeden Moment kommen, um sie abzuholen, die Schwester trĂ€gt Schuhe mit Absatz.
Klick, klack, klick, klack. Eigentlich unterscheiden sich die Töne nicht, doch es hört sich an wie ein klick und ein klack, rasch wechselnd, plötzlich Schuhe, die schweigen, da sind sie.
„Madame“, sagt die Schwester, man nennt sie hier so: Madame.
„Sie können ihn jetzt sehen.“
Madame Feli steht auf, ihre Bewegungen sind zaghaft und langsam, obwohl sie sehr jung ist. Sie nickt.
„Hier entlang.“
Die Schwester fĂŒhrt sie durch den Gang und hĂ€lt ihr die TĂŒr auf. Hinter ihnen geht eine weitere Schwester, Turnschuhe. Das GerĂ€usch ihrer Schritte löst sich nach und nach auf wie ein Atemzug in der kalten Luft.
Feli hat das GefĂŒhl, in einer leeren Seifenblase zu sitzen. Sie hat nichts bis auf den Namen und den Ring und all die Leute sind ihr so fremd.
Die Schwester öffnet die TĂŒr zu einem abgedunkelten Zimmer. Feli möchte sich bedanken, aber sie vergisst, was sie vorhatte – es fĂ€llt ihr schwer, sich Dinge zu merken, denn sie verschwinden in dem weiten Raum, der in ihrem Kopf nun fĂŒr sie leer steht. So stellt sie es sich vor.
Monsieur schlÀft nicht mehr. Er hat dunkles Haar und trÀgt eine Brille, sitzt aufrecht im Bett. Die VerbÀnde.
Feli nimmt auf dem fĂŒr sie bereitgestellten Stuhl platz. Die Schwestern schließen die TĂŒre.
Lange Zeit sagen sie nichts.
Monsieur sieht sie an. Seine Augen sind hell und erschöpft. Auch er hat Gewicht verloren, da ist eine Brandwunde an seinem Fuß, die nicht geheilt werden kann, Feli hat den Arzt gehört.
Und wieder: Herzklopfen.
An seiner rechten Hand glĂ€nzt sachte der gleiche Ring wie an ihrer. Sie weiß nicht, wer von beiden sie ausgesucht hat, sie sind schön.
Auch bei ihm findet sie den Gedanken. Sie sitzen vor ihrer letzten Erinnerung.
Es dÀmmert; die Welt zerfÀllt.
Das erste Wort.

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