Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂĽssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92266
Momentan online:
81 Gäste und 0 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Die linke Hand
Eingestellt am 04. 02. 2008 08:10


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
sohalt
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2003

Werke: 49
Kommentare: 164
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um sohalt eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Martin schläft gern mit Männern. Mit welchen, warum, wie oft, auf welche Weise? Kein Geheimnis für jeden, der jemals Gelegenheit hatte, auch nur flüchtig Martins Bekanntschaft zu machen. Denn mindestens ebenso gerne, wie er mit Männern schläft, redet er auch darüber.

Das beschäftigt mich, weil es in mir einen Zug zu Tage fördert, auf den ich nicht unbedingt stolz bin – einen säuerlichen Zug um die Mundwinkel nämlich. Wenn mir Martins Ausführungen zum Thema zu graphisch geraten, verziehe ich das Gesicht. Und wenn eine seiner Andeutungen über eher obskure Sexualpraktiken ausnahmsweise etwas subtiler ausfällt, so dass sich tatsächlich jemand in der Runde bemüßigt fühlt, nachzufragen, bin unfehlbar ich es, die so schnell wie möglich etwaige Erläuterungen im Keim erstickt. „Das wollen wir lieber nicht näher erforschen“. „Das muss ich es jetzt eigentlich gar nicht so genau wissen“. Solche Sachen sage irgendwie immer nur ich.

Das mag durchaus auch damit zu tun haben, dass es bei mir selbst in dieser Hinsicht meist eher wenig zu berichten gibt. Kann sein, dass ich solche Gespräche nicht goutiere, weil sie mich so unangenehm an diesen Umstand erinnern. Kann sein, dass ich einfach nur lieber etwas Distanz wahre und ungern zu früh zu tiefe Einblicke in die Intimsphäre anderer Leute erhalte. Kann sein, dass mich die Dominanz dieses Themas in Gesprächen mit Martin, die Redundanz der darin verpackten Kern-Information irgendwann auch einfach etwas langweilt. Ja, Martin, du bist schwul. Nach der lückenloser Aufzählung deiner gesammelten Eroberungen, der ich bereits bei unserer letzten Begegnung lauschen durfte und auf der weibliche Namen irgendwie frappant unterrepräsentiert waren, hätte ich beinahe schon etwas in dieser Richtung vermutet.

Vielleicht bin ich auch einfach nur prĂĽde und verklemmt.

Nur eines bin ich sicher nicht: homophob. Niemand wird mir vorwerfen können, dass ich bei heterosexuellen Männern und Frauen, die mich ungefragt allzu detailliert an ihrem Sexualleben teilhaben lassen, nicht ebenso indigniert das Gesicht verziehe. Und ich habe auch mindestens ebenso oft Gelegenheit dazu. Ich hätte auch Walter oder Angela als Beispiel wählen können – beide recht ostentativ dem jeweils anderem Geschlecht zugetan und nicht minder auskunftsfreudig, was ihre entsprechenden Aktivitäten betrifft.

Die Sache ist nur die, dass ich bei Martin interessantere Gründe hinter diesem Verhalten vermute. Bei Angela und Walter gehe ich davon aus, dass sie erstmal einfach nur ein wenig angeben wollen. Oder mich ein bisschen schockieren, weil ich dann immer so lustig das Gesicht verziehe. Das will Martin vermutlich auch, zu einem guten Teil. (Ich sehe wirklich sehenswert bescheuert aus mit meinem Zitronengesicht.). Aber bei Martin steckt vielleicht mehr dahinter. Das ist mir allerdings erst unlängst klar geworden, als ich mich an Franzi erinnert habe.

Franzi war der Schrecken meiner Kindergartenzeit. Etwas größer und kräftiger als die anderen Buben konnte er einem ganz schön Angst einjagen, wenn er wütend war. Und wütend war er oft. Man kam ihm dann besser nicht in die Quere, das hatte ich bereits beobachtet und suchte vorsorglich schleunigst das Weite, sobald er nur um die Ecke bog. Kein anderes Kind war schließlich so oft in Prügeleien verwickelt wie er. Als er in der Volksschule der Parallelklasse zugeteilt wurde, war ich erleichtert und verlor ihn schnell aus den Augen. Ich dachte nicht mehr an ihn, bis ich eines Tages seine Cousine im Bus traf. Zum ersten Mal hörte ich die Geschichte aus Franzis Perspektive.

Komisch, ich hatte mich immer nur vor Franzis Wut gefürchtet, mich aber nie gefragt, warum er so wütend war. Wie sich heraus stellte, hatte er einen Grund. Franzis linke Hand war durch einen Unfall in seiner frühen Kindheit beschädigt worden und er wurde deswegen ständig von den anderen Kindern ausgeschlossen und verhöhnt. Von mir auch? Ich könnte mich nicht darin erinnern, jemals etwas über Franzis Hand gesagt zu haben; ich hatte ihr doch offensichtlich nie viel Beachtung geschenkt. Warum sonst hätte ich sie beinahe vergessen im Lauf der Jahre? Als Franzis Cousine davon anfing, war das ein Aha-Erlebnis für mich: „Achja, der hatte ja was an der Hand“ – es war bestimmt nicht das erste, was mir zu Franzi eingefallen wäre. Und doch ist es verdächtig, dass ich so blind gewesen bin für den Zusammenhang zwischen Franzis Hand und seinem Verhältnis zu den anderen Kindern. Vielleicht hatte ich Grund, etwas zu verdrängen, weil ich Grund hatte, mich für etwas zu schämen.

Vielleicht war ich aber auch nur blind, weil ich ein Kind war. Kinder mögen sich viele Fragen stellen – warum ist Schnee kalt, warum sagt man zum Haus Haus? – aber eine gewisse Art von Fragen stellen sie sich eher selten. Warum manche Menschen so wütend sind, zum Beispiel. Oder warum ein Rechtshänder dir immer die linke Hand gibt, wenn er dich begrüßt.

Es ist eine Vorwarnung. Sieh her, das bin ich. Das ist meine linke Hand. Manche Menschen machen blöde Bemerkungen darüber. Wenn du zu diesen Menschen gehörst, mach deine blöde Bemerkung lieber gleich, damit ich weiß, dass ich dich abschreiben kann – mach sie, bevor ich meine Zeit an dich verschwende.

Du musst so viel über mich wissen, weil ich etwas über dich wissen muss. Da ist etwas an mir, dass ich nicht verbergen will, auch wenn es vielen Leuten nicht gefällt – das ich auch gar nicht verbergen könnte; nicht, ohne mich selbst zu verraten. Wenn du damit nicht umgehen kannst, hat jede weitere Interaktion zwischen uns keinen Sinn.

Es ist ein Test.

Deshalb gibt Franzi dir immer die linke Hand. Deshalb redet Martin so viel ĂĽber Analsex. Und wer weiĂź, vielleicht gebe ich mich deshalb auch manchmal gar so gouvernantenhaft.




__________________
.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de différence entre les hommes. (Pascal)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂĽck zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!