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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die mittlere und die ältere Scwester und der Vater
Eingestellt am 09. 10. 2001 14:47


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klara
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

Werke: 11
Kommentare: 53
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Er sagte, dass er doch wortkarg in Sachen der Liebe und der Gleichen sei...

Ich fühlte den Schmerz, dass ich so ungeschickt war, um ihm klar zu machen, dass es nicht auf die Worte ankam, die er nicht gesprochen hatte, sondern auf die Worte, die er aussprach. Da hatte ich das Gefühl von einer mütterlichen Pflicht. Als wäre er mein Kind, nicht ich seine Tochter.
Ich wollte ihn auch nicht so oft unterbrechen. Er war so schon ziemlich geknickt von meinen Fragen. Ich sah, dass er wahrhaftig gelitten hatte und noch litt. In der Tat wirkte er wie ein Kind, als er sich über die Sendung, die wir uns im Fernseher angeschaut hatten, beschwerte.
Die alten Geschichten, die angeblich wir aufrollen, rollte er selbst auf. Seinen Vorwurf darüber, dass wir mit der Vergangenheit nicht aufhören, zu überhören, fiel mir leicht. Glaube mir, ich habe mir keine Mühe deswegen geben müssen. Es geschah so selbstverständlich, so, dass ich in mich hinein horchen musste, weil es mir selbst ungeheuerlich vorkam, dass ich mich überprüfen musste, ob ich überheblich bin, oder gänzlich im Mechanismus der Verdrängung schwimme... Nein, ich habe ihn verstanden. Ich habe sein Leid begriffen.
Verstehst du?
Das Begreifen! Ich schäme mich es so auszudrücken, wie Nazim Hikmet es schon tat, aber es ist, glaube ich, die schönste Art „das Begreifen“ zu beschreiben. Nazim Hikmet zu zitieren ist, zu diesem Zeitpunkt, zu meinem momentanen Bewusstsein, Wissensstand und meine Fähigkeiten die einzige Möglichkeit mir zu helfen. Nazim Hikmet, der Papa Dichter schrieb:
„.................
Welch ein unvorstellbares Glück ist es,
zu Begreifen,
Was im Kommen ist
und
Was im Gehen.“
(Ich bin mir sicher, dass Nazim es mir nicht übel nimmt, ihn für meine Bedürfnisse zu zitieren. Aber warum mache ich mir Gedanken darüber?)

Es hat unseren Vater sehr betroffen, weißt du. Die Geschichte der Mörderin in dieser Sendung, die wir uns angeschaut haben, hat ihn ganz schön aus der Bahn geworfen.

Während der Sendung erinnerte mich daran, wie ich mir sehnlichst seinen Tod gewünscht hatte.
Es kam oft vor, dass ich den Gott um seinen Abgang ersucht habe. Das Bisschen arabisch, das ich, ohne den Inhalt zu verstehen, auswendig kannte, war mir sehr behilflich dabei. Ich bildete mir ein, dass der lieber Gott mir mein Gebet verzeihen würde. Denn ich wusste ja nicht, wovon ich sprach.







Deshalb war es mir so, als würde ich mehr sündigen, wenn ich in meiner Sprache, die ich ja wohl verstehe, um seinen Tod bitten würde.(Dann wüsste ich doch genau, wovon ich sprach!. Nicht wahr?)

Ich aber habe mir seinen Tod euretwegen gewünscht. Ich stellte fest, dass ich mit ihm wohl kämpfen könnte, aber eben nur für mich. Ich hatte keine Kraft mit ihm euretwegen zu kämpfen. Denn du und die Mutter wart mir rätselhaft.

Mutter verteidigte sich nicht. Du, du hast ihn angefleht. Weder die Ergebenheit noch die Unterwürfigkeit, die bekommen mir nicht. Mir war es so, als würde mir meine Würde Stück für Stück abgebaut.
Ihr wart mir zu wenig. Verzeih.
Da ihr so wenig wart, wart ihr zu schwach um mit ihm kämpfen zu können. Das wiederum war mir zu viel. Ich, wie gesagt, konnte nur für mich kämpfen. Da blieb mir nur eins; Für euch zu beten. Beten darum, dass er stirbt.

Wenn Vater nicht da war, war die Mutter heiter und lustig. Sie spielte sogar mit uns. Es war, zugegeben, äußerst selten, aber es kam vor. Wenn wir so heiter miteinander waren und Vater kam dazu, wurde alles anders. Mutter war, wie ausgewechselt. Sie versteckte ihre Heiterkeit. Es herrschte ein eisiger Wind, von dem ich nicht wusste, wer den verursacht hatte. Es war so, es war so bitterkalt. Und jedes Mal. Jedes Mal fror ich und die Wärme musste her. Und ich wusste nicht, wo sie her zu holen war.

Ich habe es nicht einordnen können. Vater, der meiner Meinung nach völlig normal, zuhause erschien, konnte nicht der Grund dieses Frostes sein. Mutter, die wir ja gerade in voller Wärme und Heiterkeit erlebt haben, konnte auch nicht diesen Frost ausgelöst haben...
Und, es ist mehr als seltsam, wenn Vater mit uns spielte und Mutter kam dazu, war auch er wie ausgewechselt.
Was war das?

Ich fragte immer nach. Ja. Ich weiß, ich habe dich mit der Fragerei von mir zum Wahnsinn getrieben.
Ich fragte Vater, zum Beispiel, wie ihm das neue Kleid der Mutter gefällt? Er hatte das Kleid, von dem ich sprach, wohl gesehen. Mutter trug es nur ein einziges Mal. Erinnerst du dich an das gelbe Kleid aus Taft? Das Kleid mit einem zierlichen Blümchen am Ausschnitt?
Doch, denke nach, du wirst schon darauf kommen; das Blümchen war aus feinen Bänder angefertigt. Bänder aus dem selben Taft. Ich sah eines Tages die Mutter vor dem Ofen. Sie stopfte gerade ihr Kleid in den heißen Mund des Ofens. Wütend. Traurig.









Sie schimpfte nicht. Sie jammerte nicht. Sie beklagte sich nicht. Sie sah nur unbeschreiblich traurig aus. Ihre Wut habe ich mir nur ausgedacht. Mir war es so, als würde sie ein Raubtier füttern. Ein Tier, das ihr alles weg nimmt. Ein Tier, von dem sie nicht weg kommt. Ein Tier, das unersättlich ist.
Sie hatte sich ergeben.
Damals zeichnete ich ein Bild von einem glühenden Ofen mit einem unheimlichen Mund. Er war weit aufgerissen. Die Zähne feuerrot, Flammen, als unzählige Zungen, griffen heimtückisch nach einer Frau. Die Frau, nackt, versuchte ein gelbes Kleid zu erreichen, das am Fenster hing.
Mir gefiel das Bild sehr. Ich fand die Farbe Gelb schon immer aufheiternd. Es machte sich immer gut in meinem Bildern.
Du wirst nicht glauben, was mein Lehrer mir damals gesagt hat, als er mein Bild sah. Er betrachtete mein Bild nachdenklich. Er schien sehr besorgt zu sein. Das wiederum war für mich sehr Besorgnis erregend, weil er ein alter Mann war und sehr auf die muslimische Regeln achtete. Ich fürchtete ein Moralpredigt wegen der nackten Frau auf meinem Bild.
Er sagte aber nur, “weißt du, wenn du groß bist, kannst du dir einen schönen Ofen leisten. Diese blecherne Öfen habe ich auch nie gemocht.” Wie erleichtert ich war, dass er auf mein Bild die nackte Frau völlig übersehen hatte.

Na ja.
Ich fragte Mutter, zum Beispiel, ob sie die neue Manschettenknöpfe des Vaters schon gesehen habe? Natürlich hatte sie sie gesehen. Die Mutter hatte ja die Manschettenknöpfe selbst für den Vater besorgt. Ich erwartete dabei eigentlich eine Antwort von Vater. Er sagte nichts. Er nahm die knöpfe. Er benützte sie und verschwendete kein Wort darüber.
Ich habe damals, in Sachen der Manschettenknöpfe, einige Zeit den Vater verfolgt. Ich war neugierig, wollte unbedingt heraus bekommen, ob er seine Manschettenknöpfe auch in den Ofen stecken würde oder nicht.
Nicht.
Diese Manschetten Knöpfe, weißt du, habe ich noch jahrelang gesehen. Zuletzt im Dachboden, in dem großen roten Karton, wo die Eltern auch die Eheringe aufbewahrt haben, neben den wichtigen Papieren.










(Dieser roter Karton wiederum, war unmittelbar neben dem Schuhen mit Pfennigabsätzen zu finden. Aber diese hier ist eine völlig andere Geschichte.)

Ich fragte die beiden, ob wir jetzt doch gemeinsam spielen, wenn der Vater auch schon da ist? ... Da ging die Mutter in die Küche und fing an zu kochen. Da ging der Vater und schimpfte schon vor sich hin.
Keine meiner Fragen bekamen Antwort.

Es war nicht so schlimm, denn ich ging zu den anderen Menschen. Ich besuchte oft “unmögliche” Leute in unserer Straße.
Wenn niemand da war, fand ich etwas, dem ich alles erzählen konnte. Zum Beispiel eine Glasscherbe. Zum Beispiel die ausgebrannte Glühbirnen im Dachboden, neben der roten Karton.

Also, wegen mir hätte Vater nicht sterben sollen.
Er sollte gehen und nie mehr zurück kommen, damit es dir und der Mutter gut geht. Von meinen Gesprächen mit den anderen Leuten, von meinen Reisen in Gedanken, von meinen, auf die Decke gerichteten Blicken, die ja so allerlei im Fasern des Holzes fanden, konnte ich euch nicht ein Bisschen abgeben. Ihr wart immer so Ernst.
Ihr lachtet manchmal über mich, was gar nicht lustig und heiter war. Ihr schütteltet den Kopf an meinem Anblick so, dass ich immer das Gefühl hatte
“ es ist nichts, was ich mache. Ich bin zu dumm. Ich schaue mir bloß das Holz an. Ich gehe zu den anderen Menschen und rede mit denen, zum Beispiel mit dem verrückten Tororo. Es ist offensichtlich nichts, sich mit dem Tororo über den Nutzen von Wassermelonen Schalen zu unterhalten. Weniger, als Nichts, war diese Schalen am Stirn zu befestigen.(gegen den Kopfweh)
Noch noch weniger, als noch noch Nichts, war, diese Schalen genüsslich zu knabbern gewesen.
Meine Mutter, meine Schwester haben etwas, was ich nicht habe. Was ist es?” Dachte ich.
Ihr wart zu wenig. Definitiv.
Dennoch fühlte ich mich so unzureichend... weil das Wenige konnte ich nicht viel machen. Und ich dachte, ich müsste es....

So dachte ich immer. Das heißt, manchmal hatte ich das beklemmende Gefühl von “ Zeit verschwenden”. Ich verschwendete die kostbare Zeit mit unwichtigen Dingen. Wie sollte ich meine Gespräche mit dem Tororo, als “wichtig” bezeichnen können? Wenn das der Fall gewesen wäre, hätte ich ja auch geschafft, euch etwas von meiner Welt zu geben.








Es zählte aber immer die Welt des Schmerzes, des Trauerns.

Darin einen Platz für meine Welt zu suchen?
Na, schäm` dich doch!

Jedenfalls so dachte ich damals.
Ich schämte mich, wenn es mir gut ging. Ich schämte mich, wenn ich lauthals lachte. Ich schämte mich, wenn die weiße Bohnen mir so schmeckten, dass ich den Topfboden noch mit meinem Brot säuberte. Ich schämte mich, wenn ich auf einen Baum kletterte. Ich schämte mich, wenn ich Seil springen wollte, wenn ich Ball spielen wollte, wenn ich euch danach fragte, ob jemand mit mir spielen wolle...
Aber ich tat alles, was ich wollte und das, trotz dieses Scham. Das war hart.
Genau genommen wäre ich schon eine Nutznießerin, wenn Vater sterben würde.
Na klar! Ich hätte ja dann alles, was ich sowieso schon tat, ohne Scham weiter machen können.
Ihr hättet dann die unendliche Traurigkeit los und ich meinen blöden Scham.

Nach einem, für uns Kinder –zumindest für mich- unergründlichen Streit, ging Mutter in die Nachtschicht, in die Fabrik. Am nächsten Tag, ein Freitag war es, verließ der Vater das Haus. Er hatte seine Sachen zum Angeln mitgenommen. Offensichtlich würde er nach der Arbeit nicht nach Hause kommen.
Erst freute ich mich über ein ruhiges Wochenende. Die Freude war so groß, dass ich mir gleich weitere, über das Wochenende hinaus gehende, ruhige Zeit ausmalte.
Ich hatte Blut geleckt.
Verstehst du?
Da habe ich in einer klaren, von mir wohl verständlichen Sprache, in meiner Türkisch, die ich so liebte (und noch liebe), innig einen Gebet ausgesprochen. Ich sagte hinter meinem Vater:

“Gott möge mir den Anblick von deinem Weggehen erhalten.
Den Anblick deines Kommens, Vater, mir ersparen. Amin!”

Du weißt nicht, wie tief ich dabei in meinem Glauben war, wie sicher ich mir war, dass mein Gebet gehört wurde. Ich hatte ein seltsames Gefühl. Eine seltsame Erleichterung. Eine Erlösung. Eine seltsame Freiheit. Ein seltsames Wachsen.



Dann wurde es Abend. Die Schule war schon längst beendet. Mutter war schon längst von der Nachtschicht zurückgekommen.

unsere Jüngste, die Nachzüglerin schlief schon. Der Abend neigte zur Nacht. Die Nacht neigte zum Morgengrauen. Morgengrauen verließ seinen Platz den Sonnenstrahlen. Die Sonne stieg hoch. Es wurde heiß. Alle Hausaufgaben und Hausarbeiten waren erledigt. Die Wäsche war schon trocken und wurde gerade zusammen gelegt. Mittagessen war fertig.
Vater war nicht da.
Es kam ja oft vor, dass er den ganzen Tag weg blieb. Ja sogar tagelang, wenn er sein Angelzeug mitnahm. Und das Mittagessen ohne Vater war doch gewöhnlich.

Aber es war anders, weißt du? Sein Angelzeug für einen Tag und sein Angelzeug für mehrere Tage auf dem offenen Meer waren unterschiedlich. Den kleinen Gaskocher, zum Beispiel, nahm er nicht mit. Seine dicke Jacke war auch noch zuhause. Abgesehen davon, ich hatte das Geschmack des Blutes in meiner Erinnerung. Die Freiheit und die Erleichterung bei meinem Gebet...

Scheiße!!

Den ganzen Nachmittag kontrollierte ich seine Sachen. Immer wieder schaute ich mir seinen Angelkorb an.
Jedes Mal habe ich gehofft, dass ich den Gaskocher einfach nicht mehr sehe. Die dicke Jacke, die ich wahrhaftig gesehen habe, sollte sich als ein Vatermorgana erweisen und einfach nicht mehr da sein.
Am liebsten sollte der ganze Korb verschwinden. Dieser Korb wurde zu mein Hoffnungsträger. Dieser Korb, der aus irgend einem Grund von mir gesehen wurde, sollte gar nicht zu sehen sein.
“Es gibt doch solche Fälle” dachte ich. “Der Korb ist nicht da. Ich sehe ihn bloß.”
“Der Korb ist nicht da. Vater hat ihn mitgenommen, weil er über das Wochenende auf dem offenen Meer ist”.
Ich entfernte mich vom Korb. Ich ging raus, in meine “Prärie“. Drehte einige Runden um die Felsen. Schaute mir genau die Stechpalmen an. Kontrollierte meine Wahrnehmung: “Was ist wirklich da? Was bilde ich mir ein, zu sehen?”

Ich war sehr gründlich. Einen Stein, der mir gefiel, nahm ich als Beweisstück mit. Ich pflückte Pflanzen, mit denen man die Eier so schön färben kann. Ich versuchte auch eine Eidechse zu fangen. Es gelang mir nicht. Ich brachte aber einige Käfer mit und mehrere Kaulquappen. Ich ging mit meinem Beweismaterial zum Korb, um zu sehen, dass er nicht da ist.
Er war da.





Verflixt!

Der verdammte Korb stand da. Ich sah ihn nicht nur. Nein! Es roch auch noch nach Fisch. Ich hatte begonnen, auch noch zu riechen, wo ich versuchte, meine Augen auszutricksen?
Damit war nicht genug. Ich sah den Körper des Vaters in der Jacke.
Verdammter Gaskocher wurde warm. Vater versuchte seine Hände daran zu wärmen.
Meine Mitbringsel aus der Prärie, mein Beweismaterial für die Funktionsfähigkeit meiner Wahrnehmung, ließ ich in den Korb fallen. Vielleicht waren all die Dinge, die ich in der Hand hielt, auch nur eine Vatermorgana. Wer weiß?
Aber, oder,
Wer weiß, wenn ich jetzt noch Mal zu den Felsen gehen würde und einige Runden drehen, bis zum Bach laufen, die Zelte vom Nomaden besuchen würde, würde sich alles klären?
Wenn ich zurück bin, würde entweder der Vater da sein oder der Korb verschwunden. Wer weiß es schon?

Das war eine Hoffnung!
Ich sag`s dir, nie, bis dahin nie, hatte ich
so eine traurige Hoffnung.

Ich ging nochmals raus. Ich ging zu den jeden einzelnen Fels. Jeden einzelnen Ziegenpfad habe ich durchsucht, ohne zu wissen, wonach ich suche. Ziegenkacke habe ich betrachtet. Am Bach, wo ich schon vorher Kaulquappen gefangen hatte, suchte ich nach Krebsen. Ich hoffte sogar einen Skorpion zu begegnen. Eine Schlange.

Die Abenddämmerung färbte unsere Himmel mit den traurigsten Farben der Welt. Alle traurige Wolken vereinten sich dort. Die Sterne würden auch nicht mehr kommen. Sie hatten bestimmt keine Lust mehr auf zu glitzern. Ich weinte und weinte. Ich rannte und rannte.
Ich merkte gar nicht, dass ich am Zelt der Nomaden angekommen war. Ich hörte das Bellen der Hunde gar nicht. Einer der Hunde sprang auf mich. Wie ein wunder, rutschte er. Er schnappte aber mein Bein. Dabei zerfetzte er mein Kleid. Ich wusste nicht, worüber ich trauern sollte? Über das Kleid, über mein Bein, über meine Sünde?
Alles war so traurig. Der Korb, der Tag ohne Vater, meine Sünden, das Kleid, das kaputt gegangen war, mein Bein, das blutete, meine Angst vor dem Hund, der ja schrecklich knurrte... dann kam der Nomade, der mit vielen Goldzähnen im Mund, der mit dem Vater immer über den Preis von Milch handelte... Den kennst du auch. Vor dem hattest du Angst.








Deshalb sollte ich, ich die Tapfere, der Quasi- Junge, immer Milch holen gehen. Weißt du es nicht mehr?
Jedenfalls, heute kann ich sagen, dass ich froh bin, dass es zwei Geschlechter auf der Welt gibt und ich einverstanden mit meinem weiblichen Geschlecht bin.

Der Nomade mit goldenen Zähnen kam und bändigte den Schäferhund. Dann sagte er, dass ich bleiben solle. Sie seien gerade bei der Zucht. Der Zuchtbulle, leihweise, sei bei denen.

So stellte ich mich zu den anderen und sah mir eine Paarung an, die im Gegensatz zu den übrigen Publikum, mir nur Kummer bereitete. Alle lachten und klatschten.
Der Bulle und die Kuh brüllten. Der Himmel war voller Töne der Farbe Rot. Mein Bein schmerzte. Zwei riesige Tiere boten ein Trauriges Spiel an, was offensichtlich als lustig, schön, hoffnungsvoll angenommen werden sollte... Aber der Korb...
Der Korb..

Bitte lieber Korb, sei nicht da. Du lieber Korb... Drei Mal spucken, drei Mal pusten,.. ein Zauberwort.... ene mene mu, weg bist du!
Abra kadabra,... vereint euch alle Djinis der Erde, reicht mir eure Hand...

Und? weg ist er?

Verschwinde doch du blöder Korb. Du grausamer, du schrecklicher, du gnadenloser, du Folterer, du.. Verschwinde Bitte... Wenn ich nach Hause komme, bist du nicht mehr da. Bitte, geh! Oder
Hole mir den Vater. Bring ihn zurück. Bitte.

Das orange-rote des Himmels gab die Hand zu einem sanften, samtigen dunkelblau aus allen Tönen des Lilas. Ich bemerkte es von neuem, wie weit der Himmel ist, wie breit, wie bereit, wie weich, wie weise und wie gnadenlos in seinem Kompromiss mit den Farben sein kann...
Die Grillen (oder heißen sie „Zikaden“?)
waren deutlicher als am Tag zu hören. Ich musste zurück. Zurück nach Hause, zu dem Ort, wo all meine Sünden begannen, da wo es einen schrecklichen Korb gab... Da muss ich hin...

Zum Tatort!

Ich kehrte nach Hause.






Mit jedem Schritt hoffte ich auf einen Wunder. Ich ging alle Märchen, die ich kannte im Gedanken durch, um einen sonderlichen Halt zu finden. Es gab nirgends ein Sonderfall. In keinem Märchen war etwas ähnliches, wie meine Tat. Mein Trauer. Meine Hoffnung. Mein Schmerz. Alle Märchen, die alle Arten der Grausamkeiten beherbergen, hatten einen unschuldigen Wimpernschlag.

“O Gott! Wie allein ich doch auf der Welt bin!” dachte ich.
Den Rest des Weges habe ich im Streit mit dem lieben Gott verbracht. Ich machte ihm große Vorwürfe; wie er überhaupt dazu kam, ein Gebet eines Kindes so ernst zu nehmen.
Ich bezeichnete ihn als “dumm”, weil er nicht ein Mal von seinen Geschöpfen was lernt, nämlich; “ von den Erwachsenen zum Beispiel, sie nehmen die Kinder doch nicht ernst.”
Ich musste mich daran erinnern, wie ich den lieben Gott darum gebeten hatte, die Gebete der Kinder zu hören, denn die Kinder sind doch unschuldige Wesen.
Scheiße!! Scheiße!! Scheiße!!
Ich war, ich steckte tief in Schlammassel. So tief, dass ich mir dachte, mich bereits in der Hölle zu befinden.








Und ich hatte keinerlei Mut zu sagen, dass es mir ein Unrecht geschehe.

Ich kam zuhause an. Mutter und du wart sehr besorgt um mich. Unsere Kleine streckte ihre Ärmchen nach mir. Ihre Arme... Jaa... Das war ein Leid.
Wie oft kugelte das Gelenk am Ellbogen von ihr, wenn ich mit ihr spielte! Wie oft wurde ich beschimpft, dass ich es absichtlich machen würde...
Da, wo sie ihre Arme nach mir streckte, dachte ich gleich an ihr Gelenk! Es könnte ja wieder auskugeln und dies Mal, wusste ich nicht mehr, ob ich wirklich unschuldig sein kann. Ich wusste nichts mehr.
Die beste Schülerin der Klasse zu sein, weißt du, hilft einem in so einem Moment nicht im Geringsten. Das ist sicher. Ich hatte nämlich auf dem weg nach Hause auch all mein schulisches Wissen mobilisiert um mir irgendwo eine Hilfe zu holen. Zu wissen, wie hoch unsere Stadt über dem Meeresspiegel liegt, wie viele Anwohner sie hat, noch wie viele auf der ganzen Welt leben, was die prächtige Sultane getan haben, wie fruchtbar die Delta von Elfrat und Tigris ist, die Kulturen in Anatolien, die ganze Republik Geschichte, die Bauweise der Pyramiden, die Jahreszeiten, die Jahrestagen...
Nicht ein Mal von Atatürk kam eine Hilfe. Ich bildete mir ein, er ist der Mensch, der in meinem Wissen mir am nahesten ist. Aber selbst er war schon längst gestorben. Nicht ein Mal “Gott Hab` ihn selig” habe ich ausgesprochen. Ich war wütend auf alle Toten.
Ich hatte mich selbst für schuldig gesprochen. Vielleicht deshalb kam es auf eine Sünde mehr oder weniger nicht mehr an.

Ich sündigte fortlaufend.

Ich umarmte unsere kleine dennoch nicht, aus Angst vor ihrem Gelenk.
Mutter,
Sie nahm mich in Arm. Sie fragte mich, wie es mir gehe... sogleich forderte dich auf, einen Scherbett mit viel Zucker für mich zu zubereiten. Denn ich sehe schlecht aus. Dann hast du geschrieen:
“Mama, sie blutet, Mama, ihr Bein,...”
Es wurde alles schlimmer durch dein Geschrei. Ich habe nicht gewollt, dass Mutter mein blasses Gesicht sieht. Ich habe nicht gewollt, dass du das Blut an meinem Bein gleich verpetzt. Ich muss zugeben, als du wegen dem Blut an meinem Bein so geschrieen hast, habe ich gedacht: “ Sie ist wehleidig! Wie immer.“
Ich wollte nur zu dem Korb. Und du hast das mit deiner Panik Macherei verhindert. Wie, um liebe des Gottes, wie sollte ich jetzt die Wahrheit erfahren?






Es war alles, aber alles, gründlich kaputt!
Mein Leben war im Eimer.
Der liebe Gott hatte mich verlassen.
Meine kleine Schwester weinte, weil ich sie nicht in Arm genommen hatte. ( -Sie selbst hatte eigentlich sich nie über das ausgekugelte Gelenk am Ellbogen beschwehrt.- wollte ich denken, doch so gleich kam die Ernüchterung:
Es lag bestimmt daran, dass sie noch nicht sprechen konnte.)

Zu allem Überfluss bekam ich eine Fürsorge, die nicht gerechtfertigt war, die ich, Sünderin nicht verdient hatte.
Was war denn schon eine blutende Wunde am Bein?
Mein Herz blutete, mein Kopf war ein einziger Folterinstrument, meine innere Organe rebellierten gegen mich. ; sie wollten auswandern. Sie wollten mich erledigen.
Meine Strafe, die mir zugeteilt wurde, habt ihr nicht verstanden.
Ich sagte “Es riecht hier nach Fisch”, Mutter fühlte an meinem Stirn:
“Sie glüht” sagte sie leise. “Der Bulle” habe ich gesagt, hatte ich eigentlich einen neuen Anlauf in die Richtung der Wahrheit gemacht, “der Bulle ist echt Mama!”
Sie sagte, du sollst dich beeilen, sollst einen sehr süßen Scherbett für mich zubereiten, denn etwas Süßes helfe gegen den Schock und gegen den Schreck.
Ich befände mich offensichtlich in einem Schreck.
O du Schreck!
Du Schreck!
Verreck! Verreck!
Ich war am verrecken und ich dürfte nicht verrecken.
Unsere Kleine streichelte mich und plapperte vom “Dábá”. Sie nannte die Orangen “Dábá” , weißt du noch?
Ich hatte ihr immer Schiffchen aus Orangenschalen gemacht. Zuerst haben wir die Orangen gegessen. Sie sabberte überall. Die Orangen, die so saftig bei uns sind, waren saftiger als saftig, wenn unsere Kleine sie aß. Ihre Bezeichnung dafür; Dábá, bedeutet für mich heute noch ein echter Orangensaft.
Wie grausam die kleine Kinder sein können, habe ich auch an dem Moment erfahren. Niemand wusste, wie es mir ging. Und Ihr alle, Mutter, du, ältere Schwester und ein Baby, versuchten mit vereinten Kräften irgend einen Defekt wieder in Ordnung zu bringen, von dem ihr nicht die leiseste Ahnung besessen habt.
Ob du glaubst oder nicht,
ich habe mir diesen Zustand gemerkt. Es war ja wahrlich bemerkenswert genug.
Ich sagte “Kaulquappen”, Mutter sagte, dass ich im Fieber halluziniere.






ich sagte “ schau bitte nach, ob der Gaskocher...” du hast geschrieen; “ mein Gott, mein Gott, wovon spricht sie denn?”
Ich habe dann mit der Jacke vom Vater versucht, ich habe gesagt, dass ihr die Jacke euch genau ansehen solltet, ich habe gesagt, dass entweder die Jacke nicht da ist, oder der Vater in der Jacke drin.
Alles vergebens.
Nicht ein Wort von mir habt ihr so ernst genommen, wie ich es mir gewünscht habe.
Zum Überfluss hatte ich tatsächlich Fieber.
zum Überfluss habt ihr am nächsten Tag erfahren, dass ich von einem Hund gebissen worden war.
Es schien so, dass niemand merkte, was ich angestellt hatte.
Und verdammt und zugenäht, ich war kein Bisschen Froh darüber.
Der Nomade, der mit dem goldenen Gebiss, kam am Sonntag zu uns und erkundigte sich nach meinem Wohlbefinden.
Mutter drehte völlig durch, als sie dachte, dass ich möglicherweise Tollwut haben könnte.
Erst in diesem Moment erwähnte sie den Vater.

Überlege Mal! Komm! Du musst dich nicht ein Mal anstrengen, du weißt schon, was ich meine.
Erst in diesem Moment, schrie unsere Mutter nach unserem Vater.
“Herr Gott!” hat sie geschrieen,
“Herr Gott, gib` mir Geduld. Verleih mir bitte gebührend Geduld, dass ich den nicht umbringe, den, der sich Vater nennt!”
Sie war so verzweifelt. Sie ging durch das Haus, wie eine Henne, deren Federn sich im Feuer befinden.
Sie vergaß all ihre gute Benehmen. Sie hat dem Nomaden keinen Tee angeboten. Sie hat sich nicht nach dem Wohlbefinden seiner Gattin erkundigt. sie hat nicht gefragt, ob seine 7 Kinder wohl auf seien. Sie interessierte sich für nichts mehr auf dieser Welt.
Da habe ich gedacht, Mutter würde jetzt ein Liter Milch von ihm sogar für eine Million kaufen.
So fertig war sie.
So fertig, dass sie gar nicht nach dem Milch oder Käsepreisen fragte, sondern danach, ob sie den Hund für einen Tag mitnehmen könne?
Du musst verstehen, dass es so ziemlich sonderbar für mich war. Was will sie denn mit dem Hund? Nach dem unser Hund gestorben war, war sie die einzige, die sich weigerte, noch einen Hund zu besorgen.

Der Nomade weigerte sich, der Mutter den Hund für einen Tag zu überlassen. Sogleich drehte er sich um und ging.
Er schrie noch von einiger Meter Entfernung, dass meine Mutter es vergessen solle, dass irgendein ansässige Amt ihm seinen Hund vor der Nase wegschnappen würde, weil ihre blöde Tochter sich von dem guten Hund beißen ließ.
Mutter wurde wieder zu der Henne mit brennenden Federn. Sie schimpfte und fluchte und gönnte dem Vater den grauenvollsten Tod, wenn es mir irgend etwas schlimmes passieren würde.
Ich konnte sie nicht aufhalten. Ich konnte ihr nicht vermitteln, dass sie sich ins Unglück hinein reitet. Und der grauenvollste Tod aller Zeiten sich möglicherweise schon verwirklicht hatte.
Ich konnte ihr nicht vermitteln, dass mein Leid mir zurecht geschehe.
Sie weinte. Sie weinte und sagte wiederholt vor sich hin, dass der Nomade den tollwütigen Hund doch her gegeben hätte, wenn ein Mann es von ihm verlangen würde.
Und dieser Mann war nicht da. Wo war er denn? Der Kerl, der den Zustand vom Vater sein genießt?
“Gerade bei ihr!” Schrie sie. “Gerade bei diesem Mädchen! Gerade bei diesem Tröpfchen Wesen, das so hingebungsvoll von ihrem Vater schwärmt? Gerade bei diesem Kind? Gerade in ihrer Not? Wo sie ihren Vater braucht,...”
Sie machte so allerlei komische Handgriffe. Sie klopfte die Betten noch Mal.
Sie machte die Fenster zu und wieder auf. Sie begann im Flur zu kehren. Sie vermied meine Nähe.
Sie dachte sich wohl, dass ich im Delirium sowieso nichts von Alledem mit bekomme.
Ich bekam aber alles mit. Ich wurde dabei zunehmend trauriger. Zunehmend fiebriger.
Je länger das Fieber sich bei mir verweilte, desto mehr wurde der Verdacht auf Tollwut größer.
Je größer der Verdacht wurde, desto größer wuchs die Sorge um mich. Je größer die Sorge um mich wurde, desto größer war die Wut und die Verzweiflung meiner Mutter.

Alles geriet aus den Fugen. Nichts mehr war so, wie es mal war. Ich sehnte mich nach schlimmen Tagen mit Vater. Ich dachte, in meinem Krankenbett, wo ich zum Sterben nahe lag, an einem gründlichen Krach mit Vater.
Es war mir völlig gleichgültig, ob er mich gleich an seinem Ankommen Zuhause windelweich schlagen würde...
aber die Gedanke, dass er auf Mutti und auf dich ärgerlich sein könnte, die Gedanke, dass er möglicher weise auch unser Baby schlagen könnte...
das konnte ich nicht ertragen.
Wo ich ganz allein schuldig war.
Verstehst du? Da kam ich wieder zu meinem Gebet... Zu meiner Sünde, die ganz allein meine war und nicht ganz allein meine sein dürfte...

Scheiße! Scheiße! Scheiße!

Weißt du, wenn man die Traurigkeit so bis zum „Ende“ gefühlt hat und merkt, dass selbst am Ende kein Ende sichtbar ist, befindet man sich wahrlich in Delirium.



Es gibt Momente im Leben eines Menschen, wo er sich sogar nach einem endlosen Schmerz sehnt, weil es einem vertraut ist. Das war so ein bemerkenswerter Moment in meinem Leben, den ich mir genau gemerkt habe.

Du wirst lachen, vielleicht deshalb verstehe ich das Gefühl der Misshandelten, die den “Täter” nicht so ohne weiteres verlassen können.

Aber, das ist eine ganz andere Geschichte.

Ich habe nach dir geschrieen. ich habe dich angefleht, mit mir zusammen den Vater zu suchen. Mutter weinte umso mehr.
“Das Mädchen, mein Mädchen” sagte sie. “ Hörst du, du Vater!” schrie sie, unsere mittlere stirbt womöglich, und du bist nicht da. Du ungeheuerliches Wildtier!”

Mutter sagte dann, völlig gefasst, dass du die Kleine anziehen sollst. Sie gab mir frisches Nachthemd. Schaute auch in meine Ohren nach möglichen Schmutz. Dann gingen wir alle vier in die Stadt. Zu Fuß.
Mehr stolpernd als schreitend, kamen wir ins Krankenhaus der staatlichen Sozialversicherung,

Mutter sprach leise ein Gebet für den Vater Staat unseres Mutterlandes , und bat ihn um eine schnellere Abwicklung.

Ich wurde untersucht. Penizillin Spritze bekam ich. Der Arzt sagte meiner Mutter, dass wir am nächsten Tag wieder kommen sollen. Die Ergebnisse der Blutuntersuchung seien am nächsten Tag eigentlich noch gar nicht zuverlässig, aber ... wir sollten kommen...
In der Nacht, gingen wir zurück. Mutter trug mich, du unsere kleine Schwester.
Mutter ging am Mittag des nächsten Tages zum Mittagsschicht, nach dem wir noch Mal im Krankenhaus waren. Ich bekam eine Tetanus Spritze nähe meines Bauchnabels.

Dann kam der Schwager zu uns ins Haus, brachte die Nachricht, dass Vater im Krankenhaus sei, weil er von den Klippen gestürzt ist.

Dann gingen wir wieder zu viert ins Krankenhaus, in dem Vater auch schon ein Tag vorher lag. Wo ich meine erste Spritze bekam. Ich habe es als ein Teil meiner Strafe empfunden. Ich habe es offensichtlich nicht erfahren dürfen, dass er noch am leben ist. So hatte sich der lieber Gott offensichtlich meine Strafe ausgedacht.

So ging es noch 11 Tage, wo wir meine Spritzen mit dem Besuch zum Vater verbindet haben.



Vater kam aus dem Krankenhaus gesund raus. Ich hatte 12 wallnussgroße Beulen am Bauch. Sie waren blau und schmerzten fürchterlich.

In diesen zwölf Tagen dachte ich sehr über den Tod nach. Über das Verschwinden eines Menschen, der mir das Leben zur Hölle macht.
In diesen zwölf Tagen beschloss ich,
komme, was es wolle,
unseren Vater am Leben zu lassen.

Ich dachte dabei an die Eidechsen, an die Kaulquappen, an die Schlangen, an die Grillen...

Wenn sie einen Platz auf unserer Erde haben, gibt es auch einen Platz für Vater...
Natürlich, weil ich dachte, dass es
auch für mich einen Platz geben muss,
Denn ich war ja wahrlich da.

Und diesen Platzt,
der mir zusteht,
ganz gleich wie klein er sein mag,
beschloss ich voll und ganz zu bewohnen.

Was sagst du?
Ich habe wahrscheinlich nie mehr jemandem den Tod gewünscht?

Und ob?
Hast du eine Ahnung?

Natürlich habe ich es. Wenn man bei dieser Angelegenheit von „Natürlichkeit“ reden darf. Ja, ich habe es... Aber mit dem Bewusstsein, das ich keinen Anspruch auf Erfüllung meines Wunsches habe. Mit dem Bewusstsein, dass mein Wunsch mit dem Platz, den ich zur Verfügung habe auf unserer Kugel , mindestens so viel zu tun hat, wie die Grausamkeit des meines Gegenübers...

Bitte, Schwesterchen, bitte
versuche dich mit Vater zu versöhnen. Nicht seinetwegen, sondern deinetwegen.
Schwesterchen, hör auf zu leiden wegen unserer Kindheit.
Hör auf. Nein. Nein. Du musst gar nichts vergessen. Im Gegenteil. Erinnerung ist gut. Sich erinnern ist wie ein Buch der Weisheit. Auch ich will mich weiterhin erinnern können.
Aber die ständige Erinnerung nur an das Grausame, was an einem von Außen kam, ohne die Erinnerung, was mit einem selbst los war, hindert die Erinnerung.

Weißt du, Vater sagte, dass du immer einen langen, unsichtbaren Brett unter deinem Arm mitbringst, wenn du ihn besuchst. Er wisse nicht, wie er gegen diesen Brett ankommen solle. Er wisse nicht, wie er dich antreffen solle.
Gib euch die Chance.
Bitte, erinnere dich auch an dich. Nicht nur an seinem Gebrüll. An seine Schläge.
Es hat doch außer ihm auch etwas anderes in deinem Leben gegeben.

Sogar ich, ich könnte dir so vieles von deinem Glücklichen Tagen berichten...

Wie?
Ich soll dir von dir erzählen? Ich soll dir helfen dich an das Glück zu erinnern? Tue mir das nicht an. Bitte nicht. Wie? Sag es mir, wie soll ich es schaffen?
Es ist... Es ist doch so, als würde ich deinem niedrigen Blutdruck gut zureden, damit er aufhört niedrig zu sein.

O.K! O.K!

Gut. Ich werde es versuchen. Es kann aber nur gelingen, wenn du mit machst.
Aber jetzt möchte ich gerne den Anglerknoten wieder mal versuchen.
Vielleicht schaffe ich es noch?
Was meinst du?
Kann ich noch den Anglerknoten, den mir Vater beigebracht hat?
Wie?
Ja, auch den Weberknoten. Von Mama?
Gut...
Ich werde beides versuchen.
Wetten, dass
ich noch beides kann?
Mutters Weberknoten und Vaters Anglerknoten.

Ja ja, Frauen, die spinnen,
Männer, die angeln.
Komm! Hör auf!
Schau, Schwesterchen, schau her,
Ich bin doch eine Frau und versuche doch die beiden Knoten noch.
Wie?
Wie man sie wieder löst?
Keine Ahnung. Ich will doch jetzt schauen, ob die Knoten mir gelingen oder nicht. Doch nicht, wie man sie löst.
Ich bin dir ein Rätsel?

Ich?

Wo ich dir ganz klar sage, was ich will, wofür ich in der Lage bin, was ich schaffen kann und was nicht... bin ich dir ein Rätsel?

Warum, sage mir warum
tut es mir so weh, was du von mir erwartest?

__________________
klara

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flammarion
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na,

das ist eine gut erzählte geschichte. wenn du jemanden finden könntest, der dir die fehler - sowohl grammatikalisch als auch ausdruck - wegmacht, ist dein werk vollkommen. ganz lieb grüßt
__________________
Old Icke

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