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Leselupe.de > Anonymus
Die nächste Büchse Bier
Eingestellt am 02. 06. 2006 15:30


Autor
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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Ich gebe zu, ich hatte ein bisschen Langeweile. Ich stand an einer Bushaltestelle, die keine mehr war. Seit Jahren hatte kein Bus mehr hier gehalten. Was tun? Ich überlegte kurz, spuckte aus. Hielt zum wiederholten Male Einkehr am Ufer jenes trüben Sees, der sich vor meinen Augen breitet, suche ich nach einem Bild für meine inneren Befindlichkeiten. Baden? Mich fröstelte, ohne auch nur die kleinste selbstanalytische Zehenspitze eingetaucht zu haben. Ich spuckte aus, wendete mich ab von den üblen Wassern. Ich beschloss, ein bisschen zu konvertieren.
Ein Trinker stänkerte vorbei. Prost. Ich grüßte. Stellte mir vor, wie ich durch die Lande ziehe, die Menschen zu Antialkoholikern bekehre. Keiner folgt mir. Keiner versteht mich. Leere Flaschen fliegen hinter mir her oder zersplittern auf meinem Schädel. Bierfässer fallen von Balkonen, gehe ich vorüber. Die Pferde der Bierkutscher gehen durch, bin ich in der Nähe. Bierlastern versagen die Bremsen... Ich winkte ab, holte eine Büchse Bier aus meinem Beutel, öffnete, trank.
Ein Raucher schob sich torkelnd in meine grundsätzlichen Überlegungen. Ich schloss die Augen. Die Geisel Nikotin von der Menschheit befreien? Ich würde es mit allen Finanzämtern, Regierungen und Rentenversicherern zu tun bekommen. Die Süchtigen würden mich in ihre Aschenbecher drücken, in Brand setzen und ihrem Gotte zu Ehren abfackeln. Keine schöne Aussicht. Ich schüttelte den Kopf. Steckte mir eine an.
Plötzlich kam Unruhe auf. Ich sah einen Priester, einen Banker, einen Schulschwänzer auf mich zuhetzen. Ich wurde unruhig. Stellte mir vor, ich sollte den Priester von der Unvernunft seiner Transaktionen, den Banker vom Wahnsinn seines Glaubens, den Schulschwänzer von der Unauffälligkeit seines Fernbleibens vom Unterricht überzeugen. Hastig trank ich aus, rauchte auf. Nun schoss auch noch ein Bus auf uns zu. Tatsächlich: ein Bus! Was wurde hier gespielt?
Mit quietschenden Bremsen hielt das Gefährt. Scheppernd öffneten die Türen. Alle stiegen ein. Der Busfahrer sah prüfend in den Rückspiegel. Sollte ich, sollte ich nicht? Ich entschied mich. Ja, ich konvertiere!, sprach ich feierlich, für Außenstehende unhörbar, zu mir. (Allerdings gab es in diesem Moment keine weiteren Außenstehenden mehr, bis auf mich saßen alle im Bus.)

Leider war es zu spät. Im Scheppern der zuknallenden Türen ward meine schöne Absicht zermalmt. Ich blieb wo ich war und der Langeweile erhalten. Ich beruhigte mich schnell: Konvertieren, so mein Resümee, bringt Unruhe ins Leben. Das ist nicht gut fürs Herz. Ich holte die nächste Büchse Bier aus meinem Beutel und steckte mir eine an.




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sonnenstäubchen
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ein gelungener text, vor allem sprachlich eindrucksvoll. allerdings finde ich, dass anstelle des präsens der konjunktiv besser wäre, weil der protagonist sich diese situationen ja vorstellt, also so:

... jenes trüben Sees, der sich vor meinen Augen breitete, suchte ich nach einem Bild für meine(r) inneren Befindlichkeiten. Baden? Mich fröstelte, ohne auch nur die kleinste Zehenspitze selbstanalytisch [würd ich hierherstellen, weil es ja keine selbstanalytische zehen gibt]eingetaucht zu haben. Ich spuckte aus, wendete mich ab von den üblen Wassern. Ich beschloss, ein bisschen zu konvertieren.
Ein Trinker stänkerte vorbei. Prost. Ich grüßte. Stellte mir vor, wie ich durch die Lande zöge, die Menschen zu Antialkoholikern bekehrte. Keiner folgte mir. Keiner verstünde mich. Leere Flaschen flögen hinter mir her oder zersplitterten auf meinem Schädel. Bierfässer fielen von Balkonen, ginge ich vorüber. Die Pferde der Bierkutscher gingen durch, wäre ich in der Nähe. Bierlastern versagten die Bremsen... Ich winkte ab, holte eine Büchse Bier aus meinem Beutel, öffnete, trank.
...
Mit quietschenden Bremsen hielt das Gefährt. Scheppernd öffneten sich die Türen. ...

gruß
s.

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Melusine
Guest
Registriert: Not Yet

Ansatzweise nicht übel aber verworren und moralisierend.
LG Mel

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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Hallo Sonnenstäubchen,

danke für das Kompliment und deine Auseinandersetzung mit dem Text. Ich habe selbst überlegt, ob ich die entsprechenden Stellen in den Konjunktiv setze. Der Präsens erschien mir dann doch direkter, um nicht zu sagen "präsenter" (lach)...

Ein Fehlerchen ist mir unterlaufen, ein "r" war zuviel.

Die "selbstanalytische Zehe" existiert natürlich nur als Metapher.

Anlaß des kurzen Textchens war eigentlich nur das Spiel mit der Wendung "ein bisschen konvertieren". Insofern ein humoresker Text...

Liebe Grüße

A.

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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Melusine, kann Humor moralisierend sein? Ich denke nach...

Liebe Grüße

A.

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Melusine
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo A.,
na ja... vielleicht doch nicht. Beim ersten Lesen schien es mir so. Auch das Verworrene entwirrt sich langsam ... vielleicht war ich gestern auch einfach zu müde. Tut mir leid, man sollte vielleicht nicht in müdem Zustand konvertieren - äh, ich meine, kommentieren.
Das Bild der aufgelassenen Bushaltestelle gefällt mir sehr gut; ein gelungens Gleichnis.

Ich schließe mich Sonnenstäubchen an: In dem Satz vom trüben See der innerern Befindlichkeit purzeln die Zeiten durcheinander, die Abolitionistenfantasie läse sich besser im Konjunktiv und Bustüren öffnen sich.

Außerdem fiel mir noch auf:
"Ich winkte ab, holte eine Büchse Bier aus meinem Beutel, öffnete sie, trank."
und:
"Die Menschheit von der Geißel des Nikotins befreien?"

LG Mel

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