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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die rosa Putzschürze
Eingestellt am 31. 07. 2018 14:15


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sabine simon
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Oct 2014

Werke: 6
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Es war ein richtig schöner Sommertag, ja, so etwas gibt es wirklich, und anders kann diese Geschichte sowieso nicht anfangen: Der Duft von roten Rosen und Sommersand lag in der Luft, er ließ die Stufen an den Haustüren zu Ruheplätzen werden. Denn genau dort hockten Mutter Hase und ihr etwas wohlbeleibter, aber gemütlicher Ehemann Jossi Hase, beide sehr langohrige Respektspersonen in dem kleinen, versteckten Weiler an dem Bach, der Möhre genannt wurde. Eine kleine Häuseransammlung voller liebenswürdiger Wesen, wie sie wohl nur eine sehr freundliche Phantasie bemerken kann, die eine feine heile Welt sucht und sie treffsicher aufspürt.

Um die folgende Geschichte zu verstehen, müssen wir begreifen, dass weder Mutter Hase noch Jossi etwas von einer Welt hielten, die Hässlichkeit, Gemeinheit oder gar Hinterhältigkeit kannte. "Natürlich foppen wir uns,"  pflegte Mutter Hase zu sagen, "schließlich muss ich ja Jossi regelmäßig die Ohren gehörig langziehen." Und sie kniff ein Äugsken zu, zwickte ihren Männe in das dunkelbraune Fell. Der stupste mit dem Kopf gegen ihren etwas hellbrauneren Pelz und lachte. Mutter Hases Fell ist nämlich etwas blonder, worauf sie sehr stolz ist: „ Man sieht doch so etwas weiblicher aus...“, das ist typisch Mutter Hase, die keine Feministin ist, aber eine weibliche Überlegenheit ausstrahlt, die keine Diskussion darüber zulässt, dass Frauen Männer grundsätzlich haushoch überlegen sind.

Schon nach zwei Blicken wird klar, dass Mutter Hase der Wortführer der beiden ist, was aber Jossi niemals krumm genommen hat. Er weiß, dass Mutter Hase ihn und seine beiden Jungen fest im Griff hat, und er fühlt sich in genau diesem Zustand pudel-, nein, hasenwohl. Sollte jemand tatsächlich Mutter Hase über die Emanzipationsbedürfnisse und –rechte einer Hasenfrau einmal aufklären, dann würde sie wohl eher mild lächeln: „Solche Schwierigkeiten kennen wir hier nicht,“ - und niemand würde wagen, ihr zu widersprechen, weil Mutter Hase eben zu den ganz besonderen Leuten gehört, die auf eine völlig selbstverständliche Weise so richtig recht haben, so, als habe sie die Grundgesetze von ihrem kleinen Weiler Hasenhausen persönlich erfunden. "Womit sich die Frage der Emanzipation erübrigt," so die Sicht von Mutter Hase.

Aber eines Tages kam eine junge Reporterin von der kleinen Kreiszeitung "Hasenpost" in das Dörfchen an der Möhre, für das, was ihr Chefredakteur eine lebensnahe Reportage nannte: „Die Hasenfrau und ihre Rechte“, so sollte der Artikel heißen. Es war der erste Auftrag der jungen Journalistin, und sie wusste auch schon genau, wie ihre Reportage  aussehen würde, möglicherweise ließen sich ja damit Preise gewinnen.

Einer armen geknechteten Frau aus der Landbevölkerung aus dem Sumpf ihrer tradierten Abhängigkeiten zu helfen, das hatte sie sich schon immer gewünscht. Sie bekam ein Gefühl, als würde sie explodieren, so sensationell erschien ihr dies. Eine Landfrau, die, wenn sie selbst als Journalistin diese nicht über die Gesetze des Lebens aufklären würde, immer vor ihrer Türe hocken würde, ihrem Mann beipflichten müsste, hinterher womöglich die Möhren für das Möhrengemüse schrappen, und dann würde der dicke Landmann auch noch an dem Essen herummeckern. Für diese auserwählte Landfrau war damit jetzt endgültig Schluss.

Die junge Hasenreporterin war nun an Mutter Hase und ihre Familie verwiesen worden. Diese seien in Hasenhausen mit ihren beiden Jungs Timmy und Andreas eine vorbildliche Familie, und die junge Dame war voll des Mitgefühls über die arme, im Dorf versteckte Hasenfrau, die ja nur von ihrem Mann hinter Heim und Herd festgehalten wurde.
So kam sie die Dorfstraße entlang, als die beiden, Mutter Hase und Jossi, einträchtig auf der Treppe vor ihrem Haus saßen- „Ein zu friedliches Bild,“ dachte die Reporterin sofort. Da konnte doch etwas nicht stimmen.

Die beiden Sonnengenießer auf der Treppe hatten die Augen vor dem gleißenden Sommerabendlicht geschlossen, Jossi hatte seinen Arm um Mutter Hase gelegt, es fehlte nicht viel, sie wären glücklich eingeschlafen.

Da hörten sie plötzlich ein durchdringendes Klicken, fuhren auf und glotzten direkt in den Fotoapparat der Reporterin. "Da haben wir die falsche Idylle dokumentiert," triumphierte diese. "Ich komme von der Hasenpost, um Sie, Frau Hase, persönlich und exklusiv zu interviewen. Es geht um die Rechte der Hasenfrau auf dem Land, Sie müssen doch endlich lernen, sich von der Unterdrückung ihres, ja ihres, ja - Tyrannen zu befreien."

Mutter Hase begriff gar nichts. Sie schaute sich das junge Mädchen an, blondes gestyltes Hasenfell, knappe Shorts, irres Outfit, und was sie sah, gefiel ihr gar nicht. "Was will die hier?" flüsterte sie Jossi ins Ohr. Der zuckte verschlafen mit den Schultern. Sie schaute Jossi nochmal an und er schaute zurück, muffelig, weil er in seiner Ruhe gestört worden war. Für ihn gab es fast nichts Schöneres, als mit Mutter Hase gemütlich in der Sonne zu sitzen, und da kam die da an und nervte.

"Wer sind Sie überhaupt und was wollen Sie?" knurrte er gelangweilt. "Mit Männern und anderen Unterdrückern rede ich sowieso nicht," schnappte die Reporterin, zog Mutter Hase am Arm: "Ich rede nur mit dieser aufrichtigen Frau."

Sie nötigte Jossis Ehefrau, sich auf einen Baumstamm abseits des Hauses zu setzen: "Frau Hase, mit Ihrem Dasein als abhängige Landfrau ist jetzt endgültig Schluss. Ich werde Sie von diesem Mann befreien. Sie werden sich durchsetzen, sich ganz herrlich fühlen und endlich ein neues Leben ohne Knechtschaft anfangen." Freudig erregt schaute die junge Reporterin in das Gesicht von Mutter Hase, mit der festen Erwartung, dass es vielleicht noch eine Weile dauern konnte, bis die arme Landfrau begriff, nichts ahnend, dass Mutter Hase inzwischen tatsächlich zu merken begann, was die junge Frau von ihr wollte.

Die Reporterin konnte nämlich nicht wissen, dass Mutter Hase trotz ihres Landlebens eine sehr belesene Frau war, die erheblich mehr kannte als die "Hasenpost". Tatsächlich hatte sich Mutter Hase als junges Mädchen heftig für die Emanzipation junger Häsinnen interessiert, nur auch bei einigen Freundinnen zu deutlich erlebt, wie Lebensgemeinschaften zerbrachen. Diese Hasenfrauen besaßen zwar jetzt alle Rechte  als Frau, lebten aber allein und waren unglücklich.

Das wollte Mutter Hase nie sein, aber sie hatte in Jossi einen Partner gefunden, der sie auf ganz natürliche Weise respektierte: "Das machen Hasen eben so," pflegte er zu sagen, wenn die Rede darauf kam. Deshalb verstand Mutter Hase nach dem ersten Schock dann doch genau, was die junge Reporterin wollte.

Diese redete mit einen ungeheuren Wortschwall auf sie ein und Mutter Hase sah, wie Jossi von der Tür herüberschaute und die Stirne runzelte. Sie runzelte zurück, und offensichtlich schien er auch etwas gemerkt zu haben. Mutter Hases und Jossis Kommunikation war etwas ganz Besonderes, ganz Hasenhausen wunderte sich schon längst darüber, dass sich beide nur anzusehen brauchten, und weltbewegende Dinge geschahen.

Während also die Hasenreporterin Mutter Hase mit Worten überschüttete, sie in fast allen Lebenslagen fotografierte, erhob sich Jossi und ging majestätisch ins Haus. Nach einer Weile kam er wieder heraus, mit Kochlöffel und großer Schürze.

„Darf ich Sie in meine Küche führen?“ fragte er die sprachlose Reporterin, die völlig vergessen hatte, ihren Fotoapparat zu bedienen. Es war still geworden, das Klicken fehlte.

Die Reporterin glotzte, als wollten ihr die Augen aus dem Kopf fallen. „W- w- was ist denn das?“ stotterte sie. „Gefällt Ihnen meine Küchenschürze nicht so ganz?“ gab sich Jossi ganz verlegen. „Ich weiß, sie ist nicht der letzte Chic für uns Hausmänner, aber meine Frau erlaubt mir keine andere zu tragen.“

Die junge Frau war fassungslos: „Sie erlaubt es Ihnen nicht?“ Wobei sie eher meinte, es wäre bemerkenswert, dass er Mutter Hase soviel Kompetenz zugestehe.

Wohlweislich und völlig absichtlich verstand Jossi dies grundfalsch. „Das wäre mal ein Thema für Ihre Hasenpost. Die Unterdrückung der Hausmänner, ein übersehenes und von unserer Gesellschaft vollkommen ignoriertes Problem. Ich wünsche mir seit Jahren eine nette hellrosa Putzschürze, aber nein, meine Frau sagt nein, und dann bekomme ich keine. Können Sie da nicht mal einen flammenden Artikel schreiben?“

Die Dame mit dem Superoutfit bekam immer noch keinen Ton heraus. Da fing Mutter Hase an, empört zu reagieren. „Das wäre ja wohl noch schöner, eine hellrosa Putzschürze! Das darf ich dir nicht erlauben, was sollen denn die Leute denken! Mein Mann hat das zu tragen, was mein Geschmack für richtig hält, ich will mich doch mit ihm nicht zum Gespött der Leute machen!“

Eine Viertelstunde und ein großes Gelächter später saßen die beiden wieder allein Arm in Arm in der Sonne, schmunzeln mussten sie aber immer noch.

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Sabine Simon

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