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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die rote Marlboro
Eingestellt am 11. 08. 2006 14:52


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kata
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jun 2005

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Eine scharlachrote Schachtel Marlboro liegt auf dem Tisch. Daneben ein BiC-Feuerzeug. Sie wissen schon, das sind solche Feuerzeuge, die garantiert dreitausend Mal zĂŒnden und dann weggeworfen werden. Gepflegte feingliedrige Finger greifen nach der Schachtel. Das BiC zĂŒndet ein kurzlebiges Feuer. Aber irgendwann, zwischen diesen ZĂŒndungen entflammt ein Liebesfeuer. Unerwartet verzaubernd, wild und ansteckend wie Malaria. Wenn Illusionen sterben, erscheint aus der Asche die Liebe.
Eine Frau sitzt still nebenan und beobachtet das Spiel mit dem Feuer. Die HĂ€nde des Mannes bewegen sich wie ein leichter Sommerwind, sie gestikulieren etwas, das die Frau nicht deuten kann. Sein Mund öffnet sich und schließt wieder. Sie hört kein Wort. Aber sie spĂŒrt die Magie des Augenblicks, sie spĂŒrt die heilende WĂ€rme dieser HĂ€nde und meint, diesen plappernden Mund zu schmecken.
Alles scheint nah und doch ist eine BrĂŒcke dazwischen.
Wie ein Lichtstrahl Wasser durchdringt, so leuchtet das Juwel der Liebe durch den Schleier ihres Körpers.
Unvermittelt berĂŒhren sich die vier HĂ€nde, zwei davon tragen Eheringe. Eine himmlische Energie strömt durch die Luft. Ein sinnlicher Duft erfĂŒllt den kleinen Raum, alles vibriert. Die Melodie der Leidenschaft erklingt zum ersten Mal. Morgen zum zweiten, ĂŒbermorgen zum dritten. Das Wochenende dazwischen. Ein kleiner Tod. TrĂŒgerische Stille. Immer noch bewegen sich die HĂ€nde, der Mund und der Wind. Montag ist da.
Eine BrĂŒcke ist dazwischen.
Eine rote Schachtel Marlboro liegt auf dem Tisch. Die Schachtel wechselt die Farbe, von leuchtendrot zu feurigrot. Die HĂ€nde greifen nicht nach dem BiC und der Mund plappert nicht. Magnetartig verflechten sich vier HĂ€nde ineinander, abenteuerlich, begierig, wie auf einer Entdeckungsreise. Und immer dann, wenn Mann und Frau sich in der IntimitĂ€t ihres Selbst, in ihrer IntensitĂ€t, in ihrer VulgaritĂ€t begegnen, „machen“ sie bedingungslos Liebe. Immer wieder, durch ihr bloßes und einfaches Zusammensein, wird das ewige Feuer der Liebe neu entfacht. Mal geschieht es zart wie eine FrĂŒhlingsblume, mal rauh und gewaltig. Die Lippen treffen sich und es tut weh. Mann und Frau erleiden Schmerzen vor Leidenschaft, die bereits eingeschlummert war. Und beide sind verblĂŒfft. Sie schauen sich in die Augen und lachen wie zwei sonnenhafte Kinder. Wie bei einem Tango bewegen sich beide aufeinander, lassen los und verketten sich wieder. KĂŒssen sich, stöhnen, spielen und lachen. Ein MĂ€rchen kann beginnen. So lernen sie sich lieben. So lernen sie sich streiten und schlagen. Ein Zittern ist stĂ€ndig dabei, ein Feuer flackert und lĂ€sst nicht atmen. Zwei Menschen, zurĂŒckgeworfen in ihre Jugend, spielen mit dem Feuer und das Feuer spielt mit ihnen. Schmerzhaft sind die Verbrennungen, doch wen kĂŒmmern sie.
Ein Tag vergeht. Sieben Tage vergehen. Sieben Wochen sind um. Unruhe kommt auf. Alarm. Es qualmt gewaltig. Doch die Leidenschaft wĂ€chst, wie ein Berg steht sie da und breitet ihre unermĂŒdlichen FlĂŒgel aus. Diese Leidenschaft will eine Art Schutz geben, denn: was kann passieren, wenn man so wild seine GefĂŒhle spĂŒrt?
Sieben Monaten spĂ€ter. Eine rote Schachtel Marlboro liegt auf dem Tisch. Das BiC hat den Geist aufgegeben, zĂŒndet nicht mehr. Die HĂ€nde sind ruhig, der Mund ist stumm. Beide sind von Liebe hingerissen, andere bemerken es, sie kommen ins Gerede und er empfindet zum ersten Mal Bitterkeit. Er unterlĂ€sst es, sie zu treffen, aber sein Herz bricht und er verfĂ€llt in Melancholie. Sie pflegt ihre Liebe im Stillen, sodass niemand weiß, dass sie zwischen dem Wasser ihrer TrĂ€nen und dem Feuer ihrer Liebe lebt. Die Angst hat gesiegt. Die Angst vor Verbrennungen. Der Verstand hat gesiegt, nicht die Leidenschaft.
Eine BrĂŒcke ist dazwischen.
Auf ihr steht: Entscheide dich! Mann und Frau hassen diese BrĂŒcke. Sie warnt vor Verlust. Welchem Verlust? Das zu verlieren, was vor dem Feuer gebaut worden ist. Das zu verlieren, was ein Leben ausmacht. Das Vertrauen, die Zusammengehörigkeit, den Respekt, die Liebe im Ganzen. Aber diese „alte" Liebe hat keinen Funken Leidenschaft mehr in sich. Doch, und ob! Sie hat einen Dauerwert. Und Leidenschaft? Sie entzĂŒndet sich fanatischschnell und noch schneller erlischt sie.
Eine rote Schachtel Marlboro liegt nicht mehr auf dem Tisch. Auf dem Tisch liegen nur noch Routine und Gewohnheit, in seiner Schublade schlafen TrĂ€ume, SehnsĂŒchte und das Verbotene.
BrĂŒcken gibt es ĂŒberall.
Ein BiC kann man fĂŒr einen Euro kaufen. Irgendwo und irgendwann treffen sich ein Mann und eine Frau, zwei Feuerspieler.
Vielleicht liegt eine scharlachrote Schachtel Marlboro dazwischen. Vielleicht auch ein BiC. Beide können MÀrchen erzÀhlen, und es wird immer ein kurzes MÀrchen sein, ein Windhauch, ein einziger Augenblick in der Strömung der Zeit.

__________________
Kata

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animus
???
Registriert: Mar 2006

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Hallo Kata,
ich kenne die Geschichte.
Aus dem "VerstÀrker-Magazin", da hat sie den
1. Preis im Literaturwettbewerb "Feuer" gewonnen. StimmtÂŽs?
Mir gefÀllt sie auch gut.
Liebe GrĂŒĂŸe
animus
__________________
Die alten TrÀume waren gute TrÀume.
Sie gingen nicht in ErfĂŒllung, aber
ich bin froh sie gehabt zu haben.

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no-name
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Kata,

das ist eine tolle und fesselnde Geschichte, die Du da verfasst hast. Ich finde sie liest sich flĂŒssig und das Hin und Her im GefĂŒhlsleben der Liebenden kommt auch ĂŒberzeugend rĂŒber. Den AufhĂ€nger mit der roten Marlboro und dem BIC Einwegfeuerzeug finde ich ebenfalls originell - das passt fĂŒr mich alles gut zusammen.

Ich habe nur eine kleine Anmerkung zu dem Satz:

quote:
Sie schauen sich in die Augen und lachen wie zwei sonnenhafte Kinder.
Hier wĂŒrde ich das Adjektiv "sonnenhaft" weglassen. Gibt es das ĂŒberhaupt oder ist das eine Wortschöpfung von Dir? Ich meine, mir ist klar, dass Du damit die unbeschert-naive GemĂŒtsbeschreibung von Kindern ausdrĂŒcken willst, aber ich finde es an dieser Stelle irgendwie unpassend. Meiner Meinung nach wirkt der Satz auch ohne dieses Adjektiv. ;-)

Freundliche GrĂŒĂŸe von no-name.

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kata
One-Hit-Wonder-Autor
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Ach, das ĂŒberrascht mich jetzt sehr, da ich die PrĂ€mierung inkognito halten wollte.
Ich bedanke mich herzlichst bei dir fĂŒr deine RĂŒckmeldung
und wĂŒnsche dir einen guten Freitag
kata
__________________
Kata

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kata
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Hi, No-name
ob es das wort (sonnenhaft) gibt, bin ich mir nicht sicher, schaue selten in duden, wenn ich spontan schreibe und ich schreibe aus dem herzen und bin im nachinein erfreut, wenn mich die leser auf einiges aufmerksam machen.
wÀhrend ich die antwort hier schreibe, bin ich doch neugierig geworden und schaue in den duden - das wort gibt es nicht, betrachte es also als ein neogolismus = sprachl. neubildung)
es gefÀllt mir und ich glaube nicht, dass ich es weglasse ...

FĂŒr dein Lesen und Kommentar bedanke ich mich sehr.
Einen lieben Gruß dir
katarina
__________________
Kata

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no-name
Guest
Registriert: Not Yet

Holla Kata,

Du bist sogar prÀmiert?! *Verbeugt sich ganz tief*...
Mein ehrlicher Restpekt ist Dir sicher!

Lol, ich habe absolut kein Problem damit, wenn Du "sonnenhaft" nicht aus dem Satz streichen willst. GeschmÀcker sind verschieden und das ist auch gut so.
Mir war das in diesem Satz nur einfach zu viel, weiter nichts. ;-)

Nur eine kleine Bitte von mir an Dich: Schreib' einfach weiter so schöne Kurzgeschichten...

Liebe GrĂŒĂŸe und ein warmes LĂ€cheln von no-name.

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