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Leselupe.de > Erzählungen
Die schöne Lilofee
Eingestellt am 20. 04. 2017 17:57


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Hagen
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Die schöne Lilofee

Es war mal wieder Zeit für unser Herrenwochenende in der Lüneburger Heide.
Aus irgendeinem Grunde konnte Horst, unser Meisterkoch, nicht mitkommen. Günter hatte stattdessen eine Frau mitgebracht, die für uns kochen sollte, einfach nur kochen. Ansgar und ich waren grimmig, weil das unsere Herrenrunde aufweichte, zumal sie bei der Beschaffung der Ingredienzien für das hochherrschaftliche Tafeln am Freitagabend so ein geheimnisvolles Zeug dabei hatte.
„Lass man“, sagte Günter mit breitem Grinsen, „das wird schon! Justina kocht ausgezeichnet! Übrigens mit geheimnisvollen Zutaten – und nackt. Ich habe sie vor dem Einkauf in der Heide rumwuseln sehen, irgendwas hat sie noch gepflückt.“
„Auch nackt?“, fragte ich.
„Blödmann! Aber warte mal, ja, sie hat sich schon ausgezogen, als sie das Zeug gepflückt hat! Na, egal jetzt. Außerdem habe ich noch ein paar gute Filme mitgebracht, die können wir uns anschauen, während Justina kocht. Ich glaube, das gibt unserem Herrenwo-chenende eine besondere Würze!“
„Na, wenn das so ist“, meinte Ansgar, „lassen wir uns überraschen. Und was ist mit dem Billardturnier morgen bei Theo?“
„Da gehen wir natürlich hin, gar keine Frage! Ich denke, wir trinken schon mal ein Bier, lassen Justina in der Küche werkeln und wenden uns wichtigeren Sachen zu. Ich habe ein paar Filme mitgebracht, in denen schöne Verfolgungsjagten vorkommen. Welche wollt ihr sehen?“
„Nun“, sagte Ansgar, „es ist seit Urzeiten sicher, dass es in ‚Bullit‘, ‚Driver‘ und ‚Fluchtpunkt San Francisco‘ die besten Verfolgungsjagden gibt. Gefolgt von ‚Blues Brothers‘, ‚Death Proof‘, ‚Mad Max‘, ‚Nur noch 60 Sekunden‘ und ‚Ein ausgekochtes Schlitzohr‘. Ich wäre für ‚Fluchtpunkt San Francisco‘ vor dem Essen. Was meinst du dazu?“
„Finde ich auch“, sagte ich. „Sollten wir noch etwas Zeit haben, können wir uns noch die Verfolgungsjagd aus ‚Bullit‘ angucken. Den Rest von dem Film kann man sowieso vergessen.“
„Genauso machen wir das“, nickte Günter. „Die Filme habe ich alle mit, bis auf ‚Ein ausgekochtes Schlitzohr‘ und ‚Death Proof‘! Aber das macht nix. Wir wollen ja morgen zu Theo, da schaffen wir sowieso nicht alle.“
„Eben. Einer holt schon mal Bier, während ich den Recorder klar mache.“
Da ich sowieso stand, ging ich in die Küche und an den Kühl-schrank, Bier holen.
Dort stand schon ein Bettie-Page-Double. Die Dame sah jedenfalls so aus, die Frisur war genauso, die Brüste allerdings etwas schwerer, auf alle Fälle war sie nackt, und sie war am rumwerkeln.
„Oh, Entschuldigung, ich wollte nur Bier holen.“
„Macht nix! Ich bin Justina. Wer bist du?“
Ich stellte mich auch ordentlich vor und verabreichte Justina einen formvollendeten Handkuss. Wie sich das gehört, errötete sie leicht.
„Äh, wie lange werden Sie noch brauchen, mit dem Kochen, ich frage nur aus rein organisatorischen Gründen? Was gibt’s über-haupt?“
„Etwa zwei Stunden“, sagte Justina. „Du kannst mich übrigens duzen. Das machen die anderen auch alle.“
„Gut Justina. Und was gibt’s Schönes?“
„Rehbraten! Die Zubereitung ist allerdings etwas aufwändig, aber es ist sehr lecker! Ich gebe noch ein paar esoterische Zutaten dazu, neben den obligaten Lorbeerblättern, Wacholderbeeren, Thymian, Pfefferkörnern, Pimentkörnern, Gewürznelken, Rosmarin und Estragon. Mehr verrate ich nicht, und guck mir nicht zu, das kann ich nicht haben.“
„Na, da bin ich aber gespannt.“
„… und es muss nackt zubereitet und serviert werden, das hebt den Geschmack. In meiner Heimat wird das jedenfalls immer so gemacht, wenn es wirken soll.“
„Ah ja! Da bin ich aber doppelt gespannt.“
„Das kannst du auch sein! Und nun lass mich bitte den Speck fein hacken und die Zwiebeln schälen, sonst dauerte es zu lange.“
Justina fummelte am Radio herum, stellte einen Sender mit ser-bischer Musik ein und drehte etwas lauter.
„Natürlich! Ich gehe ja schon.“
Ich holte Bier aus dem Kühlschrank, ging wieder ins Wohnzimmer und setzte mich hin. Ansgar hatte inzwischen schon Gläser verteilt, jeder öffnete seine Flasche, ließ es in die Gläser laufen und Günter startete den Videorecorder.
„Prost!“
„Sa sdorowje!“
„Saúde!“
Perfektes Timing, wie fast alles unter uns Fertigungsplanern. Perfekt war auch, dass Justina genau zu dem Zeitpunkt reinkam und neues Bier brachte, an dem wir das erste ausgetrunken hatten. Sie bewegte sich nackt und ganz ungekünstelt, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. Und das Schönste: Sie lief nicht vor dem Bildschirm herum und begann auch nicht, uns mit Fragen zu belämmern, was wir denn an solchen Filmen finden würden.
Wir sahen uns nur staunend an, als sie wieder in der Küche war, und Ansgar meinte: „Also, ich habe nix gegen Justina. Meinetwegen kann sie öfter für uns kochen! Was meinst du?“
„Ja. Aber wir wollen erst mal sehen, wie es schmeckt“, antwortete ich.
„Genau! Und jetzt gucken wir den Film weiter!“

Genau das taten wir. Justina brachte uns noch zweimal Bier, genau zum richtigen Zeitpunkt, als wir das Bier gerade aus hatten, ganz genau.
Perfekt war auch der Zeitpunkt, an dem Justina aufzudecken be-gann. Teller, frische Gläser, Bestecke – es passte alles zu dem Zeit-punkt, als der Abspann von ‚Fluchtpunkt San Francisco‘ gerade durchlief.
Ansgar fielen fast die Augen aus dem Kopf, weil Justina nackt und mit wogendem Busen servierte, Günter und ich taten so, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, auch als sie sich zu uns setzte und „Guten Appetit“ wünschte.
Der Rehbraten war wirklich delikat, wir aßen langsam und mit Genuss, tranken Burgunder dazu und fühlten uns wohl. Justina blieb nackt.
„Lohnt sich ja nicht mehr, dass ich mich anziehe.“
Welche geheimen Zutaten der Braten beinhaltete, war jedoch nicht festzustellen. Mir fiel nur auf, dass sich der Geschmack laufend veränderte. Aber es schmeckte trotzdem himmlisch.
„Wie hast du das hingekriegt?“, fragte Günter. „Das ist ja un-heimlich köstlich! Meint ihr nicht auch?“
Wir nickten.
„Man darf nicht zu viel und nicht zu wenig davon essen“, lächelte Justina, „sonst wirkt es nicht! In der Liebe ist es nämlich wie im Krieg – letzten Endes entscheidet der Nahkampf!“
Ein geheimnisvolles Lächeln streifte Günter, aber der fühlte sich offensichtlich zu behaglich, als dass er es bemerkte.

Und dann saßen wir rum, während Justina abtrug und abzuwaschen begann. Günter half, ganz gegen seine sonstige Art, mit.
„Ich glaube, da bahnt sich was an“, sagte ich zu Ansgar. „Sollten wir nicht ein bisschen Billard spielen gehen? Training für morgen?“
„Gute Idee, das! Dann werden wir uns mal aufmachen.“
Günter kam aus der Küche, er war etwas lippenstiftverschmiert.
„Wir gehen ein bisschen Billard spielen“, sagte ich, während ich meine Rolex Daytona umband – die echte natürlich.
„Dafür wäre ich euch dankbar. Ihr braucht euch auch nicht zu beeilen“, sagte Günter. „Etwas Training vorher kann nie schaden.“
„Eben!“
„Ihr wollt Billard spielen?“ Justina kam aus der Küche. „Aber nicht, dass ihr gegeneinander spielt!“
„Aber nein, das werden wir mitnichten tun“, sagte Ansgar noch im Rausgehen.
Und dann gingen wir schweigend zum ‚Karrenbauer‘, weil es einfach nichts zu sagen gab und uns nach dem guten Essen ein leichter Verdauungsspaziergang ganz gut tat, obwohl das an Landstreicherei grenzte.

Theo begrüßte uns sogar per Handschlag.
„Schön, dass ihr euch auch mal wieder blicken lasst!“
„Eben, die Freude ist ganz auf unserer Seite“, sagte ich. „Können wir mal ein bisschen trainieren, für das morgige Turnier?“
„Ein bisschen schon, ist nur recht voll heute. Wir spielen heute nach ‘Hausregel’. Der Sieger bleibt am Tisch, aber nur dreimal. Sorry, aber es geht nicht anders. Es sollen schließlich alle mal drankommen.“
„Naja, das macht nix. Dann trinken wir solange einen.“
„Gute Idee! Tragt euch ein, und entschuldigt mich. Ich muss mich noch um meine Gäste kümmern! Wir sehen uns morgen beim Turnier!“
Weg war er.
„Trägst du uns eben ein, ich bestell uns ein schönes, großes Rauchbier“, sagte ich zu Ansgar.
„Logisch! Was denn sonst?“
Ansgar ging in den Billardsalon und ich in die Bar.
Da saß die schöne Lilofee ganz einsam vor einem komplizierten Drink.
„Hay“, sagte ich. Na, Lilo, bist du auch zum Üben hier? Wollen wir mal eine Partie spielen?“
„Hab schon.“ Sie nippte an ihrem Drink. „Die spielen ja heute nach Hausregel, da hab ich gleich gegen ‚Longshot Willi‘ verloren. Pass auf, der ist gut drauf heute!“
„Ach, das werden wir sehen!“ Ich schielte nach Lilofees Drink. „Darf ich dir auch mal was Ordentliches bestellen? Ein Bier oder einen Whisky?“
Eigentlich hatte ich ein gestörtes Verhältnis zu Lehrerinnen, weil mich meine Lehrerin damals partout nicht auf ein Gymnasium lassen wollte. Aber das war eine Realschullehrerin, und Lilo war Waldorfschullehrerin – ein kleiner aber feiner Unterschied, zumal sie wieder ihr Kleid trug, aus dem eine Brust zu springen drohte. Irgendwie passte das nicht zusammen, Waldorfschullehrerin und solch ein Kleid!
Jedenfalls versuchte ich mein Glück bei ihr auf die zivilisierte Tour. Schließlich hat jeder Mann das Recht, sein Glück bei jeder Frau zu versuchen.
Die Frau hat wiederum das Recht, das anzunehmen oder abzulehnen, jedenfalls unter zivilisierten Menschen. Da die Bedienung gerade vorbei kam, bestellte ich zwei schöne, große Rauchbiere.
„Nein danke. Nicht für mich! Ich bleibe bei Surfing Woman, ein wunderbar erfrischender alkoholfreier Drink für heiße Tage. Willst du auch mal probieren?“
„Nee danke, ich bin mit meinen Kumpels hier, da sind alkoholfreie Getränke absolut verpönt, außer Kaffee und Orangensaft zum Frühstück.“
Ich sollte eigentlich für Ansgar schon mal ein Bier bestellen. Wo der nur solange blieb?
„Ach du jeh! Ein Herrenwochenende!“, plauderte die schöne Lilofee munter weiter – allerdings etwas langsamer als allgemein üblich.
„So mit Saufen und Pornos gucken?“
„Nee, weil wir viel arbeiten, gönnen wir uns einmal im Monat, wenn Theo sein Turnier abhält, ein Herrenwochenende. Saufen ist schon mal gar nicht, denn wir haben keine Lust, den nächsten Tag mit Ausnüchtern und darüber freuen, dass es uns von Stunde zu Stunde besser geht, zu verschwenden. Da essen und trinken wir lieber gut, gucken ein paar Actionfilme und gehen zum Billardturnier. Aber vorwiegend unterhalten wir uns ganz ungestört von weiblichen Abschweifungen.“
„Ach du meine Güte! Worüber denn zum Beispiel?“
„Wie gelingt es, anderen zu verzeihen? Ein sehr interessantes Thema. Wir haben’s leider noch nicht ausdiskutiert. Oder: Wie kann der Einzelne die Welt ein Stückchen besser machen? Sollte man sich mehr besuchen? Und so weiter, naja, wo halt jeder so drüber redet.“
Ich ließ meine Worte wirkungsvoll ausklingen und fuhr fort: „Als Fertigungsplaner fühlen wir uns generell als nicht liebenswert, als unfähig und als Versager. Das kommt davon, weil wir das erste Glied in der Fertigungskette sind, aber letzten Endes immer die Schuld an allem kriegen. Das schwächt auf die Dauer unser Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. Die Folge sind Unsicherheit, Angst zu versagen und Angst vor Ablehnung. Wir versuchen nach außen hin, unsere vermeintlichen Schwächen durch ein Perfektionsstreben zu überdecken und setzen uns dadurch unter starken Druck. Wir helfen uns selbst, sind aber gefährdet, psychosomatische Erkrankungen oder ein Suchtproblem zu entwickeln.“
„Was, das macht ihr?“
„Naja, sonst kommen wir nicht so recht dazu. Macht das nicht jeder?“
„Nein. Ich dachte immer, Männer können nur über Fußball, Autos, ihre Jobs – wie unabkömmlich sie dabei sind – und die Brüste der Serviererin reden.“
„Darüber sind wir weg.“
„Dann seid ihr schwul?“
„Nein, nur geschieden, allesamt. Vielleicht sind wir auch deswegen so. Wie kommst du drauf?“
„Ach, nur so.“
Die schöne Lilofee nippte wieder an ihrem Drink und ließ mich dabei in ihr Dekolleté gucken. Die zivilisierte Tour schien anzu-kommen, genau wie die Biere und Phoebe mit dem Mann, der mir dereinst seine Uhr ‘überlassen’ hatte, die ich jetzt trug. Noch hatten sie mich nicht gesehen. Die Beiden nahmen am anderen Ende der Theke Platz und bestellten irgendetwas Hochkompliziertes.
Unser Gespräch stockte auch.
„Prost“, sagte ich deshalb. „Ein edler Gerstensaft. Möchtest du nicht doch mal? Ist eigentlich für meinen Kumpel, aber der spielt gerade. Es wäre schade, wenn das absteht.“
Die schöne Lilofee überlegte umfassend, während ich ihr mein Glas zum Anstoßen hinhielt. Erst jetzt sah ich, dass sie ein Tattoo auf dem rechten Arm trug – ein Engel auf einer Rose, und der Engel hatte ihr Gesicht, nur etwas grimmiger – und das als Waldorfschullehrerin. Merkwürdig.
„Was ist nun“, sagte ich, „ich kann nicht ewig halten.“
„Na, dann will ich mal nicht so sein. Prost, mein Lieber.“
Wir stießen an und tranken. Sie wandte sich mir zu, setzte wieder ab. Ich auch.
„Aaah. Eigentlich gar nicht schlecht, ab und zu ein Bier.“
„Eben. Sag ich doch. Man darf es bloß nicht übertreiben, sonst kann man sich nicht mehr richtig unterhalten. Wobei sich die Frage aufdrängt, was es eigentlich alles soll?“
„Wie, was es alles soll?“
„Naja, die Frage nach dem Daseinssinn. Kannst du mir den Sinn des Lebens erklären?“
Die schöne Lilofee sah mich entgeistert an: „Damit beschäftigt ihr euch?“ Sie nahm noch einen Schluck Bier. „Ich fasse es nicht, Männer und der Daseinssinn!“
Aber das hörte sich an wie: „Endlich mal ein Mann, mit dem ich über den Daseinssinn reden kann – aber vorher möchte ich nackt für dich tanzen.“
Stattdessen nahm sie das Glas vom Mund und sagte: „Kennst du den da?“ Ihr Kopf ruckte zu dem Mann, der mir seine Uhr überlassen hatte. „Das ist vielleicht ein fieser Möpp! Er hat ein Anwesen hier, auch mit Billardsalon, wir waren mal da, spielt nicht schlecht, ist aber total überschuldet, aber das macht ihm nichts.“
„Tja, sone Leute soll es geben.“
„Das ist Maurice de Bouygues“, fuhr die schöne Lilofee fort. „Regisseur oder so, leg dich bloß nicht mit dem an, der macht dich grundlos fertig. Ich wundere mich, dass der hier noch so hofiert wird.“
Der Typ hatte inzwischen einen Drink, in dem ein buntes Schirmchen steckte, in Empfang genommen.
„Das ist sicher ein Pseudonym, Maurice de Dingsbums“, sagte ich. „So heißt doch normalerweise kein Mensch. Regisseur? Das ist mir doch egal – und wenn schon ein Mann einen bunten Drink mit einem Schirmchen drin trinkt, dann ist es sowieso kein Mann.“
„Ja, ja, die Schirmchen.“ Die schöne Lilofee nickte. „Die kommen irgendwo aus China, die machen da die Dinger zum Zuschieben aus Zeitungspapier. Als Kind, wenn ich die in einem Eis hatte, habe ich die immer abgewickelt, weil ich dachte, da steht eine Botschaft für mich drauf.“
Die schöne Lilofee trank noch einen gewaltigen Schluck Bier.
„Und stand da mal eines Tages eine Botschaft?“
„Natürlich nicht. Aber ich habe jeden Schirm abgewickelt, den ich kriegen konnte. Es war schon fast eine Phobie.“
„Phobie? Ich weiß nicht, das ist eigentlich was anderes. Ich habe jedenfalls eine Menge davon, Coitophobie zum Beispiel und Gy-näkophobie vor allem. Wir haben uns mal drüber unterhalten und dabei festgestellt, dass wir das mehr oder weniger alle haben. Naja welcher Mann hat das nicht, wenn er die Frauen als wunderbare Wesen definiert?“
„Na, dass Sie Angst vor Frauen haben, glaube ich nicht.“ Sie trank noch einen gewaltigen Schluck Bier, ehe sie fortfuhr: “Und das mit der Coitophobie, also, das werden wir schon hinkriegen.“
Ihre Augen blitzten, als sie das sagte.
Ansgar kam in diesem Moment wieder, sonst wäre mein Vorrat an Phobien auch erschöpft gewesen, trotzdem lief es gut.
„Entschuldige, dass es so lange gedauert hat“, meinte Ansgar, „aber ich habe dreimal gewonnen. Könnt ihr euch das vorstellen? Sogar gegen ‚Kurt the Queue’, aber nur weil der die Schwarze aus Versehen verschossen hat. Du bist übrigens dran, und beeil dich.“
„Ja, ich mach ja schon. Dein Bier haben wir leider schon angearbeitet. Ihr kennt euch?“
„Natürlich! Wir haben sogar schon gegeneinander gespielt. Hallo schöne Lilofee.“
„Hallo Ansgar. Lilo genügt eigentlich. Nimm Platz. Ihr seid also Kumpels?“
Mehr bekam ich nicht mit, denn ich nahm mein Bier und beeilte mich, in den Billardsalon zu kommen.

Dort hatte schon jemand aufgebaut, und eins von den Mädels des Damenteams, gegen das ich derzeit gespielt hatte, stand gestützt auf ihr Queue, wartend herum. Ich stellte mein Glas auf ein Tischchen, suchte mir eines der Gästequeues aus und fragte mich dabei, wie man sich auf sein Queue lehnen konnte, es wurde doch krumm und mit krummem Queue spielen war so eine Sache. W.C. Fields soll das getan haben, aber aus Absicht.
Egal.
Den Anstoß machte ich und eine Kugel verwand gleich im Loch. Lief gut.
„Plumps“, meinte das Mädel und stand mir im Wege rum, als ich um den Tisch ging, um noch eine Kugel zu versenken. Auch das gelang, und mir wurde die Sache langsam unheimlich, zumal das Mädel dauernd redete. Als sie dann schließlich auch mal dran kam, verschoss sie die Kugel und startete gleich eine Diskussion, von wegen ‚zu wenig Puff’ und ‚falsch angeschnibbelt‘. Das war zwar nervig, aber ich versenkte trotzdem zwei Kugeln, dachte an die schöne Lilofee, und mein nächster Stoß ging daneben.
„Zu wenig Puff!“
Das Mädel konnte wahrscheinlich nicht anders. Sie versenkte eine Kugel, ich dachte an die schöne Lilofee und daran, ob Ansgar wohl meine explizite Vorarbeit gezielt zunichtemachen würde.
„Plumps!“
Da hatte sie schon wieder eine Kugel versenkt. Jetzt musste ich mich endlich mal konzentrieren. Billard ist ein Präzisionssport. Dabei ist Konzentration die Hauptsache. Außerdem fehlte es auch noch, dass ich mich von einer Frau schlagen ließ, naja, von der schönen Lilofee vielleicht, oder Phoebe, der Kastanienhaarigen. Die betrat gemeinsam mit dem anderen Mann gerade in diesem Moment den Billardsalon, beide mit einem bunten Drink in der Hand, in dem ein Schirmchen steckte. Hoffentlich hatten die mich noch nicht gesehen.

„Hey, wartest du auf den Bus oder auf Godot? Du bist dran!“
„Ja, natürlich.“ Ich schüttelte erst mal den Kopf, um ihm frei zu kriegen. „Welche hab ich?“
„Die Gestreiften. Mann, bist du durcheinander. Läuft doch gut für dich, oder willst du aufgeben?“
Irgendjemand sprach mit mir, wahrscheinlich Theo.
„Niemals!“, sagte ich und setzte zum Stoß an. Es war gar nicht so einfach, nicht an die schöne Lilofee oder die Kastanienhaarige zu denken.
Ich setzte nochmal ab, kreidete, ging halb um den Tisch und peilte die ‚13’ an. Das müsste gehen – allerdings über zwei Banden. Traute ich mir das zu?
Selbst für einen erfahrenen Spieler keine leichte Sache, ich ver-suchte es trotzdem.
Es war, als ob eine unsichtbare Hand meinen Stoßarm um ein Millimeterchen korrigieren würde, als ich stieß, und die Objektkugel lief, nach Anstoß durch die Weiße, über zwei Banden präzise in ein Eckloch.
Irgendjemand rief: „Sawtooth!“ und applaudierte, die anderen fielen ein. Das hatte ich noch nie erlebt. Ich stand erst mal rum wie eine Wanderdüne. Gleich nochmal!
Wieder war es mir, als ob eine unsichtbare Hand meinen Stoßarm führen würde, ein Millimeterchen, noch eine Winzigkeit, Stoß, tock, die Weiße gegen die Objektkugel, und die lief … eine Bande … noch eine … noch eine – war sehr spannend – und fiel in ein Seitenloch.
Ich atmete schwer aus und richtete mich auf, während alle in die Hände klatschten, selbst ‚Theo the Queue’, der sich ansonsten mit Beifallsbezeugungen zurückhielt.
Ich schwitzte etwas, die Konzentration konnte wie körperliche Arbeit wirken.
Die nächsten Kugeln spielte ich so weg, war ganz einfach, sie lagen einfach gut für mich, keine imaginäre Hand, die meinen Stoßarm führte.
Das ist das Gemeine am Billard, manchmal liegen die Kugeln für den einen Spieler derart günstig, dass er sie mit breitem Grinsen wegspielen kann, während der andere grausam rumdaddelt.
So ging es mir jetzt mit der ‚8’. Normalerweise hätte ich mich ganz sinnig an das Eckloch gespielt, in das die Schwarze rein musste, denn eine Objektkugel des Mädels lag genau zwischen dem Loch, der Weißen und der Schwarzen. Genug Kugeln lagen noch auf dem Filz. Ich hätte also meinem Sieg mit Gelassenheit entgegen spielen können, aber da gab es noch was, über zwei Banden würde es mit einem Stoß gehen, aber ich hätte den Tisch längs zu nehmen – längs.
Ein Achtfußtisch!
Im Billardroom, in dem ich ab und zu mit meinen Kumpels spielte, standen nur zweitklassige Sechsfußtische mit Bierflecken. Dieser Tisch hier aber war edel und verlangte auch eine erhabene Spielweise.
Ich setzte an, die Weiße, tock, die ‘8’ und die lief über drei Banden, über zwei Banden, über eine und verschwand im richtigen Loch.
Applaus.
Das Mädel gab mir die Hand: „Du hast gut gespielt! Sag mal, hast du uns bisher immer verarscht, oder was?“
„Nee, bestimmt nicht! Das ist wahrscheinlich so, wie bei den Sängern. Ein Don-Kosake hat mir mal gesagt, dass man nur einmal im Leben richtig schön singen kann, nur einmal in seinem ganzen Leben. Vielleicht ist es ja beim Billard genauso …“
„Bei manchen Orchideen ist das auch so, die blühen nur einmal. Aber dann wunderschön!“
Wer das sagte, war die Kastanienhaarige. Sie baute bereits lang-sam und bedächtig auf.
„Wie du weißt, haben wir auch noch eine Rechnung offen! Be-trachten wir dies hier als Vorspiel!“
Sie nahm das Dreieck von den Kugeln.
„Bitte schön!“
„Wer baut, der hat“, sagte ich und trank einen gewaltigen Schluck Bier. Den brauchte ich jetzt auch, denn in mir hatte sich ein ungeheurer Durst breit gemacht.
„Na, gut!“
Die Kastanienhaarige stieß an, ich nahm noch einen Schluck Bier – und sah gerade noch, wie die Schwarze – und nur die Schwarze – in einem Loch verschwand.
„Scheiße!“, sagte die Kastanienhaarige, sie sagte wirklich ‘Scheiße’, obwohl das gar nicht zu ihr passte, „das ist mir ja noch nie passiert.“
„Tja, das ist nun mal so beim Billard“, meinte Theo. „Wir spielen heute nach Hausregeln, da kann man nix machen. Jeder soll mal drankommen. – Aber ihr seht euch ja morgen beim Turnier!“
„Ja!“, sagte die Kastanienhaarige. „Pech, dass mir das passiert ist! Wir sehen uns aber morgen beim Turnier! Und dann werde ich dich schlachten, du Mistkerl!“ Und ganz leise, dass nur ich es hören konnte, fügte sie hinzu: „Ich werde dich umbringen, du Mistkerl!“ Wieder etwas lauter: „Los Maurice, zeig’s ihm mal!“
„Aber natürlich! Hey, du bist doch der Typ, der mir die Uhr weggenommen hat!“
„Was? Von dem lässt du dir deine Rolex abnehmen?“, fauchte die Kastanienhaarige. „Ich habe mich schon gewundert, wo die abgeblieben ist.“
„War wohl nur Spaß! Komm gib sie mir wieder, du weißt sowas ohnehin nicht zu schätzen! Kannst du dir auch gar nicht leisten, du Sackgesicht!“
Normalerweise hätte ich ihm für das ‘Sackgesicht’ eine reingehauen, aber wir waren ja unter zivilisierten Menschen und nicht unter Hooligans. Ich überhörte das Sackgesicht, band die Rolex ab und legte sie auf die Bande.
„Von wegnehmen kann nicht die Rede sein! Wie wär’s denn, wenn wir um die Uhr spielen würden, die du mir freiwillig gegeben hast!“, sagte ich ganz langsam. „Du musst allerdings deine Uhr dagegen setzen! Ich meine die Uhr, die du jetzt umhast!“
Ein Raunen erhob sich im Billardsalon, das fanden die Zuschauer gut, und Theo meinte: „Am besten, ihr gebt mir die Uhren. Sie würden euch nur behindern.“
Der Andere konnte nun nicht mehr raus aus der Nummer, mur-melte ein „Lächerlich!“ und streifte auch seine Uhr vom Handgelenk.
„Oh, eine Breitling Montbrillant 01 – Limited Edition“, sagte Theo ehrfurchtsvoll. „Die kostet doch mindestens vierzehntausend Euro! Gegen eine Rolex Cosmograph Daytona. Seid ihr sicher, dass ihr die gegeneinander setzen wollt?“
„Sind ja nur Uhren“, sagte ich. „Können wir endlich anfangen?“
„Da wollte ich aber auch drum gebeten haben“, murmelte der Andere und nuckelte nochmal an seinem bunten Drink.
Ich nahm noch einen Schluck Bier, den letzten. Er schmeckte schon ein wenig abgestanden.
Theo steckte indessen die Uhren ehrfürchtig ein und ließ es sich nicht nehmen, aufzubauen. Zwei Kugeln legte er an das obere Tischdrittel, eine Geschicklichkeitsprüfung zum Anstoß, dem Break. Hierbei wird gleichzeitig von beiden Spielern jeweils eine Kugel vom oberen Tischdrittel zur Fußbande und zurück gespielt. Es gelang mir, den Ball näher an der Kopfbande zu halten, hatte damit gewonnen und durfte entscheiden, wer breakt.
„Bitte schön“, sagte ich, und weil mir jemand ein neues Bier hingestellt hatte, und nahm ich einen Schluck.
Maurice stieß an, dabei versenkte er gleich eine Kugel. Und noch eine im Anschluss, und dann patzte er.
„Naja, muss dem Sackgesicht auch mal eine Chance geben, bevor er gänzlich abkackt“, murmelte er und nuckelte wieder an seinem Drink.
Das wollten wir doch mal sehen!
Ich überhörte das Sackgesicht zum zweiten Mal und spielte gleich drei Kugeln weg. Na bitte, ging doch!
Leider patzte ich auch mal, die Kugel prallte an der Ecke an, genau an der Ecke.
„Mist, verfluchter!“
Ich nahm noch einen gewaltigen Schluck Bier, während Maurice wieder zwei Kugeln versenkte. Er spielte gut, um nicht zu sagen, saugut!
Aber ich war besser! Von wegen ‘Sackgesicht’!
Aber als ich wieder dran war, weil Maurice das Gleiche passiert war wie mir, tat sich ein Abgrund von Schwierigkeiten auf. Meine Kugeln lagen so, dass absolut nichts zu machen war, jedenfalls nicht auf normalem Wege, und dann zuckte mein Stoßarm zum Rückläufer. Sowas hatte ich noch nie getan, noch nie!
Theoretisch ist das ganz einfach, aus einem Stoppball wird ein Rückläufer, wenn der Spielball im Moment des Kontaktes mit dem Objektball noch eine Rückwärtsrotation besitzt. Dabei bricht der Spielball aus dem natürlichen Winkel in Richtung des Spielers aus. Bei einem mittig angespielten Ball bedeutet das, dass der Spielball in Richtung des Queues zurückläuft. Der Nachläufer entsteht, wenn der Spieler den Spielball oben anspielt, ein sogenannter Vorwärtseffet, um ihm zusätzliche Vorwärtsrotation zu verleihen, wenn der Spieler den Spielball zentral trifft und dieser danach genügend Weg auf dem Tisch hat, um nach einer anfänglichen Phase des Rutschens, Rotation aufzunehmen, versteht sich.
Irgendwas war da noch mit Gleitreibung FR = µ•FN. Verdammt, dieses Wissen nützte mir jetzt überhaupt nichts, sowas muss man üben – üben, üben und nochmals üben. Es soll Leute geben, die das ihr Leben lang tun, und ich tat es auch, einfach so, weil die unsichtbare Hand mich führte, und die Weiße lief um die Acht, stieß meine an, und diese fiel ins Loch.
Das sah ganz einfach aus, und ich war cool, als ich mich wieder aufrichtete, verdammt, war ich cool, schmatzte nur mit dem rechten Mundwinkel, zuckte die Achseln, als wenn dieser Stoß nichts Besonderes für mich wäre und sah mir das Spielfeld an.
Was sich vor mir auftat, war günstig für einen Jumpshot. Erst mal kreiden, lange und ausgiebig. Ein Jumpshot wurde von Theo allerdings nicht sonderlich gerne gesehen, weil er auf den Filz des Belags geht, aber die imaginäre Hand hob meinen Stoßarm nach oben. Ich war mittlerweile soweit, dass ich ihr glaubte. Vorbehaltlos.
Ein Jumpshot ist ein Stoß, der den Spielball abheben lässt, um über einen Objektball des Gegners oder die Acht zu springen. Dabei wird das Queue so angehoben, dass der Spielball in den Tisch sozusagen ‘hineingestoßen’ wird, so dass er vom Tisch zurückprallt. Voraussetzung für einen regelgerechten Jumpshot ist, dass man den Spielball oberhalb seines ‘Äquators’ anspielt, ungefähr dreißig Grad.
Auch das hatte ich noch nie getan, noch nicht mal dran gedacht, aber ich setzte wie selbstverständlich an und stieß zu.
Ich vermeinte die Schieferplatte das Tisches stöhnen zu hören, aber die Weiße traf meinen Objektball im genau richtigen Winkel, und der lief ins Loch, allerdings die Weiße hinterher.
Pech gehabt, aber es reichte auch so.
Ein leises Raunen lief durch den Raum, ich schmatzte nochmal mit einem Mundwinkel und zuckte die Achseln, man kann eben nicht alles haben.
Erst mal einen Schluck Bier, einen gewaltigen, während Maurice seine restlichen Kugeln wegspielte.
Jetzt ging es um die Schwarze, um die Acht!
Theo murmelte etwas von: „Ihr wisst, dass eine Kugel nach der Karambolage einer Bande angestoßen oder versenkt werden muss. Das gilt natürlich auch für die schwarze Acht!“
„Ach rede keinen Quatsch, das weiß ich“, sagte Maurice, setzte an, wieder ab, blies die Backen auf, schnaufte aus, setzte wieder an und versemmelte den Stoß.
Wahrscheinlich fehlte etwas Kreide an der Pomeranze.
„Tja“, meinte Theo, „das war’s dann wohl!“
Applaus erhob sich, ich brauchte eine Weile, um zu realisieren, dass der Applaus mir galt.
„Hier“, sagte Theo, „zwei Uhren! Die hast du dir redlich verdient!“
„Och, was soll ich denn mit zwei Uhren?“, bemerkte ich. „Ich kann ja immer nur eine tragen! Außerdem macht die Breitling nur eine Wassertiefe von dreißig Metern mit. Behalte die ruhig. Es war aber trotzdem ein sehr schönes Spiel!“
„Na, das war ja wohl das Mindeste!“, sagte Maurice und sonst nix, wahrscheinlich fehlte das Wort ‘Danke’ in seinem Sprachgebrauch, als er die Breitling an sich nahm. Theo gab mir meine Rolex wieder, er drehte nur die Augen zum Himmel.
Was half’s?
Ich stellte mein Queue zurück in den Ständer, legte die Rolex wieder um, ergriff mein angearbeitetes Bier und ging zurück in die Bar, während Theo die nächsten Spieler einteilte.

Phoebe und Maurice waren inzwischen verschwunden.
„O quam cito transit gloria mundi!“, dachte ich, als ich bei Ansgar und der schönen Lilofee eintraf und in einem Zug mein Bier austrank.
„Gut, dass du kommst“, meinte Ansgar. „Bezahlt ist alles. Wir wollten nochmal in die Kneipe gehen, ein wenig Flippern. Kommst du mit?“
„Klar!“
„Wie ist es denn gelaufen?“, fragte Ansgar, während er der schönen Lilofee in den Mantel half.
„Habe auch dreimal gewonnen“, sagte ich, und wollte gerade erzählen, dass mir ein Jumpshot gelungen war, aber die schöne Lilofee hakte uns beide unter.
„Lasst uns Flippern! Ich habe das ewig nicht mehr gemacht!“
Ich konnte mir zwar nicht vorstellen, dass eine Waldorfschullehrerin, noch dazu mit einem Kleid, aus dem die Brust zu springen drohte, flippern wollte, aber man lernt ja nie aus.
In der Kneipe war nicht mehr viel los, drei Bier bestellen und ran an den Flipper war eins. Wir legten los. Mächtig.
Ansgar und ich erflipperten sogar jeder ein Freispiel, wir hatten außerdem die gleiche Punktzahl.
„Mensch, wie macht ihr das?“, fragte die schöne Lilofee, während sie sich den Mantel auszog. Ich sprang hinzu, und half ihr, hängte den Mantel sogar an die Garderobe.
„Das weiß ich auch nicht, ist wohl wie verhext heute“, murmelte ich dabei, und Ansgar meinte: „Ach, Quatsch! Reine Übung.“
„Soll ich das Bier an den Flipper bringen?“, kam der Wirt da-zwischen.
„Ja, bitte gerne!“, sagte die Waldorfschullehrerin, „Au ja, bitte sehr!“
Ansgar und ich: „Seien sie freundlicherweise so nett.“
Überhaupt war das ein Herrenwochenende nach meinem Herzen! Eine schöne Frau, drei gewonnene Billardpartien, eigentlich nur zwei, aber dafür ein gelungener Jumpshot, sowie ein Rückläufer und ein paar Sawtoothes, und jetzt Bier an den Flipper.
Es war traumhaft, wir tranken Bier und drückten nochmal die Knöpfe des Flippers, ließen die Kugel zwischen den Bumpers umher springen, an die Targets laufen und durch die Gates jagen.
Es war himmlisch und die schöne Lilofee bewegte sich am Flipper überirdisch, nahezu feenhaft, derart zauberhaft, dass ihr linker Busen aus dem Kleid rutschte. Sie ließ ihn draußen und schmunzelte dabei ein bezauberndes Lächeln, bis das Spiel zu Ende war.
Und dann verstaute sie ihre Brust mit überirdischem Lächeln. Sie sagte nichts dabei, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, zuerst zu Ende zu spielen und dann ihren wunderbaren Busen unseren Blicken wieder zu entziehen.
Möglicherweise hätte sie den anderen auch frei gemacht, natürlich nur um mehr Bewegungsfreiheit zu haben, aber dieses Kleid ließ es nicht zu, es wäre völlig runtergerutscht. Flippern ist eben nicht wie Billard, da kann man nicht mal eben eine Pause machen und kreiden – dabei hätte ich es ihr zugetraut, beim Kreiden entrückt zu lächeln, während sie nicht zu bemerken schien, dass ihr Kleid mit alptraumhafter Langsamkeit hernieder gleitet. Eine Kunstfertigkeit, die nur wenige Frauen wirklich beherrschen, und dann auch noch eine Waldorfschullehrerin …

„Hey, schläfst du neuerdings im Stehen?“, erkundigte sich Ansgar. „Wir haben wieder die gleiche Punktzahl und zwei Freispiele. Wie isses nur möglich?“
„Kommt schon mal vor, wenn das alles hier verhext ist“, argwöhnte ich, „aber entschuldigt mich mal einen Moment, mein Magen grummelt.“
Ich ging zur Toilette und machte sozusagen groß, richtig groß. Als ich wieder zum Flipper zurückkehrte, waren Ansgar und die schöne Lilofee am Schmusen, richtig am Knutschen.
Was half’s?
Ich war Ansgar nicht böse, Frauen sind eben so, Männer auch und Waldorfschullehrerinnen möglicherweise ganz besonders, speziell, wenn sie ein Tattoo tragen.

Ich flipperte noch ein wenig, erreichte nicht im Entferntesten die erforderliche Punktzahl für ein Freispiel, trank mein Bier aus und ging zurück zum Ferienhaus.
Dort saßen Justina und Günter, augenscheinlich etwas ausgepumpt, bei einem Glas Whisky, eine Kerze leuchtete, Justina hatte nur ein Hauch von Nichts an, und sie frönten der Romantik.
„Moin“, sagte Günter, „wo ist denn Ansgar?“
„Der ist noch mit der schönen Lilofee beschäftigt. Kann ich denn als Nightkip” – ich schielte auf das Etikett der Whiskyflasche – „einen edlen, vierzehn Jahre alten Single Malt haben?“
„Aber selbstverständlich! Trocken, rauchig, delikat. Sein dezentes Torf-Aroma ist harmonisch und rund, der Geschmack sanft und lang anhaltend. Ein idealer Single Malt zur Vorbereitung auf ein Billardturnier.“
Günter schenkte uns ein, in Nosing-Gläser und brachte auch gleich einen Trinkspruch aus: „What fun! What are we celebrating? The bars are open all afternoon, and people seem to be drinking. What a riot! What are we celebrating? Single Malt is served now. Whoopee! We people certainly know how to celebrate.”
„Was?“
„Na denn, Prost, wer nix hat, de host!“, grinste Günter.
„Ach so“, sagte ich, „Prost, dass d’ Gurgle net verrost’t!“
Wir tranken. Wunderbar, wie sich der Geschmack entwickelte und der Whisky langsam herunter lief.
„Wie war denn das Turnier?“, fragte Justina, nachdem die letzten Geschmacksknospen vom Whisky geplatzt waren.
„Wie?“, sagte ich, „das ist doch erst Morgen! Heute waren wir nur ein bisschen üben! Ich habe übrigens gespielt wie ein junger Gott, dreimal gewonnen! Sogar mit Jumpshot, Rückläufer und Sawtooth! Wenn ich morgen auch so spiele, kann ich dem Turnier mit Gelassenheit entgegen sehen.“
„Ach du jeh“, sprach Justina, „dann habe ich ja meinen ‘magischen Rehrücken’ zu früh zubereitet! Naja, bei uns hat es jedenfalls funktioniert!“
„Ich fürchte, ich verstehe nicht“, meinte ich.
„Nun ja, mein magischer Rehrücken macht unbesiegbar! Wenn man ihn nackt zubereitet, hilft er auch bei der Liebe! Das hat, wie gesagt, bei uns funktioniert!“
„Und wie!“, meinte Günter.
„Ach deshalb!“ Ich dachte an Ansgar und die schöne Lilofee, „und wann endet dein magischer Zauber?“
„Wenn du scheißt!“, sagte Justina emotionslos. „Kann ich noch einen Single Malt haben?“
„Natürlich!“ Günter begann einzuschenken. „Du auch?“
„Aber sicher!“, sagte ich und dachte an Ansgar und dass er hoffentlich seinen Stuhlgang noch ein wenig aufschieben könne.

„Da flucht ich den Weibern und allen Halunken,
die mischten mir Teufelskraut in das Essen,
drauf hab mit dem Tode Single Malt getrunken.
Der sprach: ‚Fiduzit, ich heiße ‚Freund Hein‘!“,

deklamierte ich. „Um meinen Freund Heinrich Heine mal etwas abgewandelt zu zitieren! Da ich in der letzten Zeit nur von Hexen umgeben bin, von denen eine mich umbringen will, möchte ich mein Leben bis dahin noch genießen!“
Ich hob mein Glas.
„Prost, meine Lieben!“




Mein Kopf dröhnte nur mäßig, als ich aufwachte und ein wenig in die Sonne blinzelte.
Kaffee!
Erst mal Kaffee und Orangensaft.
Es war Tradition bei unserem Herrenwochenende, dass derjenige, der zuerst wach wurde, das Frühstück richtete. Ein britisches Frühstück, ein ‘full breakfast’ oder ‘warm breakfast’ sozusagen.
Weil das Bad gerade besetzt war, ging ich draußen eine Stange Wasser in die Ecke stellen und dann das Frühstück zubereiten.
Dieses bestand aus Grundstoffen wie gebratenem Frühstücksspeck, kleinen, ebenfalls gebratenen Würstchen, Spiegeleiern, auch gegrillten Tomaten und gebratenen Champignons wegen der Dame bei Tisch. Selten geworden – aber bei uns sehr beliebt – war außerdem Hammelbraten. Alle Zutaten wurden zusammen auf einem Teller serviert, zum Gaumenkitzel gab es eine würzig-saure ‘Brown Sauce’.
Ebenfalls zum Frühstück gehörte auch ‘Black Pudding ‘dazu. Das ist so etwas Ähnliches, wie in Scheiben geschnittene und gebratene Blutwurst. Anstelle des Specks, der ‘rashers of bacon’, waren ‘Kippers’, oder auch ‘Cod’, gelegentlich Teil unseres englischen Frühstücks. Schwer zu beschaffen, es konnte sein, dass diese gesalzene Räucherheringe in der Heide nicht aufzutreiben waren, aber diesmal war es Günter geglückt. Begleitet wurde das Frühstück – in Abänderung von der britischen Tradition – von schwarzem Kaffee, der von uns in Unmengen getrunken wurde.
Zusätzlich zum obligatorischen Toast wurde auch manchmal ‘fried bread’ gereicht, das ist in der Pfanne geröstetes Brot, auch in Ei als ‘French toast’. Meine Spezialität, sehr lecker.
Den Abschluss des Frühstücks bilden Toast mit gesalzener Butter und Marmelade aus Orangen, Zitronen oder Limetten. ‘Marmelade’ gab es bei uns stets in verschiedenen Ausführungen, mit viel oder wenig Schale, bitter-süß, sogenannte ‘Olde English Thick Cut Mar-malade’, säuerlich oder süß.
Mein Freund Theodor Fontane schildert ein britisches Sonntags-frühstück folgendermaßen: Es versammelt sich alles beim Frühstück: Kaffee, Hammelbraten und Eier, Speckschnitte und geröstetes Weißbrot machen die Runde, und unter Essen und Trinken, Sprechen und Lachen vergeht eine volle Frühstücksrunde.
So pflegten wir es auch zu halten, Frühstück bis zum Mittag und etwas drüber.
Ich machte jedenfalls erst mal Kaffee, recht schön stark und in Begleitung von gutem, altem Rockabilly. Am frühen Morgen war ich noch nicht so recht in Stimmung für Klassik. Das kam später, aber zunächst Ansgar in die Küche.
„Geh mal nicht ins Bad“, meinte er, „ich musste eben groß, es stinkt furchtbar. – Oh, du hast schon Kaffee! Großartig! Kann ich einen ganzen Eimer voll von dem Zeugs kriegen?“
„Guten Morgen heißt das zunächst!“
„Ach so ja, Guten Morgen.“
Ansgar ließ sich stöhnend auf einem Stuhl nieder und angelte mit einer Hand nach seinem Becher und mit der anderen die Zigaretten aus seiner Brusttasche.
„Erst einmal eine Zigarette und einen Napf Kaffee. Willst du auch eine?“
„Klar.“
Ich riss die Kanne aus der Maschine, Ansgar ein Zündholz an und gab mir eine Zigarette sowie Feuer.
„Ist zwar noch nicht ganz durch, der Kaffee“, bemerkte ich, „aber so ist er am besten. – Dank dir.“
Ich schenkte uns ein, setzte mich auch hin, schob die Kanne wieder in die Maschine, erkundigte mich nach der schönen Lilofee und trank einen Schluck. So war der Kaffee richtig. Der Löffel stand fast darin. Ich nahm einen tiefen Zug aus dem Sargnagel. Ohne Filter, wunderbar, er biss richtig in die Lungen.
Und dann kam Justina in die Küche, wollte auch Kaffee und wissen, wer die schlafende Frau auf dem Sofa sei.
„Das“, sagte Ansgar, „ist die schöne Lilofee. Sie spielt sehr gut Billard. Wir kennen uns schon länger. Gestern hat es sich ergeben, dass sie sich unsere Runde mal angucken wollte, da habe ich sie einfach mitgebracht. Sie ist Waldorfschullehrerin! Ich darf also um ein distinguiertes Tischgespräch, mit adäquatem Wortschatz, bitten.“
„Ach du Scheiße!“, sagte Justina und goss sich Kaffee ein.
In ihrem Mundwinkel hing bereits eine Kippe, außerdem hatte sie Lockenwickler im Haar und einen vorn offenen Bademantel an. Eine Erscheinung, wie wir sie liebten, so schön im Schlampenlook.
Erst mal Kaffee, wir hatten ohnehin schon zu viel geredet. Die schöne Lilofee hatte ich noch nicht gesehen, obwohl sie offensichtlich auf dem Sofa lag, aber vor einem Becher Kaffee und einer Zigarette lief gar nichts.
Wir genossen Kaffee, Zigarette und den Anblick Justinas.
Günter kam dazu, wollte Kaffee und wissen, wie die schöne Lilofee denn hierher käme. Langsam wurde es eng.
Ansgar leierte sein Sprüchlein nochmal herunter und fügte an: „Wir werden sie schlafen lassen, denn sie muss nachher noch irgendwelche Arbeiten korrigieren. Das geht unausgeschlafen nicht so gut! – Außerdem wollen wir sie mit einem original Englischen Frühstück überraschen. Sie ist schon ganz gespannt.“
„Das kann ich ja machen“, sagte Justina, „was gehört denn dazu?“
„Wenn du das nicht weißt, kannst du auch kein englisches Früh-stück zubereiten! Das ist ohnehin Männersache“, sagte Günter. „Wir sind da aufeinander eingespielt. Geh doch bitte nochmal für eine halbe Stunde schlafen, oder kümmre dich um die schöne Lilofee, wenn sie denn aufwachen sollte, ansonsten lass sie bloß schlafen. Wir machen das hier schon. Du hast uns ja gestern einen vorzüglichen Rehbraten kredenzt, und da haben wir dir auch nicht geholfen.“
„Was ihr braucht eine halbe Stunde? Ich habe den Frühstückstisch in zehn Minuten gedeckt, ein Frühstück wie Zuhause.“
„Aber nicht für ein Englisches Frühstück!“, widersprach Günter. „Ein Frühstück wie Zuhause sieht folgendermaßen aus: Kalter Kaffee, verbrannter Toast, steinharte Eier, ebenso steinharte Butter und schimmelige Marmelade. Dann kommt eine Frau im Bademantel, natürlich zugeknöpft bis zum geht-nicht-mehr, nicht so schön mit offenem Bademantel, wie du, und nörgelt an einem rum. Das haben wir alles hinter uns, wir sind nämlich allesamt geschieden und erholen uns immer noch von der Ehe. Wir pflegen ein… Ansgar, wie sagtest du doch gleich?“
„Ein distinguiertes Tischgespräch, mit adäquatem Wortschatz dabei zu führen!“ meinte Ansgar.
„Richtig, und das kann sich hinziehen! Das geht auch nicht mit verbranntem Toast! – Außerdem magst du es ja auch nicht, wenn dir Männer in deine Kocherei pfuschen. Okay, mein Schatz?“
„Okay. – Soll ich mich inzwischen anziehen?“
„Um Gottes willen!“, riefen wir wie aus einem Mund. „Das ist viel zu spießig! Bleib so!“
„Na, dann. – Jetzt bin ich aber ganz gespannt!“
Justina entschwand mit wehendem Bademantel. Der Bademantel besaß ein Leopardenmuster, das fiel mir jetzt erst auf. Passte gut zum Look der Bettie Page.

Wir rauchten noch ein paar Zigaretten, tranken unseren Kaffee aus, setzten Neuen an und begannen ganz entspannt das Englische Frühstück zuzubereiten, während Günter den CD-Spieler des Küchenradios fütterte. Wir hatten erst mal genug geredet.
Es kam wirklich großartige Musik zur Zubereitung eines Englischen Frühstücks heraus, ‘Papa – Oom – Mow – Mow – Oom – Mow – Mow’.
Wir sangen mit: „Papa – Oom – Mow – Mow“, und natürlich ‘Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strandbikini’. Wir waren bei der Zubereitung derart eingespielt, das wir mitsingen konnten, „Let’s have a Party! UUUUH Let’s have a Party!“
Die Spitze war natürlich: ‘A-well-a everybody’s heard about the bird, B-b-b-bird, bird, bird, b-bird’s the word …’
Günter nahm sich einen Kochlöffel als Mikrofon und sang laut mit, dabei benahm er sich genauso albern wie der Frontmann der Trashmen.
„Well, everybody knows that the bird is the word! A-well-a bird, bird, b-bird’s the word. A-well-a don’t you know about the bird?“
Wir schafften gerade noch den ‚Martian Hop’ von den ‚Ran-Dells’ und waren fertig.
Als wir rumliefen zum Auftragen, ich stellte schon mal den Kaffee auf den Tisch, waren die Damen dabei, sich zu unterhalten. Die schöne Lilofee trug noch das Kleid, aus dem ihr Busen zu rutschen drohte und wirkte noch etwas verquest. Die Unterhaltung der Damen ging um Menstruationsblut.
„Wie rote Früchte, zum Beispiel Apfel und Granatapfel“, schnappte ich von Justina auf, „symbolisiert die Kirsche die jungfräuliche, menstruierende Göttin: sie trug die Farbe ihres heiligen Menstruationsblutes und darin ihren Samen in einer Gebärmutter…“
Ich ging nochmal raus, als ich wieder reinkam, mit drei Tellern Britisch Breakfast, meinte die schöne Lilofee, den Kaffee nicht trinken zu können. „Viel zu stark und zu bitter! Wenn Männer schon mal Kaffee kochen.“
„Guten Morgen heißt das erst mal, und wie hast du denn geschlafen auf dem Sofa? Wenn ich gewusst hätte, dass du noch mitkommst, hätte ich dir mein Bett gegeben.“
„Nein, ich habe mit Ansgar auf dem Sofa geschlafen. Ist ja breit genug! – Kann ich auch Ambrosia haben, den übernatürlichen, roten Wein der Mutter Hera, der den Göttern Unsterblichkeit verleiht? Justina hat mir davon erzählt, und dass ihr sowas habt!“
Die schöne Lilofee machte dabei ein derart todernstes Gesicht, dass ich mich fragte, ob sie es ernst meinte oder nicht.
„Ambrosia?“, fragte ich, „am frühen Morgen? Warum nicht? – Günter, haben wir noch Ambrosia?“
„Ich glaube, eine Flasche haben wir noch“, sagte Günter ohne mit der Wimper zu zucken genauso todernst, „ich guck mal eben nach.“
Sprach’s, verschwand und kam mit einer Flasche des Burgunders wieder, den wir gestrigen Tages zum Rehbraten genossen hatten.
„Eine ist noch da. Ich entkorke sie mal eben. Lass dich bitte nicht vom Etikett irritieren, das ist nur Tarnung.“
Ich ging raus, die anderen Teller holen. Ansgar hatte inzwischen schon die Kippers in der Hand und schickte sich an, diese aufzutragen.
„Die schöne Lilofee will Ambrosia“, sagte ich zu ihm, „wir haben aber nur noch eine Flasche. Was trinken wir denn dann heute Abend, um uns Unsterblichkeit zu verleihen?“
„Tja, dann werden wir wohl sterben müssen! Besser wir sterben, als die schöne Lilofee. Sie ist ja noch so jung und schön! Hoffentlich bleibt das so, wenn sie den Ambrosia austrinkt.“
„Natürlich! Außerdem sind die Wünsche einer schönen Frau so vielfältig wie die Ausstattungsvarianten eines Rolls Royce ‘Silver Ghost’. Es wäre ja ein Verbrechen sie nicht zu erfüllen.“
„Du sagst es. – Und nun lass mich die Kippers reinbringen.“
Ich spielte das Ambrosia-Spiel mit und vernahm beim Reinkommen wie Justina weiter dozierte: „Dieses Getränk wird immer mit dem weiblichen ‘Blut des Lebens’ assoziiert, das heißt mit dem Menstruationsblut. – Ambrosius legte eine Verbindung zu den Un-sterblichkeitssymbolen nahe, die durch einen Kontakt mit dem lebensspendenden weiblichen Blut erreicht wurde. Du siehst also, dass Menstruationsblut nichts Ekliges ist, im Gegenteil.“
„Wenn die Damen denn etwas ‘Ambrosia’ wünschen“, meinte Günter, „würde ich gerne etwas davon kredenzen. Ansonsten sollten wir langsam mit dem Frühstück beginnen!“
„Für mich bitte nicht“, meinte Justina. „Ich hatte schon genug Ambrosia, man soll es ja nicht übertreiben mit der Unsterblichkeit! Dann kann es nämlich ins Gegenteil umschlagen!“
„Aber ich“, sagte die schöne Lilofee daraufhin, „ich möchte auch gerne unsterblich werden.“ Sie hielt ihr Glas in die Höhe und Günter schenkte ihr ein.
„Für uns Kaffee. Unsterblich können wir ja immer noch werden. Noch haben wir ja etwas Zeit. – Und nun fangen wir endlich an zu frühstücken, sonst wird der Hammel kalt!“
„Moment mal, Hammel, da war doch mal was, das sind beliebte Opfertiere, die Hammel“, meinte Justina und fing an zu essen. „Die Götter pflegten mit Opfern den Gehorsam der Menschen auf die Probe zu stellen, Menschenopfer lehnten sie jedoch ab. Als Iphigenie von Tauris trotzdem geopfert werden sollte, tauschte Artemis, die Schutzgöttin der Jungfrauen gegen einen Hammel aus, was lediglich von einem Priester bemerkt wurde, aber der hat die Schnauze gehalten…“
„Das war eine Hirschkuh, kein Hammel“, tat Günter kund, „aber im Prinzip ist das ja egal.“
“Stimmt!”, sagte ich und fing auch an mit dem Hammel. „Ein Automobil von 1886, glaube ich, wurde konstruiert von Albert F. Hammel und Hans Urban Johansen…“
„Ach, du immer mit deinen alten Autos!“, unterbrach mich Ansgar mit vollem Mund, „Forscher fanden in einer Studie heraus, dass sich ein Hammel, beziehungsweise Schafe schlechthin, über fünfzig Gesichter ihrer Artgenossen über zwei Jahre lang merken können! Die Studie führte ferner zu dem Ergebnis, dass das Aufhängen von Schafsporträts im Stall zu einer deutlichen Senkung des Adrenalinspiegels und der Pulsfrequenz beim Schaf führt. Die Forscher führten dies darauf zurück, dass das Schaf bemerkt, also es so wahrnimmt, dass es nicht allein sei. Wusstet ihr das?“
Ansgar machte eine künstlerische Pause, nahm noch eine Gabel voll Hammel und fuhr fort: „Das Aufhängen von Porträts mit abs-trakten geometrischen Formen, wie beispielsweise Quadraten oder Dreiecken, führte zum Gegenteil, also zum Anstieg der Herzfrequenz, Angst-Blöken, bis hin zu Toben und Panik-Flüchten der Herde.“
„Interessant! Da kannst du Mal sehen, was es so auf sich hat, mit der modernen Kunst“, sagte die schöne Lilofee. „Was ihr alles wisst! – Kann ich noch etwas Ambrosia haben?“
„Selbstverständlich“, meinte Ansgar und schenkte ihr nach. „Auf das du unsterblich werdest!“
Es entstand eine peinliche Pause während wir frühstückten, unser Gesprächsstoff über Hammel schien erschöpft, wenigstens waren wir vom Menstruationsblut weg. Es herrschte gefräßige Stille, nur das Klirren von Bestecken war zu hören, ein Zeichen dafür, dass es Allen mundete.
Doch die Stille wurde jäh von der schönen Lilofee unterbrochen, „Erzähl doch mal einen Traum!“, rief sie und sah mich dabei an.
„Och, ich träume eigentlich nur von Flugzeugen, der Hawker Typhoon zum Beispiel, und wie ich mit ihr im Moor versinke“.
Ich begann mich über die Spiegeleier und Würstchen herzumachen.
„Flugzeug symbolisiert ebenfalls den Wunsch, sich über den Alltag zu erheben, hohe Ideale und Ziele zu verwirklichen“, sagte die schöne Lilofee. „Das ist etwas, wovon ich nun wieder was verstehe! – Träume, in denen Flugzeuge eine Rolle spielen, können plötzliche oder dramatische Veränderungen im Leben repräsentieren. Sie stehen im Traum als Symbole für weitreichende Gedanken oder auch für den Drang nach Freiheit. Sie symbolisieren die Suche nach dem unabhängigen Sein. – Kann ich noch etwas Ambrosia haben? Euer englisches Frühstück ist wirklich großartig!“
„Natürlich“, Günter schenkte nach, „aber wieso versinkt das Flugzeug im Moor?“
„Das Moor dürfte in diesem Fall stellvertretend für den Venushügel der Frau sein, also etwas, in dem man versinkt!“, dozierte die schöne Lilofee. „Die medizinische Terminologie nennt die weibliche Schamgegend noch immer mons veneris. Die Hexen treffen sich bei Nacht auf dem Mons Veneris, beraten sich dort mit den Dämonen und erlernen magische Künste. – Danke für das Ambrosia.“
„Bitte schön.“
„Aber vorher muss das Flugzeug abgestürzt sein! Stürzt das Flugzeug ab oder brennt es mit dunklem Rauch, wird man dabei scheitern, während helle Flammen meist einen großen Erfolg ver-sprechen“, fuhr die schöne Lilofee fort.
„Nix mit Brennen“, sagte ich, „wegen Schmierproblemen. Was sagt denn deine Traumterminologie darüber aus?“
Ich hoffte, dass wenigstens eine von Lilofees schönen Brüsten aus dem Kleid rutschen würde, wurde aber grausam enttäuscht.
„Wie, Schmierprobleme?“ Die schöne Lilofee sah mich entgeistert an und nahm noch einen gewaltigen Schuck von dem ‘Ambrosia’. „Jedenfalls wird ein Flugzeug, das in geringer Höhe fliegt und versucht, wieder aufzusteigen oder abstürzt, oft mit Rückschlägen oder Schwierigkeiten im Liebesleben des Träumenden verbunden.“
„Naja, mit meinem Liebesleben habe ich sowieso immer Schwierigkeiten“, meinte ich, trank noch einen Schluck Kaffee und fuhr mit dem Frühstück fort. „Das sieht man ja bei dir. Du bist mit Ansgar abgezogen.“
„Ja, aber eigentlich“, sie trank noch mehr ‘Ambrosia’ und sagte ganz verschämt, „wollte ich ja mit euch beiden schlafen! Mit zwei Männern schlafen, also, das habe ich noch nie gemacht! Sex mit zwei Männern, das wäre eine ganz neue, wunderbare Erfahrung für mich. – Was ist denn das hier, das schmeckt ja großartig?“
„Black Pudding“, sagte Ansgar, „du kannst ihn mit etwas Brown Sauce würzen! – Aber das mit dem Sex können wir gerne nachholen.“
„Heute nicht mehr, ich muss nachher noch Arbeiten korrigieren. Außerdem gefällt es mir in eurer Frühstücksrunde. Ich könnte ewig so weitermachen. – Aber erzähl doch mal, träumst du noch mehr von Flugzeugen? Ich habe noch nie die Träume von Männern gedeutet, in denen Flugzeuge vorkamen.“
Die schöne Lilofee begann noch langsamer zu sprechen als üblich, das lag wahrscheinlich am Wein, dem sie in großen Mengen zusprach.
„Kann ich noch etwas Ambrosia haben, bitte?“
„Natürlich!“ Diesmal schenkte ich ihr nach, die Flasche war schon bedrohlich leer. „Da wir gerade von Flugzeugträumen reden: Mir träumt dauernd, dass ich in einem, mir unbekannten, zweimotorigen Flugzeug sitze. An den Seitenscheiben sind so komische Striche oder Kratzer und ich habe Probleme mit dem linken Motor. Ach ja, und meine Geschosse prallen von einem russischen Panzer ab.“
„Das ist ja interessant“. Die schöne Lilofee nahm noch einen gewaltigen Schluck Ambrosia und fuhr fort: „Links kann immer nur im Zusammenhang mit den weiteren Symbolen individuell verstanden werden. Allgemein symbolisiert es das Unbewusste, Weibliche, Irrationale und Destruktive, die Mutter und die Natur. Lähmungen der linken Körperhälfte – du hattest Probleme mit dem linken Motor – warnen vor Überbetonung von Verstand und Logik. Links sitzt das Herz, das Gefühl, die psychische Energie, allgemein auch Sitz des Unbewussten. Links ist die Seite des Herzens. Links kann im Traum ein Hinweis auf die weibliche Seite des Träumenden sein, auf sein Gefühlsleben und auf sein Unterbewusstes. Nach links weisend, bezieht sich stets auf Einflüsse von Frauen oder Begegnungen mit ihnen. – Das sind auch die Geschosse, die von dem Panzer abprallen. Die Geschosse stehen für dein Sperma, das von den Frauen verweigert wird, die wiederum durch den Panzer symbolisiert werden. Du siehst die Frauen als Panzer, die es zu knacken gilt!“
„Ah ja“, sagte ich etwas verwirrt.
„Ich sehe das aber anders“, meinte Günter und schob sich den letzten Kipper rein. „Ich verfolge da eine etwas andere Theorie! Wie siehst du die Sache mit den Strichen oder Kratzern an den Seitenfenstern?“
„Das ist ganz einfach“, sprach die schöne Lilofee. „Striche oder Kratzer können auf Eigenschaften der Persönlichkeit hinweisen, die nicht miteinander zu vereinbaren sind und deshalb zur Disharmonie führen.“
„Ist ja alles gut und schön, was du sagst“, meinte Günter und sah mich dabei an, „aber kannst du die Striche an den Seitenfenstern mal genauer erläutern?“
„Naja“, sagte ich darauf hin, „drei Stück auf jeder Seite. Die überkreuzten sich in etwa fünf Grad und waren genau in Augenhöhe angebracht.“
„Weißt du das ganz genau?“
„Ja, ich erinnere mich absolut.“
„Tja“, sagte Günter nachdenklich, „das passt haarscharf auf die Henschel Hs 129! Die Hs 129 wies die kleinstmöglichen Abmessungen auf, um eine kleine Beschussfläche zu bieten. Da war kein Platz für den Neigungsanzeiger auf dem Armaturenbrett. Man brachte in Augenhöhe des Piloten Striche auf dem Glas an, die mit dem Horizont in Deckung gebracht, den Neigungswinkel des Flugzeugs anzeigten. Ganz einfach!“
„Ah ja! – Aber die Hs 129 war doch ein Erdkampfflugzeug! Ich habe schon öfter geträumt, dass ich in einer Fw 190 sitze!“
„Klar, wenn die Kampfflieger irgendwelche gesundheitlichen Probleme kriegten, hat man die entweder zur Infanterie geschickt oder auf ein anderes Baumuster umgeschult. Auf den Fieseler Storch, oder die Hs 129 zum Beispiel, denn da brauchte man ja nicht mehr in große Höhen.“
„Leuchtet ein“, nickte ich, „und was war mit dem linken Motor?“
„Die Hs 129 B-1 war mit in Frankreich erbeuteten Gnome-Rhone Sternmotoren ausgerüstet“, fuhr Günter fort. „Allzu große Erfolge konnten die Maschinen aber nicht erzielen, da sich die Gnome-Rhone Motoren als sehr störungsanfällig erwiesen. Besonders der linke Motor machte oft Schwierigkeiten, das hing wahrscheinlich mit irgendwelchen Verwirbelungen am Rumpf zusammen. Genau überblicke ich das nicht, aber dass der linke Motor mehr Schwierigkeiten machte als der Rechte steht fest! Du bist doch auch Flieger, dann musst du das doch wissen!“
„Ich kann doch nicht alles wissen. Ist aber interessant!“, meinte ich. „Langsam glaube ich daran, dass ich schon mal gelebt habe! Schade, vor lauter Traumdeutungen habe ich gar keinen Kipper abgekriegt. Naja, macht nix. – Hast du auch eine Erklärung für das Abprallen der Geschosse?“
„Natürlich“, nickte Günter. „Es stellte sich heraus, dass die Be-waffnung der Hs 129 B-1 die Panzerung der neuen sowjetischen T-34 Panzer nicht durchschlagen konnte. Aus diesem Grund schuf man die Hs 129 B-3, die unter dem Rumpf eine modifizierte 7,5-cm-PaK 40 – So, mehr weiß ich auch nicht davon, ich habe es zufällig mal irgendwo gelesen. – Jetzt hätte ich gerne noch etwas Toast mit Olde English Thick Cut Marmalade.”
„Ja, das ist mein Ressort“, erklärte ich, „außerdem möchte ich bei der Zubereitung des Toastes ein wenig nachdenken. – Wir haben allerdings nur drei Sorten Marmelade, das absolute Minimum.“
Die Damen und Herren bei Tisch nickten das ab, die schöne Lilofee bereits etwas schwerfällig, ich trank noch einen Schluck Kaffee und ging in die Küche, nachdenken und Toast bereiten. Irgendwas musste dran sein an dem Ding mit der Reinkarnation. Demnach muss die Seelensubstanz erhalten und wiederverwertet werden, die Seelen werden sozusagen recycelt.
Demgegenüber stand die christliche Theorie von der ständigen Erschaffung angeblich unsterblicher Seelen seit Anbeginn dieser Welt. Das bedeutet eine ungeheure Anhäufung von Seelen, mir wurde etwas schwindelig bei dem Gedanken daran, es mal nachzurechnen. Als gewohnt pragmatischer Denker konnte ich nicht anders, die Seelen mussten in irgendeiner Form recycelt werden.
Als ich mit dem Toast wieder ins Wohnzimmer kam, lief die Waldorfschullehrerin zwar mit dezent schwerer Zunge aber immerhin zu ihrer Hochform auf: „Als Schicksalsgöttin steuert die Große Göttin ,Samjna‘ hieß die glaube ich, das Rad der Wiedergeburt, das sogenannte kyklos geneseon, das für den Kreislauf der aufeinanderfolgenden Leben steht, ebenso wie Kali das Rad des Karma steuert!“
„Kann ich etwas Limetten-Marmalade haben?“, fragte Ansgar, „o-der nehme ich lieber Zitrone?“
„Nimm doch Orange“, meinte ich, „die ist mit Whisky. Sehr le-cker!“
Die schöne Lilofee fuhr fort: „Selbst Pythagoras glaubte an den Übergang der Seelen von einem Körper auf den anderen…“
„Schade, ich hätte heute gerne Blackcurrant“, schmollte Ansgar.
„Haben wir leider nicht.“
„Und ich hätte gerne noch etwas Ambrosia“, erklärte die schöne Lilofee. Sie war mittlerweile soweit, dass sie die Flasche selbständig nahm und den kümmerlichen Rest in ihr Glas schüttete. Nun ist er alle! – Werde ich jetzt unsterblich?“
„Ja, vermutlich“, sagte Ansgar, „noch mehr würde ins Gegenteil umschlagen! – Du kannst nun allerdings nicht mehr reinkarnieren, und musst somit auf einige interessante, wunderbare Erfahrungen verzichten. – Ich verzichte ja heute auch auf Blackcurrant-Marmalade, was dem in Etwa gleichkommt.“
Wir nickten alle andächtig und aßen zum Abschluss noch einen Marmaladetoast, tranken noch einen Becher Kaffee und rauchten genüsslich eine Zigarette.
Die Gespräche erloschen, wir fühlten uns alle viel zu behaglich um weiter zu reden. Da kein Ambrosia mehr da war, wollte die schöne Lilofee nach Hause gebracht werden. In Anbetracht dessen, das Günter und Justina noch eine Weile alleine sein wollten, erledigten Ansgar und ich das gerne mit meinem Auto.
Beim Einsteigen sprang endlich ihr rechter Busen aus dem Kleid.
„Uppsala! Na, sowas.“ Sie verstaute ihre Pracht wieder und ließ sich in den Sitz fallen. „Jetzt nach Hause, ich muss mich hinlegen. War wohl zu viel Ambrosia! Aber nicht, dass ihr meinen Zustand ausnutzt!“
Das taten wir natürlich nicht, nur böse Buben tun so etwas. Wir legten sie auf ihr Sofa und deckten sie mit einer Wolldecke zu.
Walldorfschullehrerinnen können sich manchmal schon seltsam benehmen.
„Und was machen wir nun, bis wir zu Theo zum Tournier gehen?“, fragte ich, „Justina und Günter wollen sicher noch ein wenig alleine sein.“
„Wir gehen zum Dreschfest!“, meinte Ansgar, „ist heute hier in der Nähe.“
„Au ja“, sagte ich.

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