Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5552
Themen:   95276
Momentan online:
105 Gäste und 1 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die schönen Dinge des Lebens
Eingestellt am 18. 03. 2013 17:29


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Lutrina
Hobbydichter
Registriert: Mar 2013

Werke: 1
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Lutrina eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

“Frau Lassnitz ist jetzt bereit, sie zu empfangen“, erklärte ihm die kleine dünne Frau, die aus der Suite kam. Sie trug eine Brille mit dicken Gläsern, hinter denen ihre Augen winzig klein wirkten. Ihre Tasche an sich gepresst, trippelte sie eilig davon und hinterließ einen leichten Duft nach Fichtennadeln.
Der Kunsthistoriker Paul Falkenberg erhob sich und klopfte an die Tür der Suite. Als er eine Antwort hörte, trat er ein.
“Frau Lassnitz, ich freue mich Sie wieder zu sehen“, begrüßte er sie mit einem angedeuteten Handkuss. Er kannte die alte Dame schon eine Weile. Sie war eine seiner ersten Kundinnen gewesen, er hatte sie noch mit seinem Mentor in Studienzeiten besucht.
“Der junge Herr Falkenberg“, erwiderte die weißhaarige Frau. Sie war schon weit über 70, aber in ihren Augen funkelte noch das junge Mädchen, das sie einst gewesen war. Paul kannte Fotos von ihr und wusste, dass sie so manch einem Mann den Kopf verdreht hatte.
“Sie sehen wunderbar aus“, begann Paul, und meinte es ernst.
Ihre Begleiterin hatte die alte Dame nach dem Besuch der Masseurin wieder standesgemäß angezogen. Sie hatte ein cremefarbenes Kleid mit viel Spitze und Perlenstickerei an, das Haar war kunstvoll frisiert und mit kostbaren Kämmen verziert. Glitzernder Schmuck zierte ihren Hals und die Ohren. Ihre Lippen waren dezent gerötet, und sie duftete nach Jasmin mit einem Unterton von Fichtennadeln.
“Und Sie sind noch immer alleinstehend, wie ich sehe!“, tadelte sie ihn und zeigte auf seinen linken Ringfinger. “Was ist nur mit den Mädchen los? Sind die heutzutage alle blind? Gibt es denn wenigstens jemanden? Einen Schwarm?“ Frau Lassnitz lächelte verschmitzt und zündete sich eine Zigarette an. Ihr Lippenstift hinterließ einen roten Abdruck auf dem Filter.
Paul wurde ein wenig rot. Die alte Dame traf einen wunden Punkt. Solche Neckereien und Spötteleien ließ er normalerweise an sich abperlen, aber Sie schien direkt in sein Herz zu sehen.
“Wären Sie in meinem Alter, dann hätte ich jemanden, mit dem ich gerne ausgehen würde”, schmeichelte er, und sie lachte herzlich.
“Wie gerne wäre ich noch einmal 25! Ein herrliches Alter, in dem alles möglich scheint. Schenken Sie mir doch bitte ein Glas Sekt ein“ bat sie ihn dann. “Ich brauche ihn wegen des Kreislaufs. Obwohl Sie den schon ganz schön auf Trab gebracht haben, Sie Charmeur!“
Er schenkte ihr das gewünschte Glas ein und sich selbst einen Tee.
“Wo kommen Sie gerade her?”, erkundigte er sich. Die reiche Witwe reiste fast das ganze Jahr über durch die Welt.
“Wir waren in Amerika. Die großen Städte sind wundervoll, New York hat mir sehr zugesagt. Zuletzt waren wir sehr weit im Süden, aber Mexiko war so heiß, ich habe nur abends die Kraft gefunden, die Sehenswürdigkeiten zu erkunden. Und diese vielen Mücken!“, beschwerte sie sich. “Baden-Baden ist ein Segen, und selbst bei Nieselregen fühle ich mich hier wohler als dort. Aber meine Reisegenossen wollten unbedingt einmal auf die Azteken Pyramiden, und man soll ja Freunde nicht verprellen, in meinem Alter können sie schon morgen tot sein. Wie erwartet kamen wir über die ersten paar Stufen nicht hinaus …“
Paul nickte und ließ sie reden. Das gehörte dazu. Er wusste, sie war bereit, sich wieder von etwas aus der Sammlung ihres verstorbenen Mannes zu trennen, aber sie brauchte Zeit.
Frau Lassnitz hatte tatsächlich aus Liebe geheiratet, wie sie ihm bei einem früheren Besuch und nach der zweiten Flasche Sekt anvertraut hatte. Sie hatte ihren Mann 35 Jahre lang treu begleitet und all ihre Bedürfnisse hinten an gestellt. Natürlich wurde das von einer Frau so erwartet, aber sie war schmählich betrogen worden. Sie hatten keine gemeinsamen Kinder, weil er es so wollte- was für sie einige unschöne Prozeduren bedeutet hatte. Aber sie hatte es auf sich genommen, um immer nur für ihn da sein zu können.
Als er verstorben war, hatte sich eine andere Frau bei ihr gemeldet. Sie hatte zwei Kinder von ihm und drohte nun ohne seine Zuwendungen zu verarmen. Für Charlotte Lassnitz brach eine Welt zusammen. Ihr erster Impuls war, die Frau fortzujagen und ihr auch zu verbieten, jemals wieder an ihrer Türe aufzutauchen.
Aber das hätte ihr ein zweites Mal das Herz gebrochen, denn sie hatte ihren Mann wirklich geliebt. Sie wusste, dass sie alles von ihm bekommen hatte, was er bereit gewesen war, ihr zu geben. Es tat weh, dass er noch andere Bedürfnisse gehabt hatte, die sie nicht erfüllen sollte, aber es war auch nicht mehr zu ändern. Die Vorstellung, dass zwei Kinder für ihre Schmerzen büßen sollten, war für sie nicht zu ertragen.
Sie traf umfangreiche Arrangements. Sie wollte die Kinder nicht kennenlernen, aber sie sollten es gut haben. Sie gab einen Großteil ihres Vermögens dafür her.
Und nun reiste sie unablässig von Ort zu Ort, um immer einen Schritt vor der Traurigkeit zu sein, die einen überkommt, wenn man keine Heimat hat. Sie hatte nie ein anderes Zuhause gewollt, als das an der Seite ihres Mannes. Um dieses Leben zu bezahlen, verkaufte sie regelmäßig Schmuck, den sie von ihrem Mann im Laufe der Jahre bekommen hatte.
“Ich möchte ohne einen Penny ins Grab gehen“, sagte sie oft. “Und wenn ich dann neben ihm in der Gruft liege, dann drehe ich mich zu ihm um und sage …“ An diesem Punkt fing sie immer an zu weinen, weil sie nicht wusste, was sie ihm sagen wollte: “Du hundsgemeiner Schuft“, oder “Ich habe dich immer geliebt“.
Paul war ein Experte für Schmuck, und die Dame vertraute ihm. Sie deutete auf einen kleinen Tisch, auf dem eine flache Holzkiste stand. Er ging hinüber und öffnete die Kiste. Im Licht der Sonne, die durch das Fenster fiel, funkelte ein großer ovaler Opal in verschiedenen Grüntönen. Der Stein wurde von einem filigranen Silbergeflecht eingerahmt, in das kleine Diamanten und einige Smaragde eingesetzt waren.
“Wundervoll“, sagte er bewundernd. Das Stück war sehr wertvoll. Er würde versuchen, es nicht nur für den reinen Materialwert zu verkaufen.
Charlotte Lassnitz nickte. “Er sagte immer, die Farbe des Opals erinnere ihn an meine Augen.“
Paul ließ das unkommentiert und legte das Schmuckstück sorgfältig wieder zurück in die Kiste.
“Ich mache es dann wie immer?“, fragte er.
“Bitte.“
\'Wie immer\' hieß, dass Paul ein paar Juweliere besuchte und das beste Angebot annahm. Er brachte ihr dann nur noch das Geld. Sie vertraute ihm völlig.
“Wo geht es als Nächstes hin?“, fragte er am Ende noch.
Charlotte Lassnitz schüttelte den Kopf: “Ich muss nach Hamburg zurück.“
Dort hatte sie noch ein Haus.
“Aber ich bitte Sie, mich dort zu besuchen. Ich werde Ihnen Nachricht senden, wann es mir genehm ist.“
Paul zog fragend die Augenbrauen hoch.
Die Dame lächelte fein und berührte seine Hand mit der Ihren.
“Ich sagte doch, ich gehe ohne einen Penny. Aber das bedeutet, das da auch ein paar Dinge zu verkaufen sind. Das möchte ich von Ihnen geregelt wissen.“
Sie seufzte leicht, dann stellte sie ihr Glas auf den Tisch und stand auf.
“Wissen Sie was? Die Massage, der Sekt und Ihre Gesellschaft waren für mich wie ein Jungbrunnen. Begleiten Sie mich auf einem kleinen Spaziergang in den Kurpark?“
Das machte Paul selbstverständlich gern.
“Die Narzissen blühen vereinzelt schon“, bemerkte er.
“Ich liebe Narzissen“, lächelte Charlotte Lassnitz und ließ sich von ihm ihren Mantel geben.
“Habe ich Ihnen schon einmal erzählt, dass ich einst in Frankreich einen Garten hatte?“
“Nein, aber ich bin sehr neugierig. Er war sicher wunderschön.“
So spazierten die alte Frau und der junge Mann über die Allee und die gelben Blüten der Narzissen legten sich wie Pflaster über Wunden, die man schon glaubte, das sie nie heilen würden.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


1 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung