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Leselupe.de > Horror und Psycho
Die statistischen Toten
Eingestellt am 04. 02. 2005 17:13


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brain
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Wenn ich drei Minuten lang den Kopf unter Wasser halten kann, dann werde ich niemals ertrinken.

Ich war schon immer ein extrem ängstlicher Mensch, schon als Kind. Die Dunkelheit machte mir Angst und die Monster unter dem Bett und im Schrank erst recht. Daran hat sich bis zum heutigen Tage auch nichts geändert. Als ich älter wurde las ich gerne Comics, hauptsächlich von Gothams dunklem Beschützer und dem Spinnenmann von Marvel, und nach meinen ersten Ausflügen in ein kleines gallisches Dorf, das sich mit Hilfe eines selbstgebrauten Zaubertrankes vehement und erfolgreich der römischen Belagerung widersetzte, hatte ich eine neue Angst kennen gelernt: dass mir der Himmel auf den Kopf fallen könnte.

Wenn ich vier Mal bis dreiundzwanzig gezählt habe, bevor das nächste rote Auto vorrüberfährt, dann sterbe ich nicht am großen K.

Ganz besonders Schiss bekam ich natürlich, wenn ein Mädchen im Spiel war, und das ist immer noch so, aber das ist natürlich etwas ganz Anderes, etwas Spezielleres. Ich fürchte mich vor Spinnen, gleich wie groß sie sind, und nicht minder vor Fliegen, die überall ihre Eier legen, wo es nur feucht und warm genug ist. Kakerlaken finde ich auch nicht unbedingt besonders appetitlich, ebenso wenig wie Kanalratten, Filzläuse oder Teppichmilben, die mit zuckenden Bewegungen tastend nach Futter jeder Art suchen.

Wenn ich die Augen schließe und mit dem Zeigefinger meine Nasenspitze treffe, dann können die Monster unter der Kellertreppe mich nicht erwischen und fressen.

Bisher habe ich es auch nicht geschafft mich in ein Flugzeug zu setzen. Die Vorstellung, hilflos mit ansehen zu müssen wie die gewaltigen, mit Kerosin gefüllten Tragflächen Feuer fangen, und ich nur da sitzen und schreien kann, meinem Tod ins Auge blicken und schreien, ist einfach zu schrecklich und zu real für mein empfindliches Gemüt.

Wenn das Telefon sechs Mal klingelt, bevor „Bulletproof Cupid“ zu Ende ist, dann werde ich nicht erschossen.

Ich habe Angst vor Hunden, erst recht wenn sie bellen und ich wage es nicht, auf einen Baum zu klettern, aus Angst ich könnte herunterfallen und mir das Genick brechen. Die Chancen dafür stehen zwar miserabel, wenn ich die Variablen der Situation (Baumhöhe, Körpergewicht, Bodenbeschaffenheit) gegenüberstelle, aber wenn ich Eines nicht vergessen habe, dann ist es die Geschichte von dem blinden Huhn und dem Korn. Selbst, wenn das Verhältnis 1:1 Million wäre, dann wäre das wenig tröstlich für mich, wenn ich dieser Eine wäre.

Wenn ich immer auf der gelben Linie laufe, bis sie endet, dann kann mich keine Schnneelawine der Welt jemals erwischen.

Bisher habe ich mir noch nie etwas gebrochen, und dass dies in unsicheren Zeiten wie diesen, ein ausgesprochenes Glück ist, dessen bin ich mir wohl bewusst. In einer Zeit, in der einen in jeder Sekunde des Lebens ein politisches Attentat zerfetzen, ein bissiger Herzinfarkt anspringen oder ein lästiges Blutgerinnsel im Gehirn dahinraffen kann (sie haben immer noch nicht herausgefunden, wie diese Dinger zu Stande kommen und sie forschen jetzt schon seit einem viertel Jahrhundert daran herum), gibt es so etwas wie 100prozentige Sicherheit nicht wirklich.
Der Sensenmann kann Jeder oder Niemand sein: der freundliche Nachbar von Nebenan, der selbstmörderische Geisterfahrer, der einem entgegenkommt, die Backsteine werfenden Kinder auf den Autobahnbrücken, ganz zu schweigen vom guten alten Pech.
Dass mich all dies noch nicht vernichten konnte, scheint mir fast wie ein Wunder. Ich mache mir da auch nichts vor. Es kann einen immer treffen, ĂĽberall.
An Kreativität hat es Gevatter Tod wahrlich noch nie gemangelt.

Wenn es einen Regenbogen gibt vor dem nächsten Vollmond, dann werde ich nicht durch das Gift einer Schlange sterben.

Es gibt Erdbeben, Vulkanausbrüche und Überschwemmungen, die den Tod frei Haus liefern. Giftgas in der U-Bahn, Toxine in der Dachisolierung und kriechenden Schimmel im Keller. Bakterien auf tödlicher Mission, blutige Eifersuchtsdramen in einsamen, idyllischen Großstadtvororten und skrofulöse, schleppende Seuchen, mit mutierten Virenstämmen. Explodierende Wohlstandspsychosen einer pubertierenden Gesellschaft, fahrlässige Sicherheitsmängel öffentlicher Verkehrsmittel und scheinbar grundlose Schulmassacker, die nun wirklich niemand vorhersehen konnte.
Wahnsinn bis zum Abwinken. NatĂĽrlich fĂĽr Nada und immer auf Lager.
Es gibt die erbarmungslos unparteiische, letale Kälte im Winter, die einen Mann, und eigentlich jede lebende, warmblütige Kreatur, in eine Eisplastik verwandeln kann, und es gibt knirschende, stinkende und lärmende August-Hitze und den Sommersmog, der einem die Lunge schneller teert, als man A-S-P-H-A-L-T sagen kann.

Wenn das erste Sternenbild, das ich sehen kann wenn die Wolkendecke aufklart, der groĂźe Wagen ist, dann werde ich nicht in einem Automobil sterben.

Damals ließen diese Ängste mein Leben wie einen Käfig erscheinen, engten mich ein in Rituale und Zwänge, die ich niemals wieder abschütteln kann, doch heute habe ich mich mit mir und meinen Trieben weitgehend versöhnt oder besser … arrangiert.
Selbst für meinen Zustand gibt es eine Statistik. Paranoide Schizophrenie in Verbindung mit Zwängen und Ängsten höchst neurotischer Natur, die sich in einer starken Ritualisierung des Alltagslebens wieder spiegeln. Im ICD10, dem Verzeichnis der internationalen Definitionen psychischer Erkrankungen, hat meine Störung irgendeine fadenscheinige Nummer … vielleicht 123.0815 oder möglicherweise sogar 666 (würde mich nicht im Geringsten wundern)? Wahrscheinlicher aber wohl eher 007.

Wenn ich einen Raben sehe, bevor es anfängt zu regnen, dann werde ich nicht durch eigene Hand sterben.

Das Klassifizieren, Katalogisieren und In-Schubladen-Stecken hilft anscheinend den Mächtigen, das Gefühl der Kontrolle zu festigen. Es hilft, den Psychomüll der Jugend wieder rückzuerziehen oder zumindest schon mal damit angefangen zu haben.
Und immer das gleiche Konformität – Hass – Rebellion – Karussell, das sich dreht, wieder eine Generation durchläuft, sich wieder dreht, und so weiter und so fort, und wenn sie nicht gestorben sind...
Aus diesem Grund gehen immer noch ganze Kulturen zu Grunde, die als historischer Nachhall kurzzeitig für Furore sorgen und dann verschluckt werden, von dem scheinbar nicht enden wollenden Strom anonymer Leichensäcke, namenloser Ermordeter, gesichtsloser Phantome auf dem Weg ins Jenseits und in das Land des großen Vergessens.
Was bleibt sind lediglich die Fakten, schwarz auf chamois, 90g, 1,75Volumen, DinA4, gelocht, mit Seitenzahlen versehen und in verstaubte Regale verbannt.

Wenn ich immer auf geschlossene Flächen und Fliesen und nie auf die Fugen trete, dann werde ich nicht das Opfer eines wahnsinnigen Serienmörders.

Und da drängt sich mir ein Gedanke auf, den ich nicht mehr abschütteln kann und der schwankt zwischen dem Glauben der Richtigkeit der statistisch errechneten Werte und dem Wissen, dass man nicht alles in Zahlenreihen und Buchstabenkolonnen erklären und zerlegen kann.
Die Toten … die unzähligen Abgeschlachteten, die Verhungerten, die in Stücke Gebombten, die Zerfleischten, die Verdursteten, die Verbrannten und all die anderen spukenden Wiedergänger und Gespenster in den Dachstühlen der menschlichen Psyche…

… die vielen Toten in den Statistiken …

… wo sind die alle?
Müssten es nicht auch zwangsläufig Leute sein, die ich kenne, zumindest ein paar davon, flüchtig wenigstens? Müsste ich dann jetzt nicht zwangsläufig deren Nichtvorhandensein registrieren, sie möglicherweise sogar vermissen? Die Statistik spricht auf jeden Fall dafür.
Vielleicht habe ich ja wirklich ein paar der Zahlenreihen und deren Namen und Schicksale gekannt.
Vielleicht habe ich sie … einfach nur vergessen.

Wenn die Ampel auf grün springt, bevor die Glocke die nächste volle Stunde schlägt, dann sterbe ich nicht an Leukämie.

War da nicht so einer mit blonden langen Haaren? Wie hieß dieser Kerl noch gleich … Dimitri, glaube ich. Ein siebzehnjähriger Junge, der auf der Autobahn den LKW rammen wollte … zu Fuß, mit bloßen Fäusten. Dimitri Rasputin. Ja. Das war schon mal einer von ihnen. Und die Kleine, die im Zoo in das Terrarium der Riesenschlangen gefallen war. (Ich hatte mir nie wirklich vorstellen können, dass eine Schlange in der Lage ist, ihren Kiefer auszurenken und einen ganzen Menschen zu verschlingen, um ihn dann langsam zu verdauen. Nachdem ich die Bilder davon im Fernseher bestaunen konnte, habe ich sogar eine ziemlich konkrete Vorstellung, wie so etwas aussieht.) Das Mädchen war in meinem Abendschulkurs. Ihr Name ist … war … Doreen oder Dorothea. Oh … ich glaube, ich denke … Doreen … ja, ich bin mir sicher, dass das ihr Name war.

Wenn ich mir nach dem Duschen die Haare föne, dann bekomme ich keinen Gehirntumor.

Und dann war da natürlich noch Tante Augusta aus Bremen, die an MS gestorben ist (und damit meine ich nicht Microsoft). Anscheinend kenne ich wohl doch ein paar Opfer der Statistik, und so sind sie wenigstens nicht mehr namenlos. Wenn ich mich anstrengen würde, dann würden mir bestimmt noch mehr Verblichene, Dahingegangene und Verstorbene einfallen, die als Lebende meinen Weg gekreuzt hatten, schattenhafte Leichen, die in meinem Keller tanzen, aber ich denke nicht gerne über solche Dinge nach. Es fühlt sich schmutzig und schmierig an, als würde ich einen Korb abgetragener, blutiger Wäsche durchwühlen.
Letzten Endes gibt es wahrscheinlich für alles eine Statistik, sogar für die Wahrscheinlichkeit eines Venusspazierganges, den es, wegen der ungastfreundschaftlichen Witterungs-Bedingungen, wohl niemals geben wird … oder?
Wahrscheinlicher ist doch, dass die Menschheit bis dahin nur noch eine Erinnerung sein wird, eine fixe Idee, die im Raum steht und Staub fängt, ein paradiesischer und zu gleichen Teilen diabolischer Gedanke, den sich niemand mehr auf der Zunge zergehen lassen kann …

… WIR WAREN HIER …

…toter, vergessener Staub in der unersättlichen und grausam einsamen und kalten Tiefe eines ewigen, sich beständig krümmenden und erneuernden Weltalls, in einer von unzähligen von möglichen Dimensionen und Raum-Zeit-Kontiuen. Mit 7-Meilen-Stiefeln durch die Galaxien.

… UND WIR HATTEN JIMMY HENDRIX, JOHN LENNON UND SYSTEM OF A DOWN …

Wenn ich mich an den Text von „Black Hole Sun“ erinnern kann, dann sterbe ich nicht an Alzheimer.

Es übersteigt meines Erachtens die Vorstellungskraft der Menschen, welche natürlichen Konsequenzen und Reaktionen den scheinbar unlogischsten und skurrilsten Gesetzmäßigkeiten voraus gehen, und das ist auch gut so. Es gibt Geheimnisse, die zu Recht geheim sind, Dinge die nicht nur unser Fassungsvermögen und unsere psychischen Grenzen überschreiten würden, sondern die tiefer graben, unter die Haut, ins Fleisch und tief hinein ins Herz, und nichts hinterlassen als Schatten und Zweifel und die schleichende Gewissheit des baldigen Todes.
Würden Vertreter der Gattung homo sapiens sehen, aus welchem Stoff Wunder gemacht sind, würden sie vielleicht erschaudern und sich resigniert das Leben nehmen, in der Erwartung auf die ewige Verdammnis niemals endender Nichtexistenz. Es würde ihren Glauben an Gott zerstören und das Licht der heiligen Kirche würde Schatten hervorbringen und über die Welt ziehen lassen. Das Gute, Vertraute und Sichere, die Zuflucht des letzten Hafens, würde zu einer Ekelerregenden, schmatzenden Schlangengrube werden, in der sich die Gläubigen wanden, von ihrem Gott bestraft wegen Neid, Eifersucht, Ehebruch oder Diebstahl. Oder einfach nur so. Wegen Schicksal oder etwas äquivalentem.

Wenn ich in den nächsten sieben Minuten einen Hund bellen höre, dann werde ich niemals von einem Tier angefallen.

Aber dieses Wissen des gottlosen Universums würde die Menschen schockieren und nachhaltig verändern. Sie bekämen es so verklickert, wie sie es verstanden: schwarz auf chamois, 90g, 1,75Volumen, DinA4, gelocht, mit Seitenzahlen versehen.
Über kurz oder lang würde es so sein, als hätte Gott nie existiert. Jesus war nur ein Rebell in Zeiten der Unterdrückung der Proletarier durch die Volksvertretung, ein Jim Morrison der ersten Jahre der Menschheitsgeschichte und wie er ein ewiges und unerreichtes Symbol eines verbindenden Massenkultes. Guter, nahrhafter Boden für diktatorische Bestrafungshymnen.
Bekomme ich dafür ein NEGATIV in meine Akte? Gleich neben der Sparte, wo meine persönlichen Daten plump, zerfleddert und obszön intim mein Innerstes zur Schau stellen? Schon mein Name muss eine Blasphemie sein für die Glaubenden unter Ihnen und die Wissenden unter Euch: Albrecht Einsteyn, doch mal ganz ehrlich: ich hege keinerlei Ambitionen die Quantentheorie zu aktualisieren, noch Bahnbrechende Novellen zu schreiben. Dieses pseudo-intellektuelle Medienkonsumverhalten geht mir tierisch auf die Nerven.
Da hört es dann doch auf bei mir, mit dem Glauben. Komme ich dafür in die …

… Statistik …
… Hölle?

Wenn ich eine Taube sehe, bevor der Kondensstreifen eines DĂĽsenjets den Himmel teilt, dann werde ich nicht in einem Flugzeug sterben.

Ich muss mich zusammenreißen, beim Teuthates. Bei dem Meeting mit der Chefin muss ich gut aussehen, seriös, selbstsicher. Als wäre mir ernsthaft wohl in meiner Haut, fünfzehn Stockwerke über dem Himmel, mit nichts als einer Scheibe aus Glas zwischen mir und dem Abgrund der Häuserschlucht. Mein Gott, wenn ich nur daran denke zittern mir die Knie. Der Wind, der an den Hochhäusern zerrt, könnte sie rein theoretisch, also, statistisch gesehen wäre es möglich …

… pure Energie …

… aber ich habe jetzt eigentlich überhaupt keine Zeit für so etwas. Vielmehr muss ich mich entscheiden, ob ich nun den Fahrstuhl oder die Treppe nehmen soll. Für den Fahrstuhl spräche die Tatsache, dass ich nicht einmal mehr 7 Minuten habe um bei Frau Blänkner zu erscheinen und auch wenn es unwahrscheinlich klingen mag, so erscheint mir die Treppe wesentlich unsicherer als die Alternative, mal abgesehen davon, dass ich zu spät zu meinem Vorstellungsgespräch kommen würde, was ich unbedingt vermeiden will. Die Statistik besagt, dass so was gar nicht gut aussieht. Verspätungen und Arbeitgeber schließen sich schon rein aus Prinzip aus, wie die Vorstellung eines bei Tage umher schreitenden Vampirs.
Doch zurĂĽck zu den Zahlen.
Die Statistik spricht eher dafür, dass ich auf einer nassen Stufe ausrutsche und stürze oder dass ich überfallen, ausgeraubt und zusammengeschlagen werde, als …

…dass mir der Himmel auf den Kopf fällt!

Glauben oder Wissen, Wissen oder Glauben, Glauben oder …

Wenn ich drei Sekunden lang …

Ich denke, ich habe mich bereits entschieden.
Ich denke ich glaube, denke ich …

Als die Bewohner einen lauten Aufschlag hörten, der durch das Gebäude schallte (oder vielmehr spürten sie ihn vibrierend durch die Wände und den Boden schmettern), dachten sie zuerst an einen Schuss. Oder an eine Explosion einer Gasleitung. Noch drehten sich ihre Gedanken nicht um durchgerostete Stahlseile und gebrochene Knochen.
Noch nicht.

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