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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Die ungezählte Geliebte
Eingestellt am 21. 03. 2006 22:20


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memo
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Die Geschichte beschreibt nicht nur eine berührende, vielleicht auch sinnlose Auflehnung, sondern vor allem die Suche nach Freiheit. Der Text hat etwas von der schlichten Oberfläche und dieser Bedeutsamkeit die zwischen den Zeilen „aufleuchtet“ - die so typischen Merkmale für eine Kurzgeschichte.
Heinrich Bölls kritische Haltung gegenüber dem Rationalismus des Wiederaufbaus ist dabei nicht zu übersehen. Er lässt einen Mann erzählen, der im Krieg an den Beinen schwer verwundet wird und nun sitzend bei einer neu aufgebauten Brücke arbeitet. Seine Aufgabe besteht darin, die Menschen die die Brücke überqueren, für die Statistik zu zählen.
Was ist er für ein Mensch? Er ist ein heimlicher Rebell. Seine Rebellion ist leise und unscheinbar. Sie nagt in ihm und gleichzeitig will er sich durch sie befreien.
„Insgeheim macht es mir Freude, manchmal einen zu unterschlagen und dann wieder, wenn ich Mitleid empfinde, ihnen ein paar zu schenken.“
Wie soll ein Mensch, der den Krieg überlebt hat und mit kaputten Beinen am Straßenrand sitzt, dieses sinnlose „Nichts“, wie er es beschreibt, begreifen? Es ist besonders die Obrigkeit, die Politik des Aufschwungs, die sich an „fünfstelligen Zahlen“ berauscht. Sein scheinbares Aufbegehren gibt ihm ein Gefühl der Macht, das „Glück“ des Staates in seiner Hand zu wissen. Ja, er durchbricht die Genauigkeit. Er muss sie durchbrechen, um sein Dasein Tag für Tag ertragen zu können. Selbst als er kontrolliert wird, muss er einen Funken seines Geheimnisses für sich behalten. Denn wenn das fremde Mädchen über die Brücke geht, bleibt sein Herz stehen. Diese zwei Minuten gehören nur ihm. Nichts soll ihn davon abhalten, ihr nach zu blicken und sie im Eissalon verschwinden zu sehen.
Der Kumpel, der die Autos zählt, hat ihn gewarnt. Der Oberstatistiker kommt und macht Stichproben.
„Sie rechnen aus, wie viel heute jede Minute über die Brücke gehen und wie viele in zehn Jahren über die Brücke gegangen sein werden.“
Der Mann muss das Mädchen vor dieser Welt des „zweiten Futur“ beschützen. Er will sie fernhalten, damit sie nicht auch von diesem „prozentuellen Nichts“ verschlungen wird. So wie die „Schattenmänner“ und „Schattenfrauen“, die namenlose Masse, die an ihm täglich vorüberzieht. Seine „kleine Geliebte“ ist es ihm wert, bei dieser besonderen, kontrollierten Zählung nicht gezählt zu werden. Auch wenn er dadurch befürchten muss, seine Arbeit zu verlieren. Die Tragik aber liegt darin, dass der Statistiker eine gewisse Ungenauigkeit immer einberechnet. Diese Tatsache macht die Hoffnung des Aufbegehrens widersinnig. Spielt sein leises Auf – und Abrunden eigentliche eine Rolle? Hat seine stille Rebellion eine Bedeutung für die großen Zahlen des Wiederaufbaus?
Die Bedeutsamkeit, und das ist sicher, liegt im einfachen Aufbegehren des Mannes. Sie liegt in seiner Phantasie und vor allem in seiner Liebe. Kein System kann in seine Welt dringen und ihm die Hoffnung nehmen, etwas Besonderes zu sein oder vielleicht sogar mit seiner Zählarbeit einen Einfluss zu haben.
Wenn der Mann als beförderter Pferdewagenzähler Zeit findet, sich dem Mädchen zu nähern, wünsche ich ihm, dass seine Träume nicht an der Realität zerbrechen.
Seine ungezählte Geliebte bleibt nur in ihrer Anonymität ein Symbol für ein kleines Stück Freiheit und ermöglicht dadurch einen Weg aus der Unerträglichkeit des Alltags.

„Weich ist stärker als hart, Wasser stärker als Stein, Liebe stärker als Gewalt.“ So habe ich es einmal bei Herman Hesse gelesen. Ich möchte einen Vergleich hinzufügen:
Gefühle sind stärker als Zahlen.


Heinrich Böll wird am 21. Dezember 1917,
im schlimmsten Hungerjahr des Ersten Weltkriegs geboren.
Er stirbt am Morgen des 16. Juli 1985

"Schreiben wollte ich immer, versuchte es schon früh, fand aber die Worte erst später."
Heinrich Böll

Kurzgeschichte:
Die ungezählte Geliebte


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jon
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Das kommt sehr schön fließend und stimmungsvoll daher – gefällt mir.
(Um die Kommas kümmerst du dich noch?)
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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memo
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Danke Jon,
ich freue mich sehr !!!

Liebe Grüße,
memo

Die Beistriche muss ich noch einmal in Ruhe kontrollieren.


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Denschie
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hallo memo,
ich mag böll sehr. die romane zwar lieber als die
kurzgeschichten, aber diese ist sehr schön. du hast
anregend dargestellt, worum es geht.
lg, denschie

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memo
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Danke Denschi!
Vielen Dank für deine positive Antwort.
Ich habe in den letzten Jahren eine kleine Vorliebe für Kurzgeschichten entwickelt.
Es ist sehr interessant aus welcher Motivation diese Schreibform entstanden ist und
mit welcher bescheidenen Macht sie von den Künstlern transportiert wird. (Besonders auf die Literatur der Nachkriegszeit bezogen.)
Das Schreiben dieser Interpretation hat mir sehr viel Freude bereitet.
Danke noch einmal,
memo

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nobody
Guest
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hochaktuell

Schön, dass sich doch noch ab und zu jemand Bölls Werke vornimmt, und vor allem seine kürzeren Sachen. Ich selbst habe ihn gerade wiederentdeckt, nach Jahren der Abstinenz. Warum eigentlich Abstinenz? Die Zeit, die er beschreibt, ist lange vorbei, und die Probleme, die er anspricht, sind Schnee von gestern - dachte ich. Und dann kommt einem zufällig so ein Geschichtchen auf den Nachttisch, und was finde ich: Hochaktuelles, immer noch Gültiges, immer noch ungelöste Konflikte - in einer Sprache, von der sich die "Modernen" ein Scheibchen abschneiden könnten.
Deine Besprechung regt dazu an, die "Alten" doch wieder mal in die Hand zu nehmen, vielleicht sogar, einen "Jungen" neugierig zu machen.
Gruß Franz

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