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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Die unsichtbaren Wunden des Krieges
Eingestellt am 06. 10. 2003 22:36


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Dietrich Stahlbaum
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Die unsichtbaren Wunden des Krieges

Die unsichtbaren Wunden des Krieges

Eine etwas andere Rezension

Traumatisiert, mit Orden als Trostpflaster, so kehrten zu allen Zeiten Soldaten aus Kriegen heim, und war dieser Krieg noch im Gange oder siegreich beendet, dann wurden sie als Helden empfangen. Denn das Grauen, das sie erlebt und verdrÀngt hatten, das ihnen noch gar nicht so ganz bewusst geworden war, sollte sie nicht eines Tages einholen können.

Helden zeigen ihre Wunden und Narben, die sichtbaren Wunden des Krieges, und sie sind stolz darauf. Sie zeigen nicht die unsichtbaren Wunden, an denen sie leiden, an denen sie solange leiden werden, wie sie sie vor sich selber verbergen. Auch die Zu-Hause-Gebliebenen sollen davon nichts erfahren. Das Selbstbildnis bekĂ€me Risse, und ein Krieg ohne Helden wĂ€re fĂŒr die Daheim-Gebliebenen dasselbe wie eine Religion ohne Heilige. Also versucht man, das Leiden, das unsichtbare, klein zu halten, das immer wieder versucht, sich grĂ¶ĂŸer zu machen, und, da es nicht wahrgenommen wird, sichtbar zu werden.

Es trĂ€gt die ZĂŒge des Alkoholikers. Es bekommt die Augen des DrogensĂŒchtigen. Es spricht die Sprache des GewalttĂ€tigen. Und wenn der Held dann ganz vom Sockel stĂŒrzt, heißt es, dieser Mann gehört nicht mehr zu uns. Er hat sich ja selber von uns abgewendet.

Kriegsveteranen, die am Rande der Gesellschaft leben, an denen geht man, ohne hinzusehen, vorbei. Denn sie könnten ja einen, der zu Hause geblieben war, daran erinnern, dass der Zu-Hause-Gebliebene fĂŒr diesen Krieg und das ganze Elend ebenso verantwortlich war (oder ist) wie der Soldat.

Diese fĂŒr manche, die es lesen, merkwĂŒrdigen SĂ€tze sind nicht aus dem Nichts entsprungen, sondern Niederschlag bitterer Erfahrung, die Viele „gemacht haben“: Veteranen von 14/18, von 39/45, von vorherigen, von nachherigen Kriegen. Veteranen des Indochinakrieges, Veteranen des darauf folgenden Vietnamkrieges. Veteranen, die auf dem Balkan, in Afghanistan, im Irak Soldaten waren und nun in KameradschaftsverbĂ€nden und bei Nationalfeiertagen ihre mit Orden geschmĂŒckte Brust schwellen lassen oder die 1969 oder 1970 zusammen mit hunderten anderer Vietnamveteranen in Washington D. C. ihre Orden ĂŒber den Zaun vorm Weißen Haus geschmissen haben. Einer von ihnen war Claude AnShin Thomas.

Claude war siebzehn, als er zur Army ging und noch nicht zwanzig, als er aus Vietnam, schwer verwundet, nach Hause kam - stigmatisiert. Er fĂŒhlt sich fĂŒr den Tod vieler Menschen verantwortlich und betĂ€ubt sich: Medikamente, Drogen, Alkohol. 23 Jahre spĂ€ter, 1990, begegnet er Thich Nhat Hanh. Der buddhistische Mönch darf nicht mehr nach Vietnam zurĂŒckkehren und betreut in den Vereinigten Staaten und in Frankreich Vietnam-FlĂŒchtlinge und US-Kriegsveteranen. Claude lernt, ĂŒber seine Erfahrungen zu sprechen und sich von seinem Kriegstrauma zu befreien. Er lebt mehrere Jahre in Plum Village, einem buddhistischen Zentrum bei Bordeaux, das Thich Nhat Hanh gegrĂŒndet hat. Er wird Mönch. Er wird im Peace-Maker-Orden aktiv. Er veranstaltet Seminare und Straßenretreats und kĂŒmmert sich um Strafgefangene. Er pilgert, von einer Gruppe Gleichgesinnter begleitet, durch Nordamerika, Asien und Europa, einmal von Auschwitz nach Hiroshima, mitten durch Kriegsgebiete.

In Bosnien spricht er mit ScharfschĂŒtzen beider Seiten, in Wien und Rom zu Studenten und Professoren. Ein echter Bhikkhu, der nichts besitzt als zwei paar Schuhe und seine drei Roben, ein Hausloser, ein Wandermönch wie zu des Buddhas Zeiten.

Jetzt hat Claude AnShin seine (Selbst)Erfahrungen in einem Buch* zusammengefasst. Darin schildert er das Leiden, aus dem Gewalt, Krieg, hervorgeht. Er spĂŒrt den tieferen Ursachen nach. Wir sind gewohnt, sie „draußen“, bei Anderen, zu suchen. Claude AnShin findet sie in sich selber, in unserer Natur, in unserer Kultur:

„Krieg ist nicht etwas, das uns Ă€ußerlich geschieht; meinem VerstĂ€ndnis und meiner Erfahrung nach ist Krieg ein kollektiver Ausdruck individuellen Leidens.“

Krieg, sagt er, werden wir nie ganz abschaffen können. „Wir können jedoch das Antlitz des Krieges verĂ€ndern.“ „Wir mĂŒssen mit dem Feind zusammensitzen, denn der Feind ist niemand anders als wir selbst.“ „Wenn wir das verstehen und akzeptieren, dann werden wir anfangen, Frieden zu finden.“

Claude hat diesen Frieden gefunden – in sich selber. Das befĂ€higt ihn, Frieden zu stiften. Er zeigt uns, dass es möglich ist, unsere eigenen Gewalterfahrungen zu transformieren, indem wir lernen, Konflikte, wo immer sie auch auftreten, friedlich zu lösen.

Sein Buch könnte vor allem vielen jungen Menschen, die MilitÀr- und Kriegsdienst leisten wollen, die Augen öffnen.

---------------------
Im April 2002 bin ich ihm bei seinem Vortrag ĂŒber „Die Grundlagen des Friedens“ in Bochum begegnet. Wir hatten ein langes und sehr bewegendes GesprĂ€ch. Denn auch ich bin als Soldat in Vietnam gewesen, 1951-54, als Pazifist heimgekehrt und Buddhist geworden – dank eines Vietnamesen: Thich Nhat Hanh.

*Claude AnShin Thomas: Krieg beenden, Frieden leben. Ein Soldat ĂŒberwindet Hass und Gewalt
140 Seiten, Theseus Verlag Berlin 2003, 14,90 Euro.


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Waldemar Hammel
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D'accord

Laut geben, sich melden, daß man zur Kenntnis genommen und verstanden hat, und daß alle diejenigen, die von solchen Erfahrungen berichten und solche Traumata mit sich herumtragen, nicht alleine sind, in einer Welt, die auch am Beginn des dritten Jahrtausends ihre ultima ratio in der Vernichtung sieht.
Da gehen Umweltvernichtung und Menschentötungen per Kriegen, Verhungern usw. Hand in Hand, teilweise mindestens auf dem urchristlichen Auftrag beruhend: "Gehet hin, und macht euch die Erde untertan."

Obwohl Kriegsdienstverweigerer, beruhen meine Erfahrungen mit diesem Metier auf langjĂ€hrigen Kontakten mit Menschen in und aus Kriegsgebieten, und das fing zu meiner Jugend mit Vietnam an. Und dann hab ich spĂ€ter 3 Jahre lang in Kolumbien und Peru gewohnt, da war der Krieg stĂ€ndig und wörtlich direkt vor der HaustĂŒre.

Bin dennoch nicht der Meinung, daß wir, wie im Buch geschildert, religiös werden mĂŒssen, um diesen Fluch des Krieges abzuschĂŒtteln.
Einsicht scheint mir da besser. Nicht Einsicht in "das Böse" oder Ă€hnlich esoterisch-VerbrĂ€mtes, sondern Einsicht in die kriegsermöglichenden Mechanismen, denn "Kriege brechen nicht aus" wie Erdbeben oder Vulkane, sie sind ausschließlich und vorsĂ€tzlich menschengemacht, und deshalb könnten sie auch vorsĂ€tzlich unterlassen werden.

Jeder Krieg ist eine raffinierte Form von Diebstahl, und immer, egal wo er stattfindet, ein Schlag gegen unsere gemeinsame globale Infrastruktur, d.h., wir sind alle unmittelbar oder mittelbar immer mit im Boot und davon betroffen, und sei es um 50 Ecken herum.
Und daraus resultiert das gemeinsame Recht jedem beliebigen Kriegstreiber rechtzeitig mit allen Mitteln in die Parade zu fahren.
Soweit die schönen TrÀume!

Real gesehen, werden wir im Laufe dieses neuen Jahrtausends mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die verheerendsten Kriege der bisherigen Menschheitsgeschichte erleben, und die Frage ist (anders als frĂŒher), ob wir das als Menschheit ĂŒberleben werden, denn die heutigen Waffen bereits, und erst recht jene, an denen bereits konstruiert wird, sind "grĂ¶ĂŸer" als unser Planet und seine ÖkosphĂ€re (z.B. die mögliche Monopol-Bombe, gegen die eine Wasserstoffbombe Kinderspielzeug wĂ€re)
Meiner Ansicht nach allertrĂŒbste Aussichten...

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Dietrich Stahlbaum
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Das individuelle und das kollektive Gewaltpotential

Hallo Waldemar!

Wir wissen nicht, ob unser Schiff, das auf den Eisberg zusteuert, von seinem Kurs abgebracht werden kann oder ob der Eisberg bis zum kritischen Moment weggeschmolzen sein wird. Dies oder das zu glauben, hilft da auch nicht weiter. Das Einzige, was wir wissen: Noch ist Zeit, die KapitĂ€ne von der KommandobrĂŒcke herunterzuholen (auf legale, auf demokratische Weise, versteht sich), die TITANIC zu stoppen und auszusteigen, umzusteigen in eine andere Lebensweise.

Es bedarf einer “Einsicht in die kriegsermöglichenden Mechanismen“, sagst du. Ja. Das sind aber nicht allein politische und soziale, es sind multikausale, kollektive und individuelle „Mechanismen“, oder, um es nicht mechanistisch zu sagen: Prozesse; und Claude AnShin schildert, was in ihm selber abgelaufen ist: diese individuellen Prozesse, die sonst kaum beachtet und regelrecht ignoriert werden von theoriebefrachteten Politologen.

Auch deine kleine Lebensgeschichte hier im Profil zeigt, wie sehr uns Kindheitserlebnisse und spĂ€tere Jugenderfahrungen prĂ€gen, unser Weltbild, unser LebensgefĂŒhl bestimmen, unser Sensorium und damit die Art und Weise unserer Wahrnehmungen (der Plural ist gewollt). Gerade deshalb empfehle ich dir nochmals das Buch von Claude AnShin Thomas. Er beschreibt – möglicherweise ist das in meiner Rezension nicht deutlich genug formuliert -, wie ihn die Traumen seiner Kindheit veranlasst haben, selber gewalttĂ€tig zu werden und als SiebzehnjĂ€hriger (wie ich ĂŒbrigens auch*) in den Krieg zu ziehen, um „sich zu beweisen„, wie er als NeunzehnjĂ€hriger mit einer Kriegspsychose heimkehrt und Jahre spĂ€ter, nach weiteren Versuchen, sich selber zu entfliehen, seine Traumata verarbeiten und sie schließlich loswerden kann. Er steht als Zeitzeuge fĂŒr Generationen von Kriegsveteranen, von denen es einigen wenigen gelang, aus eigener Kraft - wie es der authentische Buddha selber praktiziert und gelehrt hat – sich von seinem Leiden, einem geistigen Elend, zu erlösen, sich zu – emanzipieren: ein freier Mensch zu werden. Mit Esoterik hat das nichts zu tun.

Es wird sich erweisen, ob die destruktiven Energien, die sich in der gesamten Menschheit aufgeladen haben, kulturell transformiert werden können oder ob eine Selbstzerstörung nicht mehr aufzuhalten ist. Selbstzerstörerisch sind ja nicht allein SelbstmordattentĂ€ter/innen. Diesem kollektiven und zugleich individuellen Gewaltpotential entsprechen die heutigen und kĂŒnftigen Waffenarsenale.

Seit der Steinzeit hat der Mensch zwar seine Technik weiter entwickelt, nicht jedoch sich selber. Liegt es vielleicht daran, dass wir unsere intellektuellen FĂ€higkeiten und Möglichkeiten ĂŒberbewerten und unsere im Endeffekt destruktiven Eigenschaften unterschĂ€tzen, weil unsere emotionale Intelligenz (Daniel Coleman) völlig unterentwickelt ist? Bei Albert Einstein und Bertrand Russell waren intellektuelle und emotionale Intelligenz komplementĂ€re Eigenschaften wie Yin und Yang. Deshalb scheuten sie sich auch nicht, dem Fortschrittsglauben entgegenzutreten und vor technokratischer, am Ende selbstzerstörerischer Hybris zu warnen.

-------------------------------------
* Ich habe nach 1954 zehn, elf oder zwölf Jahre lang Nacht fĂŒr Nacht, an die Wand gestellt, auf Gewehre gestarrt, habe manchmal UnverstĂ€ndliches geredet, auch herumkommandiert und sehr oft aufgeschrieen. Als Pimpfe hatten wir noch gesungen: „Frischauf Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd, ins Feld, in die Freiheit gezogen! Im Felde, da ist er Mann noch was wert, da wird sein Herz erst gewogen
“ Unsere GroßvĂ€ter sangen dieses Lied noch nach 1918. Unsere VĂ€ter haben es nach 1945 nicht mehr gesungen.

Dietrich

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Waldemar Hammel
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Titanics...

Im Groben stimme ich ja zu, aber:

["Noch ist Zeit, die KapitĂ€ne von der KommandobrĂŒcke herunterzuholen (auf legale, auf demokratische Weise, versteht sich)"]

Ich möchte mich hier argumentativ von der Konvention, vom ĂŒblicherweise Erlaubten entfernen, ohne die Wichtigkeit des Demokratischen zu schmĂ€lern. Nur kommt mir diese obige und ĂŒberall verbreitete Denkfigur vor wie der Scherz: "Dusch mich, aber mach mich nicht nass!"
Die KapitĂ€ne, die vollkommen skrupellos ganze Völker in den Ruin stĂŒrzen, soll man mit GlaceHandschuhen behandeln mĂŒssen? Die mĂŒssen weg, aber NUR demokratisch, und friedlich, und am Besten per Bitten (und, wenn sie freiwillig gehen?)?
Und was heißt legal? Die KapitĂ€ne machen sich zu ihren Zwecken immer genau diejenigen Spielregeln ("Gesetze"), die sie fĂŒr ihr Handwerk brauchen (siehe jetzt Bush und Konsorten). Was immer die tun, ist insofern völlig legal (wenn auch nicht legitim). Und dann soll es aber gelingen, die nach ihren eigenen Spielregeln völlig legal "von der BrĂŒcke" zu holen? Die mĂŒĂŸten ja blöd sein, wenn sie das zuließen!
Die nehmen sich alle Rechte ohne zu fragen (und erfinden neue bei Bedarf), und ich darf dagegen nur demokratisch aufbegehren, und höflich anklopfen, ob sie vielleicht bereit wĂ€ren die BrĂŒcke zu verlassen???

Meine Meinung:
Genauso skrupellos und brutal wie die mit uns umgehen, ist auch mit ihnen zu verfahren. Wer nicht selbst die Menschenrechte, Völkerrechte, Gesetze der Moral, der Redlichkeit usw. lebt und in seinem Tun beachtet, hat kein Anrecht darauf seinerseits in Watte gepackt zu werden.
Ein logisches KalkĂŒl: Wenn ein Bush z.B. 100.000 Tote herstellt, und ich kann das verhindern, indem ich ihn selbst rechtzeitig exekutiere. Habe ich dann richtig (legal, moralisch, ethisch) gehandelt, oder bin ich ein Verbrecher wie er?

["Es bedarf einer “Einsicht in die kriegsermöglichenden Mechanismen“, sagst du. Ja. Das sind aber nicht allein politische und soziale, es sind multikausale, kollektive und individuelle „Mechanismen“, oder, um es nicht mechanistisch zu sagen: Prozesse"]

Vollkommen derselben Meinung. Nur begreife ich die politische Komponente Deiner Aussage als prior, daß man "sich selbst verĂ€ndern muß" um die Welt zu verĂ€ndern. Ja, ist so! Aber das ist ein anderes Thema, und lenkt -politisch natĂŒrlich beabsichtigt- vom Kriegsproblem ab.
Es ging nicht darum die Welt zu verÀndern, das Gute zu befördern, die jedem angeborene Aggression zu verÀndern, sein eigenes Ich zu finden, usw.
Es ging hier nur darum, ob und wie Kriege zu verhindern wÀren.
Und da ist es einfach falsch von der AggressivitĂ€t des Einzelnen als Ursache auszugehen. Solche A. fĂŒhrt höchstens zu Wirtshauskeilereien usw., aber niemals zu organisierten Kriegen.

Gehen wir in die Vergangenheit, da ists neutraler zu beschreiben:
1914: Der hessische Bauer Johann Berger hat doch nicht damals plötzlich zu Sommerbeginn einen Aggressionsanfall bekommen und beschlossen, den Franzosen die Köpfe einzuschlagen, und dann war Krieg. Ist doch Blödsinn.
Kriege wachsen langsam und werden von den Herrschaftseliten völlig skrupellos als Mittel der Politik begriffen und -was sich die kleinen Leute immer wieder anfangs gar nicht vorstellen können- tatsĂ€chlich auch benutzt. Um einen Krieg zu haben, sind unendliche Vorbereitungen nötig. Da muß Geld her, Waffen, PlĂ€ne, Logistik muß bereitgestellt werden, dann muß man die Massen aufwiegeln, heißreden, ausbilden, uniformieren, bewaffnen usw...
Das dauert, ehe ein Krieg "ausbrechen" kann.

NatĂŒrlich, wenn jeder Mensch buddhistisch-friedvoll wĂ€re, gĂ€be es keine Soldaten. Die Menschen sind aber nicht so. Und ehe man darauf wartet, daß sich die Evolution in einigen 100.000 Jahren bequemt, einen wirklich friedvollen Menschen zu erfinden, haben wir die andere, ganz einfache Möglichkeit, Kriege bereits im Ansatz zu ersticken.
Wie? Die Spielzeuge samt den Spielern mĂŒssen weg.

Wer -egal mit welcher BegrĂŒndung- auf diesem Planeten Kriege vorbereitet, ist als Schwerstverbrecher zu begreifen, und mit allen Mitteln!, notfalls auch den ultimativen, zu stoppen.
Wer Waffen herstellt, vertreibt, erfindet, usw. ist ebenfalls als Schwerstverbrecher zu begreifen und zu stoppen. Besser ist es 20 umzubringen, als abzuwarten, bis die ihrerseits 20Millionen plattmachen.

Wie das? Muß organisiert werden, global. Hieße z.B. die UNO als absolute PrioritĂ€t, aber nicht wie bisher, ein Debattierclub, sondern eine UNO, die FĂ€uste und ZĂ€hne hat.

Keine Waffen und keine Kriegstreiber! Und dann, danach, kann man an die buddhistische Verbesserung des Menschen an sich gehen, wenn man will.

Umgekehrt betrieben (jeder Einzelne muß sich Ă€ndern), setzt man den Einzelnen, der gar nichts fĂŒr den Krieg kann, in sich selbst gefangen, und macht ihn wehrlos, indem man ihm und seinen natĂŒrlichen Instinkten noch die Schuld gibt fĂŒr den organisierten Massenmord, den ganz andere vorbereiten und durchfĂŒhren.

Nochmals: Das Kriegsproblem entsteht nicht, weil wir alle so böse sind, sondern weil immer einige skrupellose AmoklĂ€ufer in Positionen sitzen, aus denen sie auch dann nicht mehr LEGAL entfernt werden können, wenn sie (mitunter vor aller Augen)den Tod von Millionen vorbereiten und zuletzt auch ungerĂŒhrt durchfĂŒhren.
Die natĂŒrliche AggressionsfĂ€higkeit aller Menschen wird in Kriegen zwar benutzt, ist aber keinesfalls deren Ursache!
So besteht beispielsweise die Kunst militĂ€rischer FĂŒhrung simpel und monoton darin, den Soldaten in eine Notwehrsituation hineinzufĂŒhren, und ihn dann sich selbst zu ĂŒberlassen, weil dann bei ihm die angeborenen Mechanismen im Sinne der militĂ€rischen Absicht aktiv werden: "Der Gegener oder ich!"
Das ist so unendlich billig, aber genau deshalb klappts auch (fast immer).

Der krasse Widerspruch in Deiner buddhistischen Einstellung liegt darin, daß einerseits gefordert wird, die ganze Welt fĂŒr in Ordnung zu halten (man soll alles akzeptieren, so wie es ist), nur nicht den Menschen, der soll sich durch Einsicht Ă€ndern mĂŒssen. Das ist aber eine Spaltung der Schöpfung, zu welcher der Mensch auch gehört. Ein wahres Schisma.
Geht man vom philosophischen Konstruktivismus aus, in dem der wahrnehmende Mensch selbst der Schöpfer seiner subjektiv jeweils erlebten Schöpfung ist, fordert man damit sogar eine Schizophrenie als Seinsziel.

Selbst die harmlosere Denkfigur, der Mensch mĂŒsse sich durch Einsicht, Meditation, Denken, FĂŒhlen (wieder) auf die Schöpfung zubewegen, geht von der falschen Voraussetzung aus, er sei (anfĂ€nglich) irgendwie von "Welt" abgespalten, getrennt.

["Er steht als Zeitzeuge fĂŒr Generationen von Kriegsveteranen, von denen es einigen wenigen gelang, aus eigener Kraft - wie es der authentische Buddha selber praktiziert und gelehrt hat – sich von seinem Leiden, einem geistigen Elend, zu erlösen, sich zu – emanzipieren: ein freier Mensch zu werden."]

Ist mir schon klar. Und ich will in keiner Weise den Wert und Inhalt des besprochenen Buches schmÀlern.

Nur ist mir auch bekannt, daß dasjenige, was auch z.B. Kriegsveteranen umtreibt, PTBS = "postraumatisches Belastungs-Syndrom" genannt wird, und das lĂ€ĂŸt sich sehr oft psychotherapeutisch behandeln (dauert lange, und kostet dann entsprechend).
Die Selbsttherapie des PTBS mithilfe der Hinwendung zu ReligiösitĂ€t, Drogen, usw. ist seit uralten Zeiten bekannt (viele spĂ€teren Heilige waren im Vorberuf kleine Mörder u.Ă€.), und, jetzt kommts: Die unprofessionelle Selbsttherapie des PTBS (ganz unbewußt von den Betroffenen gemacht um ihrem Leidensdruck zu entgehen) ist natĂŒrlich den Verursachern (hier den Kriegstreibern) nur Wasser auf ihren MĂŒhlen. Wenn die per Krieg ihren Profit eingefahren haben, können die Überlebenden, VerkrĂŒppelten, Leidenden sehen wie sie klarkommen, und notbehelfs-Selbsttherapien kosten halt nix.
So hat die Hinwendung PTBS-Leidender zu ReligiösitÀten auch eine stark politisch-ökonomische Komponente.

["Es wird sich erweisen, ob die destruktiven Energien, die sich in der gesamten Menschheit aufgeladen haben, kulturell transformiert werden können oder ob eine Selbstzerstörung nicht mehr aufzuhalten ist. Selbstzerstörerisch sind ja nicht allein SelbstmordattentĂ€ter/innen. Diesem kollektiven und zugleich individuellen Gewaltpotential entsprechen die heutigen und kĂŒnftigen Waffenarsenale."]

Diese SĂ€tze halte ich fĂŒr grundfalsch (s.o.) Es wird hier per diffuser Verallgemeinerungen von den ganz konkreten Ursachen fĂŒr Kriege abgelenkt.
Es stimmt nicht, daß "die Menschheit (abstrakte)destruktive Energien aufgeladen habe". Richtig ist, daß wir heute in einer Zeit massiver globaler Probleme leben (z.B. Überbevölkerung), und daß diese Probleme ganz konkrete VerteilungskĂ€mpfe auslösen werden, bis hin zum Massenmord, wenn wir nicht vorher aktiv und bewußt gegensteuern.
Die Waffenarsenale sind nicht Ausdruck kollektiver Aggression, sondern Ausdruck der tatsĂ€chlichen Vorbereitungen von Herrschaftseliten (sehr oft gegen den ausdrĂŒcklichen Willen ihrer Völker!), notfalls ihre politischen-ökonomischen Ziele völlig skrupellos mit brutaler Gewaltanwendung durchzusetzen (siehe zuletzt Irak, und weitere GroßKriege werden folgen, kleine brennen eh ĂŒberall)

Ich kenne Deine Argumentationsweise aus vielen offiziellen Verlautbarungen. Das Rezept ist alt. Sie ist politisch, demagogisch, und dient dazu, die wahren Ursachen u.a. von Kriegen zu verschleiern, indem man die kleinen Leute nicht nur in Kriegen verheizt, sondern ihnen im Nachhinein noch zynisch die Schuld daran gibt: "Tja, es ist doch eure eigene Aggression, die euch hier umbringt!"

["Seit der Steinzeit hat der Mensch zwar seine Technik weiter entwickelt, nicht jedoch sich selber. Liegt es vielleicht daran, dass wir unsere intellektuellen FĂ€higkeiten und Möglichkeiten ĂŒberbewerten und unsere im Endeffekt destruktiven Eigenschaften unterschĂ€tzen, weil unsere emotionale Intelligenz (Daniel Coleman) völlig unterentwickelt ist?"]

Auch hier wieder. Nein! Es liegt nicht am Intelligenzmangel, weder ist die rationale I. teuflisch oder destruktiv, noch ist die emotionale I. ein Balsam dagegen. Der Mensch ist, wie er ist, und er ist untrennbar Teil der Schöpfung, ein Übergangswesen (wie alle andren Wesen auch), nie fertig, er ist "powered by evolution", und insofern, als unfertig "perfekt".
Und: Der Mensch ist sensibel, empfindlich, verfĂŒhrbar, mißbrauchbar. Und genau dies wissend und schamlos ausnutzend wird er von den Profiteuren der Kriege immer wieder in Massen geschlachtet.

Und dies zu verhindern, sollte m.M. nach jedes Mittel recht sein, auch, wenn dies NATÜRLICH nicht der offiziell erlaubten Lesart entspricht.

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Dietrich Stahlbaum
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Tyrannenmord?

Nein, mein lieber Waldemar,

den Spieß einfach umdrehen, das ist nicht die Lösung.

Dein biblischer Zorn - auch im Koran gibt es solche WutausbrĂŒche – sagt mir, dass du leidest. Dies erinnert mich an den spĂ€ten Nietzsche, der bekanntlich mit dem Hammer philosophierte und sich schließlich zum Scharfrichter ernannte.

„Auge um Auge, Zahn um Zahn“ - dem Dieb die Hand abhacken und dem Tyrannen den Kopf. Aber schau dir mal dir mal die Menschheitsgeschichte an! Die Hand wĂ€chst nach und der Kopf wĂ€chst nach. Auf die französische Revolution folgte Napoleon, auf die russische Revolution Stalin, Kaiser Wilhelm wurde von Hitler beerbt und so geht das weiter.

Was mit Gewalt beseitigt wird, taucht in anderer Gestalt wieder auf – aus dem Unbewussten und dann ganz real. So nimmt das gegenseitige Abschlachten kein Ende. Im Gegenteil, es steigert sich zum kollektiven Amoklauf. In PalĂ€stina/Israel ist man schon dabei, ebenso im Irak.

Dass es anders geht, hat uns Gandhi gezeigt. Allerdings, es gehört dazu sehr viel Selbstdisziplin und der Mut, eingefleischte Denkgewohnheiten und Reaktionsmuster zu transformieren, sich zu Ă€ndern. Dies kann man lernen: durch meditatives „Training“.

Dietrich





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