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Leselupe.de > Anonymus
Die wahren Geschichten von Eseln und Heuhaufen
Eingestellt am 26. 02. 2007 12:35


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Jeder kennt die Geschichte vom Esel, der vor sich zwei gleich große Heuhaufen hat und, auf Grund mangelnder Entscheidungsfreudigkeit, welchem er sich zuerst zuwenden solle, verhungert.
Gedacht ist die Geschichte als Gleichnis, sie soll die Unmöglichkeit einer logischen Entscheidung zwischen zwei gleichwertigen Lösungen zeigen.
Doch wenn wir uns vergegenwĂ€rtigen, was ein Gleichnis ist: nichts weiter nĂ€mlich als ein kurzer Text mit didaktischem Anspruch und der Absicht, einen komplex-vertrackten Sachverhalt in bildhafter, verstĂ€ndlicher Form abzubilden, so wird man mir zustimmen, wenn ich sage: die wahren Eselsgeschichten differieren doch erheblich zu vorliegendem glattgebĂŒgelt-idealisiert-vereinfachtem KurzlehrstĂŒckel.

In Wahrheit ist ein Esel nĂ€mlich – man verzeihe mir den wiederholten Gebrauch des Wortes „nĂ€mlich“, aber es ist ein wahrhaft schönes Wort und reimt sich auch hĂŒbsch auf andere Worte –, in Wahrheit ist ein Esel also nicht nur einfach ein Esel, sondern immer auch irgendwas anderes noch. Warum das so ist? Nun, man stelle sich vor, ein Esel stelle sich in der Öffentlichkeit vor, in einer Personalagentur, oder in einer BĂŒrgerversammlung; oder im Fernsehen, zum Talken oder zur Abgabe eines ganz persönlichen Statements. Und der Esel antworte auf die Frage nach der Person einfach: Esel. Das wĂŒrde doch nicht gut ankommen, oder? Also sagt ein Esel auch immer, was er sonst noch so ist, bzw. fĂŒr was er sich hĂ€lt; bzw. was er gern wĂ€re. (Genauso verhĂ€lt es sich ĂŒbrigens mit der Visitenkarte eines Esels: da finden sich auch immer allerlei ZusĂ€tze, es macht oft erheblichen Eindruck!)

Aber zurĂŒck zum Thema, zu den wahren Eselsgeschichten. Es gibt da einen ganzen Schwung – vielleicht sogar unendlich viele. (Ich hörte ĂŒbrigens, es entstĂŒnden stĂ€ndig neue; wie das passiert, ob sie jemand erfindet oder ob sie, wie manche unserer vorgeblich kompetenten Behaupter meinen, von ganz alleine entstehen, weiß ich nicht. Ich werde aber fragen gehen, wenn ich mal einen ehrlichen Esel treffe.)

Nun also wirklich und wahrhaftig zu den wahren Eselsgeschichten. (Der Übersichtlichkeit halber ordne ich die vielen Einzelgeschichten, die ich kenne, nach den Berufen oder Gesinnungen der Esel, die man auf ihren Visitenkarten als Eselsattribute findet.)

Die erste wahre Eselsgeschichte geht so:

Ein Esel, im wirklichen Leben ein gemeiner Kapitalist, steht eines Tages vor zwei scheinbar gleichgroßen Heuhaufen. Er ĂŒberlegt nicht lange, sondern verzieht recht schnell sehr angewidert das Maul, stĂ¶ĂŸt ein lautes Iiih-Aaah aus und beobachtet unauffĂ€llig die Reaktion seiner Mitesel. Die halten im gedankenlosen Abgrasen sauren Grases und harter Disteln inne, und sehen sich aufgeschreckt und mitfĂŒhlend nach dem Leidenden um. NatĂŒrlich beginnt ihnen der Speichel zu fließen in Anbetracht der beiden leckeren Haufen.
Er sei, erklĂ€rt der kapitale Esel mit belegter Stimme und senkt betrĂŒbt den Kopf, auf zwei fĂŒrchterliche Haufen minderwertigsten, ökologisch-sozioökonomisch-umwelt- und familienpolitisch Ă€ußerst bedenklichen Heus gestoßen. Einen Haufen wolle er entsorgen, dieses Opfer bringe er fĂŒr die sozialpartnerschaftliche Eselsgemeinschaft. Mit dem anderen aber sei er ĂŒberfordert, seine Gesundheit wĂŒrde Schaden nehmen. Man möge ihm zur Seite gehen und sich in die Entsorgung des zweiten Haufens teilen.
Die vielen Esel sehen einander begriffsstutzig an. Wie das gehen solle, wollen sie wissen. Da liege ja nur ein einziger weiterer Haufen, und sie seien doch viele, viele Esel!?
Ein Halm pro Esel, und alle MÀhwertprobleme wÀren aus der Welt, erwidert der bereits heftig schmatzende und keuchende kapitale Esel.
Die Mitesel können ihrem Speichelfluss nicht lĂ€nger widerstehen. Mit spitzer Schnauze klaubt sich jeder aus dem zweiten Haufen seinen Halm und schluckt ihn brav. Jeder einzelne bestĂ€tigt anschließend, es habe sich tatsĂ€chlich um ein ganz besonders bedenkliches Heu gehandelt, ihr geringer Einsatz sei aber nichts im Vergleich zur Leistung des kapitalen Esels bei der BewĂ€ltigung des Problems. Sie klopfen sich gegenseitig aufs Fell, alle sinds zufrieden.

Die zweite Geschichte, die ich kenne, handelt von einem besonders idealistischen Esel. Auf der Visitenkarte dieses Esels steht: Kommunist.
StĂ¶ĂŸt dieser Esel eines Tages auf zwei gleichgroße Heuhaufen. Laut trompetet er: „Ih-ah, Esel, hört die Signale!“
All die anderen Esel versammeln sich und schauen neugierig, was es Neues gebe.
„Genossen!“, trompetet der ideale Esel. „Unsere Sorgen haben ein Ende. Heute stieß ich auf zwei Heuhaufen, eine Hinterlassenschaft unserer Klassenfeinde, der Ochsen. Lasst uns gemeinsam den Sieg feiern und genießen. Ich schiebe die beiden Haufen zu einem einzigen zusammen, so werde ich die ĂŒberall verstreuten Erinnerungen an alle Ochsen zu einem großen, symbolischen Berg des ideologischen Unrats konzentrieren. Dann fresse ich ihn. Ihr werdet Zeuge des historischen Sieges ĂŒber die Hinterlassenschaften der Ochsen sein. Anschließend lasst uns unseren Sieg feiern. Ihr dĂŒrft dafĂŒr von euren VorrĂ€ten bringen.“
Sofort beginnt der ideale Esel mit der Umsetzung seines Planes, schiebt die beiden Haufen zu einem zusammen und frisst ihn auf. AndĂ€chtig sehen die anderen Esel zu. Ja, sie sind Zeuge ihrer wirklichen Befreiung von den verderbten Überbleibseln der ĂŒberlebten Ochsen, die wohl eine Wiese weitergezogen sind.
Als der ideale Esel mit einem lauten Furz den Abschluss seines Kampfes verkĂŒndet, brechen alle in lautes Jubelgeschrei aus. Bis spĂ€t in die Nacht wird der Sieg gefeiert.

Die dritte Geschichte erzĂ€hlt von einem philosophisch veranlagten Esel. Als er auf die beiden Heuhaufen stĂ¶ĂŸt, ĂŒberlegt er nicht lange. Sein Wille zu einer besonderen Form der Analyse ist sehr ausgeprĂ€gt: diese Form heißt „Dekonstruktion“. Er nimmt Halm fĂŒr Halm und legt sie fein sĂ€uberlich nebeneinander. Immer wieder hört man ihn murmeln: „Grashalm, getrocknet.“ Als alle Halme nebeneinander liegen und von den beiden Haufen nichts mehr zu sehen ist, kommt ein Windstoß und weht die schöne Ordnung ĂŒbers Feld. Der dekonstruktive Esel macht sich ein paar Notizen, die er spĂ€ter zu einem umfangreichen Essay ĂŒber eine „transzendentale Feldtheorie des Grases“ aufblĂ€hen wird, und wandert guten Mutes und beseelt vom unerschöpflichen Willen zu immerwĂ€hrenden weiteren Dekonstruktionen fröhlich zum nĂ€chsten Acker.

Die letzte Geschichte, die ich erzĂ€hle – jeder kann sich denken: die Zahl der Geschichten ist Legion, sie verhĂ€lt sich ziemlich proportional zur Zahl der Esel und ihrer Berufe, und jeder weiß eine zu erzĂ€hlen und sei’s die eigene –, die letzte Geschichte also, die ich erzĂ€hle, handelt von einem geheimen Esel, der ganz im Verborgenen ein Anarchist ist. Dieser Esel tritt auf zwei Heuhaufen und weiß nicht, vor welchem er zuerst davon sprengen soll...

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