Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92228
Momentan online:
347 Gäste und 22 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die weisse Nacht
Eingestellt am 11. 08. 2007 22:49


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
animus
???
Registriert: Mar 2006

Werke: 60
Kommentare: 42
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um animus eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Die weisse Nacht


Es ist schon einige Wochen her, dass ich Iris besucht habe. Ich stand an der T├╝r und klopfte leise an. Ihre Klingel war schon immer kaputt, genauso wie das Licht im Treppenhaus.
Kein lautes Zurufen, „immer herein“, kam mir entgegen wie sonst. Nichts r├╝hrte sich. Ich dr├╝ckte gegen die T├╝r und sie ging langsam auf.

Die ungew├Âhnliche Dunkelheit des Flures und dieser Nacht verwandelte sich ins Wei├č. Das Zimmer lag im hellen Licht der vielen Teelichter. Iris musste ein paar Hundert ├╝ber das Zimmer und der Diele verteilt haben. An manchen Stellen bildeten sie sternf├Ârmige Muster und sie warfen fantasievolle Schatten an die W├Ąnde. In den Wandspiegeln, die hinter Iris die ganze Wand abdeckten, flackerte es wie ein Schwarm gro├čer Leuchtk├Ąfer.
Iris, vom Licht der Kerzen umgeben, sa├č aufrecht in ihrem schwarzen Lederstuhl. Sie bewegte sich nicht, sondern sie schaute konzentriert auf ihre H├Ąnde, die in ihrem Scho├č lagen, und vergoss Tr├Ąnen. Ihr v├Âllig durchn├Ąsstes Haar hing ihr ins Gesicht und das leichte Zucken ihres Kopfes verriet, dass sie in sich schluchzte ohne ein Laut von sich zu geben.
Ich setzte mich ihr gegen├╝ber auf einen alten unbequemen Stuhl kaum f├╝nf Meter von ihr entfernt und schaute sie an. Nicht in ihr Gesicht, sondern auf ihre H├Ąnde, die sie immer noch in ihren Scho├č presste und anstarrte.
Langsam drehte ich mir eine Zigarette, schaute dabei hin und wieder Iris an. Sie r├╝hrte sich nicht.
Ich schnippte die Tabakbr├Âsel in ihre Richtung und z├╝ndete mir die Zigarette an, ohne sie aus den Augen zu lassen. Nach einiger Zeit blies ich den Rauch in ihre Richtung. Der Rauch erreichte sie nicht, er verschwand auf halbem Wege, genauso wie sie meine Gedanken nicht erreichten
oder ihre Gedanken mich nicht erreichten.

„Wie schwer bist du denn, Iris?“ fragte ich sie. „F├╝nfundvierzig Kilo wiege ich zurzeit. Warum?“, antwortete sie langsam, ohne mich anzuschauen.
„Es wird einige Stunden dauern, bis du es hinter dir hast,“ sagte ich zu ihr und zeigte mit der Zigarette in Richtung ihres Scho├čes.
„Was hast du dir dabei gedacht? Du wirst es wieder nicht durchstehen.
Der wievielter Versuch ist es jetzt eigentlich? Ich bleibe nicht die ganze Nacht hier sitzen. In ca. zwei Stunden gehe ich. Zu dieser Zeit wirst du noch halbwegs bei klarem Verstand sein. Du wirst aufstehen und Hilfe holen.
War doch bei deinem letzten Versuch genauso. Also, was soll das Theater?“
Iris sagte kein Wort, sie schaute nicht hoch, sondern presste ihre H├Ąnde fester in ihren Scho├č.
Die Tr├Ąnen liefen ihr das Gesicht hinunter und verschwanden in ihrem Kleid. Ihr wei├čes Kleid strahlte derma├čen hell, dass es mich schon fast blendete. W├Ąre nicht der rote Fleck in ihrem Scho├č, w├╝rde sie einen strahlend wei├čen, unschuldigen Engel leibhaftig verk├Ârpern k├Ânnen.

„Ich werde sp├Ąter deine Mutter anrufen und ihr sagen, sie m├Âchte nach dir schauen. Hast du mir noch etwas zu sagen?“, fragte ich sie und blies ihr n├Ąchste Rauchwolke entgegen. Ihre Stummheit beunruhigte mich.
Ich kannte Iris als eine sehr gespr├Ąchige junge Frau, die immer das letzte Wort haben musste, die gerne lachte und leidenschaftliche Diskussionen f├╝hrte.
Ein strahlend wei├čes Kleid hatte sie an. Es passte sehr gut zu ihr. Ihre kleine F├╝├če zierten
wei├če elegante Schuhe. Etwas kam mir fremd an ihr vor. Ich ├╝berlegte, was es sein k├Ânnte, was sie heute anders erscheinen l├Ąsst, als sonst. Es war ihr Haar. Es war rot gef├Ąrbt und darin steckte eine wei├če Rose. Rot. Es war ihre Lieblingsfarbe. Sie trug immer etwas Rotes. Heute war es das eigene Haar.
Iris presste, ich konnte die Anspannung ihren Armen ansehen, ihre H├Ąnde kr├Ąftiger in ihren rot gef├Ąrbten Scho├č. Die dunkelroten Rinnsale, die aus ihren Handgelenken flossen, f├Ąrbten das wei├če Kleid in fantasievollen Mustern. Etwas vom z├Ąhfl├╝ssigen Rot tropfte auf den Boden zwischen ihren Beinen und bildete eine kleine Lache unter ihr. Eine Farbkomposition von Wei├č und Rot. Unschuld und Liebe.

Nach zwei Stunden, von denen wir uns anderthalb Stunden nur schweigend gegen├╝ber gesessen haben, nahm ich meine Sachen und schloss die T├╝r hinter mir, ohne ein Wort zu sagen.
Mir fiel wieder die ungew├Âhnliche Dunkelheit dieser Nacht auf. Eine tief dunkle Nacht, die ein wei├č erleuchtetes Zimmer in sich barg und in dem ein rothaariges M├Ądchen auf einen neuen Tag wartete.
Ich blieb f├╝r einen Augenblick vor dem Haus stehen und schaute zum Fenster hin, hinter dem das Wei├č mit dem Rot sich vermischte. In irgendeinem Haus ging das Bellen eines Hundes ins Heulen ├╝ber.

Eine Woche sp├Ąter stand ich auf dem Hauptfriedhof und beobachtete von Weitem eine kleine Gruppe von Menschen. Ich h├Ârte dem schmalzigen Gerede des Pfarrers und dem lauten Weinen einer Frau zu, die gerade am Grab stand und ein paar Blumen runter warf.
Iris Mutter.
Als die Zeremonie zu Ende war und alle Trauerg├Ąste sich zum Leichenschmaus begaben, ging ich zum offenen Grab und warf eine wei├če Rose runter. Der wei├če Sarg im dunklen Loch des Grabes machte einen bedr├╝ckenden Eindruck auf mich. Er erinnerte mich an die dunkle Nacht und das wei├če Zimmer. Ich setzte mich auf den H├╝gel der frisch ausgehobenen Erde und schaute hinunter zur Iris.
„Ich habe in der Nacht deine Mutter angerufen“, sprach ich zu Iris. „Sie sagte mir: „Diese kleine Hure kann mir gestohlen bleiben. Ich habe keine Tochter mehr. Sage ihr, dass ich meinem Mann blind vertraue, sie soll keine Ger├╝chte in die Welt setzten.“
Noch eine Weile blieb ich am Grab sitzen und br├Âckelte schwarze Erdklumpen auf den wei├čen Sarg. Die Ger├Ąusche erinnerten mich an mein leises Klopfen vor eine Woche an Iris T├╝r. Eine T├╝r, die nie wieder aufgehen wird.
„Ich habe unsere Mutter nie lieb gehabt“, schrieb ich mit dem Finger in die schwarze Erde und ging.




[┬ęanimus]
__________________
Die alten Tr├Ąume waren gute Tr├Ąume.
Sie gingen nicht in Erf├╝llung, aber
ich bin froh sie gehabt zu haben.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!