Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92257
Momentan online:
219 Gäste und 3 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die wortlose Flucht des Doktor Karlheinz S.
Eingestellt am 26. 04. 2002 12:29


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Klaus Zankl
Hobbydichter
Registriert: Apr 2002

Werke: 4
Kommentare: 3
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Die wortlose Flucht des Doktor Karlheinz S.

Erster Teil

Es ist schon ein paar Jahre her, als ich morgens aufwachte und krampfhafte Schmerzen im Unterleib versp├╝rte. Als ich kurz darauf Wasser lie├č, brannte die Harnr├Âhre so sehr, da├č ich mich beim Pinkeln kr├╝mmen mu├čte. Was war geschehen? Offenbar hatte ich mir einen Infekt zugezogen, wahrscheinlich war die Blase entz├╝ndet, vielleicht auch die Prostata. Schnell war mir klar, da├č sich besser ein Urologe der Sache annehmen sollte, damit ich meine Beschwerden m├Âglichst rasch loswerden und sie nicht chronisch werden w├╝rden.
Schon war das Telefonbuch zur Hand; ich ├╝berblickte rasch die Eintr├Ąge der Fach├Ąrzte f├╝r Urologie und suchte mir nach dem Zufallsprinzip den n├Ąchstbesten heraus. Er trug den Allerweltsnamen Doktor Karlheinz S. und hatte seine Praxis in einem n├Ârdlichen Teil meiner Heimatstadt.
So, ich schl├╝rfte meinen Morgenkaffee, nagte noch an einem Butterbrot und wollte anschlie├čend erst einmal in die Badewanne gehen, denn wer w├╝rde schon ungewaschen bei einem Urologen vorstellig werden wollen, bei dem man sich ja sehr wahrscheinlich freimachen sollte, damit Herr Doktor eine differenzierte Diagnose stellen konnte? Aufgeregt war ich auch schon ein bi├čchen, denn gerade dieses bl├Âde Freimachen gegen├╝ber mir unbekannten Menschen, so sehr mir sein Sinn auch einleuchtete, war freilich alles andere als mein Hobby. Au├čerdem habe ich in meinem Leben immer wieder einmal verschiedene Phobien erlebt, vor allem soziale Phobien - das hei├čt, ich neigte hier und da zum Stammeln oder Stottern - und Kanzerophobien, also Krebs├Ąngste.
Nach dem Baden, nat├╝rlich hatte ich es nicht vers├Ąumt, mir auch noch frische W├Ąsche anzuziehen, bestieg ich den n├Ąchsten Bus und brauchte ungef├Ąhr zwanzig Minuten, bis ich am Zielort eintraf. Die Praxis des Arztes befand sich noch zwei Ecken weiter, ich hatte keine M├╝he, sie zu finden.
Zum Gl├╝ck waren nur wenige Patienten zugegen, so da├č gute Aussichten bestanden, auch ohne Termin bald beim Doktor vorsprechen zu k├Ânnen. Es gab hier nur eine einzige Sprechstundenhilfe, auch die R├Ąumlichkeiten waren eher klein und bescheiden - eine drollige Praxis eben.
Ich suchte mit den ├╝brigen Patienten ein kurzes und leises Gespr├Ąch, um meine Aufregung und die Phobien, die nun nat├╝rlich noch etwas zugenommen hatten, durch das Gef├╝hl, ich sei nicht allein, zu d├Ąmpfen.
Na bitte, nach f├╝nfzehn Minuten war es dann soweit, die Sprechstundenhilfe holte mich aus dem Warteraum ab und f├╝hrte mich in das Behandlungs - und Untersuchungszimmer, in dem sich Doktor S. bereits befand. Er sa├č auf einem Stuhl und schaute bei meinem Eintreten kurz hoch und dann auf das Patientenblatt, das ihm inzwischen vorlag. Die Sprechstundenhilfe bat mich platzzunehmen, verlie├č das Zimmer und schlo├č die T├╝re hinter sich. Merkw├╝rdig schien mir, da├č niemand von mir eine Urinprobe verlangt hatte.
Doktor S. sah schon ein wenig wunderlich aus, er war wohl Mitte f├╝nfzig, hatte einen leicht pyknischen K├Ârperbau und gro├če speckige H├Ąnde. Die paar Haare, die er noch hatte, waren grau; auf seiner Nase trug er eine gro├če Hornbrille.
Herr S. fragte nun, was er f├╝r mich tun k├Ânne; er vermied jeden Blickkontakt und starrte weiter auf das Patientenblatt.
Ich beantwortete seine Frage so gut es mir m├Âglich war, ich wies mit etwas unsicherer Stimme auf meine Beschwerden hin und schilderte meine Vermutung einer Entz├╝ndung. Der Doktor sagte nichts, blickte nicht hoch, schrieb aber ein paar S├Ątze. Nachdem er etwa eine Minute geschwiegen und immer noch nicht hochgeschaut hatte, ├╝berlegte ich, ob er alles verstanden und ├╝berhaupt zugeh├Ârt habe. Da ich zweifelte, erz├Ąhlte ich meine Geschichte noch einmal, wieder mit etwas d├╝nner Stimme und wartete auf eine Reaktion. Er schrieb wieder einige S├Ątze auf. Dann bat er mich, mit in das Nebenzimmer zu kommen, in dem er mich untersuchen werde. Wir liefen hin├╝ber.
Jetzt kam die erwartete Aufforderung: ÔÇ×Bitte machen Sie den Unterleib frei!"
Ich dachte nur ÔÇ×├ľhhhh!" und lie├č etwas widerwillig die Hose samt Unterhose fallen - nun war ich unten nackt!
Als Herr S. meinen Penis sah, ri├č er die Augen auf, als s├Ąhe er nicht eben diesen Penis, der nicht sonderlich gro├č oder klein war, sondern eine angewachsene Banane von Onkel Tuca. Fehlte nur noch, da├č er in sie hineingebissen und von ihr gekostet h├Ątte. Dann merkte er sein eigenes Verhalten und verkleinerte seine Augen wieder auf das vorherige Ma├č.
Mensch, was war das blo├č f├╝r ein Arzt?
Na ja, er zog nun an meinem Penis und strich ihn mit den H├Ąnden regelrecht aus, wahrscheinlich um zu sehen, ob Eiter heraustreten w├╝rde. Jetzt sollte ich mich umdrehen, mir war gleich klar, warum: jetzt wollte er mich rektal untersuchen! Und tats├Ąchlich, er zog sich einen Gummihandschuh ├╝ber die rechte Hand und legte seinen speckigen Mittelfinger auf meinen After. Er forderte mich auf, ÔÇ×gegenzupressen", ich wu├čte nicht gleich, was er meine, nur langsam d├Ąmmerte es mir, ja genau, der After sollte sich dadurch ├Âffnen. Ich erwiderte, ein Eindringen in meinen After sei auch so m├Âglich, vorausgesetzt, ich w├╝rde nicht gerade dichtkneifen.
Und in der Tat, er f├╝hrte nun seinen Finger ein und dr├╝ckte dabei auf die Prostata. Junge, Junge, das tat aber weh! Die Prostata war also offenbar entz├╝ndet!
Nach dieser Untersuchung wollte der Doktor noch die Blase mittels Ultraschall betrachten, um zu sehen, ob sie an der Entz├╝ndung beteiligt w├Ąre. Ich legte mich auf einen Tisch, w├Ąhrend er mit dem Sensor des Ultraschallger├Ątes meine Blase abtastete und dabei auf den Monitor schaute. Er konnte nichts Auff├Ąlliges erkennen, so blieb es bei der Diagnose der Prostatitis. Ich konnte mich wieder anziehen. S. gab mir ein Fl├Ąschchen mit Tropfen; er sagte, immer noch ohne mir ins Gesicht zu schauen, ich solle morgens und abends zwanzig Tropfen davon nehmen, mir werde es bald besser gehen.
Die Untersuchung war beendet, das Medikament ├╝berreicht, ich konnte wieder nach Hause fahren und mich erst einmal ausruhen - Gott sei Dank!

Zweiter Teil

Einige Tage waren vergangen, und nat├╝rlich hatte ich die Tropfen genommen, schlie├člich wollte ich wieder gesund werden. Der Beipackzettel versprach ÔÇ×krampfl├Âsende Eigenschaften", aber ich ├╝berlegte mir, ob ein Pr├Ąparat, das urs├Ąchlich gegen Bakterien gewirkt h├Ątte, nicht sinnvoller gewesen w├Ąre, als ein Mittel zu verwenden, welches allenthalben die Symptone lindert. Wie auch immer: die Tropfen hatten nicht die geringste Wirkung, weder urs├Ąchlich noch symptomatisch, die Schmerzen wollten nicht weichen, es blieb bei dem Brennen und Dr├╝cken. Na, hatte ich wirklich nur eine Prostatitis? Warum wirkten dann die Tropfen nicht in der einen oder anderen Weise? Hatte ich nicht doch einen Tumor, den der Arzt vielleicht ├╝bersehen hatte? Mir war gar nicht mehr wohl in meiner Haut. Steckte ich gar schon voller Metastasen? War ich ├╝berhaupt noch zu retten? Oder war alles verloren? Tja, ich mu├čte wohl oder ├╝bel noch einmal zu Doktor S. fahren, um mit ihm dar├╝ber zu sprechen. Ich steckte vielleicht in der Klemme!
Folgerichtig badete ich wieder, setzte mich in den Bus und suchte noch einmal die Praxis S. auf. Alles verhielt sich so, wie beim ersten Mal. Ich wartete wieder etwa f├╝nfzehn Minuten, unterhielt mich wieder mit einigen Patienten, um mir Mut anzuquasseln und wurde dann zu Herrn Doktor gef├╝hrt, der wieder nur kurz hochschaute und danach auf das Patientenblatt starrte. Beim Hinsetzen f├╝hlte ich einen geh├Ârigen Schwindel, und meine H├Ąnde waren klatschna├č.
Herr Doktor fragte erwartungsgem├Ą├č, was er f├╝r mich tun k├Ânne.
Ich erkl├Ąrte meine Lage, wie es mir unter diesen Umst├Ąnden m├Âglich war, etwas hastig, etwas aufgeregt, vielleicht nicht ganz deutlich.
S. schaute nicht, sagte nichts, keine Urinprobe, aber er schrieb wieder. Erneut kam in mir der Eindruck auf, er verstehe nichts, h├Âre nicht einmal hin. Also wiederholte ich alles. Schweigen. Also: zum dritten Mal erl├Ąuterte ich, wie gesagt, so gut ich konnte.
Der Doktor sprang auf, sagte, ich solle mitkommen. Ah, jetzt w├╝rde er mich nochmal untersuchen! Klasse!
Allerdings lief er nicht in das nebenstehende Behandlungszimmer, sondern ins Vorzimmer zu seiner Sprechstundenhilfe. Dort legte er mein Patientenblatt auf den Tresen. Ich war inzwischen gefolgt, wie er es wollte. Zu meiner gro├čen ├ťberraschung gab er mir seine fette rechte Hand, sch├╝ttelte sie und rannte wortlos in den Behandlungsraum zur├╝ck; seine T├╝re schlo├č er rasch. Nanu, der Arzt war vor mir geflohen! Die Sprechstundenhilfe schaute mich bl├Âd an, ich schaute bl├Âd zur├╝ck. Glaubte man mir denn nicht? Oder hatte man mich einfach nur mi├čverstanden?
Es hatten sich in mir tiefe Zweifel gebildet - war ich oder war ich nicht?
Es n├╝tzte alles nichts, ich fuhr erst einmal nach Hause und mu├čte mich setzen, zu viel Eigenartiges hatte ich heute erlebt und l├Ąngst nicht verdaut!
Dritter Teil

In der folgenden Zeit hatte sich bei mir nichts ge├Ąndert, ich nahm immer noch die Tropfen, obwohl es nichts nutzte, ich besch├Ąftigte mich immer noch mit meinen Tumorphantasien, zweifelte, hatte Angst. Nein, so konnte es nicht weitergehen! Jetzt wollte ich zum dritten Mal zu S. fahren und geh├Ârig auf den Putz klopfen! Also: Baden, Fahren, Warten, Vorstelligwerden. Welch ein Stre├č f├╝r mich!
Als ich ihn wieder vor mir sah, erz├Ąhlte ich ihm nach bekanntem Muster meine alte Geschichte.
ÔÇ×Ach ja!", schrie er, ÔÇ×ach ja!"
Er stand auf, sagte, ich solle mitkommen. Er legte wieder das Patientenblatt seiner Sprechstundenhilfe auf den Tresen, wollte meine Hand sch├╝tteln, die ich wegzog, rannte wortlos in sein Behandlungszimmer und schlo├č die T├╝re.
Die Sprechstundenhilfe warf mir geheimnisvolle Blicke zu, als d├Ąchte sie, da stehe der Simulant, den Doktor S. l├Ąngst als solchen enttarnt habe, aber wie gut, da├č er, der Simulant, nicht wisse, da├č sie l├Ąngst Kenntnis davon h├Ątte.

Ich fuhr zur├╝ck.

Nur einen Tag sp├Ąter besuchte ich einen anderen Urologen; zwar hatte ich mich inzwischen etwas beruhigt, aber nat├╝rlich war in mir das Gef├╝hl des Mi├čtrauens gegen├╝ber der ├ärzteschaft immer noch sehr lebendig. Ich fragte ihn, ob er die bereits gestellte Diagnose der Prostatitis best├Ątigen und er ein anderes Medikament zur Verf├╝gung stellen k├Ânne als das letzte, denn es habe nicht gewirkt. Auch stellte ich die Frage nach einem m├Âglichen Tumor, diesmal in einer etwas klareren Aussprache. Die nachfolgende Untersuchung war sehr viel professioneller als vorher, der Arzt sprach mit mir, war freundlich, er erl├Ąuterte, sah mich dabei an und konnte einen Tumor definitiv ausschlie├čen. Welch Erleichterung f├╝r mich! Am Ende gab er mir nicht etwa auch Tropfen mit, sondern eine Schachtel mit einem Antibiotikum. Er sagte, die akute Prostatitis m├╝sse gleich mit einem solchen Medikament behandelt werden, damit sie nicht chronisch werde.
Nach zehn Tagen der Einnahme war es dann soweit: ich hatte keine Schmerzen mehr!

Nach all diesen grotesken Eindr├╝cken, mein Friseur h├Ątte mich medizinisch wahrscheinlich besser beraten k├Ânnen, kam mir in den Sinn, die ├ärztekammer anzuschreiben und sie zu fragen, ob S. ├╝berhaupt ein zugelassener Mediziner sei und er eine Doktorarbeit abgelegt habe, da ich sehr an seiner Qualifikation zweifle. Schlie├člich konnte sich jeder ein Schild vor die T├╝re h├Ąngen und mit Titeln gl├Ąnzen!
Nach wenigen Tagen antwortete sie sogar und teilte mir lapidar und h├Âhnisch mit: ÔÇ×Gerne setzen wir Sie davon in Kenntnis, da├č Herr Doktor S. promoviert ist und die Approbation als Arzt besitzt."
Die Kammer deckte S. also und wollte au├čerdem mit Fremdw├Ârtern gl├Ąnzen, von denen sie w├Ąhnte, ich kenne sie nicht! Auch stellte mir niemand Fragen, bei denen ich meine Zweifel h├Ątte ausf├╝hrlich begr├╝nden und somit glaubhaft darstellen k├Ânnen!

Alles in allem ist die Unf├Ąhigkeit fast der kompletten ├ärzteschaft durchaus bekannt und nichts Neues. Aber die hier beschriebenen Gegebenheiten erreichen eine neue Dimension und l├Ąuten somit eine weitere Runde des nichtwahrgenommenen oder abgestrittenen Versagens ein, vielleicht k├Ânnte man sogar von einem Verbrechen am Patienten sprechen! Und geht es darum, den Kollegen vor R├╝gen, Strafprozessen und Regre├čanspr├╝chen zu sch├╝tzen, halten sie alle zusammen bis zum Meineid!

Was S. betrifft, so ÔÇ×praktizierte" er noch einige Jahre weiter und verabschiedete sich dann in die, wie er wahrscheinlich bis heute meint, wohlverdiente Pension. Na gut, wenn er jetzt nur noch Erdbeeren z├╝chtet, kann er zumindest im beruflichen Sinne keinen Schaden mehr anrichten!

Ende

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!