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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die wunderliche Geschichte von Claudia
Eingestellt am 02. 07. 2002 14:51


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Klaus Zankl
Hobbydichter
Registriert: Apr 2002

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Die wunderliche Geschichte von Claudia

Erster Teil

Ich glaube, es war im Jahre 1986. Ich war gerade zweiundzwanzig Jahre alt geworden und hatte an der Fachhochschule mein erstes Semester Maschinenbau absoviert und war vom Pr├╝fungsstre├č noch etwas m├╝de. Trotzdem war ich frohgestimmt, da nun die Semesterferien begonnen hatten, die zweieinhalb Monate dauern w├╝rden. So kam es, da├č ich w├Ąhrend dieser Zeit unter anderem die eine oder andere Fahrradtour unternahm, um mich auch einmal den angenehmeren Dingen des Lebens zu widmen. Als ich dabei einmal zum Strande fuhr, kamen mir dort zwei Frauen mit ihren R├Ądern und flatternden, wei├čen R├Âcken entgegen, die mir nur deswegen aufgefallen waren, weil sie mich anscheinend wohlwollend musterten und dann an mir vorbeisausten. Die eine mag so etwa zwanzig Jahre alt gewesen sein, die andere etwa vierzig. Da beide blonde Haare und und eine ├Ąhnlich spitze Nase hatten, durfte ich annehmen, da├č es sich bei ihnen um Mutter und Tochter handelte. Ich will nun nicht prahlen, aber aufgrund meines herzf├Ârmigen Mundes, meiner rosa Wangen, meiner ebenfalls blonden und an den Spitzen lockigen Haare und der Stupsnase hatte sich schon so manches M├Ądchen nach mir umgeschaut, ohne das ich, zumeist aus purer Faulheit, darauf reagiert oder etwas Weiterf├╝hrendes daraus gemacht h├Ątte. Daher war ich auch in dieser Angelegenheit weder sonderlich ├╝berrascht, noch speziell interessiert. So fuhr ich einfach weiter und hatte die Begebenheit nach kurzer Zeit bereits wieder vergessen.
Gern besuchte ich w├Ąhrend meiner freien Tage auch Kneipen und Diskotheken, um mit meinen Freunden Uwe und Thorsten einen zu zischen, zu reden, zu philosophieren, zu albern oder einfach nur dummes Zeug zu reden. Ich glaube, jedermann sollte das Recht haben, auch einmal dummes Zeug reden zu d├╝rfen, ohne gleich als Dummkopf hingestellt zu werden, und daf├╝r konnten meine Freunde, wie ich selbst nat├╝rlich auch, garantieren.
Als wir eines Abends dem ÔÇ×York", einer Diskothek, einen neuerlichen Besuch abstatteten, mu├čten wir zumindest k├Ârperlich t├╝chtig dr├Ąngeln, um ├╝berhaupt noch Einla├č zu erhalten, so voll war das Lokal. Das Dr├Ąngeln hatte Erfolg, nun waren wir drinnen und k├Ąmpften uns zum Tresen vor, um, obschon alkoholisch bereits angeheitert, ein paar weitere Runden zu bestellen. Das Bier schmeckte heute vielleicht! Nachdem wir unser Bier bekommen hatten, stellten wir uns damit an die Tanzfl├Ąche, um den hei├čen Rhythmen zu lauschen und den h├╝bschen M├Ądchen beim Tanzen zuzusehen. Ich selbst tanzte nie, zum einen konnte ich es nicht, und zum anderen h├Ątte ich mich dabei, vielleicht aus einer Neurose heraus, beobachtet gef├╝hlt.
Ich schaute gerade ohne besonderen Grund zur linken Ecke der Tanzfl├Ąche, als ich dort zwei M├Ądchen sah, die auf mich zeigten und anscheinend ├╝ber mich redeten. Eigentlich war es mir gleich, ob sie........momentmal! Die eine von ihnen kannte ich doch, es war dieselbe, die mir neulich am Strande entgegengekommen war! Sie hatte mich gleich wiedererkannt, obwohl sie doch so z├╝gig an mir vorbeigefahren war! Nun machte sie mir auch noch ein h├╝bsches Gesicht, sch├Âne Augen und winkte kurz mit der rechten Hand. Nanu, was sollte das wohl? Wollte sie etwa von mir angesprochen werden? Allerdings h├Ątte ich auf Anhieb nicht gewu├čt, was ich h├Ątte sagen sollen, dazu noch meine Tr├Ągheit und auch die Enge in diesem Schuppen, die mich abermals dazu gezwungen h├Ątte, mich zum Ziele durchzuk├Ąmpfen, lie├čen mich nicht reagieren. So beschr├Ąnkte ich mich einfach darauf, ihre Pers├Ânlichkeit zu betrachten und mir ihre Frohlockungen anzuschauen.
Thorsten der Idiot war inzwischen so besoffen, da├č er sich am Tresen bei der Bestellung eines weiteren Bieres kaum noch artikulieren konnte und dazu von der gutaussehenden, weiblichen Bedienung gek├╝├čt zu werden verlangte. Er machte dazu mehrfach einen runden Mund und schmatzte gen├╝├člich dabei. Die Quittung hierf├╝r war, da├č ihm jeglicher Alkohol verweigert und ihm anbei das baldige Verlassen der Diskothek nahegelegt wurde. Thorsten winkte Uwe und mich heran und lallte, wir m├Âgen f├╝r ihn bestellen und ihm dann das Bierchen ├╝berreichen. Doch die Bedienung hatte das trotz der lauten Musik geh├Ârt und winkte gleich ab, als ich auch nur ein Wort sagen wollte. Wir wu├čten allerdings, da├č es hier noch Nebenr├Ąumlichkeiten gab, an deren Tresen wir nat├╝rlich auch h├Ątten bestellen k├Ânnen. Ein Blick zu meinen Freunden, obgleich beide blau, reichte v├Âllig aus, um den Gedanken zu vermitteln. So tranken wir also nebenan weiter, bis sich alles so sehr drehte, da├č es wirklich keinen Zweck mehr hatte, hierzubleiben, sondern nach zu Hause zu fahren und den Rausch auszuschlafen.

Zweiter Teil

Die Ferien waren nun vergangen, leider viel zu schnell, ich konnte kaum sagen, wo die Zeit geblieben war. Die Vorlesungen hatten wieder begonnen, und so ich fand mich p├╝nktlich in der Hochschule ein, um den Lernstoff nicht zu verpassen. Immerhin waren die Klausuren meist sehr schwierig, und so wu├čte ich l├Ąngst, da├č sie nur zu l├Âsen waren, wenn man sein Studium diszipliniert absolvierte.
In der ersten Vorlesungspause stand ich in der Mensa, um Kaffee zu trinken und eine zu rauchen. Das Rauchen war an diesem Orte nicht gerngesehen, aber es k├╝mmerte mich nicht, zu gro├č war der Schmacht nach Nikotin. Etwas gelangweilt sog ich den Rauch ein, als einige offenbar frisch immatrikulierte Studentinnen die Mensa betraten und sich in meiner N├Ąhe an einen Tisch setzten. Eine von ihnen sah mich mit gro├čen, lieben Augen an, ich schaute verdutzt zur├╝ck. Mensch, was f├╝r ein neuerlicher Zufall! Schon wieder sah ich mich demselben Weibe gegen├╝ber, das ich am Strande und im ÔÇ×York" gesehen hatte! Klar, da├č ich nun Gespr├Ąchsthema bei den M├Ądchen war, nat├╝rlich h├Ârten sie gespannt die Geschichte von ihr und mir und unseren stets zuf├Ąlligen Begegnungen. Mal schauten die Studentinnen zu mir her├╝ber, mal h├Ârten sie ihrer Freundin weiter zu. So gingen die K├Âpfe hin und her, bis die Geschichte zuende erz├Ąhlt war.
Blo├č was sollte ich jetzt tun? Sollte ich sie jetzt ansprechen? Vor all den anderen M├Ądchen? Au├čerdem schwirrten mir mathematische Formeln durch den Kopf, deren Sinn ich noch gar nicht ganz verstanden hatte und ├╝ber die ich gr├╝belte. Nein, jetzt war schon wieder nicht der richtige Zeitpunkt gekommen, auch gel├╝stete es mich zur Zeit nicht, h├Ąndchenhaltend und meinetwegen bei Vollmond am Deiche oder sonstwo spazierenzugehen. Ich wollte momentan von der Frauenwelt eigentlich gar nichts wissen, dies sollte keine Entscheidung f├╝r immer sein, aber momentan.......
Es liegt auf der Hand, da├č ich das blonde M├Ądchen mit der spitzen Nase im Laufe des Semesters noch mehrere Male gesehen hatte; nie wurde sie m├╝de, mich freundlich und fordernd anzuschauen; ich reagierte nie. Da ich mit ihr noch kein einziges Wort gewechselt hatte, kannte ich dementsprechend nicht einmal ihren Namen. Ich nannte sie daher im stillen ÔÇ×Claudia", weil ich subjektiv den Eindruck hatte, dieser Name passe gut zu ihr.
Auch dieses Semester war irgendwann vor├╝ber, die Klausuren standen wieder einmal bevor, f├╝r die ich zu Hause flei├čig gelernt hatte. Insgesamt sollten es acht St├╝ck sein, die zu l├Âsen waren. Mit einigen tat ich mich recht schwer, sie wurden dementsprechend auch nur mit einer knappen Vier bewertet, andere fielen mir sehr viel leichter und es wurde eine Zwei daraus. Eine Arbeit ging in die Hose, F├╝nf, n├Ąmlich im Fache Mathematik. Aber noch war nicht aller Tage Abend und ich wu├čte, da├č ich diese verlorene Klausur im n├Ąchsten Semester hoffentlich erfolgreich wiederholen k├Ânne.
Die Wintersemesterferien waren viel k├╝rzer, als die des Sommers, nur vier Wochen, aber in ihnen konnte ich ein weiteres Hobby pflegen, n├Ąmlich das des Spielens in Spielhallen. Nicht, das ich viel Geld gehabt h├Ątte, nat├╝rlich nicht, aber ich beschr├Ąnkte mich dabei ohnedies auf das Spielen an Videoautomaten. Die vielen Geldautomaten, die es hier nat├╝rlich auch gab, reizten mich ├╝berhaupt nicht, denn ich hatte fr├╝her das eine oder andere Geldst├╝ck in sie hineingeworfen, aber nie auch nur einen Pfennig zur├╝ckerhalten. Daher war mir l├Ąngst klar, das gro├če Gl├╝ck war mit diesen Groschengr├Ąbern nicht zu machen, also mied ich sie.
Auch f├╝r diese Leidenschaft des Videospielens hatte ich einen Kumpel namens Olaf. Er war seit Jahren arbeitslos und wartete stets ungeduldig auf meine Semesterferien, weil es ihm einfach mehr Spa├č machte, mit mir zusammenzuspielen, als alleine. So kam es, da├č ich ihn w├Ąhrend dieser Zeit bereits morgens mit frischen Br├Âtchen aufsuchte, um mit ihm zun├Ąchst in Ruhe zu fr├╝hst├╝cken und dann mit den R├Ądern zur Spielhalle zu fahren, und dies fast jeden Tag meiner freien Zeit.
Wir trugen regelrechte Wettbewerbe aus, den einen Automaten beherrschte er wegen seiner langen ├ťbung mit gro├čer Virtuosit├Ąt, den anderen ich, und so war mal ich erfolgreicher, und mal er.
Ich kann also wirklich nicht sagen, da├č ich mich in meinen Ferien gelangweilt h├Ątte, morgens war ich mit Olaf unterwegs, und abends mit Thorsten und Uwe.
Als ich eines Mittags nun die Spielhalle verlassen hatte, um mir bei Karstadt einige Schachcomputer und deren Preise anzuschauen, na, wer stand da wohl wieder zuf├Ąllig am Rande der Einkaufsstra├če, klar, Claudia mit ihren Freundinnen. Nat├╝rlich sah und erkannte sie mich gleich mit ihren gro├čen, blauen Augen und winkte mir wieder zu. Also, na ja, also so langsam wurde mir Claudia nicht unheimlich, das nicht, aber doch ein wenig l├Ąstig. Ich hatte keine Zeit, ich wollte doch zu Karstadt, also aus dem Wege. Ich ignorierte sie daher wieder und setzte meine Strecke fort.
Die Schachcomputer bei Karstadt fand ich gleich, ich durfte sogar eine Probepartie spielen, die ich gewann. Aber die Preise waren wirklich teuer bis unerschwinglich, viele hundert Mark f├╝r Ger├Ąte, die mir noch dazu zu klein waren. Ideal w├Ąre das klassische Turnierma├č von f├╝nfzig mal f├╝nfzig Zentimetern gewesen, aber solch gro├če Schachcomputer gab es hier nicht und so verlie├č ich das Gesch├Ąft bald wieder.
Und schon war es abermals Zeit f├╝r Thorsten und Uwe, wir wollten wieder das ÔÇ×York" besuchen und einen zischen. Als wir mit unseren R├Ądern vorfuhren, verlie├čen gerade zwei junge Frauen das Geb├Ąude und kamen uns entgegen. Wer die eine von beiden war, ist l├Ąngst klar, es war Claudia, die mich heute allerdings sehr vorwurfsvoll anschaute und mir nicht etwa wieder sch├Âne Augen machte. In diesem Zustand lief sie an mir vorbei; ich wu├čte nat├╝rlich, warum sie das tat, immerhin hatte ich sie ja nie angesprochen. Aber egal, weg da, ich wollte einen zischen, und Uwe und Thorsten warteten bereits auf mich vor dem Eingang.

Dritter Teil

Im folgenden Semester konnte ich Claudia in der Schule nirgendwo mehr sehen. M├Âglich war, da├č sie nur ein halbes Jahr studiert und sich dann beruflich anders orientiert hatte. Vielleicht aber hatte sie auch einfach keine Lust mehr, weiterzustudieren. In diesem Zusammenhang waren mir schon viele Studenten begegnet, die keinen Antrieb mehr dazu versp├╝rten, sich m├╝hsam bis zum Diplom vorzuqu├Ąlen. Ich pers├Ânlich war aber noch einigerma├čen motiviert.
Die Hochschule selbst bestand aus zwei Geb├Ąuden, dem Hauptgeb├Ąude und dem S├╝dgeb├Ąude. Dementsprechend mu├čten die Kommilitonen und ich st├Ąndig pendeln, um alle Vorlesungen h├Âren zu k├Ânnen. Zwischen den Geb├Ąuden gab es zwei oder drei B├Ąnke, die in den Pausen st├Ąndig besetzt waren und danach nur noch von wenigen Besuchern, die sich hier auch gelegentlich blicken lie├čen, in Anspruch genommen wurden. Diese B├Ąnke hatten eigentlich keine besondere Bewandtnis, wenn nicht eines Tages Claudia, die mir wegen ihrer bisherigen Abwesenheit nicht mehr allzu lebhaft in Erinnerung war, auf einer dieser B├Ąnke gesessen h├Ątte, als ich dort im Zuge einer Freistunde ein wenig spazierenging. Wie lange sie dort schon gesessen hatte, konnte ich nicht sagen, ich gewann rasch den Eindruck, da├č sie bereits morgens gekommen sei, um mich hier nach dem Motto, irgendwann m├╝sse ich ihr ja begegnen, l├Ąge ich nicht krank im Bett, abzupassen. Sie schaute mich ausdruckslos an, ich schaute ausdruckslos zur├╝ck. Sie unternahm nichts, ich unternahm auch nichts.

Ich lief weiter.

Einige Wochen sp├Ąter dann hatte ich doch wieder Lust, einige Damenbekanntschaften zu machen, ich glaube, ich w├Ąre nun auch f├╝r Claudia bereit gewesen, doch konnte ich sie nirgendo mehr sehen. Sie war wie vom Erdboden verschluckt, so aufmerksam ich meine Umgebung auch betrachtete.
Aber im ÔÇ×York" sah ich einmal ein s├╝├čes M├Ąuschen, das etwas scheu an der Tanzfl├Ąche stand, welches etwa mein Alter zu haben schien und bei der nicht erkennbar gewesen w├Ąre, da├č sie einen Freund habe. Ich glaubte auch, sie schon einige Male in meiner Stra├če gesehen zu haben; offenbar wohnten wir ganz in der N├Ąhe. Nun drehte sie sich um und merkte, da├č ich sie die ganze Zeit aufmerksam beobachtet hatte. Fragend sah sie mich an; ich schaute weg, als interessiere ich mich nicht f├╝r sie.
Ich fa├čte einen Plan: Ich wollte solange warten, bis sie nach Hause ginge. Dann w├╝rde ich ihr unauff├Ąllig folgen, um zu sehen, wo sie wohne. H├Ątte ich das herausbekommen, wollte ich mir alle Namen von ihrem Klingelbrett abschreiben, um die Nachbarn unter einem Vorwand anzurufen und zu fragen, wie das h├╝bsche, junge M├Ądchen mit den braunen Augen und den sch├Ânen, schwarzen Haaren hei├če, sofern sie mir den Vorwand geglaubt und dementsprechend Auskunft erteilt h├Ątten. W├╝rde sich dabei durch irgendeinen Umstand, den es noch zu definieren galt, herausstellen, da├č ich mit der Familie der Sch├Ânen selbst spreche, h├Ątte ich nach ihr gefragt, mich ihr telefonisch ein wenig vorgestellt und sie anschlie├čend zu einem Treffen in einem Cafe eingeladen. Auch auf die M├Âglichkeit, da├č sie ganz alleine wohne, ging mir durch den Kopf. Ob die Rechnung insgesamt so aufgehen werde, war mir nicht klar, aber einen Versuch war es mir auf jeden Fall wert.
Und tats├Ąchlich, es verging keine halbe Stunde, bis sie den letzten Schluck ihres Saftes ausgetrunken hatte, ihre Rechnung bezahlte und das Lokal verlie├č. Ich folgte ihr. H├Ątte sie sich nun ein Taxi genommen, w├Ąre wohl mein Plan zunichte gemacht worden, denn ich h├Ątte mich wohl kaum mit der Begr├╝ndung, ich f├╝hre in dieselbe Richtung, in dasselbe Taxi setzen k├Ânnen. Aber nein, sie nahm keines, vielleicht war ihr das Geld zu schade, sie ging nach Hause und ich ihr unauff├Ąllig hinterher. Sie verschwand schon nach wenigen Minuten in der Hausnummer neunundsechzig meiner Stra├če, tats├Ąchlich, wir waren fast Nachbarn. Ich wartete noch ein paar Minuten, bis ich das Gef├╝hl hatte, die Luft sei rein und niemand erahne mein Vorhaben oder st├Âre sich daran. Bald stand ich vor ihrer Haust├╝re, sah auf das Klingelbrett und notierte mir alle Namen.
Ja ja, ich konnte ein richtiger Spitzbube sein, wenn ich nur wollte und auch in der richtigen Stimmung dazu war!

Vierter Teil

Schon am n├Ąchsten Tage nahm ich das Telefonbuch zur Hand und hielt Ausschau nach dem ersten von mir notierten Namen. Es war der Name ÔÇ×Nielsen"; er wurde im Telefonbuch mehrfach aufgef├╝hrt, aber nur einmal unter der Hausnummer neunundsechzig mit dem Vornamen ÔÇ×Emma". Bei diesem Namen sprach eine gewisse Wahrscheinlichkeit daf├╝r, da├č es sich dabei um eine ├Ąltere Frau handele, die die Nachbarin war und welche meinen Plan nur noch besser ausf├╝hrbar erscheinen lie├č, da ich annahm, da├č sie mir aufgrund ihres Alters nicht so viele kritische Fragen stellen werde.
Ich w├Ąhlte ihre Nummer und erreichte sie tats├Ąchlich. Ich nannte f├╝r alle F├Ąlle den Falschnamen ÔÇ×Renz", denn wenn alle Stricke gerissen w├Ąren, ich die Sch├Âne letztendlich also nicht f├╝r mich h├Ątte gewinnen k├Ânnen, so w├Ąre es nach meiner Vorstellung blo├č dienlich gewesen, wenn keiner meine wahre Identit├Ąt gekannt h├Ątte. F├╝r den v├Âlligen Erfolgsfall h├Ątte ich meinen Namen mit der Begr├╝ndung, man habe mich am Telefon blo├č nicht richtig verstanden, korrigiert.
Ich erl├Ąuterte Frau Nielsen, eine junge, h├╝bsche Frau mit schwarzen Haaren habe gestern Abend auf dem Wege nach Hause ihr Portemonnaie verloren, und sie sei in der Hausnummer neunundsechzig verschwunden. Daher erbitte ich ihren Namen, um es ihr zur├╝ckgeben zu k├Ânnen.
Frau Nielsen freute sich ├╝ber meine ÔÇ×Ehrlichkeit" und sagte, es k├Ânne sich dabei nur um Martina Lorenz handeln, die im selben Stockwerk wohne wie sie selbst, ich solle ihr am besten noch heute die Brieftasche zur├╝ckgeben. Ich versprach es gleich, verabschiedete mich und legte auf.
Ich nahm noch einmal zur Kontrolle meine Namensliste hervor, und tats├Ąchlich, der Name Lorenz war von mir notiert worden; die dazugeh├Ârige Telefonnummer fand ich schnell und w├Ąhlte sie. Jetzt kam es drauf an!
Der Stimme nach zu urteilen meldete sich hier eine Dame in den Mittf├╝nfzigern, aber ich mochte mich t├Ąuschen. Ich nannte einfach meinen Falschnamen und bat, die Tochter Martina sprechen zu d├╝rfen. Die Tochter wurde gerufen, und sie meldete sich gleich darauf am Telefon mit ihrem vollen Namen. Ein Schmunzeln lief ├╝ber mein Gesicht; alles hatte bisher so geklappt, wie ich es mir vorgestellt hatte. W├╝rde ich nun mein Ziel erreichen? K├Ânnte ich sie f├╝r mich gewinnen?
Wiederum nannte ich meinen Falschnamen und sagte kurz darauf, ich wisse, da├č sie, Martina, mehr oder weniger meine Nachbarin sei, die ich dementsprechend hier oder dort gesehen h├Ątte und fragte, ob ich sie einmal kennenlernen d├╝rfe. Ich schlug ein Treffen in einem Cafe in der Innenstadt vor. Martina zeigte sich sehr interessiert an mir, so scheu, wie ich sie in der Diskothek erlebt hatte, war sie offenbar gar nicht. Sie stellte die Frage, woher ich ihren Namen wisse, denn dieser stehe ja nicht auf ihrem Hemde, wie bei einem Soldaten. An diese Frage hatte ich noch gar nicht gedacht, verdammt, ich Trottel, nat├╝rlich, diese Frage lag doch auf der Hand, aber in der K├╝rze der Zeit fiel mir keine passende Ausrede ein. Ich sagte, ja ja, dies sei eine lange Geschichte, die ich in der K├╝rze der Zeit nicht beantworten k├Ânne, aber ich werde ihr demn├Ąchst diese Frage beantworten.......Wie auch immer, Martina und ich plauderten noch ein paar Minuten weiter, und je l├Ąnger wir redeten, desto sicherer wurde ich im Sprechen und Wirken; alle Zweifel waren zerstoben. Ich hatte den Eindruck, Martina gehe es nicht anders. Wir verabredeten uns also f├╝r den n├Ąchsten Tag im ÔÇ×Cafe Decker"; sie fragte nat├╝rlich nach meinem Aussehen und woran sie mich erkennen werde. Ich beschrieb mich so gut ich konnte und erwiderte ferner, da├č ich sie bei ihrem Erscheinen ohnedies ansprechen werde, es spiele daher keine allzu gro├če Rolle, ob sie mich anhand meiner Beschreibung identifizieren k├Ânne oder nicht. Das leuchtete Martina ein.
Einen Tag sp├Ąter fanden wir uns p├╝nktlich im Eingang des Cafes ein. Als ich auf Martina zuging, um sie anzusprechen, ahnte sie bereits, da├č ich es sei, der mit ihr telefoniert habe. Ein nettes L├Ącheln huschte ├╝ber ihr Gesicht. Ich gab ihr die Hand und bat sie, mit mir hineinzugehen, um Kaffee zu trinken. Wir plauderten wirklich nett. Martina war Verk├Ąuferin von Beruf und hatte gerade ihre Ausbildung abgeschlossen. Sie zeigte sich sehr weltoffen und deutete an, sie sei schon l├Ąnger auf der Suche nach einem neuen Freunde, daher freue sie sich, da├č ich sie einfach angerufen h├Ątte. Auch sie habe mich bereits einige Male gesehen, auch im ÔÇ×York", als ich hinter ihr stand.
Kurz: Ich entsprach offenbar Martinas Vorstellungen eines Mannes, vom Aussehen her, vom Auftreten her und auch mein beruflicher Status stellte sie zufrieden. Bald waren wir ein Paar! Volltreffer!
So kam es, da├č sie mich, da ich eine eigene Wohnung besa├č, w├Ąhrend des Semesters stets nachmittags nach Feierabend und an ihren freien Wochenenden besuchte, und in ihrem Urlaub den ganzen Tag, sofern dies meine Zeit erlaubte. Wenn sie abends keine Lust mehr hatte, nach Hause zu gehen, so ├╝bernachtete sie einfach bei mir und sagte zu Hause telefonisch Bescheid. Ich besa├č zwar nur ein enges Einmannbett, aber wenn man in jedem Falle mit zwei Personen darin schlafen wollte, so konnte man das irgendwie arrangieren. Wir verbrachten eine gl├╝ckliche Zeit miteinander. Inzwischen hatte ich Martina auch erl├Ąutert, wie ich wirklich auf ihren Namen gekommen sei; augenzwinkernd war sie meinen Ausf├╝hrungen gefolgt.
Martinas Familie allerdings empfand ich als ein wenig kleinb├╝rgerlich. Diese Leute erwarteten vom Leben wenig oder nichts; sie waren schon bei billigen Musiksendungen im Fernsehen und einem Glas Wein zufrieden. Nie war mir aufgefallen, von Martinas Weltoffenheit einmal abgesehen, da├č sie tiefergehende oder weiterf├╝hrende Fragen zum Leben gestellt oder gar witzige oder extravagante Ansichten vertreten h├Ątten. Ich konnte wirklich nicht erkennen, da├č auch nur ein Familienmitglied ein Suchender und somit Leidender gewesen w├Ąre, ├╝berall herrschte Zufriedenheit ├╝ber das Erreichte und Zuversicht. So sehr mich das auch st├Ârte, ja so neidisch ich in bezug darauf auch reagieren konnte, ohne es zu zeigen nat├╝rlich, so schnell hatte ich es vergessen, wenn ich wieder zu Hause war, denn mit Martina selbst konnte ich eigentlich, wenn ich einmal mathematische und physikalische Formeln weglie├č, ├╝ber alles reden.

F├╝nfter Teil

Das Studieren ging z├╝gig voran, es war zwar immer noch schwierig und zum Teil auch m├╝hsam, aber es war mir tausendmal lieber, als in einem schweren Handwerksberuf zu arbeiten oder wie Martina den ganzen Tag an der Kasse zu sitzen.
Eines Mittags sa├č ich wieder in der Mensa; Tischmanieren kannte ich sowieso nicht und so schlang ich wie ein Wolf und schmatzte wie ein Schwein. Immer, wenn ich derart genu├čvoll besch├Ąftigt war, verga├č ich die Welt um mich herum und konzentrierte mich nur auf das Essen. Als ich dann aber doch eine kurze Pause einlegen mu├čte, weil meine Speiser├Âhre die gro├čen Brocken f├╝r einen Moment nicht mehr bew├Ąltigen konnte, nutzte ich die Zeit, um mir mit einer Serviette den Schwei├č von der Stirn abzuwischen. Pl├Âtzlich zupfte etwas an meinem rechten ├ärmel. Nanu, ich schaute mich verdutzt um, und wer sa├č da? Es war Claudia, nur Zentimeter von mir entfernt, die mir zutiefst in die Augen sah! Donnerwetter, damit hatte ich jetzt nat├╝rlich nicht mehr gerechnet! Wieder stellte ich mir die Frage, was ich nun tun solle. Ich war doch schon vergeben, was sie aber offenbar nicht wu├čte, sonst s├Ą├če sie ja nicht neben mir! Nach einigen Sekunden der l├Ąhmenden ├ťberraschung kehrte meine Handlungsf├Ąhigkeit zur├╝ck, ich beschlo├č, ohne mich weiter st├Âren zu lassen, aufzuessen und dann einfach zu gehen. Nachdem der letzte Brocken geschluckt war, nahm ich mein Tablett und meine Tasche, lief z├╝gig zur Geschirr├╝ckgabe und stellte das Tablett auf das dortige Flie├čband. Ich warf noch einmal einen Blick zu Claudia, sie schaute mir hinterher, klar. Ich konnte mir vorstellen, da├č auch wieder ihre Freundinnen zugegen waren, denen sie ihren Plan bestimmt im Vorfelde mitgeteilt hatte. Ich schaute mich kurz um, konnte aber auf Anhieb niemanden erkennen, der die Szene beobachtet h├Ątte. Wie auch immer, ich war in der Mensa fertig und ging nach drau├čen, um mit meinem Fahrrad nach Hause zu fahren. Ich sp├╝rte die ganze Zeit Claudias Blicke im R├╝cken; ein - oder zweimal schaute ich mich noch um, und tats├Ąchlich, Claudia stierte mir durch die Fensterscheiben der Mensa hinterher. Ich fuhr nach Hause.
Mir blieb wohl nichts anderes ├╝brig, als Martina von meinem Schatten zu berichten, um k├╝nftigen heiklen Situationen, bei denen Martina vielleicht dabei gewesen w├Ąre, verbal vorzubeugen. Kopfsch├╝ttelnd h├Ârte sie die Geschichte von Claudia und mir und konnte es kaum fassen.
In der Folgezeit war es dann so, da├č mein Telefon mehrere Male pro Tag l├Ąutete, ohne da├č sich jemand gemeldet h├Ątte. Morgens war das so, mittags war das so, abends auch und sogar tief in der Nacht. Ganz selten h├Ârte ich beim Abnehmen ein trauriges ÔÇ×Entschuldigung". Es war immer dieselbe Stimme, es war immer eine weibliche Stimme, und es war eine Stimme des Abschieds. Es war die Stimme Claudias, wie sie auch immer meinen Namen herausbekommen hatte.
Ging ich in die Stadt und sah ich in ihr einige M├Ądchen, die ich ├╝berhaupt nicht kannte, so zeigten sie vorwurfsvoll mit den Fingern auf mich und tuschelten. Sie schienen mich also zu kennen, sagten es mir aber nicht. Ging ich in die n├Ąchste Buchhandlung und stand dort ein P├Ąrchen in der Ecke, so zeigte die Frau ihrem Begleiter meine Person. Ich konnte zwar nicht h├Âren, was sie dem Manne zufl├╝sterte, aber ich hatte das Gef├╝hl, sie sage, das ist derjenige, von dem ich dir immer erz├Ąhlt habe. Lief ich ├╝ber das Gel├Ąnde der Hochschule, drehten sich des├Âfteren einige Studentinnen mit ernsten Gesichtern nach mir um und warfen sich geheimnisvolle Blicke zu.
Ja, war ich denn jetzt balla balla? Hatte ich einen Verfolgungswahn entwickelt? War der KGB hinter mir her? H├Ą?
Die anonymen Telefonanrufe h├Ârten nicht auf. Tagein, tagaus, klingeling, klingeling. Ja, war denn Claudias Liebe zu mir wirklich so rein und so tief? Litt sie wirklich wie ein Tier, zumal sie zwischenzeitlich wohl herausbekommen haben d├╝rfte, da├č ich liiert sei? Oder war sie einfach nur verr├╝ckt? Was sollten die Anrufe? Wollte sie vielleicht nur meine Stimme h├Âren? Oder wollte sie mich blo├č ├Ąrgern? Nat├╝rlich h├Ątte ich mir eine Geheimnummer geben lassen k├Ânnen, aber das war mir zu teuer.
Mein Telefon klingelte zwei Jahre lang. Inzwischen war ich mit meinem Studium fertig geworden und durfte mich daher ÔÇ×Diplom - Ingenieur" nennen. Meine kleine Studentenbude hatte ich inzwischen aufgegeben und mir, zumal ich inzwischen Arbeit bekommen hatte, zusammen mit Martina eine gr├Â├čere Wohnung genommen. Der alte Telefonanschlu├č galt also nicht mehr. Bei der Beantragung des neuen z├Âgerte ich lange, die Telefonnummer im Telefonbuch abdrucken zu lassen, letztlich stimmte ich aber zu und wartete gespannt auf neuerliche anonyme Anrufe. Diese blieben allerdings zu meiner ├ťberraschung aus.
Claudia rief also nicht mehr an, auch ist es mittlerweile bestimmt zehn Jahre her, da├č ich sie das letzte Mal gesehen habe; ihr Schicksal ist daher unklar. Hat sie sich umgebracht? Ist sie in der n├Ąchsten Nervenheilanstalt gelandet? Und wenn ja, warum ist sie nicht irgendwann wieder entlassen worden? Ist sie vielleicht weit weg gezogen? Hat sie l├Ąngst geheiratet und ist sie dabei gl├╝cklich geworden?
Es liegt auf der Hand, da├č Claudia, gleich, was nun aus ihr geworden ist, meine Wenigkeit f├╝r den Rest ihres Lebens nicht vergessen k├Ânnen w├╝rde. Claudia hatte sich jahrelang in stillem Schmerze und qu├Ąlender, unerf├╝llter Sehnsucht verzehrt. Diese Schmerzen d├╝rften so stark gewesen sein, da├č sie l├Ąngst zu einem unausl├Âschlichen Trauma mutiert waren und Claudia samt ihrer Familie wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang begleiten w├╝rden, wenn auch die Zeit die eine oder andere Wunde geheilt haben wird.
Was mich anbelangt, so habe ich diese Situation nicht vors├Ątzlich herbeigef├╝hrt. Ich habe niemandem eine Liebschaft oder Heirat versprochen, und der Umstand, da├č Claudia mir immer sch├Âne Augen gemacht hat, reicht, das wu├čte sie, beim gew├Âhnlichen Manne vielleicht aus, da├č er sie anspricht, bei mir aber, das ahnte sie nicht, nicht unbedingt.

Ich w├╝nsche Claudia das Beste!


Ende


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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

Werke: 587
Kommentare: 977
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hallo Klaus,

immerhin hat sie eins dadurch erreicht, dass du dich zu dieser Geschichte aufgerafft hast. Sch├Ân und anschaulich geschrieben, ich hoffe, es geht ihr gut!

Wenn ihrs nicht f├╝hlt, ihr werdets nicht erjagen. GOETHE, Faust I

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Klaus Zankl
Hobbydichter
Registriert: Apr 2002

Werke: 4
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Ja,ja, ich hoffe auch, da├č es ihr gut geht.

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Amanita
???
Registriert: Jun 2002

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Kommentare: 54
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sorry....

... ellenlange Abs├Ątze, kaum Dialog. Ich konnte das nicht lesen.
War mir pers├Ânlich zu langweilig f├╝r ne Kurzgeschichte. Pack es bei "Ab 18 & Horror" rein, die lesen so was.

(Der Fairness halber von mir keine Bewertung.)

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Klaus Zankl
Hobbydichter
Registriert: Apr 2002

Werke: 4
Kommentare: 3
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Es gibt Leute, die finden meine Geschichte super.

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