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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die zerbrochene Vase
Eingestellt am 23. 09. 2003 19:29


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Hieronymus
Häufig gelesener Autor
Registriert: Nov 2002

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Ich besitze eine alte japanische Vase - das heißt, ich weiß nicht, ob sie wirklich aus Japan stammt, aber ihre Bemalung erinnert mich an einen japanischen Holzschnitt. Vor einem hell- und dunkelgrauen Himmel greift eine riesige, sich überschlagende Welle mit blau-weißen Schaumkrallen nach drei leichten Booten. Sie werden zu großen Teilen von den Ausläufern der Welle verdeckt; ihre geduckten Ruderer kämpfen gegen den Untergang. Im Hintergrund erkennt man den schneebedeckten Kegel des Fudschijama. Über das Alter der Vase kann ich nichts Genaues sagen, aber sie ist in unserer Familie über viele Generationen weitergegeben worden.
Vor ein paar Wochen, als ich das Blumenwasser wechseln wollte, brachte ich sie durch eine ungeschickte Bewegung aus dem Gleichgewicht. Sie fiel zu Boden und zerbrach in tausend Stücke. Es hätte mir Leid getan, die Scherben einfach fortzuwerfen. Ich besorgte mir Spezial-Porzellankleber und begann, das so erinnerungsträchtige Stück in mühevoller Kleinarbeit zusammenzusetzen. Nach einigen Tagen war es dann soweit; die schöne Form war wiederhergestellt; die Bruchstellen nur aus allernächster Nähe zu erkennen. Ich füllte Wasser ein; die Konstruktion war dicht.
Doch in den folgenden Tagen beschlich mich das Gefühl, dass etwas nicht stimmen könne. Lange betrachte ich die Vase, ohne einen Grund für mein Missbehagen zu finden. Heute bin ich darauf gekommen: Es sind nur noch zwei Boote auf dem Bild zu sehen. Ich rief meine Großmutter an, die die Vase gut kennt, und erklärte ihr mein Problem. Nach einigem Nachdenken meinte sie: "Waren es nicht immer schon zwei Boote?"

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

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Hallo Hieronymus,

das liest sich gut. Ich bin nur am Grübeln: irgendetwas will diese Geschichte mir sagen, nur was? Daß Flickwerk nie wieder wirklich ganz ist; daß das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile - oder sind da mystische Geheimnisse im Spiel?

Gruß,

Gabi (rätselt)

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Hieronymus
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Hallo Gabi,

vielen Dank für Deine Antwort. Die Idee zur Geschichte ist, dass die Wirklichkeit eine Konstruktion ist. Aus den gegebenen Teilen, unseren Wahrnehmmungen, setzen wir uns eine Welt zusammen. Diese Zusammensetzung könnte aber auch anders ausfallen. Deshalb gibt es so viele unterschiedliche Meinungen über ein und dieselbe Sache.

Viele Grüße
Hiero

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