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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Diebin
Eingestellt am 14. 05. 2001 19:03


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
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DIEBIN
Wawa sa√ü mit angezogenen Beinen auf der Fensterbank und beobachtete den Hausmeister der die verstaubten Theaterkulissen mit einer Axt zerteilte. Diese alten Holzkulissen ben√ľtzte er immer zum Anheizen des m√§chtigen Kohleofens. W√§hrend die Axt einen leuchtend blauen See mit Schw√§nen, Kahn und einem Tannenwald dahinter zertr√ľmmerte h√∂rte Wawa ihrer Mutter aufmerksam zu, die grade sagte,
‚ÄěEs ist ganz einfach, du gehst leise in die K√ľche, wenn Gro√ümutter kommt tu einfach so als wenn Du ein Glas Wasser willst. Hast du das verstanden?‚Äú
Wawa nickte ohne ihre Mutter anzusehen. Sie hatte verstanden was sie tun sollte, aber warum sie ihre Urgroßmutter bestehlen sollte, verstand sie nicht genau. Ihre Mutter war schon seit einigen Tagen in fröhlicher Stimmung, hatte sogar ihre Staffelei und Farben ausgepackt und eine Leinwand grundiert. Auch angezogen hatte sie sich, sie stand in ihrem engen schwarzen Rock mit roter Bluse vor Wawas Fensterplatz und zog etwas ungeduldig an Wawas langem Zopf.
‚ÄěH√∂rst Du mir √ľberhaupt richtig zu? Stell dir jetzt einfach vor wir haben √ľberhaupt kein Geld mehr und gro√üen Hunger. Wenn ich etwas stehle komme ich vielleicht ins Gef√§ngnis, aber du bist ein Kind, dir passiert nichts. Du sollst es ja nur machen um das zu √ľben, denn wenn wir von hier weggehen haben wir wahrscheinlich erst einmal √ľberhaupt kein Geld‚Äú
Der Hausmeister trieb seine Axt jetzt mitten in den See und halbierte mit einem Schlag einen der beiden Schwäne. Ohne ihre Mutter anzusehen, sagte Wawa,
‚ÄěAber ich kann sie doch fragen, ob sie uns was zu essen gibt. Sie gibt uns bestimmt was. Ganz bestimmt!‚Äú
Die Mutter hatte begonnen Wawas Zopf neu zu flechten, erst zog sie gereizt die einzelnen Strähnen glatt während sie weiter sprach,
‚ÄěWenn wir zusammen nach Russland gehen gibt es da keine Gro√ümutter, dann m√ľssen wir beide zusammenhalten. Wir beide sind dann allein.‚Äú
Wawa zuckte vor Schmerz zusammen, als die Mutter den Zopf so straff ansetzte, als wolle sie eine Peitsche flechten.
‚ÄěAlso, du gehst in die K√ľche und wenn da keiner ist, schleichst du in die Speisekammer. Du nimmst soviel mit, dass wir uns ein Mittagessen davon machen k√∂nnen. Du bist jetzt acht, viele Kinder m√ľssen mit acht Jahren schon arbeiten. Du sollst nur in die Speisekammer gehen und sehen was da ist. Dann √ľberlegst du was wir damit zu essen machen k√∂nnen und bringst es unter deinem Pullover hierher. Das kann eine F√ľnfj√§hrige.‚Äú
Wawa warf einen letzten Blick zum Hausmeister der inzwischen bei dem Nachen angekommen war. Der jedoch widersetzte sich standhaft den Axthieben da auf der R√ľckseite eine Querstrebe angenagelt war. Sie rutschte unwillig von der Fensterbank und meinte,
‚ÄěWarum m√ľssen wir nach Russland, ich will nicht weg von hier‚Äú
W√§hrend die Mutter sie ungeduldig zur T√ľr schob wisperte sie ihr ins Ohr,
‚ÄěDar√ľber haben wir doch schon oft genug gesprochen, wir geh√∂ren nicht hierher, wir sind Tataren. Glaub mir es wird sch√∂n, nur wir beide. Du musst keine Angst haben, wir kommen schon durch. Aber du musst dich eben auch etwas anstrengen.‚Äú
Nachdem die T√ľr sich hinter Wawa geschlossen hatte, blieb sie einen Augenblick im d√§mmrigen Flur stehen. Ja, sie war eine Tatarin, und Tataren waren wild, furchtlos und kannten nur ihr Gesetz. Sie t√∂teten ihre Feinde. Verr√§ter wurden grausam gefoltert. Mit gl√ľhenden Eisenstangen wurden ihnen die Augen ausgebrannt, sie wurden an wilde Pferde gebunden und zu Tode geschleift oder von vier Pferden zerrissen. Manche mussten so viel trinken bis ihnen der Bauch platzte, anderen wurde ein Pfahl in den Mund gerammt, so tief, dass er zwischen den Beinen wieder herauskam. Die Frauen ihrer Feinde zwangen sie ihre eigenen Kinder zu essen. Das wusste sie alles aus den Erz√§hlungen ihrer Mutter.
Als Wawa in Richtung K√ľche schlich, stellte sie sich vor es w√§re das Lager ihrer Feinde und sie m√ľsste ihre Mutter vor dem verhungern retten.
Schwanz wedelnd und winselnd kam Wawa ihr Spitz entgegengelaufen. Damit der Hund ihr nicht folgen konnte, schloss sie ihn in die Toilette ein. Die Zimmert√ľr ihrer Gro√ümutter war nur angelehnt, die leisen Selbstgespr√§che der alten Frau begleiteten Wawa in die K√ľche. Hier traf sie auf Fr√§ulein Zink. Die war zwar nicht ganz richtig im Kopf, aber Wawa wollte nicht dass jemand sie beim Stehlen sah. Sie sa√ü, wie immer, am dreckigen K√ľchentisch und br√∂selte den Tabak aus Kippen die sie gesammelt hatte. Sie hatte schon einen stattlichen Haufen zusammen und holte aus ihrer dreckigen Einkaufstasche immer neue heraus. Manchmal beobachtete Wawa Fr√§ulein Zink, wenn sie Eink√§ufe f√ľr die Gro√ümutter machte. In einer Hand hatte sie das Einkaufsnetz in der anderen diesen schmutzigen Sack. Wenn sie eine Kippe bemerkte, sah sie sich rasch um, ob auch niemand sie beachtete, dann lie√ü sie den Beutel scheinbar versehentlich fallen und hob ihn mitsamt dem Zigarettenstummel wieder auf. Hatte sie genug Tabak, begann sie mit zurechtgeschnittenem Zeitungspapier und d√ľnnem Lein ihre eigenen Zigaretten zu drehen. Daf√ľr nahm sie nicht irgendwelche beliebigen Zeitungsausschnitte. Sorgf√§ltig arbeitete sie t√§glich die ‚ÄěS√ľddeutsche‚Äú durch um Fotos oder Texte zu finden, die irgendetwas mit Katholizismus zu tun hatten. Fand sie einmal ein Bild des Papstes, wurde das Rauchen f√ľr sie ein solcher Genuss, dass ihre schmalen Schultern vor stummem Gel√§chter bebten. Wawa hatte sich nie daf√ľr interessiert, warum Fr√§ulein Zink Katholiken so erbittert hasste, aber jetzt gab es ihr die M√∂glichkeit sie aus der K√ľche zu vertreiben. Sie lehnte sich an den K√ľchentisch, beobachtete kurz wie geschickt die alten H√§nde mit den schwarzen Fingern√§geln den letzten Tabakkr√ľmel aus jedem Stummel holten und meinte dann beil√§ufig,
‚ÄěGleich kommt Fr√§ulein Bauer mit ihrem Freund, sie wollen eine H√ľhnersuppe kochen. Ich habe das Huhn gesehen, es ist riesig‚Äú
Der Freund von Fr√§ulein Bauer war katholisch, so katholisch dass er gerne √ľber die Kirche, den Pabst und seinen festen Glauben sprach. Fr√§ulein Zink zuckte zusammen, raffte unter verhaltenen Fl√ľchen ihre Sachen vom Tisch und verschwand in Richtung ihrer Dielenecke.
Wawa horchte noch einmal ob ihre Gro√ümutter auch nicht k√§me, dann schl√ľpfte sie in die Speisekammer. Hier standen in Regalen Gl√§ser mit eingemachtem Obst, selbstgekochte Marmeladen in denen sich immer tote Wespen fanden, Fleischkonserven und Sardinenb√ľchsen. In einer kleinen Holzkiste lagen Kartoffeln, daneben ein Sack Zwiebeln. Auf einem blankgescheuerten Regalbrett reiften, in Windelstoff eingeschlagen, zwei selbst gemachte K√§se. Ein dritter K√§se war bereits reif und lag angeschnitten auf einem Teller. Unschl√ľssig stand Wawa vor dem Regal. Sie musste jetzt genau √ľberlegen was sie mitnahm, sie war jetzt zwar ins Lager der Feinde vorgedrungen, aber alles hing jetzt davon ab, ob sie auch das richtige zur√ľckbrachte.
Schlie√ülich entschied sie sich f√ľr f√ľnf Kartoffel und drei Zwiebeln. Dazu schnitt sie ein St√ľckchen von dem K√§se ab, wickelte ihn in ihr fast sauberes Taschentuch und steckte ihn in die Hosentasche. Kartoffeln und Zwiebeln verstaute sie unter Ihrem Pullover. Als sie schon fast drau√üen war, entschloss sie sich noch eine Fleischkonserve mitzunehmen. Niemand begegnete ihr auf dem Weg zum Zimmer der Mutter. Nur als sie die leise Stimme ihrer Gro√ümutter h√∂rte, die sich selber aus der Zeitung vorlas, f√ľhlte sie eine traurige Schuld von ihrer Brust den Hals emporsteigen. Aber dieses Gef√ľhl war sofort verschwunden, als ihre Mutter sie √ľberschw√§nglich in Empfang nahm. Sie durfte sich in den gro√üen Sessel setzten, bekam ein neues Mickey Mouse Heft und ihre Mutter begann an der kleinen Kochplatte zu hantieren. Kartoffeln und Zwiebeln wurden klein geschnitten, da sie kein Wasser hatte, goss sie etwas Bier dazu und lie√ü das ganze eine weile kochen. Sp√§ter kam das Dosenfleisch dazu und zuletzt der K√§se.
Feierlich z√ľndetet Wawas Mutter eine Kerze an, als sie sich an den Tisch mit den japanischen Kacheln setzten und sagte,
‚Äědas ist das erste Essen was du selber besorgt hast. Darauf kannst du sehr stolz sein. Du darfst nie vergessen, dass du auch alleine durchkommen kannst. Schlie√ülich kann ich ja einmal krank werden‚Ķ‚Äú
Wawa hatte inzwischen auch Hunger, so h√§ufte sie sich den Teller mit der graubraunen Masse voll. Schon beim ersten L√∂ffel den sie a√ü war sie √ľberrascht wie gut es schmeckte. Vorsichtig pickte sie ein St√ľckchen Kartoffel heraus um herauszufinden was den Geschmack ver√§ndert hatte. Mit der Zunge zerdr√ľckte sie die Kartoffel am Gaumen, etwas war anders, nur konnte sie nicht sagen was es war. Selbst der K√§se, den sie sonst nicht sehr mochte, schmeckte pl√∂tzlich w√ľrzig und aufregend. All die Dinge auf ihrem Teller waren ihr vertraut, aber sie hatten sich verwandelt, obwohl sie noch genauso so aussahen wie sonst. W√§hrend sie gierig ihren Teller leerte, versuchte sie zu verstehen wodurch Kartoffeln und Zwiebeln sich so ver√§ndert konnten.
Ged√§mpft h√∂rte sie ihre Gro√ümutter nach dem Hund rufen, den sie in der Toilette vergessen hatte. Unerwartet f√ľhlte sie ihr schlechtes Gewissen wieder in der Kehle brennen. Allein als sie den n√§chsten Bissen nahm, verwandelte dieses Brennen den Geschmack des zusammengekochten Breis in eine himmlische Speise.

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flammarion
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mannomann,

was hast du f√ľr eine erziehung genossen! ja, mit acht jahren macht man noch, was einem gesagt wird. ich nenne das, was deine mutter da mit dir gemacht hat, mi√übrauch. aber langsam w√ľrde mich interessieren, was f√ľr bilder sie malte und ob sie damit erfolg hatte. ganz lieb gr√ľ√üt
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Old Icke

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JCC
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Soll das heißen, das ist selbst erlebt?

Die Beschreibung der Mahlzeit am Ende finde ich sehr gut.
Die alte Frau ist allerdings einmal Urgroßmutter und einmal Großmutter der Erzählerin, oder habe ich etwas falsch verstanden?
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Kyra
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Hallo JCC

ja, selbst erlebt ist es, aber das spielt keine so grosse Rolle mehr, es ist verjährt ;-))
Mit der Gro√ümutter bzw Urgro√ümutter verh√§lt es sich so, es ist tats√§chlich meine Urgro√ümutter, nur manchmal verschreibe ich mich...f√ľr mich spielt es keine Rolle weil es keine Gro√ümutter gab, beim Leser kann es nat√ľrlich Verwirrung hervorrufen

Viele Gr√ľ√üe

Kyra

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JCC
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Ah ja. Danke f√ľr die Aufkl√§rung.
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