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Dies Gestirn
Eingestellt am 01. 04. 2006 09:28


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Dies Gestirn

Reden wir von Büchern über Bücher. Wählen wir eines davon aus. Volker Michels hat einmal etliche Dutzend von den unzähligen Buchbesprechungen herausgegeben, die Hermann Hesse [1877 - 1962] während seines langen Berufslebens geschrieben hat. Diese Sammlung Hessescher Kurzberichte ist für uns Leser eine Fundgrube. Zum „Beweis“ werden ein paar Beispiele aufgeführt. In runden Klammern wird immer auf die Seite verwiesen, auf der Hesses Besprechung bei Volker Michels steht. Hesse hat Jean Paul [1763 – 1825] geliebt. Also bespricht er dessen „Siebenkäs“ aus Kuhschnappel auf acht Seiten (213). Hesse weist auf den schweizerischen Historiker Jacob Burckhardt [1818 – 1897] hin, der über Arthur Schopenhauer [1788 – 1860] geschrieben hat (258), auf die Memoiren (223) der Madame de Staël [1766 – 1817], auf Honoré de Balzac [1799 – 1850] als „Versteher und Darsteller des Menschlichen“ (265), auf den „Maler Nolten“ (273) von Eduard Mörike [1804 - 1875], auf Anatole France [1844 - 1924] (357), auf unseren baltischen Grafen Eduard von Keyserling [1855 - 1918] aus München (364), auf Ricarda Huchs [1864 - 1947] „Michael Bakunin und die Anarchie“ (397), auf Annette Kolb [1870 - 1967] (433), auf Katherine Mansfield [1888 - 1923] (524) oder auf „Schau heimwärts, Engel“ von Thomas Wolfe [1900 - 1938]. Jeder Leser findet beim Rezensenten Hesse sein passendes Buch, jeder findet seinen Bücherberg.
Trotzdem ist Vorsicht geboten. Wenn wir z.B. Hesses Schnupperangebot folgen und in die Kreuz und Quere aus Georg Heyms [1887 - 1912] Novellensammlung „Der Dieb“ (522) lesen, erschrecken wir bereits über der ersten Novelle; sagen uns: Was für eine Sprachgewalt! Was für ein Hervordrängen der Bilder aus dem knappen Text! Das sucht Seinesgleichen in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Das muß jetzt besprochen werden! Tief Luft geholt und die Tastatur zurecht gerückt! Wirklich schade, überlegen wir weiter, daß Georg Heym als junger Mann beim Eislaufen umgekommen ist. Was hätte er uns alles noch schenken können, wenn er älter als 25 geworden wäre! Anstatt einfach auf die unbeteiligt lauernde Tastatur einzuhämmern, schieben wir das lästige Tippgerät beiseite und verschlingen noch, begierig, wie wir sind, Heyms kurze Arbeiten „Die Sektion“ und „Das Schiff“. Einen Bock haben wir geschossen, denn wir bekommen auf einmal die Rezensentenkrankheit – sprich: die totale Schreibblockade breitet sich über die gesamte Großhirnrinde hinweg rasend schnell aus. Nach der unappetitlichen Georg-Heym-Lektüre lassen wir sogar die nächste fällige Mahlzeit stehen.
Wir müssen nun in diesem Monat erst mal über etwas Schönes schreiben. Der Pestgeruch muß weg. Bekannte schöne Texte gelten fast immer als abgenutzt, als abgedroschen. Trotzdem, nur einmal im Jahr wollen wir schwelgen. Nähern wir uns dem freundlicheren Thema vom Blütendampfe und Himmelsduft. Hesses Rezensionen hatten wir oben angeführt. Verblüffend ist Hesses Sinn für Kürze, sein Wohlwollen und seine Ehrlichkeit.
Wohlwollen: Hesse schrieb über ein Buch, wenn er für dessen Autor war. Ehrlichkeit: Zum Beispiel im Goethe-Jahr 1932 schrieb Hesse einen Dank an Goethe (145). Darin spricht er offen aus, daß manche Prosa unserm weimarischen Dichterfürsten nicht so richtig gelungen ist. Hesse trägt dieses bedauernswürdige Faktum verkleidet als Lob vor - auf eine Art - die der Leser nachempfinden kann. Angetan lesen wir weiter „Über Goethes Gedichte“ (154). Hesse schreibt vom Leser, dem Goethe [1749 - 1832], „dies Gestirn“, in seinen Versen entgegenblickt. Wir wollen ein solches Gedicht aussuchen und betrachten. Wir haben die Qual der Wahl. Schließen wir uns Hesses Behauptung an, Goethe habe seine besten Sachen um anno 1770 herum und vielleicht noch ein paar dann im höheren Alter hervorgebracht. Da wir den Lyriker Goethe mögen, übergehen wir seinen steifen Gratulationsvers genauso wie die gedrechselte Höflichkeitsphrase und auch die altkluge Könnerei. Einen Goethe-Ton, unerträglich schulmeisternd, werden wir selbstredend stur, wie wir als eingefleischte Goethe-Verehrer sein können, geflissentlich überhören.
Welches Gedicht wählen wir aus? Eines, das um 1770 herum geschrieben wurde. Weil bald Mai ist, das Mailied aus dem Jahre 1771.

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen BlĂĽten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch

Und Freud und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd', o Sonne!
O GlĂĽck, o Lust,

O Lieb', o Liebe,
So golden schön
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn,

Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im BlĂĽtendampfe
Die volle Welt!

O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb' ich dich!
Wie blinkt dein Auge,
Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,

Wie ich dich liebe
Mit warmen Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud' und Mut

Zu neuen Liedern
Und Tänzen gibst.
Sei ewig glĂĽcklich,
Wie du mich liebst.


Wir gehen nun die Hesse-Merkmale durch und schauen nach, ob sie vielleicht auf das Mailied zutreffen könnten. Mit Hesse-Merkmal ist eine – meist lobend ausgesprochene – Wendung in o.g. Rezension Hermann Hesses gemeint.
Ist das Mailied ein hingehauchter Seufzer? Keinesfalls. Wir finden freudig erregte Ausrufe. Wohl aber ist die Rede vom Zarten, das der Mai hervorzaubert. Die alljährlich im Mai wiederkehrende Zauberei der Natur wird bewundert. Das Gedicht ist auch kein ergriffenes Gestammel, wohl aber nahe gehender Lobpreis der Natur, den nur einer hervorbringen kann, der, innerlich gesammelt, das, was jährlich im Mai vor seiner Tür abläuft, zutiefst in sich aufgenommen hat. Nur einer wie der Augenmensch Goethe und vielleicht kurz nach ihm – oder auch neben ihm - ein paar freche Romantiker, brachten das zustande und hinterher kaum noch einer. Oder Brecht?
Das Mailied jedenfalls ist weder vertändelt noch verspielt. Wohl aber spielt Goethe mit den Schöpfungen des Mai: Blüten, Stimmen, Gesang und Duft werden als Ermutigungen genommen zu neuen Liedern und Tänzen. Jenes bewundernswerte Wortspiel endet nicht in einer Tändelei. Vielmehr gipfelt der Gedichtschluß in dem ganz konkreten Wunsch nach Glück und Gegenliebe.
Wenn wir dies entzückende Gedicht in der Skala zwischen schöpferischer Besessenheit und Pedanterie plazieren sollen, so neigen wir zum blutvollen Schöpfer hin. Dies Gedicht ist weder hinreißend kindlich noch rücksichtslos rauh, noch wild hingestürmte Skizze . Wohl aber ist sein Vortrag durchaus kraftvoll, um das Verb dringen aufzunehmen, das in das kleine Goethe'sche Kunstwerk solche merkwürdig anrührende Bewegung bringt. Das Mailied ist weder porzellanen glatt, noch drolliger Einfall, noch kühl-virtuose Spielerei, noch übermenschlich weise. Wohl aber klingt brillante Sprachmusik auf – unser Goethe spricht zu uns, die wir alle den diesjährigen Mai durchstreifen dürfen, aus der Ewigkeit herüber. Klar, heutzutage wird jedes Übermaß gemieden. Und wir tun sicher gut daran. Einmal aber sei es erlaubt. Das Mailied steht als eines der Monumente für die Unvergänglichkeit des Wortes. Natürlich bringt so etwas nur ein Meister zustande. Unser Goethe eben. Wenn wir das Gedicht abermalig in einer Skala, diesmal zwischen genialer Hingabe und ängstlicher Selbstbewahrung plazieren sollen, so entscheiden wir uns rückhaltlos für Hingabe. Hesse nennt Goethe genial. Ist Goethe ein Genie? Die Frage hängt mit solcher Geisteskraft zusammen, die sich nicht erzwingen läßt. Das Gedicht kommt über uns wie ein kleiner Vulkanausbruch – fein gesteuert durch Goethes Genius. Gewiß, Goethes Geist wandelt ein wenig zwischen Ich, Natur und Mädchen. Es gibt Homogeneres. Wir dürfen jetzt nicht ins kleinliche Beanstanden abgleiten, sondern sollten lieber das Hervorbrechen der doch ertragbaren, also ziemlich unsentimentalen Gefühle des jungen Goethe bewundern. Sprechen wir heute einmal, wie unser Vorbild Hermann Hesse, wenn wir über Goethe reden, unsere Gedanken positiv aus: Der Dichter himmelt die Geliebte an, indem er ihr sein Gefühl für die Natur offenbart.
Das Gedicht ist weder schwer voll innigsten Zaubers noch konzentrierteste Lebensweisheit, noch erschrecktes Verstummen vor dem Weltgeheimnis. Eher wirkt es leicht und frei, und es spricht das Maigeheimnis frischweg aus. Geheimnis regt zum Grübeln an. Der 22-jährige Goethe war noch kein Grübler. Heben auch wir uns das Gegrübel für den nächsten Schneewinter auf!
Mindestens noch eine Frage haben wir. Enthält jede Zeile irgendein Goldkorn, ein Wunder, einen Schöpfungsakt? Was für ein Wunder, was für ein Geheimnis ist Blütendampf und Himmelsduft wirklich? Dampft und duftet es über einem Fleck, übersät von Blüten kleiner gelber Frühlingsblumen, die wir ganz alleine im Wald gefunden haben? Besteht irgend eine Verbindung zwischen bitterem Duft der Walderde zum Himmel? Dieser feuchte Atem, der fast wehe tut, ist der so etwas Ähnliches wie ein Fensterle zum Lieben Gott, das sich alle Jahre wieder todsicher für eine Stunde nur auftut? Fragezeichen über Fragezeichen sind das wieder geworden. Verunsichert besinnen wir uns: Von allen Hesse-Merkmalen trifft genau eines uneingeschränkt auf unsere schöne Sesenheimer Maifeier zu – sie ist ekstatisches Liebesbekenntnis – zum Mai, zur Frau und zum unverwüstlichen Ich.

Vorsichtig, wie wir gerne sein möchten, wollten wir das Mailied lediglich betrachten, sind aber ins Schwärmen geraten. Robert Musil [1880 - 1942] hingegen, naturwissenschaftlich ordentlich ausgebildet, also immer hochintellektuell, wollte erkennen. Es sind nun schon wieder über fünfzig Jahre her, als der Mann mit der Eigenschaft „langer Atem“ postulierte, Dichtung „setzt die Erkenntnis über sich hinaus fort, in das Grenzgebiet der Ahnung, Mehrdeutigkeit, der Singularitäten,...“ Gut gesagt, aber zu unserem Bedauern müssen wir nun von Goethe, diesem singulären Gestirn, Abschied nehmen.

Volker Michels (Hrsg.):
“Hermann Hesse: Eine Literaturgeschichte in Rezensionen und Aufsätzen.“
Frankfurt a. M. 1970, ISBN 3-518-36752-8

Hedwig Storch 4/2006
__________________
Hedwig

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