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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Diesel und Sprache
Eingestellt am 25. 10. 2018 14:01


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Blumenberg
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„Ich werde alles tun, um Fahrverbote zu verhindern.“ Ein Satz, den wir dieser Tage und Wochen hĂ€ufig zu hören bekommen. Er scheint die mediale Standardantwort der Politik auf die von den Gerichten geforderte VerschĂ€rfung der LuftreinhalteplĂ€ne in StĂ€dten. Was im ersten Moment nach großem Einsatz und Hingabe, sogar fast ein bisschen wie Freiheitskampf klingt, lohnt eine genauere Analyse und wird sich dabei als sprachliche Mogelpackung erweisen.

Subjekt des Satzes und damit Handelnder ist in dieser Aussage die Kanzlerin bzw. die durch sie reprĂ€sentierte Regierung.(1) Sie - so impliziert der Satz - hat als Sprechende das Heft des Handelns in der Hand, sie ist es, die die Absicht Ă€ußert etwas zu tun. Dies wird auch am AnkĂŒndigungscharakter des Satzes deutlich, der sich im werde tun, der Futurform des Verbs, ausdrĂŒckt. Aber nicht nur etwas. Die Aussage des Satzes ist an dieser Stelle bestimmter. Sie wird alles tun, nicht etwas, nicht nichts, nicht ein bisschen, alles. Das ist eine starke Aussage und gleichzeitig eine unscharfe. Die im Begriff implizierte UnschĂ€rfe, ist, wie sich zeigen wird, keineswegs zufĂ€llig.

Wenden wir uns nun dem anderen Teil des Satzes zu und versuchen wir, ihn genauer zu bestimmen. Das Verb gibt uns dabei ebenso Auskunft, wie das Akkusativobjekt des Satzes.

Das Verb verhindern drĂŒckt, eingeleitet durch das um
zu, sowie durch seine Infinitivform im Nebensatz, einen Finalsatz, eine Absicht, ein MĂŒssen aus. Dem Sinngehalt des Wortes nach, richtet sich die ge-musste Aktion auf die Bewahrung vor etwas. Der Zustand, der im Akkusativobjekt nĂ€her bestimmt wird, soll nicht erreicht, er soll vermieden werden. Er ist einer, der uns droht, uns dazu herausfordert Widerstand zu leisten, den Ist-Zustand in dieser Frage zu bewahren.

Das Akkusativobjekt des Satzes - im Gegensatz zum Zahlwort des ersten Satzteils diesmal genau bestimmt - richtet sich auf einen konkreten Gegenstand: Dieselfahrverbote. In diesem Begriff drĂŒckt sich einerseits ein konkretes Verbot, eine richterliche Anordnung, ein Zwang aus. Andererseits konzentriert sich darin das Ergebnis eines ganzen umwelt- und gesundheitspolitischen Diskurses, eines Diskurses, der sein juristisches Ende in einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts gefunden hat, auf dessen Grundlage wiederum die untergeordneten Gerichte in konkreten FĂ€llen geurteilt haben.

Kommen wir zurĂŒck zu unserem Satz, genauer der merkwĂŒrdigen Tatsache des unbestimmten ersten und des bestimmten zweiten Satzgehaltes. Diese Doppelstellung ist von entscheidender Bedeutung. Sie legt das Verbot als technisch-neutralen Funktionsterminus fest, etwas angesichts dessen nicht ein konkretes Tun, sondern ein unscharfes alles tun, angemessen ist. Das alles des ersten Satzteils eröffnet dem Tun zwei Richtungen fĂŒr den Umgang mit dem konkreten Objekt des zweiten Satzteils. Eine progressive und eine konservative mit einem je unterschiedlichen teleologischen Endpunkt.

Die progressive Richtung erkennt den Sinngehalt des Verbotes an, es berĂŒcksichtigt dazu die Ursache, der im Begriff des Dieselfahrverbotes implizierten Diskurse und erkennt das Verbot als deren Ergebnis, als Bewirktes an. Mit der Anerkennung legt sich das Tun auf eine Änderung desbisherigen Ist-Zustandes fest, durch die der unerwĂŒnschte zukĂŒnftige Zustand des zweiten Satzteils vermieden wird. Der Endpunkt einer solchen Bewegung ist die VerĂ€nderung der Ursache, so dass die Reaktion ĂŒberflĂŒssig wird.

Die konservative Lesart zielt dagegen auf die grĂ¶ĂŸtmögliche Erhaltung des Ist-Zustandes, womit zwangslĂ€ufig, der Sinngehalt bzw. die RechtmĂ€ĂŸigkeit des im zweiten Satzteil ausgedrĂŒckten diskursiven Sollens bezweifelt wird. Die Lösung des Problems verschiebt sich auf eine funktionale Ebene. Das Verbot rĂŒckt in so einer technisch-neutralen Lesart in den Vordergrund, es ist wegen seines Absolutheitscharakters problematisch. Ein Verbot ist immer absolut, d.h. eindeutig, es erlaubt zwar Ausnahmen, aber keine Abstufungen, etwas nur ein bisschen zu verbieten, löst das Verbot als solches auf. Um dies abzuschwĂ€chen wird zu einer Hilfskonstruktion der VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit gegriffen. Das tun richtet sich in diesem Fall darauf, diese durch Maßnahmen in Frage zu stellen, wie es in der aktuell vorgeschlagenen Lösung der Bundesregierung beispielhaft geschieht. Der Ist-Zustand soll gerade so weit geĂ€ndert werden, dass Zweifel an der VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit des Verbotes aufkommen. Der angestrebte Zielpunkt ist hier nicht eine BekĂ€mpfung der Ursache, sondern lediglich die UnverhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit des Absolutheitscharakters des Verbotes als angemessener Ă€ußerster Maßnahme.

Damit arbeitet die Bundesregierung bedauerlicherweise nicht an der Umsetzung einer judikativen Entscheidung, sondern an deren Sabotage. Ein Verbot lebt von seinem Anspruch auf Eindeutigkeit und Absolutheit, wĂ€hrend VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit als zunĂ€chst unscharfes Begriffsfeld jene Eindeutigkeit auflöst, mit der potentiellen UnverhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit einen Gegenpunkt zum Absolutheitsanspruch setzt, kurz: andere Lösungen ins Spiel bringt. Daher ist die Beurteilung von VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit, denn bei der nĂ€heren Bestimmung einer solchen handelt es sich um ein Urteil, die Aufgabe der Judikative und als solche im Fall der Fahrverbote lĂ€ngst abschließend und höchstrichterlich erfolgt. Daran nicht nur Zweifel zu schĂŒren, sondern die fehlende VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit per Gesetz feststellen zu wollen, hat einen antidemokratischen Geschmack, denn es ist ein Übergriff in den judikativen Bereich, in dem die Exekutive nichts verloren hat.

(1) Ich beziehe mich hier auf die Rede der Kanzlerin vom 21.10.18. Sie ist ein Beispiel, wenn auch ein wesentliches, das die Überlegung ans Konkrete binden soll.

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Binsenbrecher
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Sehr schön, wie dieser Text die wahren Intentionen hinter dem regierungsamtlichen, scheinbar nichts oder doch sehr wenig sagenden Schwurbel-Satz enthĂŒllt und mit ihm abrechnet; das gefĂ€llt mir sehr. Ein Satz, wie man ihn normalerweise sogleich als Politiker-Wichtigtuerei abtut, wird einmal auf die Analysewaage gelegt.

Aber hÀtte das nicht in einer Sprache geschehen können, die weniger umstÀndlich und gewunden daher kommt, die weniger nach Hauptseminar klingt?

Sind Beispiele nötig? "Sie wird alles tun, nicht etwas, nicht nichts, nicht ein bisschen, alles."
Oder: "Der Zustand, der im Akkusativobjekt nÀher bestimmt wird, soll nicht erreicht, er soll vermieden werden. Er ist einer, der uns droht, uns dazu herausfordert Widerstand zu leisten, den Ist-Zustand in dieser Frage zu bewahren."
Ich finde diese Rhetorik etwas umstĂ€ndlich, zu redundant, vielleicht auch altvĂ€terlich. Sie könnte im Vortrag gut funktionieren, gelesen wirkt sie auf mich eher abtörnend. Es kommt mir vor, als sei die Analyse von ihrem Gegenstand infiziert, anstatt ĂŒber ihr zu stehen.

Und das ist, wie gesagt, schade angesichts ihres entlarvenden Befundes.

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Willibald
???
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(0) ErklÀrbÀr, abgehobener

Von Blumenberg eine feinnervige Untersuchung des merkelschen Sprachgebrauchs, ich darf - trotzdem und daher - einiges aufzuhellen versuchen, was mir an der prÀsentierten Eindeutigkeit nicht vorzuliegen scheint.
Und ja, diese Art des Sprechens wirkt arrogant und das ist gefÀhrlich, aber ich mache jetzt bei allem Respekt den ErklÀrbÀr. Ok, Binsenbrecher?

(1) Linguistisches

Da ist zunĂ€chst einmal die Deutung von "alles zukĂŒnftig tun, um Dieselfahrverbote zu vermeiden".

Die Deutung von "um zu" als Signal fĂŒr eine irgendwie "finale, beabsichtigte" Folge, isoliert das Objekt "alles" und damit wird wohl die Aussage der Kanzlerin - vorsichtig ausgedrĂŒckt - vielleicht missdeutet.

Ein Analogiefall: "Ich werde alles, wirklich alles tun, um diese Heirat zu verhindern" ist paraphrasierbar als "Ich werde alles, alles tun (auch das Unerlaubte oder Grenzwertige), weil ich die Heirat verhindern will."

Die Paraphrase mit "weil ich will" ist eine Art Test fĂŒr das Vorliegen einer beabsichtigten Folge. Und diese Paraphrase setzt dem Objekt "alles" keine moralischen oder politischen Grenzen, sondern lĂ€sst eine frei flottierende Voraussetzung zu.

Meinte Merkel mit ihrer Formulierung soviel wie "Ich werde alles tun, weil ich die Dieselfahrverbote verhindern will"? Mir scheint, diese Interpretation greift dann doch ins hermeneutisch Übergriffige.

(2) SelbstermÀchtigung plausibel?

Was ist dann gemeint? Es dĂŒrfte sich wohl um eine Formulierung der Art handeln, die im Vordersatz eine notwendige oder eine hinreichende Bedingung fĂŒr das markiert, was dann folgt oder folgen soll.

"Ich bin gebranntes Kind genug, um mich nicht noch einmal strafbar zu machen" drĂŒckt diese logische Relation wohl erkennbar deutlich aus. Es geht in den "um-zu-Kontexten" eher selten um eine "finale Folge", sondern ĂŒberwiegend um eine Relation der - sagen wir mal - HinlĂ€nglichkeit. Aber gewiss immer um eine Folge.

Nun ist diese linguistische These durchaus von Interesse fĂŒr die Blumenbergsche These einer SelbstermĂ€chtigung der Legislative gegenĂŒber der Judikative. Geht es tatsĂ€chlich um eine "abgehobene", "eigenmĂ€chtige" Gesetzesentscheidung, welche die Judikative an die Kandare nehmen soll?

Wenn ich die bisherigen AnkĂŒndigungen halbwegs richtig deute, so ist an ein Maßnahmenpaket gedacht: Die "IntensivstĂ€dte" (mehr als 50 Mikrogramm NO2-Jahresmittelwert) sollen besondere BegĂŒnstigungen bekommen (hohe UmtauschprĂ€mie fĂŒr PKW-Fahrer, Höchstbeteiligung der
Industrie an entsprechenden Kosten, intensive Umstellung der öffentlichen Verkehrsmittel), Zeitstaffelung, Ausnahmen fĂŒr Handwerker (...).

Dazu nun - und das ist casus cnusus (Flicus Flacus Fumdideldacus und Ă€hnliches bei Justizrat Wendig, Rechtsberater des Berengar BlĂ€ulich, in: Der goldene Helm, Mickey Mouse/Donald Duck,Heft FC 408/2, S. 23 Bild 6) - kommt als Maßnahme, im neuen Bundesimmissionsgesetz das Dieselfahrverbot (möglichst) auszusetzen, wenn der NO2-Jahresmittelwert in einer Stadt unter 50 Mikrogramm liegt.

(3) Pragmatisches

Drei von mehreren Einwendungen:

(a) Schon in den bisherigen Urteilen ist die Schwellengrenze mitbedacht und damit die VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeitsnorm beachtet. Was soll also die neue Fassung?
(b) Die Bundesregierung bricht mit der Neuregelung den EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm.
(c) Der neue relevant-faktische Belastungswert ist ein (
durchsichtig) schnödes Mittel, passionierte und vor allem unschlĂŒssige WĂ€hler der GrĂŒnen vor der Hessenwahl in das Lager von SPD und CDU zu ziehen.

Zu (a) und (b) und (c): In einem Rechtsstreit dĂŒrfte die bisherige Entscheidungsnorm sich mit gewissen Abstrichen oder auch ohne Abstriche durchsetzen. Damit ist dann fĂŒr die aktuellen Wahlentscheidung ein populistischer Zug getĂ€tigt. Er verzögert radikalere Maßnahmen, hebt sie aber nicht auf.

Die (vielen) anderen Argumente dĂŒrften heute abend eine argumentativ und emotional gefĂŒhrte Diskussion grundieren:
Hier klicken

Mit Dank fĂŒr Blumenbergs anregendes/n Essay.

willi wamser


__________________
alis nil gravius

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Blumenberg
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Lieber Binsenbrecher, lieber Willibald,

zunĂ€chst einmal Entschuldigung fĂŒr die lange Zeit bis zu einer Antwort auf eure Anmerkungen.

@Binsenbrecher.
Du hast in gewisser Weise recht, dass der Text ein wenig nach Hauptseminar klingt, was mir aber angesichts des Themas einer Sprachanalyse, ein notwendiger Weg zu sein scheint. Den Kritikpunkt der Beispiele kann ich nachvollziehen und will zusehen hier noch ein bisschen nachzuarbeiten. Gleiches gilt fĂŒr den „altvĂ€terlichen Ton“, vielleicht lĂ€sst sich das eine ja durch das andere lösen. Ich freue mich aber, dass es von deiner Seite zumindest inhaltlich nicht wirklich etwas auszusetzen gab.

@Willibald.
Vielen Dank fĂŒr das Kompliment und die ausfĂŒhrliche und gehaltvolle Besprechung des Textes. Ich will versuchen auf ein paar deiner Anmerkungen einzugehen.
Du nimmst eine gewisse EngfĂŒhrung vor, die ich so nicht machen wĂŒrde, indem sich deine Analyse auf die Kanzlerin als Sprecherin bezieht. In meinem Text (s. Fußnote 1) habe ich sie nur als ein Beispiel herausgegriffen. Der Satz viel wortgleich in einer ganzen Reihe von Reden, Interviews, etc. (s. Volker, Bouffier, Scheuer, etc.). Es wĂ€re also weniger ein merkelscher Sprachgebrauch, sondern eher ein Beispiel fĂŒr ein allgemeineres Sprechen ĂŒber den Gegenstand. Hier mache ich mich natĂŒrlich schuldig die Kanzlerin als ProjektionsflĂ€che zu „missbrauchen“, was ich aber in Kauf nehme.

Zu (1 und 2)
Ich bin mir nicht sicher, ob hier tatsĂ€chlich etwas von mir missgedeutet wurde. Ein Finalsatz ist der Ausdruck fĂŒr einen „Gliedsatz, der die Absicht, den Zweck eines Verhaltens angibt.“(Duden) Er wird durch das um
zu eingeleitet und durch die Infinitivform (verhindern) und das Akkusativobjekt (Dieselfahrverbote) inhaltlich bestimmt.
Jeder Satz steht selbstverstĂ€ndlich immer in einem Kontext, da hast du völlig Recht. Ich glaube aber, dass in diesem Fall der relationale Kontext durch das alles des ersten Satzteils, d.h. durch die grĂ¶ĂŸtmögliche Steigerungsform und die unbestimmte Formulierung, wieder aufgehoben wird, so dass es zulĂ€ssig ist den Satz isoliert zu betrachten. KĂ€me es auf den vorigen Kontext an, wĂ€re eine andere Formulierung angezeigt gewesen.

(zu 3) Die lange Kommunikationspause ist in dem Fall tatsÀchlich ein Vorteil, denn mittlerweile gibtŽs einen Gesetzentwurf:

„(4a) Verbote des Kraftfahrzeugverkehrs fĂŒr Kraftfahrzeuge mit SelbstzĂŒndungsmotor kommen wegen der Überschreitung des Immissionsgrenzwertes fĂŒr Stickstoffdioxid in der Regel nur in Gebieten in Betracht, in denen der Wert von 50 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel ĂŒberschritten worden ist.“ (Entwurf eines Dreizehnten Gesetzes zur Änderung des Bundesimmissionsschutzgesetzes).

Darin werden Fahrverbote nicht möglichst ausgesetzt, sondern pauschal bis zu einem Grenzwert von 50mg fĂŒr unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig erklĂ€rt. Daher wĂŒrde ich dir auch widersprechen, wenn du schreibst „Damit ist dann fĂŒr die aktuellen Wahlentscheidung ein populistischer Zug getĂ€tigt. Er verzögert radikalere Maßnahmen, hebt sie aber nicht auf.“ Durch den Gesetzentwurf haben deutsche Gerichte, deren Aufgabe es ja genau ist die Einhaltung von Gesetzen kontrollieren, keinerlei Handhabe mehr ein Fahrverbot bei einer GrenzwertĂŒberschreitung zu verhĂ€ngen, wĂ€hrend gleichzeitig jedes bereits verhĂ€ngte hinfĂ€llig wĂ€re, es sei denn der Grenzwert von 50mg wĂŒrde ĂŒberschritten. NatĂŒrlich wird das Gesetz, so es denn ĂŒberhaupt verabschiedet wird, spĂ€testens vom EuGh wieder kassiert, aber bis es so weit ist hat man ein paar Jahre lang den Stutus quo erhalten (s. konservative Lesart).

Noch einmal vielen Dank fĂŒr die anregenden Überlegungen zu dem Text, die Lust wecken ĂŒber das Thema noch einmal etwas weitergehend nachzugrĂŒbeln.

Beste GrĂŒĂŸe

Blumenberg

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Willibald
???
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Salute, Blumenberg

Schöne Diskussion, erfreulich und anregend.

A) Folgendes Argument versuchte ich zu ĂŒberprĂŒfen:

(1) Ein Satz von Politikern wie „Wir werden alles tun, um ein Dieselfahrverbot zu verhindern“ ist eine nahezu „absolutistische“ AnkĂŒndigung und WillenserklĂ€rung, die rechtsstaatliche Normen brechen oder unterlaufen wĂŒrde.
Denn:
(2) Sie enthĂ€lt ein finales „um..zu“ und ein Akkusativobjekt „alles“, so dass es kaum eine EinschrĂ€nkung gibt.

(3) Gilt (2), so erklĂ€rt die Exekutive ihre Oberhoheit ĂŒber Legislative und Judikative und begeht eine Art undemokratische SelbstermĂ€chtigung.

(B) Dieses Argument sollte sich gegen folgende Argumente behaupten können

(4) Rein pragmatisch gesehen ist "selbstverstÀndlich" eine politische WillenserklÀrung, Fahrverbote verhindern zu wollen, nicht im luftleeren Raum gelagert, sondern stellt sich implizit den Normen demokratischer Praxis.

(5) InfinitivsĂ€tze mit um..zu drĂŒcken nicht notwendig eine beabsichtigte Folge aus, sind daher nicht notwendig „Finalkonstruktionen“

Man vergleiche hierzu etwa das DWDS oder die IDS-Grammatik von Zifonun (Grammatik der Deutschen Sprache 1438ff.) u.a.

5.1 Standard:
a)
Die Konstruktion ⟹â€șum ... zuâ€č + Inf.⟩ leitet einen finalen Gliedsatz ein, der die Absicht einer im Hauptsatz genannten Person oder den Zweck des im Hauptsatz genannten Geschehens ausdrĂŒckt

BEISPIELE:
sie ging in die Stadt, um einzukaufen
ich komme, um (dir) zu helfen
er wÀhlte diese Methode, um die Frage zu lösen
um das zu schaffen, um das schaffen zu können, ist die Hilfe aller nötig
um es gleich zu sagen, ich kann nicht lange bleiben
umgangssprachlich um's gleich zu sagen, ich kann nicht lange bleiben

b)
kann auch weiterfĂŒhrend ein zeitl. Nacheinander von Haupt- und Gliedsatz, die oft in einem Gegensatz zueinander stehen, ausdrĂŒcken

BEISPIELE:
der Fluss ist bis Mitte der Woche stark gestiegen, um dann wieder rasch zu fallen (= und fiel dann wieder rasch)
er kam, um gleich wieder wegzugehen
sie hörte von verschiedenen Krankheiten, um sie sogleich bei sich festzustellen.

5.2 die Konstruktion drĂŒckt eine Folge aus
a)
in Verbindung mit Adj. + genug

BEISPIELE:
sie sind vernĂŒnftig genug, um das einzusehen
er war Manns genug, um sich selbst helfen zu können
das Wasser war nicht warm genug, um zu baden
b)
in Verbindung mit zu + Adj.
drĂŒckt eine Folge aus, die auf Grund eines im Hauptsatz genannten Umstandes nicht eintreten kann

BEISPIELE:
er ist zu alt, um sich noch umstellen zu können
sie ist viel zu aufmerksam, um das zu ĂŒbersehen

5.3Die Konstruktion sSetzt einen HinlÀnglichkeitsspekt und lÀsst eine finale Option in den Hintergrund treten

Dieser KĂ€se muss reif und abgelagert sein, um wirklich gut zu schmecken.


Nur (5.1 a) enthĂ€lt echte, prototypische FinalsĂ€tze. Sie sind zu verstehen als „beabsichtigte Folgen“ und lassen sich etwa mit einer Konstruktion paraphrasieren „Weil sie einkaufen will“, „weil sie helfen will“.

C) Conclusio, vorlÀufige

(6) Selbst wenn man den Satz „Wir werden alles tun, um Dieselfahrverbote zu vermeiden“ paraphrasiert als „Wir werden alles tun, weil wir Dieselfahrverbote vermeiden wollen“, so gilt:

Wegen (4) ist eine absolutistische Lesart kaum möglich.

Auch in einer finalen Lesart – gestĂŒtzt auf die Agenskomponente in „tun“ - ist grammatisch und sprachanalytisch die Option einer HinlĂ€nglichkeit und Angemessenheit (5.2, 5.3) enthalten, man vergleiche:

Die Ärzte haben alles getan, um das Leben des Kindes zu erhalten.

Die Politiker haben alles getan, um Dieselfahrverbote zu verhindern". Allerdings hat der EuropÀische Gerichtshof dem Vorhaben enge Grenzen gesetzt oder gar ...


Vale

ww

vgl
Hier klicken

(dwds)

Zifonun ist im Internet nur passagenweise zu haben.
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alis nil gravius

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Trojan
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Den Versuch, Politiker-Sprech einmal anhand eines Beispiels zu entlarven, finde ich als Thema unbedingt interessant. Aber ich habe kein Wort verstanden, obwohl ich weiß, was ein Akkusativobjekt ist. Ich muss auch vor Binsenbrecher den Hut ziehen, der offenbar alles verstanden hat, der aber bloß die Proseminar-Sprache der Analyse nicht passend findet. Dostojewski sagt, jeder Stock hat zwei Enden, und die Sprach-Analyse ist genau so vernebelnd wie der Merkel-Spruch, bloß vom anderen Ende her.

An wen richtet sich Merkel denn? An die Diesel-Fahrer vermutlich, vulgo: das Publikum, ganz vulgo: das Volk. Also sollte eine Sprach-Analyse ihrerseits eine Sprache benutzen, die auch eben dieses Publikum einbezieht, und das definiert sich nicht als Experten, Linguistik-Experten, sondern schlicht und platt als BĂŒrger. Der Witz an dem Merkel-Zitat muss doch sein, dass die sprachliche Verneblung prinzipiell auch fĂŒr Otto Normal erkennbar wĂ€re – und Letzteres sichtbar zu machen, wĂ€re der allererste Schritt einer solchen Sprach-Analyse. Und dieser erste Schritt wĂŒrde automatisch fĂŒr alles weitere die Wahl der Sprache und damit die Vorgehensweise bestimmen, nĂ€mlich eine Sprache, unter der man sich auch was vorstellen kann.



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