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Leselupe.de > Humor und Satire
Dingsda und sein Kasperltheater
Eingestellt am 15. 03. 2003 22:07


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M├Â├čner, Bernhard
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DINGSDA UND SEIN kASPERLTHEATER
-Ein M├Ąrchen-
Versteckt hinter sieben hohen Schwarzwaldbergen und von gr├╝nen H├╝geln umgeben, lag einst das sagenumwobene Land Dingsda, dessen K├Ânig von allen Herrschern ringsum beneidet wurde, denn er regierte lauter zufriedene und gl├╝ckliche Untertanen. Diese arbeiteten sechs Tage in der Woche, aber am Samstagabend nahmen sie den Birkenreisbesen zur Hand, die Landbewohner kehrten die Stra├če vor ihren H├Âfen, die Bewohner der gleichlautenden Landeshauptstadt schruppten den B├╝rgersteig blank, die Frauen polierten die Fensterscheiben und harkten die Blumenbeete im Vorgarten.
Wenn die flei├čigen Ehepaare dann am Sonntagmorgen zum Gottesdienst gingen, die "L├Ąndler" zur Kirche und die B├╝rger der Stadt in ihr pr├Ąchtiges M├╝nster, waren sie stolz auf ihre H├Ąuser und auf ihre sauberen Stra├čen.
Selbst wenn ihnen der w├╝rdige Herr Pfarrer in seiner Predigt zur Demut riet und ihnen auftrug, ihr Herz nicht an irdische Dinge zu h├Ąngen, so bildeten sie sich auf dem Heimweg doch wieder manches ein, ├╝ber ihre ordentliche Stadt, die blitzsauberen Wege und ihren g├╝tigen K├Ânig.
Die Anwohner, die ihre Villen um das M├╝nster herum oder oben am Schlossberg gebaut hatten, mussten ihr St├╝ck Trottoir nicht selber kehren, denn auf dem M├╝nsterplatz residierte der ehrw├╝rdige Herr Dompfarrer Frommherz, oben am Berg stand das K├Ânigschloss und zwischen M├╝nster und Schlossberg wohnten der Kanzler, die Minister, des K├Ânigs geheime R├Ąte mit den Sekret├Ąren, Herr Hofrat B├╝nzle, Stadtschulze T├╝chtig, Hofmarschall Schneidig, sowie Herr Hauptlehrer Genius. Obwohl weder der K├Ânig, noch der Herr Dompfarrer oder sonst jemand dort einen Besen besa├č, waren deren Stra├čen und Pl├Ątze immer blitzblank gekehrt. Daf├╝r sorgten Fritz und Otto, die mit Schaufeln und Besen ausgestattet waren, eine dunkle M├╝tze mit gl├Ąnzendem Schild auf dem Kopf trugen und von der Stadt ordentlich angestellt und bezahlt wurden.
Zwischen M├╝nster und Schlossberg lag auch der k├Ânigliche Stadtpark mit dem prachtvollen Theater, auf dessen B├╝hne Herr Intendant Steinberger an jedem Sonntag sein Kasperltheater auff├╝hrte. Herr Steinberger schnitzte die Puppen selbst, die bei den Auff├╝hrungen gebraucht wurden, Frau Steinberger n├Ąhte die Kost├╝me dazu daheim auf ihrer eigenen N├Ąhmaschine. Die Puppen konnten ihre Arme bewegen, den Mund auf- und zumachen und sogar mit den Augen klappern.
Dass sie das konnten, verdankten sie Herrn Steinbergers Erfindungsreichtum und Geschicklichkeit. Seine Erfindungen wurden nur deshalb nie patentiert, weil es in Dingsda kein Patentamt gab.
Die Dialoge, die ihre Puppen bei den Auff├╝hrungen sagten und die nat├╝rlich vom Ehepaar Steinberger hinter der B├╝hne gesprochen wurden, stammten allesamt aus der Feder des Herrn Hofliteraten B├╝nzle.
In den aufgef├╝hrten St├╝cken wirkten immer mit: der Kasper, der Teufel, ein J├Ąger, ein oder zwei Pferde, manchmal auch der K├Ânig oder ein Prinz, denen Intendant Steinberger seine sonore Stimme lieh. Die weiblichen Darsteller waren: eine w├╝ste Hexe, eine holde Fee, sowie eine wundersch├Âne Prinzessin, manchmal auch eine feine Gr├Ąfin; am wichtigsten war aber die K├Ânigin, die nat├╝rlich mit der kunstvoll modulierten Stimme aus dem Munde von Frau Steinberger sprach oder sogar sang. Wenn Frau Steinberger hinter der B├╝hne als K├Ânigin oder Prinzessin gesungen hatte, standen der K├Ânig und die echte K├Ânigin in ihrer Loge auf, um Beifall zu spenden. Dann erhob sich auch das Publikum unten im Saal, alle klatschten in die H├Ąnde und riefen: "Bravo, bravo!"
├ťber Weihnachten, wenn das Ehepaar Steinberger Urlaub nahm und zum Skifahren auf die Bl├╝mlisalp reiste, kamen fremde Puppenspieler in die Stadt und f├╝hrten das Drama von der armen Genoveva auf, die von ihrem gr├Ąflichen Ehemann versto├čen wurde. Die Frauen und M├Ądchen im Saal weinten dann immer, und selbst die M├Ąnner fuhren sich mit der Hand heimlich ├╝ber die nassen Augen. Dann lie├čen die K├Ânigin und die Prinzessin aus ihrer K├Ânigsloge wei├če Taschent├╝chlein im Saal verteilen. Sofort h├Ârten die weiblichen Theaterg├Ąste auf zu weinen, schn├Ąuzten sich und steckten die feinen spitzenumh├Ąkelten T├╝chlein ein.
Hofliterat B├╝nzle ├Ąrgerte sich aber jedes mal, denn die Texte, die von den fremden Schaustellern gesprochen wurden, stammten nicht von ihm. Wenn Frau und Herr Steinberger nach ihrem Urlaub h├Ârten, dass sich der B├╝nzle wieder aufgeregt hatte, freuten sie sich heimlich, denn die Texte aus dessen Feder, die sie immer vortragen mussten, gefielen ihnen schon lange nicht mehr.
Dabei schrieb Herr B├╝nzle jeden Monat ein neues St├╝ck, aber die Handlung der St├╝cke war stets fast gleich. Einmal ritt die Prinzessin sorglos ├╝ber eine Blumenwiese, obwohl der Kasper sie dringend davor gewarnt hatte, begegnete dort aber dem b├Âsen Teufel oder einem schlimmen J├Ąger, der sie in den schwarzen Wald entf├╝hrte, in dem B├Ąren und Drachen hausten. Zum Gl├╝ck kam dann der Kasper mit einem Prinzen, der sie wieder rettete und heim holte auf das Schloss, wo der K├Ânig dann den Kasper lobte und die gerettete Prinzessin dem Prinzen zur Frau gab.
Im n├Ąchsten St├╝ck verlief sich die Prinzessin, die Pilze sammeln wollte, im dunklen Wald, in dem sich dann auch noch die K├Ânigin verirrte, weil sie die Prinzessin selber suchen wollte, obwohl der Kasper beiden abgeraten hatte, ohne ihn in den gef├Ąhrlichen Wald zu gehen. Dann rief der Kasper die holde Fee herbei, die ihm beim Suchen half. Zuletzt ritten dann die gerettete K├Ânigin und die Prinzessin hoch zu Ross und vom treuen Kasper zu Fu├č begleitet, zum Schloss zur├╝ck,
wo sie vom K├Ânig und von einem M├Ąrchenprinzen sehns├╝chtig erwartet wurden.
Eines Abends, nach der Vorstellung, gingen Herr und Frau Steinberger noch ins "Br├Ąust├╝berl", ganz in der N├Ąhe des Theaters, wo sie zuf├Ąllig Herrn Stadtschreiber Wuschel trafen, der dort mutterseelenallein sa├č und seinen Feierabendschoppen trank. Karlo Wuschel war in der Stadtschreiberei den ganzen Tag damit besch├Ąftigt, Listen zu f├╝hren und Protokolle ├╝ber die Ratsversammlungen zu schreiben. Wenn der Schulze und die R├Ąte nachher in seinen Protokollen lasen, wie viel kluge Worte sie gesagt hatten, freuten sie sich sehr. Denn Herr Wuschel besa├č die seltene Gabe, aus den d├╝mmsten Redebeitr├Ągen gescheite S├Ątze zu formulieren. Herr Wuschel war deshalb sehr beliebt bei den R├Ąten.
Ihm klagte nun das Ehepaar Steinberger sein Leid ├╝ber die Einfallslosigkeit des Hofliteraten B├╝nzle, und ├╝ber die schlechten St├╝cke, die er verfasste. Herr Wuschel, die nie eine Auff├╝hrung des Kasperltheaters vers├Ąumte, hatte vollstes Verst├Ąndnis und versprach den beiden, auch einmal ein Theaterst├╝ck zu schreiben. So sa├č er den einige Wochen jeden Abend an seinem Schreibtisch, verzichtete auf Freizeit und Feierabendbier und schrieb ein St├╝ck, das die Kasperltheaterwelt ver├Ąndert h├Ątte, w├Ąre es je aufgef├╝hrt worden! Die Hauptrollen spielten darin der Fritz und der Otto, die den M├╝nsterplatz und die Stra├čen am Schlossberg t├Ąglich blank fegen, und die dem Kasper auf der B├╝hne erz├Ąhlen, was sie dort alles erlebten. Wie ihnen der g├╝tige K├Ânig im Sommer manchmal ein Bier einschenke, oder sie im Winter sogar zu einem Schnaps in seine pr├Ąchtige Stube einlade. Dass ihnen die K├Ânigin zu Weihnachten warme Socken und selbstgestrickte Handschuhe geschenkt und wie freundlich und g├╝tig die Prinzessin sei. Auch dass der K├Ânig ihren Flei├č einmal vor allen Ministern lobte, erz├Ąhlten sie, worauf der Kasper sie zum Schluss des St├╝ckes an sein Herz dr├╝ckt und sie seine Br├╝der nennt.
Diese Geschichte gefiel dem Intendanten so gut, dass er sofort begann, aus Lindenholz Fritz- und Otto-Puppen mit winzigen Schaufeln und Besen zu schnitzen, und Frau Steinberger n├Ąhte f├╝r sie blaue Arbeitsanz├╝ge und klitzekleine Schildkappen.
Soweit w├Ąre alles gut gegangen, h├Ątten sich nicht acht Tage vor der Urauff├╝hrung Frau Steinberger und Frau Genius zuf├Ąllig beim B├Ącker getroffen. Frau Steinberger hatte den ungl├╝ckseligen Einfall, bei dieser Gelegenheit die kunstsinnige Dame samt ihrem Gatten, Herrn Oberlehrer Willibald Genius zu der Erstauff├╝hrung der zeitkritischen Kom├Âdie "Den guten Besen erkennt man am Sti(e)l", einzuladen. Frau Genius bedankte sich artig f├╝r die versprochenen Freikarten und rannte auf dem Heimweg schnurstraks zu Frau B├╝nzle, um ihr die Neuigkeit mitzuteilen. Herr B├╝nzle begab sich zu Geheimrat M├Âbus, Herr M├Âbus informierte den Stadtschulzen, und dieser berief umgehend eine nicht├Âffentliche Ratsitzung ein, ohne allerdings Stadtschreiber Wuschel zu informieren oder gar einzuladen.
Schwere Entscheidungen mussten bei dieser Sitzung getroffen werden! Der Kanzler gab zu bedenken, dass die W├╝rde des K├Ânigshauses Schaden nehmen k├Ânnte, wenn Fritz und Otto auf der B├╝hne wom├Âglich interne und delikate Dinge an die ├ľffentlichkeit tr├╝gen, wie zum Beispiel das uneheliche Kind der holdseligen Prinzessin, oder die Vorliebe des Herrn Dompfarrers f├╝r junge K├Âchinnen und alte Weine. Marschall Schneidig, der Oberkommendierende der drei Gardisten, die im Schilderh├Ąuschen vor dem Schlossportal Wache schoben, f├╝rchtete das gedankenlose oder gar geplante Ausplaudern milit├Ąrischer Geheimnisse von der offenen B├╝hne herunter. Herr B├╝nzle hielt eine leidenschaftliche Rede, in der er den versammelten W├╝rdentr├Ągern darlegte, wie sehr das Niveau des Landes und der Stadt Dingsda sinken m├╝sste, w├╝rde man die B├╝hne irgendwelchen Dilettanten ├╝berlassen.
Die hohen Herren beschlossen, dass das Kasperltheater vor solch fragw├╝rdigen Experimenten bewahrt werden m├╝sse. Herr Stadtschulze T├╝chtig vermutete, dass sein Schreiber Wuschel, den er menschlich sehr sch├Ątze, wahrscheinlich durch die Familie Steinberger zu dieser un├╝berlegten Tat angestiftet wurde. Er empfahl, den altgedienten Stadtschreiber f├╝r ein viertel Jahr zu beurlauben, und ihn danach, bei gek├╝rztem Gehalt, wieder zu besch├Ąftigen. Dieser gro├čherzige Vorschlag wurde einstimmig angenommen, genau so einstimmig wurde beschlossen, das Ehepaar Steinberger zum Quartalsende zu entlassen und einen neuen Kasperltheater-Intendanten zu suchen.
Inzwischen ist wieder Ruhe eingekehrt in Dingsda. Hofliterat B├╝nzle hat zwei ganz neue St├╝cke geschrieben, in denen sich die Prinzessin nicht im Wald, sondern schon auf der Blumenwiese verirrt.
Herr Wuschel musste sich bei allen Ratsmitgliedern entschuldigen, doch sitzt er wieder auf seinem Platz und erstellt Listen, darf aber keine Protokolle mehr schreiben.
Als das Ehepaar Steinberger am Montagmorgen die Stadt verlassen hat, sagte Herr Oberlehrer Genius zu seinen Achtkl├Ąsslern: "Ja, ja, so enden alle b├Âsen Taten.

__________________
-Bernhard M├Â├čner-

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flammarion
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na,

das scheint ja eine nette reihe von geschichten zu werden. bin schon gespannt auf die n├Ąchste. ganz lieb gr├╝├čt
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