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Leselupe.de > Humor und Satire
Dingsda und sein Kasperltheater
Eingestellt am 12. 11. 2003 22:36


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M├Â├čner, Bernhard
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Dingsda und sein Kasperltheater
-Ein satirisches M├Ąrchen-

Gut verborgen hinter hohen Schwarzwaldbergen und eingebettet in mehrere T├Ąler, lag einst das sagenumwobene Land Dingsda, dessen Herrscher von F├╝rsten, K├Ânigen, selbst vom Kaiser beneidet wurde, denn er regierte lauter gl├╝ckliche und zufriedene Untertanen. Diese arbeiteten sechs Tage in der Woche, aber am Samstagabend nahmen die M├Ąnner Besen und Schrupper zur Hand, die Landbewohner kehrten die Wege und Dorfstra├čen, die St├Ądter schruppten die Stra├čen und Trottoirs vor ihren H├Ąusern auf Hochglanz und die Frauen polierten die ohnehin sauberen Fensterscheiben, bis sie sich darin spiegeln konnten.
Die Anwohner, die ihre Villen um das M├╝nster herum am Schlossberg gebaut hatten, mussten ihr Stra├čenst├╝ck oder ihr St├╝ck B├╝rgersteig nicht selber kehren, denn am M├╝nsterplatz residierte der hochw├╝rdige Herr Dompfarrer Frommherz, weiter oben am Berg stand das Schloss des K├Ânigs und zwischen dem M├╝nsterplatz und dem Schlossberg wohnten der Kanzler, seine sechs Minister, sowie Herr Hofliterat B├╝nzle, Stadtschulze T├╝chtig, Hofmarschall Schneidig, sowie der Schulleiter, Herr Oberlehrer Genius.
Obwohl weder der K├Ânig, noch der Herr Dompfarrer oder sonst jemand dort oben je einen Besen in die Hand genommen h├Ątte, waren die Stra├čen und Pl├Ątze am Schlossberg stets blitzblank gekehrt. Daf├╝r sorgten Fritz und Otto, die dazu von der Stadt mit einer Schubkarre, Schaufeln, Besen und Uniformen ausgestattet waren, weshalb sie als k├Ânigliche Beamte einen besonderen Diensteifer an den Tag legten. Zwischen dem M├╝nster und dem Schlossberg lag der k├Ânigliche Stadtpark, dort stand auch das prachtvolle Theater, auf dessen B├╝hne Herr Intendant Steinberger an jedem Sonntagnachmittag, ein Puppentheaterst├╝ck auff├╝hrte.
Dies war jedes Mal ein gro├čes gesellschaftliches Ereignis in Dingsda, das niemand vers├Ąumen mochte. Herr Steinberger schnitzte die Figuren, die bei den Auff├╝hrungen gebraucht wurden, selbst und Frau Steinberger n├Ąhte die Kost├╝me dazu auf ihrer N├Ąhmaschine. Die Puppen konnten ihre Arme und F├╝├če bewegen, den Mund ├Âffnen und schlie├čen und sogar mit den Augen klimpern. Dass sie das konnten, verdankten sie Herrn Steinbergers Erfindungsreichtum und Geschicklichkeit. Seine Erfindungen wurden nur deshalb nie patentiert, weil es in Dingsda gar kein Patentamt gab.
Die Dialoge, welche die Puppen bei den Proben und Auff├╝hrungen redeten und die nat├╝rlich vom Ehepaar Steinberger hinter der B├╝hne gesprochen wurden, stammten allesamt aus der Feder des Herrn Hofliteraten B├╝nzle.
In den St├╝cken, die aufgef├╝hrt wurden, waren immer dabei: der Kaspar als Hauptperson, der Teufel, der J├Ąger, ein oder zwei Pferde, der K├Ânig und ein Prinz, denen Herr Steinberger seine sonore Stimme lieh. Die weiblichen Figuren waren: eine Hexe, eine holde Fee, wowie die wundersch├Âne Prinzessin, und je nach der Handlung auch eine Gr├Ąfin, am wichtigsten war aber die K├Ânigin, f├╝r deren gesprochene oder gesungene Texte Frau Steinberger ihren Mund besonders kunstvoll spitzte. Hatte sie als K├Ânigin wieder einmal besonders sch├Ân gesungen, stand das anwesende K├Ânigspaar in seiner Loge auf, um laut Beifall zu spenden. Dann erhob sich auch das Publikum unten im Zuschauerraum, klatschte in die H├Ąnde und alle riefen: "bravo, bravo!"
├ťber Weihnachten, wenn das Ehepaar Steinberger Urlaub machte auf der Bl├╝mlisalp, kamen fremde Puppenspieler in die Stadt und f├╝hrten die Geschichte der armen Genoveva auf, die von ihrem gr├Ąflichen Gatten versto├čen wurde. Die Frauen und M├Ądchen im Saal weinten dann immer, auch die M├Ąnner wischten sich verstohlen ├╝ber die Augen. Dann lie├čen die K├Ânigin und die Prinzessin wei├če Taschent├╝chlein im Saal verteilen. Sofort h├Ârten die weiblichen Theaterg├Ąste auf zu weinen, sie schn├Ąuzten sich ihre Nasen und steckten die T├╝chlein ein. Herr B├╝nzle, der Hofliterat, ├Ąrgerte sich dabei jedes Mal, denn die Texte, die von den fremden Schaustellern gesprochen wurden, stammten nicht von ihm.
Wenn dann Frau und Herr Steinberger aus dem Urlaub zur├╝ckkehrten und h├Ârten, dass sich der B├╝nzle wieder aufgeregt hatte, freuten sie sich heimlich, denn die St├╝cke aus der Feder des Hofliteraten, die sie immer spielen mussten, gefielen ihnen schon lange nicht mehr. Dabei war Herr B├╝nzle sehr flei├čig und schrieb jeden Monat ein neues St├╝ck, aber die Handlung darin blieb stets fast gleich.
Einmal ritt die Prinzessin sorglos ├╝ber eine Blumenwiese, obwohl der Kasper sie dringend davor gewarnt hatte, begegnete aber dort prompt dem b├Âsen Teufel und dem J├Ąger, beide entf├╝hrten sie in den dunklen Wald, wo ein Drachen hauste. Zum Gl├╝ck erschien dann im allerletzten Moment der Kasper und ein Prinz, die sie retteten und heimholten auf das Schloss ihres Vaters. Meist gab der dankbare K├Ânig danach seine gerettete Tochter dem mutigen Prinzen zur Frau.
Im n├Ąchsten St├╝ck verirrte sich die Prinzessin, die Pilze und Beeren sammeln wollte, auf den Waldwegen, weil die Wanderkarte, die sie mitf├╝hrte, von der Hexe seitenverkehrt verhext war und weil die Prinzessin gar keine Karte lesen konnte. Als es Nacht wurde und die Prinzessin noch nicht zur├╝ck war, rief der Kasper die holde Fee herbei, die ihm beim Suchen half. Wieder heiratete die gerettete Prinzessin einen fremden Prinzen, mit dem sie gl├╝cklich ist, bis zur n├Ąchsten Auff├╝hrung.
An einem Abend, nach der Vorstellung, gingen Frau und Herr Steinberger noch ins Lokal "Bierh├Ąusle", das ganz in der N├Ąhe des Theaters stand, wo sie rein zuf├Ąllig auf Herrn Stadtschreiber Wuschel trafen, der dort allein sa├č und tr├╝bsinnig seinen Feierabendschoppen trank. Karlo Wuschel war in der Stadtschreiberei tags├╝ber damit besch├Ąftigt, Listen zu f├╝hren oder Protokolle ├╝ber die w├Âchentlichen Ratsversammlungen zu schreiben.
Wenn das Stadtoberhaupt und die R├Ąte nachher in seinen Protokollen lasen, wie viele kluge Dinge sie gesagt hatten, freuten sie sich sehr. Denn Herr Wuschel beherrschte die Kunst, aus den d├╝mmsten Redebeitr├Ągen gescheite S├Ątze zu formulieren und diese im Protokoll festzuhalten. Der Stadtschreiber war deshalb sehr beliebt bei den Ratsmitgliedern.
Ihm klagte nun das Ehepaar Steinberger sein Leid ├╝ber die vielen schlechten St├╝cke, die Herr Hofrat B├╝nzle immerzu verfasste. Herr Wuschel, der fast keine Auff├╝hrung des Kasperltheaters vers├Ąumte, weil er Frau Steinberger heimlich verehrte, hatte das auch schon bemerkt und versprach den beiden, auch einmal ein Kasperltheaterst├╝ck zu schreiben. So stand er denn viele Wochen daheim an seinem Schreibpult und verfasste eine Kom├Âdie, welche die Kasperltheaterwelt ver├Ąndert h├Ątte, w├Ąre sie je aufgef├╝hrt worden. Die Hauptrollen darin spielten der Fritz und der Otto, die den M├╝nsterplatz sowie den Schlossberg alle Tage blitzblank fegten und dem Kaspar in dieser Kom├Âdie begeistert erz├Ąhlten, was sie dort alles erlebten. Wie ihnen der g├╝tige K├Ânig im Sommer manchmal ein Bier spendiere oder im Winter einen Schnaps einschenke. Sie berichteten, dass ihnen die K├Ânigin im Herbst sogar warme Socken gestrickt habe und wie freundlich die Prinzessin zu ihnen sei. Und dass ihnen der b├Âse Teufel einmal hundert Gulden daf├╝r versprochen habe, dass sie den Dreck, den sie am Schlossberg zusammenkehrten, bei Nacht vor dem Eingang zum Schloss hinkippten, damit die Prinzessin, wenn sie sp├Ąt heimkehre, dar├╝ber stolpere und aussehe, wie eine Hexe, und wie sie beide gegen alle Versuchungen standhaft blieben.
Diese Geschichte gefiel dem Kasperltheater-Intendanten so gut, dass er sofort begann, aus Lindenholz Fritz- und Otto-Puppen mit winzigen Schaufeln und Besen zu schnitzen.
Soweit w├Ąre alles gut gegangen, h├Ątten sich nicht acht Tage vor der Auff├╝hrung Frau Steinberger und Frau Genius zuf├Ąllig beim B├Ącker getroffen. Frau Steinberger hatte den ungl├╝ckseligen Einfall, bei dieser Gelegenheit die kunstsinnige Dame samt ihrem Gatten zu der Erstauff├╝hrung der zeitkritischen Kom├Âdie "Den guten Besen erkennt man am Sti(e)l", einzuladen. Frau Genius bedankte sich artig f├╝r die versprochenen Freikarten und rannte auf dem Heimweg schnurstraks zu Frau B├╝nzle, um dieser die Neuigkeit mitzuteilen. Herr B├╝nzle begab sich zu Herrn Hofmarschall Schneidig, Herr Schneidig informierte den Schulzen und dieser berief umgehend eine nicht├Âffentliche Ratsitzung ein, allerdings, ohne Herrn Stadtschreiber Wuschel dazu einzuladen.
Schwere Entscheidungen mussten bei dieser Sitzung getroffen werden! Der Kanzler gab zu bedenken, dass die W├╝rde des K├Ânigshauses Schaden nehmen w├╝rde, wenn Fritz und Otto wom├Âglich interne und delikate Dinge an die ├ľffentlichkeit tr├╝gen. Marschall Schneidig, als Oberkommandierender der drei Gardisten, die im Schilderh├Ąuschen vom dem Schlossportal abwechselnd Wache schoben, f├╝rchtete das gedankenlose oder gar geplante Ausplaudern milit├Ąrischer Geheimnisse von der offenen B├╝hne herunter. Herr B├╝nzle, den man als ausgewiesenen Fachmann hinzuzog, hielt eine leidenschaftliche Rede, in der er den versammelten R├Ąten darlegte, wie sehr das Niveau der Stadt Dingsda sinken m├╝sste, w├╝rde man die B├╝hne irgendwelchen Theaterdilettanten ├╝berlassen. "Denn hier", so schloss der Hofliterat sein Pl├Ądoyer, "hier handelt es sich um hohe Kunst und die Kunst ist eine heilige Sache, meine sehr verehrten Herren R├Ąte!"
Die sehr verehrten Herren R├Ąte beschlossen, dass ihr Theater vor solch fragw├╝rdigen Experimenten bewahrt werden m├╝sse. Stadtschulze T├╝chtig vermutete, dass Schreiber Wuschel, den er menschlich sehr sch├Ątze, durch die Familie Steinberger zu dieser un├╝berlegten Tat angestiftet wurde. Er empfahl, den bisher unbescholtenen Stadtschreiber erst einmal f├╝r ein viertel Jahr zu beurlauben und ihn danach, bei gek├╝rztem Gehalt, wieder zu besch├Ąftigen. Dieser weise Vorschlag wurde einstimmig angenommen, genau so wurde beschlossen, das Ehepaar Steinberger zu entlassen und einen neuen Kasperltheater-Intendanten zu suchen.
Nach dieser Zeit ist wieder Ruhe eingekehrt in Dingsda. Das Ehepaar Steinberger hat die Stadt verlassen und Herr B├╝nzle hat zwei ganz neue St├╝cke verfasst, in denen sich die Prinzessin nicht erst im Wald, sondern bereits auf dem Weg zur Blumeninsel verirrt.
Herr Wuschel, der sich bei allen Ratsmitgliedern entschuldigte, sitzt wieder auf seinem Platz in der Stadtschreiberei und verfasst Listen und Protokolle. Allerdings hat er beantragt, dass man ihn vorzeitig pensionieren m├Âge.
"Ja, ja", sagte am Montagmorgen Herr Oberlehrer Genius zu seinen Achtkl├Ąsslern, "so enden einmal alle schlimmen Taten!"
__________________
-Bernhard M├Â├čner-

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