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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Diogenes
Eingestellt am 18. 03. 2010 08:20


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Retep
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Registriert: Jun 2008

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UrsprĂŒnglich hatte ich einen Text "Aristoteles" geschrieben, habe hier geĂ€ndert und verkĂŒrzt.


Diogenes

Ich schaue ihn genauer an:
Er ist unrasiert und hat eine Glatze bis auf ein paar StrĂ€hnen am Hinterkopf,die den Kragen seines speckigen glĂ€nzenden Sakkos bedecken. Es passt ĂŒberhaupt nicht zu der hellen Tweedhose.
Seine Manschetten sind ausgefranst und am Rande so schwarz wie seine FingernÀgel. Sein Alter kann ich nur schwer einschÀtzen, etwa 50 bis 60 Jahre vermute ich. Gewaschen und in anstÀndiger Kleidung sÀhe er fast genau so aus wie ich.

Vor ihm steht ein Einkaufswagen aus einem Supermarkt mit TĂŒten, KleidungsstĂŒcken und einem Schlafsack. Alles abgedeckt mit einer durchsichtigen Plastikplane. Er hat ein Buch in der Hand, „Diogenes“ kann ich auf dem Einband lesen.
Die Leute laufen vorbei, ab und zu wirft jemand eine MĂŒnze in die Blechdose vor ihm.
Ich bleibe lĂ€ngere Zeit vor ihm stehen, werfe dann auch ein GeldstĂŒck ein und frage ihn, ob er mitkommen wolle. Ich sei gerade allein, wir könnten zusammen etwas essen.
ZunĂ€chst zögert er, scheint ĂŒberrascht, kommt dann aber mit. Als wir bei mir zuhause angekommen sind, holt er seinen Wagen aus dem Kofferraum und stellt ihn in den Hausflur.

Ob er sich frisch machen könne, fragt er. Ich zeige ihm das Bad. Mir fĂ€llt ein, dass irgendwo noch ein Karton mit Kleidung herumstehen mĂŒsste. Ich finde ihn in der Garage, stelle ihn vor das Bad und rufe: „Vor der TĂŒr steht ein Karton mit alten KleidungsstĂŒcken, vielleicht können Sie etwas davon gebrauchen.“ Keine Antwort.

Wir sitzen zusammen am KĂŒchentisch und essen, Kartoffeln und GemĂŒse, dazu habe ich Steaks gebraten und eine Flasche mit spanischem Rotwein aufgemacht. Er will keinen Wein, er trinke keinen Alkohol mehr, schon seit lĂ€ngerer Zeit. Leitungswasser will er, er sei daran gewöhnt, sagt er.
Der Mann hat Hunger, greift krĂ€ftig zu, schaut mich öfter an und schĂŒttelt den Kopf. Völlig verĂ€ndert sieht er aus, hat sich gewaschen und rasiert, meine abgelegten KleidungsstĂŒcke passen ihm.

„Warum haben Sie mich mitgenommen?“, fragt er nach einer Weile.
Ja, warum habe ich ihn zu mir nach Hause eingeladen? Meine Frau ist mit einem anderen Mann abgehauen. Als ich den Obdachlosen sah, kam mir eine besondere Idee. Ich sage aber:
„Sie hatten ein Buch in der Hand, „ Diogenes“, habe ich auf dem Einband gelesen.“
„Ja, ein Buch ĂŒber Diogenes, einer der vor vielen Jahren am Tag mit einer Lampe ĂŒber den Marktplatz von Athen ging und einen Menschen suchte.
Ich sehe ihn verblĂŒfft an

Ich sage ihm, dass ich Hans MĂŒller heiße und bei einer Großen Bank arbeite. Ich erwĂ€hne nicht, dass ich heute meinen Arbeitsplatz verloren habe. FĂŒr ihn scheinen Namen keine Rolle zu spielen.
„ Nennen sie mich, wie Sie wollen, Franz, Uwe, Gerd oder -“
„Dann werde ich Sie Diogenes nennen“, sage ich.
Er nickt erstaunt.

Wir gehen zusammen ins Wohnzimmer. Ich hole eine weitere Flasche Wein und einen Krug mit Leitungswasser fĂŒr Diogenes, stelle alles auf den Couchtisch.
Diogenes sitzt mir in einem Sessel gegenĂŒber.
Er hÀlt sein Glas mit beiden HÀnden fest umklammert und dreht es hin und her.
„Ich brauche inzwischen nicht mehr, als ich in dem Einkaufswagen habe. Ich brauche nichts mehr, auch keine soziale Anerkennung. Ich fĂŒhle mich freier als vorher. Ich will meine Ruhe haben. Ich glaube, das Leben ist wollen, möchten, sollen. MĂŒssen ist etwas ganz anderes.“

Wo er denn schlafe, frage ich ihn, was er im Winter mache. Es gĂ€be einen alten Friedhof in Prenzlau, da wĂŒrde schon lange keiner mehr beerdigt. Jetzt wolle man aber daraus einen Parkplatz machen. FĂŒr den Winter habe er einen warmen Schlafsack, warme Kleidung erhalte er vom Roten Kreuz und von der Caritas.
„ Ich habe viel Zeit, ĂŒber mich selbst nachzudenken, ĂŒber die Frage, warum und wozu. Eine Antwort habe ich noch nicht gefunden, vielleicht gibt es sie nicht, ich weiß nur, dass es kein Anrecht auf Wohlstand und GlĂŒck gibt.“
Er hatte immer langsamer gesprochen und vor sich hin geschaut.

Zeit habe ich nie gehabt, denke ich. Kleiner Bankangestellter bin ich geworden. Wollte mal eine Familie haben und mit einer Frau zusammen leben. Daraus ist nichts geworden. Seit Jahren lebten wir nebeneinander. Sie war enttĂ€uscht, dass ich nicht zumindest Bankdirektor wurde und ließ mich das tĂ€glich spĂŒren.
Dazu der Stress bei der Arbeit, tĂ€glich musste ich Kunden irgendeinen Unsinn andrehen, wurde von meinem Chef immer wieder ermahnt, die Quote einzuhalten. Und jetzt bin ich auch noch arbeitslos. In meinem Alter wird es schwer sein, eine neue Arbeit zu finden. Die Raten fĂŒr das Haus werde ich nicht mehr bezahlen können.

Er geht zum BĂŒcherregal und schaut sich philosophische Werke an, nimmt Heidegger heraus.
Ob ich das schon gelesen hÀtte, fragt er mich nach einiger Zeit. Ich sage, ich hÀtte da einiges stehen, hÀtte versucht es zu lesen, aber Heidegger könne ich nicht verstehen, da fehle mir die Bildung.
Der schreibe schon kompliziert, meint er, wenn ich wolle, könne er mir etwas helfen, ihn zu verstehen.
Ich bin ĂŒberrascht.
Ja, er habe sich lĂ€ngere Zeit mit Heidegger beschĂ€ftigt, sagt er, zögert ein wenig und fĂŒgt dann hinzu: „Über den habe ich mal etwas geschrieben, das ist allerdings schon lange her.“

Ich hole ihm einen Krug mit frischem Wasser, habe die Tabletten darin aufgelöst. Diogenes sagt bald, dass er ziemlich mĂŒde sei. Ich zeige ihm das GĂ€stezimmer.
Bald darauf höre ich ihn schnarchen.

Ich ziehe seine alte Kleidung an. Die UmhĂ€ngetasche mit seinen Papieren hĂ€nge ich mir um. Seinen Wagen mit den wenigen Habseligkeiten schiebe ich in den Vorgarten. Dann gehe ich noch einmal ins Haus, zĂŒnde eine Kerze an und öffne den Gashahn.
Als ich auf die Straße komme, schaue ich noch ein letztes Mal mein Haus an, nichts wird davon ĂŒbrig bleiben. Ich begegne niemandem. Es ist schon spĂ€t.
In der NÀhe des Friedhofes höre ich das Martinshorn.





Version vom 18. 03. 2010 08:20
Version vom 18. 03. 2010 10:27
Version vom 30. 03. 2010 04:14

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Spaetschreiber
???
Registriert: Sep 2009

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Hallo Retep. Sehr schön!

Hier vielleicht ein Tipp fĂŒr den Schluss.

Als ich auf die Straße komme, schaue ich noch ein letztes Mal auf mein Haus.
Es ist schon spÀt und ich begegne niemandem.
Auf Höhe des Friedhofes höre ich das erste Martinshorn.

___________________________________

ach, nochwas ...

Der Einstiegssatz kann vielleicht ein wenig ausgedĂŒnnt werden.

Hier Deine Variante:

Ich schaue ihn mir genauer an:
Sein Kopf ĂŒber dem unrasierten Gesicht ist kahl, nur hinten fallen einige StrĂ€hnen grau gesprenkelten Haars bis fast auf den Kragen seines speckig glĂ€nzenden schwarzen Sakkos, das ĂŒberhaupt nicht zu der hellen, fadenscheinigen Tweedhose passt.


Hier ein Vorschlag:

Ich schaue ihn mir genauer an:
Sein Kopf ĂŒber dem unrasierten Gesicht ist kahl, nur hinten fallen einige graue StrĂ€hnen auf den Kragen. Das schwarze Sakko, speckig, glĂ€nzend, passt ĂŒberhaupt nicht zu der hellen Tweedhose.

Es grĂŒĂŸt
der SpÀtschreiber
__________________
Nur ein mittelmĂ€ĂŸiger Literat ist immer in Höchstform. (W.S. Maugham)

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Lena Luna
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Registriert: Mar 2010

Werke: 29
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Hallo Retep,
die Geschichte hat mir gut gefallen. Ich wĂŒrde allerdings vielleicht einen kleinen Hinweis mehr geben, weshalb er seinen Plan schmiedet.
Da z.B.:
"Warum haben Sie mich mitgenommen?“, fragt er nach einer Weile.
Ja, warum habe ich ihn zu mir nach Hause eingeladen? Meine Frau ist mit einem anderen Mann abgehauen. Als ich den Obdachlosen sah, kam mir eine besondere Idee. " (...?)

..und noch eine kleine Ungereimtheit:Ich sage ihm, dass ich Heiner MĂŒller heiße und bei einer Großen Bank arbeite....FĂŒr ihn scheinen Namen keine Rolle zu spielen.

zu "Ja, er habe sich lÀngere Zeit mit Heidegger beschÀftigt," sagt er...

vielleicht kannst du damit etwas anfangen?
LG
Lena

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Retep
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Hallo Lena,

"Gewaschen und in anstÀndiger Kleidung sÀhe er fast genau so aus wie ich."
Dieser Satz steht am Anfang der Geschichte, da kam ihm die Idee.

Ja, er habe sich.... (indirekte Rede, keine Zeichen.)

Vielen Dank fĂŒr deinen konstruktiven Kommentar.

Gruß

Retep

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KaGeb
Guest
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Hallo Retep,

Dein "Diogenes" habe ich gern gelesen und fĂŒhlte mich gut unterhalten.

Ein paar Ideen:
Ich wĂŒrde die geschriebenen Dialoge alle in indirekter Rede fĂŒhren. Das passt m.M.n. besser zur Geschichte (und ist natĂŒrlich Geschmackssache)Das spart nicht nur die "GĂ€nsefĂŒĂŸchen", sondern auch den permanenten Schreibbruch, wodurch der Lesefluss nicht unterbrochen wird.

Das Ende finde ich ein bisschen zu "dick aufgetragen". Aus dem Text erklĂ€rt sich mir nicht der krasse Wandel vom Samariter zum eiskalten Mörder. Das ist fĂŒr mich in dieser radikalen Form unglaubwĂŒrdig. Ein Mann in der Situation deines Prots. fĂŒhlt sich doch eher solidarisch mit solch einem "Penner" verbunden - und da gĂ€be es doch die sanftere Variante, dass dein Prot. ihn einfach liegen lĂ€sst, in die Sachen des Penner schlĂŒpft und somit sozusagen die IdentitĂ€ten austauscht. DAS fĂ€nde ich persönlich wesentlich besser. Mal sehen, was die anderen so meinen ... - bzw. Du als Autor.

So paar Kleinigkeiten noch auf die Schnelle:

Ich schaue ihn mir genauer an:

quote:
Sein Kopf ĂŒber dem unrasierten Gesicht ist kahl, nur hinten fallen einige graue StrĂ€hnen auf den Kragen.


Irgendwie umstÀndlich formuliert. Das liest sich so, als gehörten Kopf und Gesicht nicht zusammen. Vielleicht so was wie: Er ist unrasiert und hat Glatze, bis auf ein paar StrÀhnen am Hinterkopf, die den Kragen seines speckig glÀnzenden Sakkos bedecken.


Vor ihm steht ein Einkaufswagen aus einem Supermarkt, beladen mit TĂŒten, KleidungsstĂŒcken und einem Schlafsack.

Die Leute laufen vorbei, ab und zu wirft jemand eine MĂŒnze in die Blechdose vor ihm, die vor ihm steht.


quote:
Ich bleibe lĂ€ngere Zeit vor ihm stehen, werfe dann auch ein GeldstĂŒck ein und frage ihn, ob er mitkommen wolle. Ich sei gerade allein, wir könnten zusammen etwas essen.
ZunĂ€chst zögert er, scheint ĂŒberrascht, kommt dann aber mit. Als wir bei mir zuhause angekommen sind, holt er seinen Wagen aus dem Kofferraum und stellt ihn in den Hausflur.

Er bleibt lĂ€ngere Zeit vor ihm stehen ... - Das kann ich mir nicht so gut vorstellen. WĂ€re es nicht besser, den Prot. von z.B. der gegenĂŒberliegenden Straßenseite oder von einem Cafe oder einem Eingangsbereich heraus den Penner beobachten zu lassen? Dann hĂ€tte der Prot. auch genĂŒgend Zeit, seine letzten tragischen LebensumstĂ€nde Revue passieren zu lassen, bis ihm seine eigene schmerzliche Situation bewusst wird - und er somit zwangslĂ€ufig die nahezu gleiche Lebensmisere fĂŒhlt wie der Penner - und somit hĂ€tte er einen plausiblen Grund, diesen zu sich einzuladen.

Hoffe, du kannst was davon gebrauchen

LG, KaGeb

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Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

Werke: 304
Kommentare: 2919
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Hallo retep,
ein Dankeschön fĂŒr diese gute Geschichte.
Der Plot ist stark. Die Personen trotz aller KĂŒrze gut gezeichnet.

Zwei Fragen: Du gibst den Prots. Namen. Da sie einen haben ist er auch bedeutsam.
Warum Heiner MĂŒller? Da denk ich sofort an den Theatermacher. Absicht?

Diogenes ist gut gewÀhlt. Stichwort " Geh mir aus der Sonne!"

Heidegger gibt mir zu denken. Warum hat er dies Buch in der Hand?

Ich gÀbe ihm " das Sein und das Nichts" von Sartre.

Oder bin ich, mit Heidegger gesprochen, auf dem Holzweg?

lg ralf
__________________
RL

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