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Leselupe.de > Ungereimtes
Dionaea muscipula
Eingestellt am 08. 11. 2011 20:22


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gareth
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Ein Mann,
wir denken ihn aus bildungsfernen Schichten,
las einst von jenen Venusfliegenfallen
und ihrer Heimat den Pocosin Mooren,
wo fern allein sie wild, in Freiheit leben.

Da regte sich in ihm ein altes Wissen,
mehr eine Ahnung, mehr noch ein Vermuten,
als habe es mit eben diesem Namen
eine Bewandtnis, doch es blieb verborgen

worauf sich dies GefĂŒhl zuletzt begrĂŒnde.
Das Wort indes begann ein schlimmes Werk.
Die Ruhe seines Lebens schien vergangen,
das Ziel verworren, Weg und Halt verloren.

In TrÀumen streifte er durch jene Moore,
die FĂŒĂŸe schwer im feuchten, kargen Sand,
und um ihn her viel tausend Fallen schnappten
bei Tag und Nacht um flinke Wesen zu.

Doch wenn er ging, sie nÀher zu betrachten
und durch die schönen Wimperngitter blickte,
fand er dort manche Kreatur gefangen,
doch nichts, was einer Venusfliege glich.

Sehr seltsam und verworren war die Sache,
auch fand er keinen Weg sie zu erklÀren,
was wir ihm nachsehn wegen jener SchwÀche
in seinem Wissen (s. weiter oben).

Man sah ihn ernst und freudlos in den Straßen
bis eines Tages er an einem Laden
voll schöner, fremder Blumen ferner LÀnder
ein Schild sah: Dionaea Muscipula,

dazu in Klammern: „Venusfliegenfalle.
Genaueres erfahren Sie im Hause“.
Schnell trat er ein und gleich kam eine Dame,
sehr hĂŒbsch und willens, Auskunft zu erteilen.

Errötend sprach er ihr von seinen Sorgen,
und sie verstand und hörte still ihm zu
und sprach, sie sei gewiss, man könne helfen
und fĂŒhrte ihn in ihren Blumengarten
und hat ihm da den Sachverhalt erklÀrt.

„Die hier“, sprach sie, auf eine Pflanze deutend,
„heißt Venus und sie fĂ€ngt sich arme Fliegen,
nicht willentlich, doch liegtÂŽs in ihrem Wesen,
daher der Name Venusfliegenfalle.

Ein hĂŒbscher Name fĂŒr ein Luxuswesen,
das seine Wimpern nutzt, sich zu ernÀhren.
Man kennt das ja aus dem Bekanntenkreis”,
Sie lachte kurz und fuhr dann ernsthaft fort:
“doch nun zu dem, was Deine Seele kĂŒmmert,
das heißt zum Kern, zur Venusfliege selbst.

Die Venusfliege ist”, sie sprach nun leise,
“ein Wesen unbekannten Seins und Wirkens,
das sehr vereinzelt MĂ€nnern wohl erscheint,
doch ist der Nachweis jenen schwer gefallen,
die ĂŒberhaupt ihn je zu fĂŒhren wĂŒnschten.

Schön soll sie sein, doch findet man sie nur
in Freiheit und in Gegenwart von Blumen.
Sie wechselt Ort und Zeit wieÂŽs ihr beliebt
und ihre Taten weiß man nicht zu deuten.

Heut schildert sie die Welt in raren Worten,
GefĂŒhl und Tat in selten schöner Weise,
reiht still dann zarte, duftende Gebinde
aus Tuberosen, zauberhaft, betörend,
in eine Ordnung, die die Seele heilt,

hilft Mensch und Kraut, sich blĂŒhend zu entfalten
und morgen rupft sie Efeu von der Wand”.
Sie lachte freundlich ĂŒber sein Erschrecken
und sagte rasch: “dem Hörensagen nach.

So mancher hÀtte gern sie eingefangen,
doch lass uns hoffen, dass dies nicht geschieht
und ewig ihr die Freiheit bleibt zu wÀhlen,
fĂŒr wen sie kommt und wo und wann sie geht”.

Dies Letzte sprach die Frau als eine Dame
und als ein Weib zu ihm mit stolzem Blick
und trat hinzu und bot ihm ihre Lippen
und brach den Bann mit ihrem roten Mund.

“Die Venusfliegen fĂ€ngt man nicht in Fallen“,
spricht sie von Zeit zu Zeit mit heißen Wangen
zu ihrem Mann, der unser Mann einst war,
wenn sie gesÀttigt beieinander liegen.

“Sie kommen, ruhig, wenn sie dich erwĂ€hlen
und sind schon fort, wenn du sie binden willst”.
Dann lĂ€chelt er und schließt sie in die Arme
und nennt sie kenntnisreich und schlĂ€ft darĂŒber ein.

Nur manchmal, sagt man, wenn ein leises Schwirren
vernehmbar ist in sonnenwarmen Wiesen
und kommt und geht und niemand weiß wohin,
irrt noch sein Blick mit einem leisen Sehnen
fĂŒr den Moment dem Unsichtbaren nach.

__________________
Wie hÀsslich ist ein schrÀges Treiben,
da lob ich mir mein trÀges Schreiben.

Version vom 08. 11. 2011 20:22

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gareth
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Lieber koollook, erst mal danke fĂŒr die positive Aufnahme.

Die Bildungsferne (ein diskussionswĂŒrdiger Begriff, der aber gerade ideal in das Versmaß passte) habe ich dem Mann mitgegeben, um der GĂ€rtnerin spĂ€ter zu ermöglichen, ihm ungestraft die beiden möglichen, eigentlich offensichtlichen, Lesarten des Begriffes Venusfliegenfalle zu erklĂ€ren. RĂŒckblickend hĂ€tte ich vielleicht darauf verzichten können, aber da war er mir schon ans Herz gewachsen in seiner Hilflosigkeit.

Walther, Dir auch Dank fĂŒr die positive RĂŒckmeldung.
Das ist wieder mal so ein Text, der so lange entstanden ist, dass mir ein eigenes Urteil schwer fiel. Um so mehr freue ich mich ĂŒber Anerkennung.

GrĂŒĂŸe
gareth


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Venus
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Mein lieber, sehr geschÀtzter Kollege gareth,

und jetzt hoffe ich, dass der Abstraktionsgrad soweit ausreicht, dass nicht bald die halbe Leselupe um dieses Gedichtlein herumhĂŒpft und singt: venus und gareth, venus und gareth...

Obschon ich das gern sehen tÀt, bildhaft. Und meinetwegen furchtbar gern.


Die Venusfliegenfalle (Dionaea muscipula) ist eine fleischfressende Pflanze aus der Familie der SonnentaugewĂ€chse. Ein solch sonnentauig Gewachs, weil's so schön mundig klingt, wĂ€r ich in der Tat freilich gern, derweil aber bloß menschlich, weiblich, ich.
Ein bisschen, so erweckt sich mir die Ähnlichkeit, verfall' ich ebenso in Winterruhe, da es mich unverzeihlich dauerte, dieses "Großod" zu entdecken.

Einhergehend möchte ich dies kurz erlÀutern:
"Das Zusammenschnappen der Falle ist kein aktiver Prozess, sondern das Ergebnis der Entspannung einer Energie, die von der Pflanze im Voraus bereits aufgebaut wurde.".
Der sog. "bildungsferne Schwirrkopf" kann somit de facto nix dafĂŒr. Die Falle, die ist schuld.


Nun, lieber gareth, vorab meiner garantierten Lobhudelei eine Anmerkung:

“Sie kommen, ruhig, wenn sie dich erwĂ€hlen"
...ist gewaltig schön. In seiner Zweideutigkeit kaum zu ĂŒberschnaufen.


Aus der ObjektivitĂ€t des Gegenstandes (Fliegenfalle) steigt der Geist in sich selber nieder, schaut in das eigene Bewusstsein und gibt dem BedĂŒrfnis Befriedigung, statt der Ă€ußeren RealitĂ€t der Sache die Gegenwart und Wirklichkeit derselben im subjektiven GemĂŒt, in der Erfahrung des Herzens und Reflexion der Vorstellung, selbst darstellig zu machen.

Ja.
So ist das, mit dem Perfektionismus gleichhin.

Indem nun aber dieses "Aussprechen", zur Sprache des poetischen Inneren wird, so möchten diese Anschauungen und Empfindungen, wie sehr sie auch dem Poet als einzelnem Individuum eigentĂŒmlich angehören, in sich selbst wahrhafte Empfindungen und Betrachtungen sein.

Ich weiß, lieber Kollege, dieses Werk ist so gesehen wahrhaft, weil es sich so liest. Weil es so empfunden wird, beim Aufnehmen und weil es objektive Kritik außen vorlassen kann.

Persönlich liebe ich jede Zeile, allen vorab die der Tuberose, meiner Lieblingsblume. Dieses Gedicht nehme ich so persönlich, wie es mir erlaubt sei, geschÀtzter Kollege, und nun,

geh ich ein bisschen weinen,
Gabriele


__________________
den wind im rĂŒcken, sterb ich mich ein
in den großpassat -
und lebe erst recht

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Vera-Lena
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Lieber gareth,

eine wunderschöne Ballade hast Du da geschrieben. Rhythmisch liest es sich sehr angenehm und musikalisch.

Dass ein in Klammern gesetztes "Siehe oben" durchaus in einen lyrischen Text hineinpasst, weil es eben genau dorthin gehört, hÀtte ich mir auch nie trÀumen lassen. *lach*

Mir gefÀllt, wie Du diese Geschichte entfaltest und man merkt, dass Dir die Prosa sehr nahe liegt, hier hast Du aber den Inhalt wirklich lyrisch umgesetzt.

Es ist ein Loblied auf das Wesen der Liebe und vielleicht auch der Versuch, die Anziehungskraft, die von allem Weiblichen ausgehen kann, ein wenig zu erlÀutern.

Ich mag es.

Liebe GrĂŒĂŸe
Vera-Lena


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Der Mensch ist sich selbst das grĂ¶ĂŸte Geheimnis, ein unverzichtbarer Blutstropfen im Universum, ein Spiegel allen Seins.

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gareth
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Liebe Vera-Lena,

wie komme ich eigentlich dazu, Dir nicht schon lange fĂŒr Deine positive Betrachtung meines Gedichtleins gedankt zu haben.

Das soll jetzt aber hiermit nachgeholt sein.

Ich mag es eigentlich gar nicht zugeben, aber es ist wieder einmal so ein Text, an dem ich sehr, sehr lange gearbeitet habe (jedes -sehr- steht fĂŒr ein knappes Jahr). Am Anfang wollte ich nur ein paar Zeilen um das Wortspiel "Venus Fliegenfalle - Venusfliegenfalle" herum zu schreiben. Das Thema hat sich dem aber mehr und mehr widersetzt und erzwungen, dass es in eine Art Liebesgeschichte verwandelt wurde. Die Verwandlung von einem schlichten Vierzeiler mit geringem Anspruch zu dem was es dann geworden ist, war ein entsprechend langer Prozess.

Ich bin froh, dass es gut aufgenommen wurde und staune immer noch ĂŒber den ganzen Prozess, der mir gezeigt hat, wie lebendig und voller Überraschungen das Schreiben sein kann, wenn man sich ernsthaft darauf einlĂ€sst..

Liebe GrĂŒĂŸe
gareth


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gareth
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Liebe Venus,

anknĂŒpfend an meine Entschuldigung Vera-Lena gegenĂŒber, muss ich das natĂŒrlich auch bei Dir tun und mich heute genau so ĂŒber meine Unterlassung wundern. Du hast so uneingeschrĂ€nkt bejahend geantwortet, dass ich mich außerordentlich ermutigt fand, auch in Zukunft, solange es das zunehmende Alter eben zulĂ€sst :o), immer wieder einen neuen Anlauf zu versuchen, auch dann, wenn sich ĂŒber lĂ€ngere ZeitrĂ€ume hinweg keine Idee einstellen will.

Einen freundlichen Gruß
schickt Dir
gareth
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