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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Don Colón
Eingestellt am 01. 06. 2007 03:45


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Don Colón

Der Italiener Kolumbus nannte sich in Spanien Don Cristóbal Colón. Der spanische König erlaubte dem Seefahrer schon vor seiner großen Entdeckungsreise, den Titel Don zu führen.
Seit Schulzeiten tragen wir das Bild mit uns herum: Kolumbus sagt, die Erde ist eine Kugel. Also segele ich von Spanien aus immer westwärts in die schaurige Wasserwüste hinein und lande, wenn ich Glück habe, in Indien.
Der große Seefahrer hatte am 12. Oktober 1492 Glück. Er landete zwar nicht in Indien, entdeckte aber für die goldhungrigen Europäer Amerika; genauer gesagt, Guanahani, eine der „Westindischen“ Inseln.

Nun kommt Jakob Wassermann daher und lädiert in seiner Biographie Christoph Columbus unser schönes Bild aus Kindertagen.
Kolumbus soll ein schlechter Kerl gewesen sein. Zitiert werden sollen nun einige von Jakob Wassermanns Behauptungen. Eine Zahl in runden Klammern verweist auf die Seite in der Quelle.

Kolumbus
* hatte geringe Menschenkenntnis (86),
* zeigte vollkommene Ohnmacht bei der Bestrafung von Desertion (87),
* beging eine unverzeihliche Dummheit, als er nach der ersten Reise in einem portugiesischen Hafen anlegte. Damit beleidigte er die Spanier (93).
* war ein phantastischer Schwärmer und sollte ein Gebieter... sein (129) , sprach nach seiner vierten Fahrt in Spanien die Sprache eines cholerischen, zänkischen alten Mannes (206) und glitt ab in die geifernde Würdelosigkeit (208).
Unerträglich ist sein Auserwähltheits- und Gottesbotenwahn (176).
Das Verhalten des Kolumbus erinnert Jakob Wassermann mitunter an Don Quichote:
*Von 1487 bis 1492 bat Kolumbus am spanischen Hofe um die Ausführung seines Plans. Eine Schar Schmarotzer heftete sich an seine Fersen und verlachte ihn hinter seinem Rücken. Unbeirrt ging Kolumbus erhobenen Hauptes seinen Weg. Welch ein Tor! Was für eine Größe! (53)
*Dem Kolumbus wurde berichtet, auf seiner westindischen Insel Española seien verschüttete Goldgruben gefunden (134) worden. Der Admiral begab sich an den Fundort, sann und erklärte, Española sei das Ophir der Alten.
*Anno 1501, nach seiner dritten Fahrt, schreibt Kolumbus - arm, verlassen und amtlos - in Sevilla sein religiös-mystizistisches Buch der Weissagungen (168). Er verschließt die Augen vor der Tatsache, daß der Florentiner Vespucci inzwischen auf ein ungeheures Festland gestoßen ist, das unmöglich Asien sein kann (170).

Lassen wir es endlich gut sein mit den Läsionen. Stellen wir die Frage des Monats, diesmal die Frage nach dem Bildersturm: Wenn wir ein Groß-Schriftsteller wären und schrieben als nächstes Buch die Biographie des Kolumbus oder so etwas, dürften wir dann das Standbild jenes Helden in den Köpfen unserer künftigen Leser stürmen?
Wir neigen zu der Antwort Nein, weil uns Jakob Wassermann mit seinem Don-Quichote-Vergleich verärgert hat. Alles kaputtmachen bringt nichts.
Jetzt kommt das Aber. Vielleicht gibt es auch 500 Jahre nach Kolumbus einen Jemand, der sich dem oben skizzierten Status des Tattergreises Don Colón langsam aber sichert nähert, sogar irgendwann früher mal an der Macht schnuppern durfte und leider leider bei dieser Gelegenheit vollkommene Ohnmacht zeigte. Der Betreff muß ja nicht gleich Bestrafung von Fahnenflucht gewesen sein. Sicherlich gibt es auch 500 Jahre nach Kolumbus einen Jemand, der schon mal – vielleicht sogar wider Willen – im falschen Hafen angelegt hat. Der Hafen muß ja kein portugiesischer gewesen sein. Und so weiter und so fort.
Jedenfalls, gewisse bedauerliche Zeitintervalle kann kaum einer aus seinem Lebensbild, das er gerne präsentieren möchte, sauber herausoperieren. Aber der Jemand darf doch wohl auch heute noch nach dem passenden Erlöser von dem Übel Ausschau halten. Kolumbus nannte den Erretter San Salvador – genau wie seine erste Insel, die vor 1492 noch Guanahani hieß.
Als unser Erlöser soll heute mal die Belletristik herhalten. Jakob Wassermanns Werk ist beileibe keine trockene Biographie. Wir rechnen sie der schönen Literatur zu. Der Beweis sei am Exempel gegeben.
Jakob Wassermann gelingt ein wunderschöner Buchschluß, wenn er einen Besuch des Amérigo Vespucci bei dem großen Seefahrer erdichtet. Jenes Gipfeltreffen soll am 5. Februar 1505 stattgefunden haben. Bereits anno 1500 hatte Leonardo da Vinci die indische Hypothese für falsch erklärt (212): Es war errechnet worden, daß Asien auf dem westlichen Wege Tausende von Seemeilen weiter entfernt lag, als von Kolumbus angenommen. Der Besucher verschweigt diese Argumente. Er ist ein Weltmann, er weiß, was sich ziemt, er beugt sich vor dem furchtlosen Bemeisterer des Ozeans. Vespucci achtet den Irrtum, der etwas Großartiges und Erschütterndes hat.
Jakob Wassermann ist also doch – genau wie wir - ein ehrlicher Bewunderer des Kolumbus, wenn er einschätzt: Der Irrtum war das Zeugende (212).

Kolumbus wurde wahrscheinlich 1451 in Genua geboren und starb am am 20. Mai 1506 in Valladolid.

Jakob Wassermann: Christoph Columbus. Der Don Quichote des Ozeans.
Eine Biographie (1929)

München 2006. 216 Seiten. ISBN 3-423-13451-8
Hedwig Storch 6/2007



__________________
Hedwig

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