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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Don Quichotte im Abseits
Eingestellt am 26. 09. 2003 10:27


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ergusu
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Erhard Wenzel
Seebenerstr. 56
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Tel.:0345 5225900
Don Quichotte im Abseits

Eine kleine Zeitungsnotiz trieb den Kunsthistoriker Archibald Probst vom Sofa, denn der BĂĽrgerverein hatte mit einer Frage die Einwohner der Stadt provoziert: Ist der Wiederaufbau des alten Rathauses notwendig? Heute sollte hierĂĽber diskutiert werden.
Als Versammlungsort war ein Gebäude in einer Gasse der Innenstadt angegeben. Archibald suchte im Stadtplan und fand die kleine Straße im Quadrat Q/ 13. Q wie Querköpfe, 13 wie jetzt schlägst 13, dachte er trotzig. Es war Juni, aber er wollte den Ignoranten, Pessimisten und karrieregeilen Stadtvätern ordentlich einheizen.

Überpünktlich verließ er das Haus und bemerkte schon bald einige Jugendliche, die ebenfalls in Richtung Innenstadt zogen. Schön, dass der Nachwuchs dabei ist, dachte er, als er plötzlich Doktor Schönborn vor sich sah. Der hatte sich wieder wie ein Kasper gekleidet, denn ein langer grün weißer Schal baumelte um seinen Hals. Natürlich konnte er ihn nicht einfach grußlos überholen. „Guten Morgen, Doktor“ sagte er höflich, „auch zum Verein?“
Der nickte grüßend zurück und antwortete: „Keine Frage. Wir werden gewinnen. Wir müssen punkten.“
„Es kommt auf drei Punkte an“ sagte Archibald und als der Doktor ihm zunickte, sagte er: „Gesicherte Finanzen, persönlicher Einsatz und Beharrlichkeit.“ Dem war nicht zu widersprechen und beide Männer strebten in Harmonie und Gleichschritt der Innenstadt zu.
Mit dem Kopf vor sich hinnickend sagte der Doktor: „Heute wird das Fundament gelegt.“
„Was heute schon? “ fragte Archibald zurück.
„Na, wann denn sonst?“ erwiderte der Doktor erstaunt und schaute Archibald an, als wäre er sein schwierigster Patient.
Archibald schämte sich, dass er so wenig informiert war und senkte den Blick. Dabei entdeckte er die kleine Trompete, die aus der Seitentasche des Doktors hervorlugte. „Wen wollen Sie denn da den Marsch blasen? Doktor.“
„Das ist mein Beitrag für den Sieg, Herr Probst.“
„So, so. Schade, dass ich meine Geige nicht mit habe,“ sagte Archibald, denn er glaubte, der Doktor wolle zugunsten des alten Rathauses musizieren. Um so erstaunter war er, dass ihn sein Begleiter erst neugierig ansah und dann schallend lachte. Dann wurde der Doktor wieder ernst und sagte: „Ich hoffe, dass unsere neue Nummer eins hält, was er verspricht.“
„Und was verspricht er?“
„Einen enormen Abschlag.“
„Hauptsache, die Kasse stimmt“, sagte Archibald, denn er war für jede Form von finanziellen Einsparungen. Der Doktor schaute ihn wieder seltsam an, sagte dann aber: „Ich freue mich schon auf Martin Weller. Er ist für den Aufbau zuständig. Seine Einwürfe sind gefürchtet.“
„Warum redet er nicht selber?“ fragte Archibald, schwieg aber sofort, weil der Doktor ihn wieder so komisch betrachtete.
Dem wiederum plagte eine andere Sorge, weshalb er sagte: „Hoffentlich hält unser letzter Mann durch.“
„Verzeihen Sie, Doktor. Sie sind offensichtlich schon länger beim Verein. Aber wenn Sie keinen weiter finden, dann...“
Archibald druckste herum und der Doktor wurde neugierig.
„Was dann?“
„Dann würde ich einspringen.“
Da schaute der Doktor Archibald ungläubig an und lachte laut: „Sie sind doch schon über vierzig und viel zu steif.“
„Na und. Reden kann ich.“
„Reden? Sie müssen rufen, schreien, dirigieren. Können Sie denn überhaupt jemand ins abseits schicken?“
NatĂĽrlich konnte er, denn erst neulich hatte er Christa im Cafe sitzen gelassen, weil sie keine neugotischen Kirchen mehr sehen wollte. Aber er schwieg beleidigt.
„Na sehen Sie“, sagte der Doktor nachsichtig. „Übrigens, Herr Probst, wir bekommen eine neue Spitze.“
„Ich bin gegen jede Veränderung.“
„Seien Sie nicht voreilig. Der Mann ist unauffällig und gefährlich. Sein Schuss trifft meist unterhalb der Latte.“
Jetzt war Archibald vollkommen durcheinander. Er verstand nur soviel, dass ein potentieller Attentäter einen politischen Gegner unterhalb der Latte verletzen sollte. Voller Empörung sagte er: „Bei allen Respekt, Doktor. Solche Mafiamethoden lehne ich ab.“
„Wieso Mafiamethoden? Ich denke, Sie sind auch ein Fan unseres Vereins?“
„Bin ich auch. Der Wiederaufbau des alten Rathauses ist mir wichtig genug“, sagte Archibald.
„Was reden Sie da für einen Quatsch? Die ganze Stadt interessiert sich doch nur für eins: Steigt der Club auf oder nicht“, sagte der Doktor, drehte sich empört von ihm weg und zog mit dem Heer von Jugendlichen in eine der Seitenstraßen, die zum Stadion führte.
Da sah Archibald verblĂĽfft, wie der Doktor seine Trompete hervor holte und einige Noten in den blauen Himmel schickte, die vom Jubel der Jugendlichen begleitet wurden.

Archibald wurde von den nachfolgenden Zuschauer beiseite gedrückt, aber er merkte es kaum, denn ihn interessierte nur das Planquadrat Q 13. Als er endlich die kleine Gasse erreichte, war sie menschenleer. Nach einigem Suchen fand er das Gebäude, ein altes niedriges Haus, und rüttelte vergeblich an der morschen Holztür. Endlich sah er die kleine hanggeschriebene Notiz und las: Wegen der heutigen Sportveranstaltung fällt die Versammlung aus.
Da wusste Archibald endgĂĽltig, was abseits ist.

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ergusu

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Monfou Nouveau
???
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Hi ergusu,

deine Story ist schön zu lesen und mit großem Können geschrieben.
Wer immer ergusu ist - fĂĽr mich momentan einer der am meisten verkannten Autoren der LL. Oder sagen wir: ein noch nicht entdeckter.

Monfou

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ergusu
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Don Quichotte im Abseits

Danke, Monfou, fĂĽr Deine gute Meinung.
Ich will mich noch verbessern und brauche gute Kritik. Also sei kritischer mit mir.
Ergusu
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