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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Doppelhochzeit
Eingestellt am 01. 08. 2006 00:55


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Wilhelm macht Mariane ein Kind und verlässt die werdende Mutter, weil er ein dummer Kerl ist: Im Zwielicht beobachtet er seinen Nebenbuhler Norberg, wie dieser Mariane einen Besuch abstattet. Wir aber wissen es besser: Mariane gibt Norberg den Laufpass. Mariane schreibt ihrem geliebten Wilhelm eine Serie von Briefen. Die werden sämtlich von Wilhelms Freund, dem tüchtigen Kaufmann Werner, fürsorglich abgefangen. Auch Wilhelm soll Kaufmann werden.
Wilhelm widersetzt sich dem väterlichen Drucke, will einer edleren Bahn folgen und zieht in die Welt hinein. Der erste Versuch Wilhelms – die Bühnenlaufbahn – geht gegen den Baum. Aber das dauert. Zuvor hat er Anfangserfolge als Mime und Regisseur.
Mariane stirbt nach der Geburt des Sohnes Felix viel zu früh. Frauen umschwärmen Wilhelm. Es sind in geordneter Reihenfolge - die Schauspielerin Philine, die Gräfin höchstpersönlich, die Kindfrau Mignon, die halb wahnsinnige Aurelie, das brave Fräulein Therese und schließlich seine spätere Gattin, die Baronesse Natalie. Mignon ist ein Sonderfall. Ging Wilhelm noch zu Mariane in die bescheidene Wohnung, steigen die Frauen nun ihrerseits zum erfolgreichen Hamlet-Darsteller ins Bett. Es hat bei Goethe immer nur eine neben Wilhelm Platz – in dem Moment Philine. Mignon kommt einen Augenblick zu spät und hat folglich das Nachsehen. Der blutjungen Italienerin ist es zu kalt in Deutschland – sie möchte nach Hause. Wilhelm aber hat keine Zeit. Er muss die nächste Laufbahn probieren – als Mitglied einer Loge, der Turmgesellschaft, führt er willig Auftrag für Auftrag jener Türmer aus. Unterwegs, während der Auftragserledigung, liebt Wilhelm weiter. Als Therese an der Reihe ist, während er sie herzt und küsst, stirbt Mignon an tiefstem Herzeleid.
Ausgesprochen boshaft, wie wir die arme Mignon skizziert haben. Stellt Mignon doch gleichsam den lyrischen Dreh- und Angelpunkt des großen Prosawerkes dar. Ja – Lyrik war anno 1796 gang und gäbe in einem Roman. Schöne Lieder singt Mignon:
Kennst du das Land, wo die Zitronen blĂĽhn, ...
und
Nur wer die Sehnsucht kennt,
WeiĂź, was ich leide! ...

Übertroffen wird Mignon höchstens von ihrem Vater, dem Harfner, der das schöne Mädchen ein paar Jahre vor Beginn der Handlung im Inzest gezeugt hatte. Der Harfner Augustin singt:
Was hör ich draußen vor dem Tor,
Was schallet auf der BrĂĽcken?...
Ich singe, wie der Vogel singt,
Der in den Zweigen wohnet...
Wer nie sein Brot mit Tränen aß, ...

Dem Harfner glückt schließlich ein Selbstmordversuch, nachdem er zweimal seinen vermeintlichen potentiellen Mörder, den kleinen Felix, morden wollte. In der Tat, es passiert allerhand in diesem Roman. Zum Schluss will Natalies Bruder – Baron Lothario, ein Mann vom Turm, die brave Therese ehelichen und schlägt Wilhelm eine Doppelhochzeit vor. Auch Natalies zweiter Bruder Friedrich ist für die Verbindung Wilhelms mit seiner Schwester Natalie. Friedrich gehört mit Jarno und noch ein paar weiteren Herren vom Turm zu denen, die Wilhelms Laufbahn observiert und gelenkt haben.
Gut – Wilhelm Meisters Lehrjahre ist mehr als ein historischer Spionageroman. Sein überraschendes Attribut: Die Lehrjahre lassen nahezu beliebig viele Lesarten zu. Lesen Sie bitte! Hoffentlich kommen Sie durch!

Noch etwas - es gibt da einen Bruder des Harfners, den Marchese Cipriani vom Ufer des Lago Maggiore. Der lädt Wilhelm aus Dankbarkeit nach Italien ein. Unser Wilhelm hatte nämlich Mignon von raubeinigen Gauklern in Deutschland losgekauft und zusammen mit dem Harfner in seine Obhut genommen. Aber das führt uns auf Wilhelm Meisters Wanderjahre. Keine Bange, die werden jetzt nicht auch noch besprochen.

Das Ende des Romans enttäuscht. Natalie, lächelnd, mit ihrer ruhigen, sanften, unbeschreiblichen Hoheit, hatte Wilhelm gestanden, sie habe noch nie geliebt. Aber der dumme Wilhelm, immer auf einer anderen Laufbahn verbiestert wandelnd, hat für die Liebe nie Zeit. Zumindest schweigt sich Goethe, sonst eher wortreich, darüber beharrlich aus. Wir wissen genau warum und sind endlich bei unserem Thema des Monats August 2006 angelangt: Doppelhochzeit oder Goethes Kampf gegen das Sentimentale. Wir sind – wie gesagt – enttäuscht, weil Wilhelm nicht bei Natalie bleibt. Goethe konnte das Verweilen des schönen Paares im Ehebett – also die natürlichste Sache der Welt - wirklich nicht zulassen, weil er sonst sofort gegen eines seiner selbst aufgestellten und sich äußerst mühsam abgerungenen Grundgesetze der Dichtkunst verstoßen hätte. Fällt der Begriff Grundgesetz, schwirren in unserm Kopf meist Fetzen der Naturgesetze. Der Lehrer erzählte uns in der Schule von Robert Mayer (1814 – 1878), dem Arzt aus Heilbronn, der den Satz von der Erhaltung der Gesamtenergie in einem abgeschlossenen physikalischen System entdeckte. Wie langweilig heute wieder! Aber auch in der Kunst gibt es Gesetze. Z.B. solche für den Kampf gegen Sentimentalitäten. Goethe fand dagegen sein probates Mittel. Das nannte er Entsagung. Natalie, edel wie sie ist, entsagt der Fleischeslust. Und unserm Wilhelm macht Entsagung anscheinend auch nichts aus.

Der Roman war das Ereignis am Ende des 18. Jahrhunderts. Wie reagierte die literarische Welt? Nach Germaine de Staël (1766 – 1817) hat Goethe seine Lehrjahre mit geistreichen Erörterungen überfrachtet.
Novalis (1772 – 1801) bezeichnet im Februar 1800 die Lehrjahre als ein fatales und albernes Buch. Die Freude, daß es nun aus ist, empfindet man am Schlusse im vollen Maße. Das ganze ist ein nobilitierter Roman. Wilhelm Meisters Lehrjahre, oder die Wallfahrt nach dem Adelsdiplom.
Friedrich Nietzsche (1844 – 1900), immer für unseren Weimarer Dichterfürsten eingenommen, drückt seine Goethe-Verehrung so aus: Wilhelm Meister: die schönsten Dinge von der Welt abwechselnd mit den lächerlichsten Kindereien.

In diesem Monat – im August anno 2006 - denken wir alle miteinander in Liebe an des Dichters 257. Geburtstag. Am 28. August 1749 erblickte Johann Wolfgang von Goethe in Frankfurt am Main das Licht dieser Welt. Eines der dicksten und schönsten Bücher über den Dichter hat Karl Otto Conrady (geboren 1926) geschrieben. Auf den Seiten 634 bis 649 bespricht Conrady Goethes wegweisenden Bildungsroman Wilhelm Meisters Lehrjahre.

Karl Otto Conrady: Goethe - Leben und Werk
DĂĽsseldorf und ZĂĽrich 1999
ISBN 3-538-06638-8


Hedwig Storch 8/2006
__________________
Hedwig

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