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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Doppelleben
Eingestellt am 02. 09. 2007 22:00


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maerchenhexe
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Registriert: Nov 2006

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Doppelleben

Niemals nimmt er den Aufzug in dem vierstöckigen Gebäude, er läuft! Treppauf – treppab, mehrmals täglich, sein einziges Fitnesstraining, das er sich und seinem Körper zugesteht. Schmalbrüstig trägt er Anfragen und Akten zu den Kollegen, bespricht mit ruhiger Stimme die anstehende Problematik, um sich dann zwecks Weiterbearbeitung wieder in seiner Büroburg zu verschanzen. Bei Mitarbeitern und Vorgesetzten der Stadtverwaltung erfreut er sich äußerster Wertschätzung, denn er ist variabel einsetzbar und ohne Murren zum Vertretungsdienst bereit, der technische Angestellte Hagen Herzfeld. Über Neckereien, die ihn ob seines Namens täglich mehrfach ereilen, lacht er lauthals oder lächelt zustimmend, je nach Befindlichkeit des Scherzenden. Eigentlich kennt er sie alle, die Sprüche – Hagen, der kleine Speerwerfer, Hagen der Held vom Amt..., aber er will ihnen nicht die Freude nehmen, deswegen ist er seit zwanzig Jahren so beliebt in seiner Behörde. Der Oberbaurat nennt ihn ‚mein Mann für alle Fälle’ oder ‚special agent’ und das wiederum erfüllt ihn mit einem gewissen Stolz.
Nur manchmal, wenn alles ein bisschen zuviel wird, zieht er sich für ein paar Minuten auf das stille Örtchen für Mitarbeiter zurück und lässt vor seinem geistigen Auge das Bild eines Waldes entstehen. Dann beherrscht ein fremd anmutender, lüsterner Ausdruck sein Gesicht.
Aber eigentlich ist er zufrieden, hat sich eingerichtet in dem Leben, das er führt, zumal er seit zwölf Jahren auch noch mit seiner Traumfrau verheiratet ist. Und weil es ihre finanzielle Lage erlaubt, gönnt er sich und seiner Liebsten regelmäßig einen Urlaub im geliebten Ferienhaus. Morgen ist es wieder soweit, Erika packt schon.

Endlich, nach zwei langen Stunden Fahrt taucht er auf, der Dachgiebel des alten Eifelhäuschens mit dem kleinen Wald nebenan; dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.
Die mitgebrachten Dinge ins Haus schaffen, der erste Spaziergang mit dem Hund und dann, wie immer, das gemĂĽtliche Kaffeetrinken im Schein der Kerze. Behaglichkeit breitet sich aus.
Doch mit Beginn der Abenddämmerung überfällt ihn Rastlosigkeit. Fahrig, beinahe zittrig, zieht er den ausgewaschenen Jogging-Anzug an und streift die festen Lederhandschuhe über. Den besorgten Blick seiner Frau ignoriert er, übersieht ihn geflissentlich. Auch sie kann ihn jetzt nicht mehr aufhalten! Alte, mit Stahlkappen versehene Arbeitsschuhe vervollständigen seine Ausrüstung. Ihr Profil hat schon so manche verräterische Spur hinterlassen. Auch die Halogen-Taschenlampe vergisst er nicht. Sein Ziel ist das dunkle Wäldchen ganz in der Nähe des Hauses.

Schon auf dem Weg dorthin stellt sich dieses nervöse Kribbeln in seinem Körper ein. Er kennt das schon, sein Beutetrieb ist erwacht.
Schweigend liegt der Wald, nicht ahnend, dass die heran schleichende Gefahr den Frieden jählings stören wird.
Hinterlist und Tücke prägen Hagens Blick, als er nun, vorsichtig um sich spähend, murmelt: „Na, erkennt ihr mich wieder?“ Im Weitergehen, den vermoosten Boden sorgfältig mit den Augen absuchend, hört man ihn flüstern: „Du bist fällig, dich nehme ich auch, und du dort hinten entkommst mir ebenfalls nicht.“
Da! Plötzlich geht ein Ruck durch seine Gestalt! Der Sturm hat ihm zwei passende Opfer direkt vor die Füße gelegt, knapp zwei Meter lang und mit einem Durchmesser von gut zwanzig Zentimetern. Alle Vorsicht außer Acht lassend, eilt er zurück zum Haus. Auf der überdachten Terrasse entfernt er den Schutz von seinem schlanken Helfer, streicht liebevoll über sein blinkendes Blatt, bevor er sich mit ihm zusammen wieder auf den Weg zu den wehrlos Daliegenden macht. Triumphierend zerlegt er diese nun mit dem scharfen Stahl; alle dreißig Zentimeter ein Schnitt quer und dann noch einmal längs. Nach und nach schafft er die Stücke ins Haus.

Mit sich und der Welt zufrieden schaut er seine Frau an: „Also Schatz, die Kettensäge war die beste Idee, die ich je hatte. Glaub mir, sie schneidet das Holz wie Butter. Für die nächsten drei Tage haben wir genug, um den Kamin zu feuern. Dann gehe ich wieder los und sorge für Nachschub. Ein Glück, dass der Rauchabzug so prima funktioniert. Bei dem frischen Holz!" Sie lacht ihr alles verstehendes Lachen und nickt zustimmend. Die Erde hatte ihn wieder.

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Tend the garden, that you seeded,
be a friend, where a friend is needed and you won't have to look round the other way.

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