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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Dormium
Eingestellt am 06. 10. 2002 20:00


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Vadeviesco
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Dec 2001

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Stille kann wie ein Wasserfall ĂŒber uns hereinbrechen. Sie kann so ĂŒberwĂ€ltigend sein, sie fĂŒllt den Raum und lĂ€sst uns innehalten. Stille ermöglicht es uns, mit uns alleine zu sein, ĂŒber uns nachzudenken. Stille kann eine Pforte aus dem unaufhaltsamen Treiben der Welt sein, eine Pforte zu uns selbst. In der Stille finden wir uns wieder, kreisen unsere Gedanken unbeeindruckt von allen andern Gedanken, den Gedanken der Musik, des Films, jenen in den Worten anderer Menschen.
Manchmal sind wir lange nicht darauf angewiesen, zu uns selbst zu finden. Doch haben wir das GefĂŒhl, dem Tosen dieser Welt nicht mehr entfliehen zu können, vernichtet uns dies. Es nimmt uns die Luft zum Atmen, wenn wir uns nicht mehr in die Stille flĂŒchten können.

Sie rennt, rennt, stolpert, fĂ€ngt sich, zieht ihre Tasche nĂ€her an den Körper, biegt um die Ecke und erreicht die Straßenbahn. Schwer atmend kĂ€mpft sie sich durch die schmalen GĂ€nge, sucht nach einem Platz, lĂ€sst sich sinken. Draußen hört sie das Treiben der Stadt um sich herum, die GerĂ€usche der Straßenbahn, wenn sie ĂŒber die Schienen gleitet, ein Flugzeug in der Höhe, jemand niest, andere unterhalten sich.
Sie erreicht ihre Haltestelle, steigt aus, die Straße tob um diese Uhrzeit, Autos, Busse, ein Taxi, jemand ruft, eine Frau hadert mit ihrer Tochter, ein Hupen, noch ein Hupen, sie lĂ€uft und lĂ€uft, biegt um die Ecke, an der Straßenecke wird noch gearbeitet. Mitarbeiter der Stadt arbeiten mit dem Presslufthammer, sie hĂ€lt sich die Hand ans Ohr... welch ein Krach! Sie lĂ€uft weiter und biegt in ihre Straße ein, zwei Kinder auf dem Fahrrad kreuzen ihren Weg, sie weicht aus, die Tasche gleitet von ihren Schultern.... verflixt, es ist etwas zerbrochen, wohl der Flakon ihres Parfums. Nun spricht sie mit sich selbst, hadert mit ihrem Leben, holt tief Luft, sucht die SchlĂŒssel zu ihrem Appartement und öffnet die TĂŒr.
Sie tritt ein, steuert auf das Sofa zu, will sich fallen lassen, nein!, die Katze hat wohl einen Blumenstock umgeworfen, Wasser auf dem Teppichboden, auch das noch! Sie behebt den Schaden fĂŒrs erste, schaut auf die Uhr, es wird Zeit! Sie muss telefonieren, ein paar Kleinigkeiten sind noch fĂŒr den morgigen Arbeitstag zu erledigen, der Rechner wird gestartet, die Stereoanlage ebenfalls, jedoch leise wegen des Telefonats. Telefon, Rechner, Mails, ein Fax, ein Memo, ach und noch die Überweisung der Miete (online), kurz noch die Mutter angerufen, ErkĂ€ltung wieder besser? Ja? Ja! Schön!, ein Brot schmieren, umziehen, duschen, ins Bad, kurz aufrĂ€umen, Teppich einreiben, wo steckt denn diese verflixte Katze ĂŒberhaupt?
Es ist schnell spĂ€t geworden, sie ist mĂŒde, alles aus und ab ins Bett...
Gedanken an den Tag begleiten Sie in den Schlaf und das Brummen des KĂŒhlschranks... mein Gott, so aufdringlich brummt er heute, es mĂŒssen wohl die Nerven und die Erschöpfung sein, welche sie heute so empfindlich sein lassen... was pfeift denn da... die MĂŒdigkeit ĂŒberkommt sie, sie will in den Schlaf gleiten, die Augen sind bereits fest geschlossen, der Atem wird regelmĂ€ĂŸig. Nur weniges dringt noch durch, die Gedanken an den vergangenen Tag und der KĂŒhlschrank (!). Das Bewusstsein kehr kurz zurĂŒck... es will sich vergewissern, ob das Brummen des KĂŒhlschranks nun wirklich zu dem gehört, was jetzt noch eine Rolle spielen sollte... nein, natĂŒrlich nicht, aber es lĂ€sst nicht nach, bleibt bestĂ€ndig, ist immer noch da... das Bewusstsein kann nicht abschalten, es hĂ€lt den Körper im halbwachen Zustand, sie dreht sich im Halbschlaf, einmal, noch einmal, was fiept denn da, was pfeift? Sie öffnet ein Auge, kommt zu sich... was zum...? Das Brummen, es ist unertrĂ€glich, ist er defekt? Sie hĂ€lt sich die Ohren zu, will kurz abschalten und aussteigen, aber das Brummen bleibt, schwillt an und ab, ebenso das Pfeifen und Fiepen. Ihr Herz schlĂ€gt schneller, sie erschrickt. Was...!? Sie steht plötzlich neben ihrem Bett, massiert sich im stehen den Nacken, lĂ€uft durch ihr Schlafzimmer, doch die GerĂ€usche verfolgen sie... egal wohin sie geht... auch wenn sie alle Zimmer verschließt und sich an den Punkt begibt, der am weitesten von ihrem Schlafzimmer entfernt liegt, die GerĂ€usche sind schon da. Es ist wie bei Hase und Igel „Ich bin schon da!“, scheint das Brummen zu sagen... „Wir auch, natĂŒrlich!“ antworten das Pfeifen und ein Fiepen. Sie ist so erschrocken, dass ihr TrĂ€nen in die Augen schießen. Eine Zigarette, sie hat aufgehört, aber es sind noch welche da und was spielt es jetzt fĂŒr eine Rolle... die GerĂ€usche bleiben... ins Bett, schlafen, morgen ist die Welt wieder in Ordnung!? Gespenster der Nacht verlieren am Tag ihren Schrecken.... die stellt das Radio an und geht zu Bett... Brummen, Pfeifen und Fiepen verlieren sich in der Musik des Radios... sie schlĂ€ft nicht leicht ein, doch sie schlĂ€ft ein, sie sind vertraut, die Stimmen im Radio.
Ein neuer Morgen, Alptraum vorbei? GerĂ€usche? Autos auf der Straße, das Radio, Stimmen... sonst nichts, oder... Sie atmet durch, stellt das Radio leiser, geht ins Bad... das Bad hat keine Fenster zur Straße, das Radio ist hier nicht zu hören und sie sind schon da, es brummt, wohl vor allem im linken Ohr und es pfeift und es fiept, unaufhörlich... von anderen GerĂ€uschen wohl teils verdeckt, doch je nĂ€her sie der Stille kommt, desto lauter rufen sie „Wir sind schon da!“.
Der Schrecken ist zurĂŒck. In vollem Umfang. Ihr Herz schlĂ€gt, sie verkrampft sich, telefoniert, meldet sich krank, macht sich auf den Weg zum Arzt...
Sie hat ihre Begleiter auch Wochen spĂ€ter nicht verloren. Wenn sie die Fenster schließt, das Radio ausdreht, kein Fernsehen und kein Telefon, dann sind sie da, jede Sekunde, jede Minuten, Tag fĂŒr Tag. Nein!, sie kann nicht klar denken, sie weiß nicht wohin, kein Raum ist vor ihren Begleitern sicher, kein Zeitpunkt, wie Schatten laufen sie hinter ihr drein, und wie Schatten sind sie mal kĂŒrzer und mal lĂ€nger, mal leiser und mal lauter, aber sie sind immer da.
Sie kapituliert, ergibt sich in ihr Schicksal, was soll sie sonst tun? Aber sie kann sich niemals damit abfinden, noch weiß sie nicht einmal, ob sie damit leben kann. Was ist schon der Wasserfleck aus einer Vase, was sind schon Abgabetermine oder eine verpasste Straßenbahn? Was ist schon ein Leben ohne eine Zuflucht in die Stille?

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doktordigitalis
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jun 2001

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Dormium

Hallo Vadeviesco!
Eindringlichkeit herrscht hier vor!
Schön dicht geschrieben hast Du!
Aber, man hat mich in der Leselupe stets auf solche Passagen hingewiesen, wie sie am Anfang deiner Story stehen.
Könnte die lÀrmgeplagte Protagonistin nicht auch die
Stille erleben, so wie den LĂ€rm und die belehrenden Worte vom Anfang umformen in Gedanken und GefĂŒhle?

Das Leben ist wie ein RadioempfÀnger, es kommt nur darauf an, welchen Sender man eingestellt hat.
Und einer lĂ€ĂŸt sich (fast) nie abstellen:
Der innere Dialog (Die 1000 Affen)
Gruß
dd
__________________
doktordigitalis

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